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            <title>Die Tradition der Kritik. Neue Publikationen zur Geschichte der Frankfurter
               Schule. </title>
            <title xml:lang="en">The Tradition of Critical Theory. New Publications on the History
               of the Frankfurt School</title>
            <author>Hubertus Buchstein, Universität Greifswald, buchstei@uni-greifswald.de</author>
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               <email>wdm@ulb.tu-darmstadt.de</email>
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               <idno type="DOI">10.48694/npl.4665</idno>
               <idno type="eISSN">2197-6082</idno>
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                  <addrLine>Magdalenenstr. 8, 64289 Darmstadt</addrLine>
                  <country>Germany</country>
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               <placeName>Darmstadt</placeName>
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               <ab xml:lang="en">This file is licensed under the terms of the Creative Commons
                  License CC BY 4.0 (Attribution 4.0 International)</ab>
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            <date type="submitted">08.01.2025</date>
            <date type="accepted">06.11.2025</date>
            <date type="published">XX.XX.XXXX</date>
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            <ab>Born digital</ab>
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               <term>Rezensionsaufsatz</term>
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               <term>Kritische Theorie – Frankfurter Schule – Geschichte der Sozialwissenschaften</term>
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               <term>Critical Theory – Frankfurt School – History of the Social Sciences</term>
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   <text>
      <front>
         <div xml:lang="de">
            <head>Zusammenfassung</head>
            <p>
               <hi style="font-weight: bold;">Schlüsselwörter:</hi>
               <hi style="font-weight: bold;"> </hi>
               <hi style="font-style: italic;">Kritische Theorie – Frankfurter Schule – Geschichte
                  der Sozialwissenschaften</hi>
            </p>
         </div>
      </front>
      <body>
         <div>
            <p>Für das Wintersemester 1968/69 hatte Niklas Luhmann von Theodor W. Adorno die
               Gelegenheit bekommen, dessen Professur an der Frankfurter Universität zu vertreten.
               Das Semester sollte mit der Gebäudebesetzung des Instituts für Sozialforschung (IfS)
               durch Studierende im Januar und einer Reihe weiterer Protestaktionen und
               Polizeieinsätzen an der Frankfurter Universität turbulent werden. Luhmann ließ sich
               durch die Protestaktionen nicht aus der Ruhe bringen. Auch zeigte er sich wenig
               beeindruckt von der bereits zu diesem Zeitpunkt als traditionsreich angesehenen
               Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Ihr Grundanliegen brachte er auf die
               Formel: „Emanzipation und Freiheit vor jeder fremden Festlegung werden verabsolutiert
               in Form permanenter Kritik.“ Lakonisch bezeichnete er deren Theorieangebot als die
               „letzte Phase des Todeskampfes der alteuropäischen Tradition“ soziologischen und
               philosophischen Denkens. </p>
            <p>Zumindest mit der letzten Annahme sollte sich Luhmann gründlich irren. Seit Beginn
               der 1970er Jahre erlebte die von ihm so gut wie totgesagte Kritische Theorie einen
               nie dagewesenen Aufschwung. Indikatoren dafür sind nicht nur die über Jahrzehnte
               erfolgreich verkauften Werkausgaben von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Leo
               Löwenthal, Herbert Marcuse und Walter Benjamin, sondern auch die diversen neuen
               Rezeptionen und Weiterentwicklungen bisheriger Theorieansätze. Zusätzlich begann –
               vor allem in den USA – eine bis heute ununterbrochen, breit angelegte
               Internationalisierung der Rezeption von Schriften der ‚alten‘ Frankfurter.
               Schließlich setzte eine erste Phase der „wissenschaftsgeschichtliche[n] Verfremdung“<note
                  type="footnote" xml:id="n1">Habermas, Jürgen: Drei Thesen zur Wirkungsgeschichte
               der Frankfurter Schule, in: Honneth, Axel/Wellmer, Albrecht (Hrsg): Die Frankfurter
               Schule und die Folgen, de Gruyter, Berlin 1986, S. 8–12, hier S. 12.</note>, sprich
               Historisierung, der Frankfurter Schule ein, mit den für lange Zeit tonangeben Studien
               von Martin Jay, Alfons Söllner, Helmut Dubiel und Rolf Wiggershaus. Nach deren
               Büchern, so mochte man vermuten, konnte eigentlich kaum noch etwas gewichtiges Neues
               zum Thema hinzukommen – bis nun eine Reihe jüngerer Publikationen alle an der
               Geschichte der Frankfurter Schule Interessierten eines Besseren belehrt.<note
                  type="footnote" xml:id="n2"> Erst nach Redaktionsschluss für diesen Aufsatz sind
               zwei weitere Bücher zur Geschichte der Frankfurter Schule erschienen, die leider
               nicht berücksichtigt werden konnten: Engelmann, Christina u. a. (Hrsg.): Im Schatten
               der Tradition. Eine Geschichte des IfS aus feministischer Perspektive (IfS Aus der
               Reihe, 5), Bertz+Fischer, Berlin 2025 sowie Rudolph, Moritz: Einheit und Zerfall.
               Internationale Politik in der älteren Kritischen Theorie, Matthes &amp; Seitz, Berlin
               2025. </note>
            </p>
         </div>
         <div>
            <head n="1." rendition="Überschrift1">Die politischen Wurzeln des Instituts für
               Sozialforschung </head>
            <p>Der äußere Anlass der neuen Publikationswelle ist das 100-jährige Gründungsjubiläum
               des IfS in Frankfurt. Es gibt kein anderes sozialwissenschaftliches
               Forschungsinstitut, das von einer vergleichbaren Legendenbildung und Aura umgeben
               ist. Für das heutige Institut ist diese mit Mythen besetzte Vergangenheit Belastung
               und soziales Kapital zugleich. </p>
            <p>Im Jahr 2023 gab es für alle an der Geschichte des ‚legendären‘ IfS Interessierten
               sogar die Gelegenheit, ein doppeltes Jubiläum zu begehen. Neben dem ersten großen
               Schritt zur Gründung des IfS im Februar 1923 erschienen kurz darauf mit den Büchern
               „Marxismus und Philosophie“ von Karl Korsch und „Geschichte und Klassenbewußtsein“
               von Georg Lukács zwei Werke, die gewissermaßen zu informellen Gründungsdokumenten des
               Instituts und des später so bezeichneten ‚Westlichen Marxismus‘ wurden. </p>
            <p>Daran, dass das Werk von Georg Lukács weit mehr zu bieten hat als seine
               einflussreiche Verdinglichungsthese aus „Geschichte und Klassenbewußtsein“, will eine
               von Rüdiger Dannemann und Axel Honneth herausgegebene Sammlung mit dessen Beiträgen
               aus sämtlichen Werkperioden erinnern. Unter dem Titel „Ästhetik, Marxismus,
               Ontologie“ haben die beiden Herausgeber 39 Aufsätze von ihm für eine heutige
               Re-Lektüre ausgewählt.<note type="footnote" xml:id="n3"> Lukács, Georg: Ästhetik,
               Marxismus, Ontologie. Ausgewählte Texte, hrsg. v. Rüdiger Dannemann und Axel Honneth,
               Suhrkamp, Berlin 2021.</note> Lukács, der 1971 86-jährig in seiner Geburtsstadt
               Budapest starb, hat zeitlebens diesseits und jenseits sämtlicher ideologischer Lager
               interessierte Leser und Leserinnen gefunden und tiefe Spuren hinterlassen, die bis in
               die heutigen Ausläufer der praxisphilosophischen Budapester Schule der 2019
               verstorbenen Ágnes Heller reichen. Die beiden Herausgeber haben „weniger bekannte,
               aber symptomatische Texte“ (S. 7) von Lukács für ihre Sammlung ausgewählt. Ihre
               Zusammenstellung folgt der von Co-Herausgeber Dannemann bereits 1997 in einem
               Einführungswerk zu Lukács<note type="footnote" xml:id="n4"> Dannemann, Rüdiger: Georg
               Lukács zur Einführung, Junius, Hamburg 1997.</note> vorgenommenen
               Vier-Phasen-Einteilung in dessen intellektuellen Entwicklung. Für das Frühwerk wird
               er als „Der Ästhetizist“ (S. 39) tituliert, für seine erste marxistische Phase als
               „Der Praxisphilosoph“ (S. 201), für eine mittlere Phase als „Der Polemiker“ (S. 317)
               und für sein Spätwerk als „Der Ontologe“ (S. 445). Das Frühwerk hat in dem Buch ein
               deutliches Übergewicht, was Co-Herausgeber Honneth damit begründet, dass die Arbeiten
               aus Lukács‘ vormarxistischer Phase „heute als Glanzstücke einer ästhetischen
               Kulturkritik“ (S. 8) gelten können, auch wenn dieser selbst dafür 1962 rückblickend
               die selbstkritisch gemeinte Bezeichnung „romantischer Antikapitalismus“<note
                  type="footnote" xml:id="n5"> Lukács, Georg: Vorwort (1962) zu: ders., Theorie des
               Romans, dtv, München 1994 (orig. 1916), S. 13.</note> gefunden hat.</p>
            <p>Nun ist im Zusammenhang mit der Geschichte der Frankfurter Schule natürlich seine
               marxistische Phase als Praxisphilosoph bedeutsamer. Hals über Kopf hatte Lukács sich
               nach der russischen Oktoberrevolution 1917 entschlossen, der Kommunistischen Partei
               Ungarns beizutreten. Die aus seiner zweiten Werkphase ausgewählten 14 Beiträge
               stammen aus den Jahren 1918 bis 1928, die meisten davon aus dem Zeitraum ganz kurz
               vor Gründung des Frankfurter IfS. In gewisser Weise hatte das IfS einen Vorläufer im
               revolutionären Ungarn, dem „Institut für historischen Materialismus“ in Budapest. In
               seiner Funktion als Volkskommissar für Unterrichtswesen der Ungarischen Räterepublik
               hielt Lukács während des revolutionären Zwischenspiels in Ungarn im Sommer 1919
               anlässlich der Gründung dieses Instituts eine Rede über den „Funktionswandel des
               Historischen Materialismus“ (S. 222). Die Rede gewann zusätzliche Bedeutung, als
               Lukács sie später in leicht überarbeiteter Form in sein Buch „Geschichte und
               Klassenkampf“<hi style="font-style: italic;"> </hi>aufnahm. In der Rede findet sich
               die berühmte Aussage, dass „der historische Materialismus auf sich selbst anwendbar
               ist“ (S. 225), also die Theorie und ihre Entwicklung in der Theorie selbstreflexiv
               zum Gegenstand zu machen sei. </p>
            <p>Nach dem gewaltsamen Sturz der Räterepublik Anfang September 1919 flüchtete Lukács
               nach Wien. Dort radikalisierte er seine politischen Positionen. Mit dem Abstand von
               zum Teil mehr als 100 Jahren lesen sich einige seiner Beiträge aus dieser Zeit in
               ihrer Selbstsicherheit, Aggressivität und politischen Kompromisslosigkeit geradezu
               gespenstisch. In einem Aufsatz aus dem Jahr 1920 lehnt er den Parlamentarismus mit
               der Begründung rigoros ab, er sei das „ureigenste Instrument der Bourgeoisie“ (S.
               268). Die Beteiligung am parlamentarischen System bedeute für die kommunistische
               Partei „das Bewußtsein und das Geständnis, daß die Revolution in absehbarer Zeit
               undenkbar ist“ (ebd.). Kommunistische Parlamentarier müssten „das Parlament im
               Parlament bekämpfen“ (S. 269), mit anderen Worten: „sabotieren“ (S. 271). Die
               Stimmabgabe bei Wahlen sei keine politische Tat, sondern nicht mehr als „die Illusion
               einer Tat“, eine „Scheintat“ (S. 272), die das politische Bewusstsein des
               Proletariats trübe. Die von ihm erhofften „revolutionären Ausbrüche“ erwartet Lukács
               von „spontanen Massenaktionen“ (S. 271), bei denen der kommunistischen Partei die
               Rolle des Bewusstmachens der Kampfziele und des Richtungsgebers zukomme. Aus
               demselben Jahr stammt ein Aufsatz zur Organisationsfrage der Intellektuellen. Der
               Text ist das Dokument eines kolossalen Selbst-Misstrauens. Intellektuelle, die sich
               dem revolutionären Proletariat anschlössen, würden Lukács zufolge in aller Regel
               schon nach kurzer Zeit zur Konterrevolution überlaufen. Intellektuelle, so Lukács,
               „können nur als Individuen revolutionär werden; sie müssen aus ihrer Klasse
               austreten, um an dem Klassenkampf des Proletariats teilnehmen zu können“ (S. 248). </p>
            <p>Es ist nun dieser linksradikale Lukács, der 1923 eine zentrale Rolle bei den
               Überlegungen einer kleinen Gruppe von Intellektuellen über die künftige Arbeit des
               IfS spielte. Zusammen mit den späteren Mitarbeitern des Frankfurter Instituts Richard
               Sorge, Karl August Wittfogel, Felix Weil, Friedrich Pollock, Julian Gumperz, Paul
               Massing und Karl Korsch gehörte Lukács zu den Teilnehmenden an der achttägigen
               „Marxistischen Arbeitswoche“, die über die Pfingsttage 1923 im thüringischen Geraberg
               stattfand. Allerdings behielt Lukács seinen Lebensmittelpunkt in Wien, um näher an
               den Geschehnissen in Ungarn zu sein. Zu einzelnen Mitarbeitern des im Juni 1924
               feierlich eröffneten IfS hielt er lediglich sporadisch Kontakt und investierte seine
               gesamte Arbeitskraft für die KP. </p>
            <p>Wie schnell sich auch in methodischer Hinsicht die Wege zwischen Lukács und dem IfS
               trennten, belegt ein kleiner Aufsatz, in dem sich Lukács mit der Psychoanalyse
               Sigmund Freuds auseinandersetzt. Anders als am Institut, wo ab 1927 unter der Ägide
               von Erich Fromm die Einschmelzung der Freud‘schen Psychoanalyse in den Rahmen des
               historischen Materialismus betrieben wurde, lehnte Lukács Freuds Ansatz als kapitalen
               „Irrweg“ (S. 206) rundweg ab. Die Freud‘sche Psychoanalyse ginge vom „künstlich
               isolierten, vereinsamten Menschen“ (S. 306) aus. Auch an Freuds Überlegungen zur
               Massenpsychologie und Ich-Analyse ließ Lukács kein gutes Haar, da sie den „Einfluß
               ökonomischer, sozialer und geschichtlicher Umstände […] methodisch aus[schließt]“ (S.
               307). Die Psychoanalyse sei „wissenschaftlich entwicklungsunfähig“, denn sie
               verbleibe im „Kreise von Scheinproblemen“ (S. 309). </p>
            <p>Das bis heute bekannteste Lästerwort für die Frankfurter Schule lautet „Grand Hotel
               Abgrund“. Der Erfinder dieser einprägsamen Metapher ist Lukács. Er wählte sie
               erstmals in einem in dem Band abgedruckten Aufsatz aus dem Jahre 1933 (S. 319), in
               dem er den damaligen linken und liberalen Intellektuellen vorwarf, es sich in der
               Beobachtung des Niedergangs bequem zu machen, anstatt sich an den politischen Kämpfen
               zu beteiligen. Dreißig Jahre später griff er die Formulierung erneut auf. Diesmal
               zielte seine Polemik direkt gegen die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und
               namentlich gegen Theodor W. Adornos angeblichen „nonkonformistisch maskierten
               Konformismus“.<note type="footnote" xml:id="n6"> Ebd.</note> Die Titulierung gehört
               seitdem zum Standardrepertoire der Mythenbildung über das IfS.</p>
            <p>Die zweite aus theoriegeschichtlicher Sicht zentrale Person für die Gründungsphase
               des IfS ist Karl Korsch. Auch er plädierte für eine Selbstanwendung des dialektischen
               Materialismus auf die Marx‘sche Theorie, also der Untersuchung der historischen
               Veränderungsbedingungen dieser Theorie nach ihren eigenen Prinzipien. Um dies zu
               leisten, propagierte er die „philosophische Aktion“, die kulturrevolutionäre
               „geistige Aktion“.<note type="footnote" xml:id="n7"> Korsch, Karl: Marxismus und
               Philosophie (1923), in: ders., Karl Korsch Gesamtausgabe, Bd. 3., Offizin, Hannover
               2017, S. 367 und 366.</note> An Korsch erinnerte 2022 in Jena eine Ausstellung mit
               Vortragsreihe, für die Michael Buckmiller den Katalog mit dem Titel „Die Erneuerung
               des Marxismus“ zusammengestellt hat.<note type="footnote" xml:id="n8"> Buckmiller,
               Michael (Hrsg.): Die Erneuerung des Marxismus. Karl Korsch 1886–1961. Ausstellung und
               Vorträge, Offizin, Hannover 2022.</note> In seinem Begleittext wiederholt Buckmiller
               Teile seines bekannten Aufsatzes über die „Erste Marxistische Arbeitswoche“<note
                  type="footnote" xml:id="n9"> Buckmiller, Michael: Die „Marxistische Arbeitswoche“
               1923 und die Gründung des „Instituts für Sozialforschung“, in: Reijen, Willem
               van/Schmid Noerr, Gunzelin (Hrsg.): Grand Hotel Abgrund. Eine Photobiographie der
               Frankfurter Schule, Junius, Hannover <hi style="vertical-align: super;">2</hi>1990,
               S. 145–186.</note> und reichert sie mit weiteren biografischen Angaben zu Korsch an.
               Buckmiller ist auch Herausgeber einer seit Längerem in Arbeit befindlichen
               Gesamtausgabe der Schriften Korschs. 2024 ist der erste Band dieser Ausgabe mit
               Schriften von Korsch aus den Jahren 1908 bis 1918 neu aufgelegt worden. Er trägt den
               Titel „Recht, Geist und Kultur“.<note type="footnote" xml:id="n10"> Korsch, Karl:
               Recht, Geist und Kultur. Schriften 1908–1918. Gesamtausgabe, Bd. 1., Offizin,
               Hannover 2024.</note> Es finden sich darin 47 Aufsätze sowie Korschs juristische
               Dissertation von 1911 zu Fragen der Beweislastverteilung im Zivilrecht. Die meisten
               Aufsätze sind Berichte über die politischen Verhältnisse in England, wo er einige
               Jahre verbrachte. Der Band stellt unter Beweis, wie ausgeprägt Korschs politischer
               und philosophischer Radikalisierungsprozess – ganz ähnlich wie bei Lukács – mit
               Beginn der Oktoberrevolution verlief.</p>
            <p>Für die spätere Frankfurter Schule ist Korsch auch deshalb von Bedeutung, weil er wie
               Lukács 1923 zu den Teilnehmenden an dem Treffen in Thüringen zur theoretischen
               Selbstverständigung der zukünftigen Arbeit des IfS gehörte und beide dort „die
               Quintessenz ihrer Marxforschungen“ (S. 63) vortrugen. Buckmiller betont in diesem
               Zusammenhang, dass ausnahmslos alle Teilnehmenden zum Zeitpunkt der Arbeitswoche 1923
               der „jungen kommunistischen Bewegung angehörten“ (S. 5). Seines Erachtens müsse diese
               Tatsache beim Erzählen der Gründungsgeschichte des IfS „wieder stärker ins Bild
               gerückt“ (ebd.) werden, alles andere käme einer „Verklärung der eigenen
               geisteswissenschaftlichen Bedeutung“ (S. 64) gleich.</p>
            <p>Genau dies leistet das im Jahr der Ausstellung erschiene Buch „In der Dämmerung.
               Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie“ von Christian Voller.<note
                  type="footnote" xml:id="n11"> Voller, Christian: In der Dämmerung. Studien zur
               Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie, Matthes &amp; Seitz, Berlin 2022.</note>
               Hat man das etwas manieriert formulierte Einleitungskapitel, in dem der Autor das
               „Ganze“ (S. 9) der Kritischen Theorie im dialektisierenden Jargon beschwört und
               mehrfach bekundet, dass die „klassische Kritische Theorie sicherlich das Beste [ist],
               was wir haben, um uns zumindest einen Begriff [unser] bedrückenden Verhältnisse zu
               machen“ (S. 25), erst einmal überstanden, wird man in den folgenden Kapiteln
               überraschend reich ideengeschichtlich belohnt. Anders als Ulrike Migdals
               Pionierstudie aus dem Jahr 1981 über die organisatorische Frühgeschichte des IfS<note
                  type="footnote" xml:id="n12"> Migdal, Ulrike: Die Frühgeschichte des Instituts für
               Sozialforschung, Campus, Frankfurt a. M./New York 1981.</note> liefert Voller eine
               ambitionierte „Gedankenbiografie“ (S. 17) derjenigen Topoi, die vor und in der
               Gründungsphase des Instituts für die damaligen Akteure eine wichtige Rolle spielten.
               Die grundlegende Intention von Lukács, Korsch, Leo Löwenthal, Walter Benjamin, Adorno
               und anderen war, die in Analogie zu den Naturwissenschaften erfolgte
               Verwissenschaftlichung des Marxismus der II. Internationale zu überwinden. Es sei
               „gewiss kein Zufall, dass es ausgerechnet literaturwissenschaftlich geschulte Köpfe“
               (S. 100) in der Gruppe gewesen sind, die Marx‘ „Das Kapital“ nicht einfach als eine
               Sammlung wissenschaftlicher Befunde, sondern als eine „metaphernfreudig[e] und
               bilderreich[e]“ (S. 99) literarische Darstellung des menschlichen Elends im
               Kapitalismus gelesen haben. Die „Poetologie der Kritik“ (S. 101) läutete den Beginn
               von revolutionären und voluntaristischen Weiterentwicklungen des Marxismus ein, die
               Voller in den folgenden Kapiteln exemplarisch vorführt. Besondere Aufmerksamkeit
               widmet er neben den bereits Genannten Alfred Sohn-Rethel und dem heute fast
               vergessenen Alfred Seidel. </p>
            <p>Die mittlerweile gängige Generationenfolge der Kritischen Theorie weist Voller
               zurück: Vor der ‚ersten‘ Generation Kritischer Theorie unter Max Horkheimer gab es
               eine „tatsächlich erste Generation“, die „aus organisierten Kommunisten und
               Kommunistinnen bestand“ (S. 143). Auch die spätere Kritische Theorie eines Horkheimer
               und Adorno habe sich von diesem Diskurs auf der äußersten kommunistischen Linken im
               Zeichen der ausgebliebenen Revolution nicht vollständig verabschiedet, wie Voller mit
               seiner Interpretation von Bemerkungen Adornos in dessen im Wintersemester 1965/66
               gehaltenen „Vorlesung über Negative Dialektik“ zu plausibilisieren versucht (S.
               249–252). Es ist beeindruckend, wie quellenversiert Voller seine These von Anfang bis
               Ende des Buches entfaltet und dabei gleichzeitig die „synkretistische Stimmung“ (S.
               166) der frühen Theorieformierungen nicht unterschlägt. </p>
         </div>
         <div>
            <head n="2." rendition="Überschrift1">Geschichte und Entwicklung des ‚alten‘ IfS </head>
            <p>Mit seinem Buchtitel „Café Marx“<note type="footnote" xml:id="n13"> Lenhard, Philipp:
               Café Marx. Das Institut für Sozialforschung von den Anfängen bis zur Frankfurter
               Schule, Beck, München 2024.</note> spielt Philipp Lenhard natürlich auch auf Lukács‘
               Titulierung „Grand Hotel Abgrund“ an. Im Zusammenhang mit der Geschichte der
               Frankfurter Schule hat sich Lenhard bereits einen Namen als Biograf von Friedrich
               Pollock und als Herausgeber der ersten zwei Bände von dessen „Gesammelten Schriften“
               gemacht. Pollock stand zeitlebens im Schatten seines berühmten Freundes Max
               Horkheimer, gehörte aber zugleich wie Leo Löwenthal zu den Personen des engeren
               Kreises um Horkheimer, die für das Institut unabdingbare administrative Aufgaben
               erledigten. Pollock war einer von denen, die gleichsam in die ‚zweite Reihe‘ der
               Frankfurter gehörten, zu den Menschen, ohne die der Betrieb nicht hätte am Laufen
               gehalten werden können. </p>
            <p>Wer über die Geschichte des IfS bis 1970 etwas Substantielles beitragen möchte,
               benötigt angesichts der Menge an vorliegender Literatur eine gute Idee. Philipp
               Lenhard hat eine solche Idee. Sein Buch konzentriert sich auf die Frühgeschichte des
               IfS – drei Viertel des Buches widmen sich den Jahren vor 1950. Es ist keine Revision
               und auch kein schlichtes Update der Standardwerke von Jay, Dubiel und Wiggershaus,
               sondern es ist eine aus einer anderen Perspektive geschriebene Komplementärerzählung.
               Die Geschichte des IfS wird von ihm aus einer „raum- und netzwerkgeschichtlichen“ (S.
               9) Perspektive erzählt. Anders als bei den bisherigen Standardwerken beginnt er seine
               Geschichte des IfS bereits mit den Erschütterungen, die das Erlebnis des Krieges bei
               der Gründergeneration zuvor ausgelöst hatte. </p>
            <p>Dadurch geraten neben Pollock auch andere Personen, die in der bisherigen
               Historiografie der Frankfurter Schule randständig oder gar keine Erwähnung fanden, in
               den Blick. Das ist beispielsweise das Team derjenigen, die die umfangreiche
               Forschungsbibliothek, „Herz des Instituts“ (S. 107), betrieben und von denen die
               meisten Frauen waren. Wie patriarchal das Institut geführt wurde, lässt sich auch
               daran erkennen, dass den voll ausgebildeten Bibliothekarinnen ein Mann als Chef
               vorgesetzt wurde. Den damaligen Namen „Café Marx“ erhielt das IfS auch deswegen, weil
               die Beteiligten in vielfältigen Freundschaftsnetzwerken miteinander verbunden waren
               und viel gemeinsame Zeit im nahegelegenen Kaffeehaus Laumer verbrachten. Eingehend
               schildert Lenhard sodann die komplizierte und letztlich gescheiterte Zusammenarbeit
               des Instituts mit dem Moskauer Marx-Engels-Institut unter ihrem charismatischen
               Leiter David Rjazanow für eine erste kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe.
               Ausführliche Erwähnung finden auch diejenigen, die nach der Flucht des Instituts die
               Zweigstellen in Genf, Paris und London administrierten und später in New York mit
               ihrer engagierten Arbeit die institutionelle Infrastruktur absicherten. Lebhaft
               beschrieben werden zum Beispiel die Abläufe der kollektiven Redaktionsarbeit für die
               „Zeitschrift für Sozialforschung“. Bei Lenhard lässt sich nachlesen, wie die
               Institutszeitschrift zum Gravitationszentrum des IfS wurde. Die heute unter dem
               Dachbegriff Kritische Theorie firmierenden Zeitschriftenaufsätze bildeten gerade
               keine geschlossene Theorie, sondern waren Debattenbeiträge auf der Suche nach einer
               solchen Theorie unter den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen. </p>
            <p>Die Personen, die nach der Wiedereröffnung des Instituts in Frankfurt 1951 das
               mühevolle Klein-Klein der Aufbauarbeit leisteten, werden von Lenhard gewürdigt.
               Anschaulich wird auch das seit Mitte der 1950er Jahre wesentlich von Adorno
               betriebene ‚<hi style="font-style: italic;">the making of the Frankfurt School</hi>‘
               mit seinem strategischen „Dreiklang“ (S. 502) von philosophischer Systematisierung,
               Kanonisierung und Schülerschaftrekrutierung rekonstruiert. Im Stil von Ortsbegehungen
               werden die Architektur und die räumlichen Bedingungen in den Institutsgebäuden in
               Frankfurt und New York geschildert. Besonders ergreifend sind die Berichte über die
               vielfältigen Aktivitäten des Instituts bei der Flüchtlingshilfe sowie über das
               Schicksal von Mitarbeitern, Mitarbeiterinnen und deren Familienangehörigen in
               deutschen Konzentrationslagern. Man erfährt insgesamt viele neue Details zur
               Geschichte des IfS – und sei es der Bericht darüber, wie übel die deutschen Behörden
               dem altgedienten Hausmeister Friedrich Braun nach der Institutsschließung 1933
               mitspielten (S. 362 ff.). Es überrascht, wieviel bislang nicht berücksichtigtes
               Quellenmaterial Lenhard für sein Buch verwenden konnte. </p>
            <p>Zu den Konsequenzen der raum- und netzwerkhistorischen Betrachtungsweise gehört, dass
               die im strengen Sinne theoretischen und ideengeschichtlichen Erörterungen recht knapp
               ausfallen. Einige Themen, wie die institutsinterne Faschismuskontroverse, werden nur
               sehr kurz gestreift, andere Thematiken, wie Herbert Marcuses magistrales Werk
               „Vernunft und Revolution“, Adornos „Ästhetische Theorie“ oder die Arbeiten von Otto
               Kirchheimer werden fast vollständig ausgeblendet. Auf der anderen Seite widmet sich
               Lenhard sehr viel ausführlicher als Jay und Wiggershaus der Vorgeschichte des
               Instituts sowie der Jahre bis zur Amtsübernahme des Direktorenpostens durch Max
               Horkheimer im Januar 1931. Dadurch wird mehr Licht geworfen auf die in dem Buch von
               Voller bereits ausführlich zu Wort kommenden „linksradikale[n] Aktivisten“ (S. 36)
               bei der Institutsgründung. Er schildert auch die vielfältigen Verbindungen der
               Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht nur zur KPD, sondern auch zu den diversen
               anderen kommunistischen und anarcho-syndikalistischen Grüppchen der 1920er Jahre.
               Lenhard arbeitet überzeugend heraus, wie gut es am IfS gelang, die konkurrierenden
               linken und linksradikalen Strömungen miteinander im Gespräch blieben - trotz der
               aufgeheizten politischen Atmosphäre der Weimarer Republik</p>
            <p>Anders als Buckmiller, der die Rolle Korschs hervorhebt, sieht Lenhard den jungen
               Millionärssohn und Spartakisten Felix Weil und den ersten designierten Direktor Kurt
               Albert Gerlach als „die eigentlichen Initiatoren der Institutsgründung“ (S. 48). Weil
               finanzierte das Institut aus dem Gedanken heraus, aus der (vorerst) gescheiterten
               sozialistischen Revolution zu lernen. Dafür bedurfte es eines Freiraums für
               marxistische Forschung und dazu mussten die Akteure im bestehenden
               Wissenschaftssystem mit Tricks und Raffinesse gewonnen werden. Weil hatte schon für
               seine 1920 abgeschlossene Promotion über Sozialisierung die Strategie der „äsopischen
               Sprache“ (S. 44) gewählt, womit er sich nicht auf die Fabeln des griechischen
               Dichters Äsop bezog, sondern vielmehr auf das spätantike „Buch des Philosophen
               Xanthos und seines Sklaven Aisopos“ bezog, indem der Sklave sich einer geschickten
               Sprache bedient, um seinen Herren zu täuschen und zu betrügen. Diese äsopische
               Sprache war von Beginn an ein Markenzeichen des Instituts bis hin zu den
               Institutspublikationen im amerikanischen Exil. Bei Lenhard lässt sich genauer als
               bislang nachlesen, was sich hinter der äsopischen Sprache verbarg, zum Beispiel der
               Einfluss der Theorie Rosa Luxemburgs auf Horkheimers Überlegungen von 1937 zum
               Verhältnis zwischen Arbeiterschaft und Intellektuellen. Gleichzeitig bietet Lenhards
               ausführliche Schilderung der Institutsarbeit in den 1920er Jahren einen guten
               Einblick in die durch keine klare Programmatik zusammengehaltene Heterogenität der
               dort durchgeführten Forschungen. Das sollte sich erst mit der Amtsübernahme
               Horkheimers gründlich ändern.</p>
            <p>Mit „Café Marx“ ist Philipp Lenhard ein überzeugendes Buch gelungen. Während Jay und
               Wiggershaus ihre Geschichtsschreibungen gleichsam von dem in den 1970er Jahren
               erfolgreich etablierten Bild der Frankfurter Schule rückerzählen, erzählt Lenhard sie
               als offene Geschichte mit vielen Zufälligkeiten, Risiken, Unwahrscheinlichkeiten,
               Unwägbarkeiten und nicht zuletzt manchen persönlichen Idiosynkrasien. Man erfährt auf
               diese Weise viel Neues und Anderes über die facettenreiche Historie des IfS. Anders
               als Jay und Wiggershaus verzichtet Lenhard mit seinem Schreibstil auf jegliche Form
               von Heldenverehrung, sondern schreibt mit zuweilen ironischer Distanz und einem
               wunderbaren Erzählstil. Man muss konstatieren: Es gibt ein neues Standardwerk über
               die Geschichte der Frankfurter Schule für die Ära bis zum Tod Adornos. </p>
            <p>Wer nach der Lektüre des Buches von Lenhard mehr über Felix Weil wissen möchte, ist
               mit der umfassenden und deutlich schwerfälliger geschriebenen Biografie von
               Hans-Peter Gruber mehr als bestens bedient.<note type="footnote" xml:id="n14">
               Gruber, Hans-Peter: „Aus der Art geschlagen“. Eine politische Biografie von Felix
               Weil (1898–1975), Campus, Frankfurt a. M./New York 2022.</note> Bereits 2017 hatte
               Jeanette Erazo Heufelder der jahrzehntelangen Schlüsselrolle Weils für Gründung und
               Weiterexistenz des IfS ein Denkmal gesetzt.<note type="footnote" xml:id="n15">
               Heufelder Erazo, Jeanette: Der argentinische Krösus. Kleine Wirtschaftsgeschichte der
               Frankfurter Schule, Berenberg, Berlin 2017.</note> Grubers Biografie schildert diese
               Vorgänge in aller Breite noch einmal und berichtet ergänzend vom abenteuerlichen
               Lebenslauf Weils bis zu seinem Tod im Jahre 1975. Eine wichtige Informationsquelle
               des Buches sind unveröffentlichte autobiografische Aufzeichnungen Weils. Ausführlich
               berichtet Gruber über die Rolle des Familienunternehmens Weil im argentinischen
               Getreidehandel, von der Rückkehr nach Deutschland 1909, von der Rolle des Vaters von
               Felix Weil bei der Unterstützung des deutschen Militärs während des Ersten
               Weltkriegs, von der politischen Radikalisierung des jungen Erben nach der
               Novemberrevolution sowie seinem Studium in Frankfurt. An nicht wenigen Stellen
               korrigiert Gruber Angaben von Weil, so etwa, wenn dieser in seinen Erinnerungen die
               „Erste Marxistische Arbeitswoche“ ein Jahr vordatiert und dadurch die „unzutreffende
               Interpretation“ (S. 151) erweckt, als sei sie die eigentliche Gründungsveranstaltung
               des IfS gewesen. An anderer Stelle widerspricht er Weils Selbstlob, er sei der
               eigentliche Gründer des IfS gewesen und schreibt stattdessen Kurt Albert Gerlach die
               Rolle des „geistigen Urheber[s]“ (S. 166) zu. Solche Korrekturen sind Petitessen, die
               das Gesamtbild der zentralen Rolle Weils für die Gründung, den laufenden
               Institutsbetrieb und für die Weiterexistenz des IfS in der amerikanischen Emigration
               nicht schmälern können. Schließlich war es die Tatsache, dass Weil 1939 fast sein
               gesamtes Vermögen auf das Institut überschrieb, die es unter anderem Horkheimer und
               Adorno erst ermöglichte, mit gutem Salär ausgestattet, ihre Luxusexistenzen in
               Hollywood zu führen. Gruber zeigt auf, wie taktisch die Kommunikation von Pollock und
               Horkheimer gegenüber Weil war, um weitere Gelder zu erhalten, und wie sehr Weil sich
               auf der anderen Seite bemühte, von ihnen wissenschaftliche Anerkennung zu erhalten.
               Der ernsthafte Versuch Horkheimers im Jahre 1940, Weil als „permanent member“ (S.
               368) enger ins Institut einzubinden, scheiterte an dessen schillernder Persönlichkeit
               und Unstetigkeit. Weil reiste notorisch in der Welt herum und verschwand
               zwischenzeitlich für einige Jahre nach Argentinien als Politikberater. </p>
            <p>Anders als Horkheimer und Adorno sprach sich Weil nach 1945 zunächst gegen eine
               Rückkehr nach Deutschland aus. Er „traute […] dem Frieden in Deutschland nicht“ (S.
               388). Sobald man den Rücken wende, würde alles wieder wie vorher werden. Während auch
               Pollock und Franz L. Neumann diese Ansicht anfänglich teilten, blieb Weil länger
               skeptisch. Stattdessen fand er in den USA in den folgenden Jahren neue
               Tätigkeitsschwerpunkte in der Filmbranche von Los Angeles und in der Kalifornischen
               Kommunalpolitik, bis er in den späten 1960er Jahren als Ausbilder für den Einstieg in
               zivile Berufe bei der <hi style="font-style: italic;">US Ramstein Air Base</hi> nach
               Deutschland zurückkehrte. Doch sein Kontakt zu den Frankfurtern war abgebrochen. Zwar
               erlebte sein Sozialisierungsbuch aus dem Jahr 1920 im Zuge der studentischen
               Protestbewegung mehrere Raubdrucke, für die studentische APO konnte er sich dennoch
               nicht erwärmen. In seinen Erinnerungen notierte er: „Eine Studentenbewegung, die
               nicht von den Arbeitern getragen ist, ist von vornherein zu[m] Scheitern verurteilt“
               (S. 412). Zu einem regelrechten „posthume[n] Zerwürfnis“ (S. 416) kam es 1973 mit
               Horkheimer. In seinen nur wenige Monate nach Horkheimers Tod geschriebenen Passagen
               rechnete Weil in seinen Erinnerungen mit bitteren Worten mit seinem ehemals so engen
               Freund aus den 1920er Jahren ab. „Vertrauensselig“ habe er nicht mit dessen
               „dunkle[r] Seite“ (S. 417) gerechnet. Dem unter Horkheimers Regie geführten IfS warf
               er vor, sich nach der Wiedereröffnung 1945 vollständig von der marxistischen
               Forschung der Gründertage verabschiedet zu haben – eine Einschätzung, die mit Blick
               in Lenhards Buch keine Unterstützung findet. Verbittert bewertete Weil die von ihm
               dem Institut zur Verfügung gestellten Finanzmittel nachträglich als „zweckentfremdet“
               (S. 417). </p>
            <p>Weil kehrte Ende 1973 in die USA zurück. Einen Verlag für seine Memoiren konnte er
               trotz angestrengter Suche nicht mehr finden. Das umfangreiche Manuskript, das er 1974
               beim Fischer-Verlag eingereicht hatte, ist dort verloren gegangen; heute existieren
               davon lediglich drei unvollständige Vorversionen. Er starb am 18. September 1975 in
               den USA. Grubers Biografie ist ein solide recherchiertes und geschriebenes Buch. In
               vielen Teilen ist es zu lang und ausführlich geraten. In seiner Gediegenheit bietet
               das Buch eine Art performativen Widerspruch zu der Persönlichkeit seines ‚Helden‘,
               dem Abenteuerlust, Risikofreude, Umtriebigkeit, Genussfreude und private Kapriolen
               nicht fremd waren. Dessen ungeachtet brennt Grubers Buch seinen Lesern und Leserinnen
               Eines unvergesslich ins Gedächtnis ein: Ohne Felix Weils großzügige und selbstlose
               finanzielle Unterstützung wäre es nie zur Gründung des IfS gekommen, ohne sein
               Verhandlungsgeschick hätte das Institut nicht an die neu gegründete Frankfurter
               Universität angedockt werden können und ohne seine vielen außerplanmäßigen
               zusätzlichen Spenden wäre das Institut mehr als einmal insolvent gewesen. Immer
               konnte sich die Kernmannschaft der Institutsgruppe um Horkheimer in finanzieller
               Hinsicht auf den Stifter und Mäzen des IfS verlassen. Auch vielen anderen ins
               amerikanische Exil geflüchteten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen hat Weil
               mit seinem großzügigen Sponsoring das Überleben sichern können. </p>
            <p>Rechtzeitig zum Institutsjubiläum hat der in Wien und Berlin ansässige Verlag
               Mandelbaum die erstmals 1999 bei Suhrkamp erschiene voluminöse Studie „Der
               nonkonformistische Intellektuelle. Von der kritischen Theorie zur Frankfurter Schule“
               von Alex Demirović neu herausgebracht.<note type="footnote" xml:id="n16"> Demirović,
               Alex: Der nonkonformistische Intellektuelle. Von der kritischen Theorie zur
               Frankfurter Schule, mandelbaum, Wien/Berlin 2023 (orig. 1999).<lb /></note> Das Buch
               hatte seinerzeit auch deshalb Furore gemacht, weil Demirović mit einem an Antonio
               Gramsci, Pierre Bourdieu und Michel Foucault geschulten wissensarchäologischen
               Analyseansatz an das Text- und Dokumentmaterial des IfS der Jahre 1950–69 heranging.
               Er versuchte, den Prozess der erfolgreichen Kreierung dessen, was heute unter dem
               Namen Frankfurter Schule figuriert, als institutionell gestützte „Wahrheitspolitik“
               (S. 20) nachzuzeichnen. Dreh- und Angelpunkt dabei ist die These, dass ausgerechnet
               das ‚philosophischste‘ und ‚dunkelste‘ Buch von Horkheimer/Adorno, die „Dialektik der
               Aufklärung“ aus dem Jahre 1944, als ein Buch mit einer unmittelbar praktischen
               Zielsetzung verstanden werden müsse. Von der Absicht getragen, die Aufklärung zu
               bewahren, waren demnach schon die Rückkehr der beiden nach Deutschland und die
               Wiedereröffnung des Instituts. Fortan betrieben sie auf mehreren Bühnen gleichzeitig
               in virtuoser Manier ihre Wissenspolitik. Demirović geht den Details der <hi
                  style="font-style: italic;">success story</hi> des Forschungs- und Lehrbetriebs am
               IfS bis zum Höhepunkt der studentischen Protestbewegung nach, in der ihm zufolge die
               Kritische Theorie und die Neue Linke für einen kurzen historischen Moment einen
               festen Zusammenhalt bildeten und zu einem „Lebensgefühl“ (S. 698) in großen Teilen
               der Protestbewegungen wurden. </p>
            <p>In seinem Nachwort zur Neuauflage wiederholt Demirović sein Bekenntnis zur Position
               von Lukács, wonach die Theorie und ihre Entwicklung in der Theorie selbstreflexiv zum
               Gegenstand gemacht werden müsse und die Arbeit an der Theorie – offenbar auch seine
               eigene miteingeschlossen – dadurch „eine spezifische Praxis“ (S. 767) werde. Den
               Autoren der Generation Horkheimer/Adorno hält er vor, diesen Anspruch weder in Bezug
               auf ihre eigenen materiellen Praktiken der Theoriebildung untersucht noch die
               gesellschaftlichen Voraussetzungen ihrer eigenen Theoriearbeit genügend reflektiert
               zu haben. Rückblickend reklamiert Demirović für sein Buch, diese Lücke gefüllt zu
               haben. Es leiste einen „gesellschaftstheoretischen Beitrag zur Funktionsweise der
               Kritischen Theorie“ (S. 768), der zugleich darlege, warum der Marxismus in der
               historischen spezifischen Phase der kapitalistischen Vergesellschaftung während der
               noch jungen Bundesrepublik die besondere Form der in Frankfurt verfochtenen
               Kritischen Theorie angenommen hatte. Als gesellschaftlich anerkannte Personen mit
               hoher moralischer und intellektueller Autorität ausgestattet, betrieben die
               Protagonisten der Frankfurter Schule in der Sozialfigur des unkonventionellen
               Intellektuellen verpuppt einen – so ein späteres Bonmot des ehemaligen
               Gurland-Assistenten Jürgen Seifert – „Marxismus in Zeiten der Konterrevolution“ (S.
               769). </p>
            <p>Die Kritische Theorie laboriert seit Korsch und Lukács unablässig an der Frage des
               Verhältnisses von Intellektuellen zur Mehrzahl der arbeitenden Bevölkerung: Diese
               Frage lässt Demirović in seinem Nachwort auch nicht los. Im fünften Kapitel seines
               Buches hatte er die damalige Kritische Theorie als historisch angemessene Ausprägung
               des Marxismus in der Periode des Fordismus entschlüsselt. Inhaltlich sparte er an
               dieser Stelle nicht mit Kritik: Adorno und Horkheimer hätten die historisch
               spezifischen Merkmale des keynesianischen Wohlfahrtstaatskapitalismus fälschlich zu
               einem säkularen Trend generalisiert. Am Ende des Nachwortes kommt er auf seine
               damalige Charakterisierung zurück. Er hält sie weiterhin für zutreffend und
               wiederholt seine schon damals geäußerte Feststellung, dass die Epoche des Fordismus
               ebenso sehr der Vergangenheit angehört wie die Sozialfigur des nonkonformistischen
               Intellektuellen. Heute allerdings hat kritische Intellektualität längst andere
               Gestalt angenommen. Außerdem stehen heute völlig andere Themen auf der Agenda von
               gesellschaftskritischen Praktiken. Das muss Folgen haben für die Forschungsinteressen
               der Kritischen Theorie. Demirović zufolge müsste der Fokus heute auf der
               digitalisierten Arbeitswelt, auf Tätigkeiten im Care-Bereich und auf Aktivitäten im
               Zusammenhang der sozial-ökologischen Transformation liegen. Am Horizont dieser
               thematischen Ausrichtung sieht er „die Herausbildung von sozial-ökologischen oder
               queer-feministischen Transformations-Intellektuellen“ (S. 781) entstehen. Sie sollten
               ein „neues organisches Verhältnis von Intellektuellen zur gesellschaftlichen Arbeit“
               (S. 780) herstellen und daraus könne sich im Erfolgsfall ein neuer
               „postkapitalistischer historischer Block“ (S. 781) formieren. Woher Demirović den
               Optimismus nimmt, dass sich aus den von ihm genannten Kampfzonen in absehbarer Zeit
               ein neuer progressiver postkapitalistischer Block formieren könne, bleibt sein
               Geheimnis. Denn lehrt die Geschichte der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule
               nicht eher, zukünftig mit neuerlichen gesellschaftspolitischen Rückschlägen zu
               rechnen? </p>
            <p>Eine gute Möglichkeit, den deskriptiven Wert des methodisch anspruchsvollen Buches
               von Demirović zu überprüfen, bietet „Demokratisierung nach Auschwitz. Eine Geschichte
               der westdeutschen Sozialwissenschaft in der Nachkriegszeit“ von Fabian Link.<note
                  type="footnote" xml:id="n17"> Link, Fabian: Demokratisierung nach Auschwitz. Eine
               Geschichte der westdeutschen Sozialwissenschaften in der Nachkriegszeit, Wallstein,
               Göttingen 2022.<lb /></note> Auch sein Buch lädt mit seinen 638 Seiten nicht gerade
               zur kurzweiligen Lektüre ein. Anders als der Untertitel suggeriert, bietet das Buch
               trotz seiner Länge keine umfassende Darstellung der Anfänge der bundesdeutschen
               Sozialwissenschaft, sondern konzentriert sich auf zwei markant gegensätzliche
               Grundrichtungen. Das sind auf der einen Seite die Gruppe um Horkheimer und Adorno
               sowie auf der anderen Seite die damals nicht minder bedeutsame Gruppe um die
               Soziologen Helmut Schelsky und Arnold Gehlen. Er nennt sie „Denkkollektive“ (S. 78),
               was zuweilen seltsam klingt, wenn in dem Buch nicht konkrete Personen, sondern ein
               Denkkollektiv an einer Tagung teilnimmt oder einen Aufsatz schreibt. Links
               wissenssoziologischer Ansatz ist bereits mehrfach kritisch besprochen worden und soll
               hier nicht Thema sein. </p>
            <p>Präzise und penibel zeichnet Link in thematisch parallel geführten Kapiteln die
               biografischen Hintergründe, die institutionellen Kontexte, die Forschungsergebnisse,
               die Publikationen und nicht zuletzt die öffentlich geführten Kontroversen zwischen
               den Frankfurtern und ihrem anderen großen Konkurrenten in der damaligen westdeutschen
               Sozialwissenschaft auf. Link stellt dabei vor allem die politischen Differenzen
               zwischen denen aus dem Exil zurückgekehrten Frankfurtern und dem vor 1945 engagierten
               Nationalsozialisten Schelsky heraus. Während die in Auschwitz verübten Massenmorde
               für Horkheimer die Veranlassung gaben, unermüdlich auf die Notwendigkeit von
               politischer Bildung und Erziehung hinzuweisen, gingen Schelsky und Gehlen auf diese
               Aufarbeitungsdebatte nicht ein: „Ihre Vergangenheitsbewältigung bestand vielmehr
               darin, Auschwitz und den Nationalsozialismus nicht zu thematisieren.“ (S. 521). Und
               während Adorno Auschwitz zum Angelpunkt seiner Gesellschaftstheorie machte,
               „bewältigten Schelsky und Gehlen die NS-Vergangenheit der Deutschen dadurch, dass sie
               diese durch technikphilosophisch-funktionalistische Überlegungen überdeckten.“
               (ebd.). </p>
            <p>In den Schlusspassagen seines Buches stellt Link heraus, wie stark die beiden
               Denkkollektive die politische Kultur in der Bundesrepublik prägen konnten, und zieht
               die Linie bis zum Historikerstreit im Jahre 1986. Demirović war es in seiner Studie
               darum gegangen, die Weiterentwicklung der Materialistischen Theorie durch die beiden
               „Wahrheitspolitiker“ Horkheimer und Adorno als im oben beschriebenen äsopischen Stil
               zu dechiffrieren. Link setzt sich eine methodisch weniger ambitionierte Aufgabe.
               Beide kommen aber darin überein, eine enorme Ausstrahlung der Frankfurter Schule auf
               die politische und akademische Kultur der jungen Bundesrepublik festzustellen. Ihre
               Feststellung ist nicht ohne geschichtspolitische Ambivalenz, denn die beiden Autoren
               bieten gleichsam Ergänzungserzählungen zu der von konservativen Autoren beklagten
               angeblichen intellektuellen Kulturrevolution von links, für die sie als wichtigste
               Stichwortgeber der ‘68er die Frankfurter Schule verantwortlich machen wollen.<note
                  type="footnote" xml:id="n18"> Vgl. Albrecht, Clemens u. a.: Die intellektuelle
               Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Campus,
               Frankfurt a. M./New York 1999.</note> Wie man es aber auch drehen und wenden mag:
               Meines Erachtens übertreiben der linke wie der konservative Erzählstrang einer
               immensen <hi style="font-style: italic;">success story</hi> der Frankfurter Schule
               letztlich deren reale Bedeutung für die politische Kultur in Deutschland. </p>
         </div>
         <div>
            <head n="3." rendition="Überschrift1">Frankfurter Klassiker <hi
                  style="font-style: italic;">revisited</hi></head>
            <p>Anfang 2021 legte der Suhrkamp-Verlag eine orangefarben leuchtende Neuausgabe von Leo
               Löwenthals „Falsche Propheten“ vor.<note type="footnote" xml:id="n19"> Löwenthal,
               Leo: Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation, Suhrkamp, Berlin 2021
               (orig. 1949).</note> Das zusammen mit Norbert Guterman geschriebene Buch war 1949 als
               vierter Band der berühmten Serie „Studies in Prejudice“ des IfS auf Englisch
               erschienen und avancierte in den USA rasch zu einem Klassiker der Politischen
               Psychologie. Eine erste, allerdings stark gekürzte Fassung erschien 1966 auf Deutsch,
               bis Helmut Dubiel 1982 eine vollständige Fassung im Rahmen einer fünfbändigen Ausgabe
               der Schriften Löwenthals herausgab. Hochbetagt starb Löwenthal 1993 im Alter von 92
               Jahren. Er war nach dem Tod von Herbert Marcuse 1979 der letzte Lebende aus dem
               engeren Kreis der Frankfurter Schule und gab bereitwillig und gern Auskunft zu Fragen
               über ihn und die Gruppe um Horkheimer. Politisch war er bis fast zuletzt hellwach –
               ich erinnere mich an Gespräche mit ihm im Jahre 1990 über Deutschland nach der
               Maueröffnung. Er teilte die verbreitete Euphorie nicht, sondern befürchtete das
               Wiederaufflammen von Nationalismus und die Rückkehr von Agitatoren. Der demokratische
               Verfassungsstaat bewegte sich nach seiner Überzeugung auf dünnem Eis.</p>
            <p>In gewisser Weise war seine besorgte Einschätzung eine Reminiszenz an die
               Forschungsergebnisse, die in „Falsche Propheten“ dokumentiert sind. Das Buch liefert
               eine Analyse der Topik verschiedener faschistischer Agitatoren, die seit den späten
               1930er Jahren vor allem an der Westküste der USA aktiv waren, ohne politisch größere
               Erfolge zu verzeichnen. Löwenthal und Guterman konzentrierten sich in ihrer Studie
               darauf, die gängigen Argumentationsfiguren, Metaphern und rhetorischen Figuren in den
               Texten und Reden der Agitatoren typologisch zu erfassen. Die Untersuchung basiert auf
               der Analyse von Radiosendungen, Redetexten und anderen schriftlichen Dokumenten.
               Publikumsreaktionen nahmen sie nicht mit in ihre Untersuchung auf; auch auf die
               seinerzeit von Adorno vorgeschlagenen Besuche von Massenveranstaltungen der
               Agitatoren verzichteten die beiden Autoren. </p>
            <p>Ungeachtet der etwas dünnen Quellenbasis kann man nicht umhin, bei der Lektüre des
               Buches an die politischen Agitationen von Donald Trump in den USA, Matteo Salvini in
               Italien oder der AfD in Deutschland zu denken. Dabei stellt sich das Gefühl eines
               Frösteln erzeugenden Déjà-vus ein, wie auch Carolin Emcke in ihrem Nachwort notiert.
               Wenn sich die technischen Methoden für die zielgerichtete Verbreitung mit den
               heutigen medialen Möglichkeiten natürlich grundlegend verändert haben, so lassen sich
               bezüglich der Agitationsthemen und der Sprecherpositionen, die die faschistischen
               Agitatoren einnahmen, erschreckende Aktualitätsbezüge finden. Emckes Bemerkung,
               Löwenthals „Falsche Propheten“ sei „das Buch der Stunde“ (S. 243), klingt weniger
               übertrieben, sobald man die Methoden der Agitatoren verstanden hat. Im Vordergrund
               ihrer Agitation stehen bitterböse und durch keinerlei Fakten belegte Behauptungen
               über gesellschaftliche Malaisen, um die Unzufriedenheit weiter anzustacheln,
               Vorstellungen einer „permanenten Verschwörung gegen die ewig Betrogenen“ (S. 52), ein
               genüssliches „Ausmalen der Schrecken des bevorstehenden Untergangs […] mit sexuellen
               Untertönen“ (S. 66), zahllose „Stereotypen von Feindschaft“ (S. 72), Hass auf einen
               angeblich „korrupten Staat“ (S. 81), Hetze gegenüber Flüchtlingen als „gefährlichste
               Abart des Fremden“ (S. 86) und deren Gleichsetzung mit Parasiten sowie die
               Beschwörung des Ausnahmezustandes für ein „Großreinemachen“ (S. 163). Den zahllosen
               innerstaatlichen Feinderklärungen widmete Löwenthal besondere Aufmerksamkeit. Seine
               analytische Unterscheidung der aufgerufenen Feindbilder zwischen dem „unbarmherzigen
               Feind“ (S. 72) und dem „hilflosen Feind“ (S. 89) könnte direkt einer Analyse von
               Reden Donald Trumps entnommen worden sein. Das gilt insbesondere für die
               Selbstdarstellung des Agitators als „Märtyrer“ (S. 198), als „verfolgte Unschuld“ (S.
               203) und „Opfer“ (S. 213). So ratlos, wie uns der Erfolg rechter Agitatoren heute
               zurücklässt, so ratlos schließt auch das Buch von Löwenthal. Es zehrt von der
               Hoffnung, dass eine Übersetzung „der Losungen des Agitators aus der Hülle ihrer
               schwülstigen Rhetorik“ in eine „rational formulierte Version“ helfe, die „Funktion
               und Grundlage der Anziehungskraft zu verstehen“ (S. 229). Löwenthal ist ehrlich
               genug, im letzten Absatz des Buches einzuräumen, dass politisch mit dieser Erkenntnis
               noch wenig gewonnen ist, denn „die sozialwissenschaftliche Analyse als solche
               zerstört weder den Anreiz der Agitation auf sein Publikum, noch liefert sie einen
               politischen Plan zur Opposition gegen den Agitator“ (ebd.). Rückblickend hat er
               einmal das Vorgehen der faschistischen Agitatoren als „Psychoanalyse auf den Kopf
               gestellt“<note type="footnote" xml:id="n20"> Löwenthal, Leo: Mitmachen wollte ich
               nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel, Suhrkamp, Frankfurt a. M.
               1980, S. 190.</note> charakterisiert: Erst werden die Menschen durch die Agitatoren
               neurotisch und psychotisch gemacht, um schließlich in emotionale Abhängigkeit von
               einer Führerfigur zu geraten. </p>
            <p>Mit einer noch deutlicheren Aktualisierungsabsicht hat der Suhrkamp Verlag im
               Frühjahr 2024 Adornos Vortrag „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“ aus dem Jahr
               1963 in Form einer eigenständigen Veröffentlichung mit einem erläuternden Nachwort
               herausgebracht.<note type="footnote" xml:id="n21"> Adorno, Theodor W.: Zur Bekämpfung
               des Antisemitismus heute, Suhrkamp, Berlin 2024.</note> Dieselbe
               Publikationsstrategie hatte der Verlag bereits 2019 mit großem Erfolg bei der
               Erstpublikation von Adornos Rede „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ aus dem Jahr
               1967 verfolgt.<note type="footnote" xml:id="n22"> Adorno, Theodor W.: Aspekte des
               neuen Rechtsradikalismus, Suhrkamp, Berlin 2019.</note> Der Umfang beider
               Publikationen rechtfertigt eher das Wort Bändchen; und um dafür überhaupt genügend
               Textmenge zusammenzubekommen, haben beide Male die Nachworte einen fast genauso
               großen Umfang wie die Originalbeiträge Adornos. Die Auswahl der Autoren für die
               Nachworte erweist sich jedoch bei beiden Publikationen als ausgesprochener
               Glücksfall. Volker Weiß respektive Jan Philipp Reemtsma verzichten auf jede Form von
               Adorno-Verehrung und liefern stattdessen ausgesprochen instruktive Erläuterungen und
               Kommentierungen. </p>
            <p>Seine Rede über den Rechtsradikalismus hatte Adorno auf Einladung des Verbandes
               Sozialistischer Studenten Österreichs in Wien gehalten. Der Text des
               Tonbandmitschnitts war zuvor noch nicht publiziert worden; insofern ist dem Suhrkamp
               Verlag mit dieser Veröffentlichung ein echter Coup gelungen. Der Inhalt des Vortrages
               rechtfertigt die Erstpublikation in jeder Hinsicht. Weiß erläutert in seinem Nachwort
               den zeitgeschichtlichen Kontext mit dem Aufstieg der NPD und stellt die Thesen
               Adornos in den größeren Zusammenhang der Forschungen am IfS zum autoritären
               Charakter. Eindringlich stellt er die Frage nach dem „Wert dieser Analysen für die
               Gegenwart“ (S. 74). Mehrere Punkte hebt er in diesem Zusammenhang hervor: es ist
               „trügerisch […], sich im Lichte des Erreichten zivilisatorisch in Sicherheit zu
               wiegen“ (S. 81), und Vernunftappelle an rechtsradikale Agitatoren sind „sinnlos“ (S.
               83). Für die gegenwärtige Lage ist Adornos Hinweis darauf, dass sich die Anhänger
               rechtsradikalen Denkens auf alle Schichten der Gesellschaft verteilen und dass man
               sich nicht zu sehr auf die demokratische Resilienz der sogenannten bürgerlichen Mitte
               verlassen sollte, wichtig. </p>
            <p>Jan Philipp Reemtsma verfolgt in seinem Nachwort zum Antisemitismusvortrag zunächst
               die Absicht, Adornos Überlegungen als „Zeitdokument“ (S. 59) zu lesen. Adorno war
               1962 vom Koordinierungsrat der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zu
               einem Vortrag über Erziehung und Antisemitismus eingeladen worden, der einige Wochen
               später im Hessischen Rundfunk gesendet wurde und 1963 gedruckt erschien. Ausführlich
               geht Reemtsma auf den Zusammenhang des Vortrages mit der Welle an
               Hakenkreuzschmierereien Ende des Jahres 1959 und den Forschungen am IfS zu diesen
               Ereignissen ein. Erläutert werden auch die Genese der von Adorno in seinem Vortrag
               verwendeten Formel des „sekundären Antisemitismus“ (S. 13), der Zusammenhang mit den
               Studien zur autoritären Persönlichkeit am Institut, sowie die auf den ersten Blick
               irritierenden strukturellen Ähnlichkeiten, die Adorno beim Antisemitismus mit der
               Astrologie, die ihm zufolge „ebenfalls versucht, unbewußte Regungen zu verstärken“
               (S. 22), zu sehen glaubt. </p>
            <p>Sich Adorno anschließend ist Reemtsma der Überzeugung, dass der Antisemitismus nicht
               vollständig sozialwissenschaftlich erklärt werden kann. Hinter dem Wunsch nach solch
               einer Erklärung, so Reemtsma, „steckt etwas Magisches.“ (S. 85). Die antisemitische
               Agitation beziehe ihre Selbstlegitimation aus ihrer eigenen Geschichte. Insofern ist
               die „Geheimnislosigkeit des Antisemitismus […] sein anhaltendes Karrieremodell“ (S.
               86). Wie um diese Schlusssentenz seines Nachwortes vorzubereiten, klagt Reemtsma die
               staatlichen Instanzen in Deutschland an, dass es ihnen seit dem Terrorangriff der
               Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 nicht gelinge, antisemitische Propaganda
               wirkungsvoll zu unterbinden.</p>
            <p>Ein berührendes Dokument dafür, dass Adorno in seinen Bemühungen um
               gesellschaftspolitische Aufklärung die positive Erfahrung des Gelingens machen
               konnte, ist sein 2024 veröffentlichter „Briefwechsel“ mit Ludwig von Friedeburg.<note
                  type="footnote" xml:id="n23"> Adorno, Theodor W./Friedeburg, Ludwig von:
               Briefwechsel 1950–1969, hrsg. v. Dirk Braunstein und Maischa Gelhard, Suhrkamp,
               Berlin 2024.<lb /></note> Dieser Briefwechsel ist von Dirk Braunstein und Maischa
               Gelhard bemerkenswert gründlich kommentiert. Unterschiedlicher als bei Adorno und
               Friedeburg könnten nachkriegsdeutsche Biografien gar nicht sein, wie im Nachwort von
               Braunstein und Gelhard nachzulesen ist. Der 1924 geborene Friedeburg war mit 12
               Jahren der Hitler-Jugend beigetreten und gehörte als 16-jähriger zur jubelnden Menge
               bei Hitlers Rede im Berliner Sportpalast. Während des Krieges war sein Vater
               Generaladmiral der deutschen Kriegsmarine. Der junge Friedeburg wurde 1944 zum
               jüngsten deutschen U-Boot-Kommandant ernannt. Sein Vater gehörte zu den
               Mitunterzeichnern der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und beging
               als überzeugter Nationalsozialist anschließend Suizid. Da er sich bereit erklärte,
               zwei Jahre auf einem englischen Minensuchboot die Nordsee von Wasserminen zu
               befreien, entging der junge Friedeburg der Kriegsgefangenschaft. </p>
            <p>Sein späterer Weg zur Kritischen Theorie war dem Hitlerjungen Friedeburg alles andere
               als vorgezeichnet. Nach einem nachgeholten Abiturexamen studierte er zunächst
               Naturwissenschaften und begann sich für moderne Formen der Datenverarbeitung,
               empirische Sozialforschung und Psychologie zu interessieren. Im Sommer 1950 stattete
               er auf der Durchreise dem IfS einen Besuch ab. Aufs Geratewohl bewarb er sich um ein
               Praktikum. Über dieses Interesse kam er in Kontakt mit Adorno. Er absolvierte dort im
               Sommer 1950 ein Praktikum mit dem Ziel, „meine Information über die
               sozialwissenschaftliche Arbeit zu vertiefen“ (S. 10). Beim nächsten verabredeten
               Treffen verpassten die beiden einander, was allein wegen der Wortwahl erwähnenswert
               ist, mit der sich Adorno bei seinem Briefpartner entschuldigte: Er sei wirklich
               verhindert gewesen, denn grundsätzlich würde er getroffene Verabredungen „mit
               fanatischer Pünktlichkeit“ (S. 13) einhalten. </p>
            <p>Friedeburg wurde temporärer Mitarbeiter an der Studie, die 1955 als erste große
               Veröffentlichung des IfS nach seiner Rückkehr mit dem Titel „Gruppenexperiment“
               veröffentlicht wurde. Zu Friedeburgs weiteren Projekten am IfS gehörte eine Studie im
               Auftrag des Vorstandes des Mannesmann-Konzerns über das dortige Betriebsklima, aus
               der auch seine Habilitationsschrift hervorging. Horkheimer ernannte ihn 1954 zum
               Leiter der empirischen Abteilung des Instituts. Als Begründer der ersten Fachsektion
               der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der Fachsektion Industriesoziologie,
               konnte sich Friedeburg schnell als anerkannter Soziologe etablieren. Am Institut
               beteiligte er sich des Weiteren an der 1961 veröffentlichten Untersuchung „Student
               und Politik“<hi style="font-style: italic;">,</hi> zu der Jürgen Habermas die
               Einleitung beisteuerte. 1962 nahm Friedeburg einen Ruf für Soziologie an der Freien
               Universität Berlin an, kehrte aber bereits 1966 nach Frankfurt zurück. Er bekam die
               Leitung des Soziologischen Seminars übertragen und wurde neben Adorno zum Co-Direktor
               des IfS ernannt. </p>
            <p>Der Band enthält insgesamt 58 Briefe. Diese geringe Zahl erklärt sich daraus, dass
               ein Großteil der Kommunikation zwischen den beiden in Treffen am Institut oder in
               Telefonaten stattfand. Dennoch ist der Briefwechsel in mehrfacher Weise
               aussagekräftig. Zum einen gibt er intime Einblicke in die Frühphase der
               bundesdeutschen Soziologie, insbesondere die Grabenkämpfe der Frankfurter mit anderen
               älteren Fachvertretern wie Schelsky, Gehlen oder René König und der Strategie der
               Jüngeren wie Friedeburg, diese Konfliktlinien durch die Konzentration auf konkrete
               Themen gleichsam zu überwölben. Der Briefwechsel dokumentiert vor allem jedoch die
               große Übereinstimmung der beiden im Hinblick auf die Notwendigkeit einer
               grundlegenden politischen Reeducation der deutschen Bevölkerung. Friedeburg hatte
               keinerlei Bezüge zur älteren Kritischen Theorie, hatte aus den Verbrechen des
               nationalsozialistischen Deutschlands für sich die Konsequenz eines „Nie Wieder!“
               gezogen. Adorno wiederum – so Braunstein und Gelhard im Nachwort – „scheint in der
               Person Ludwig von Friedeburgs etwas von dem gesehen zu haben, dessentwegen er
               überhaupt aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrt war“ (S. 183). </p>
            <p>Nachlesen lässt sich in dem Band auch, wie sich die Beziehung der beiden im
               persönlichen Bereich vertiefte. Ab Januar 1963 wechselte Adorno von der Sie-Form auf
               die Anrede „Lieber Ludwig“ (S. 77) und Friedeburg replizierte mit „Sehr verehrter,
               lieber Teddie“ (S. 82). An anderen Stellen bekommt man einen unfreiwillig humorvollen
               Einblick in das <hi style="font-style: italic;">teutonic english</hi> Adornos, der in
               einem englischsprachigen gutachterlichen Brief für Friedeburg den Regeln des
               deutschen Satzbaus treu ergeben blieb (S. 23). Mehrere Male fragte Adorno Friedeburg
               um Rat. Wenn es um organisatorische Dinge am Institut ging, so war er für Friedeburgs
               Vorschläge offen. Sobald es aber um seine Texte ging, war er beratungsresistenter.
               Für den 14. Deutschen Soziologentag 1959 hatte Adorno ein Manuskript mit dem Titel
               „Zur Theorie der Halbbildung“ vorbereitet und mehrere Personen im Vorfeld gebeten, es
               kritisch gegenzulesen. Friedeburg unterzog sich der Mühe eines ausführlichen
               Kommentars mit einer Reihe von redaktionellen Vorschlägen, von denen Adorno fast
               nichts annahm (S. 64–69). Informativ sind auch die Dokumente, die den großen Skandal
               vom Januar 1969 beleuchten, als 75 linksradikale Studierende das IfS besetzten und
               schließlich mit polizeilicher Gewalt auf Bitten der beiden Direktoren Adorno und
               Friedeburg aus dem Gebäude entfernt wurden. Bei aller persönlichen Sympathie für
               einzelne Studierende übernahm Friedeburg während dieser Ereignisse im
               Institutsinteresse die Verantwortung für den Polizeieinsatz, während sich Adorno
               unbeteiligt gab und in die Büsche schlug (S. 126 ff.). </p>
            <p>Erwähnt werden soll auch eine Bemerkung Friedeburgs über Merkblätter für Manuskripte,
               wie sie auch von Fachzeitschriften wie der „Neuen Politischen Literatur“<hi
                  style="font-style: italic;"> </hi>an ihre Autoren und Autorinnen ausgegeben
               werden. In einem Brief vom April 1964 können wir die Entrüstung nachlesen, mit der
               sich Adorno an Friedeburg wandte, nachdem ihm der Herder-Verlag ein solches Merkblatt
               zugeschickt hatte. Insbesondere die Aufforderung zur „Allgemeinverständlichkeit“,
               „die Ermahnung, möglichst wenig Fremdwörter zu verwenden“ sowie die Bitte um
               vollständige bibliografische Angaben entrüstete ihn. Friedeburg versuchte, Adorno zu
               beruhigen. Solche Merkblätter, so teilte er ihm mit, „haben immer etwas
               Erschreckendes, gehören sie doch jener verwalteten Welt an, deren Analyse wir nicht
               zuletzt Ihnen verdanken“ (S. 99). Zugleich riet er ihm, die redaktionellen Hinweise
               des Merkblatts schlicht zu ignorieren; durchaus mit Erfolg, wovon man sich im achten
               Band der „Gesammelten Schriften“ Adornos überzeugen kann.<note type="footnote"
                  xml:id="n24"> Adorno, Theodor W.: Gesellschaft (1965), in: ders., Gesammelte
               Schriften, Bd. 8, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1972, S. 9–19.</note>
            </p>
            <p>Allgemeinverständlichkeit lässt sich einer weiteren Adorno-Neuerscheinung sicherlich
               auch nicht attestieren. Es handelt sich dabei um die Verschriftlichung von auf
               Tonband aufgenommenen Vorlesungen Adornos aus dem Sommersemester 1964, die unter dem
               Titel „Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft“ in der Reihe stw
               (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft) neu aufgelegt wurde.<note type="footnote"
                  xml:id="n25"> Adorno, Theodor W.: Nachgelassene Schriften. Abteilung IV:
               Vorlesungen, Bd. 12, Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft,
               Suhrkamp, Berlin 2023.</note> Die Tonbandmitschnitte weisen einige Lücken auf und in
               mehreren Fällen mussten die fehlenden Transkriptionen durch Mitschriften von Zuhörern
               ersetzt werden, die allerdings einen eher zusammenfassenden Charakter haben. Bei der
               Lektüre der Vorlesungen versteht man, worin die besondere Suggestivkraft des
               Redestils von Adorno auf viele seiner Zuhörer und Zuhörerinnen lag. Nicht wenige
               seiner Äußerungen sind Pathosformeln wie das Bekenntnis zur „emphatische[n] Theorie“
               (S. 12) oder zu einem „Denken, für das ich einstehe“ (S. 134). In Passagen wie diesen
               dringt die Emotionalität von Theorie, also dass Theorie selbst leidenschaftlich wird,
               bis zwischen die Zeilen der gedruckten Worte. Andere Äußerungen Adornos haben das
               Zeug zu geflügelten Worten, wie seine Bemerkung, dass man „nie das Ganze in einem
               Satz sagen kann“ (S. 139).</p>
            <p>Im Hinblick auf die Frage nach einer angemessenen Theorie der gegenwärtigen
               Gesellschaft, die in den Programmschriften Horkheimers für die frühe Kritische
               Theorie von immenser Bedeutung war, changiert Adorno in seiner Vorlesung permanent
               hin und her. An Stellen, an denen man ein systematisches Argument erwartet,
               unternimmt er erst einmal einen neuen theoriegeschichtlichen Exkurs oder macht andere
               Abschweifungen. Bis zur letzten Vorlesungssequenz bleibt unklar, ob er nun für eine
               systematische Theorie der Gesellschaft, die sich aus der Universalisierung des
               Tauschprinzips ergeben soll, plädiert, oder ob er einen Abgesang auf jede Form einer
               ambitionierten Theorie der Gesellschaft anstimmt. Auch der im Nachwort von den beiden
               Herausgebern Tobias ten Brink und Marc Phillip Nogueira geäußerte Gedanke, Adorno
               entfalte philosophische Elemente einer Gesellschaftstheorie, die den Zwang zur
               Identität und Eindeutigkeit soziologischer Theoriebildung durchbrechen, „um im
               emphatischen Sinne einer unreglementierten Erfahrung Gedanken für die kritische
               soziologische Gesellschaftsanalyse und -theorie fruchtbar zu machen“ (S. 263), hilft
               bei der Beantwortung dieser Frage nicht wirklich weiter. </p>
            <p>In einigen Passagen beschleichen Einen auch leichte Zweifel im Hinblick auf die in
               den Vorträgen zu Antisemitismus und zu Rechtsradikalismus doch so offensichtlich
               erscheinenden gesellschaftspolitischen Ambitionen von Adorno. Die gesamte Sphäre der
               gesellschaftlichen Öffentlichkeit ist ihm in dieser Vorlesung nichts als Schein. Auch
               die „Sphäre des Politischen“ bezeichnet er als „bloße[n] Schein oder eine bloße
               Reflexbewegung“ von wenigen gesellschaftlichen „Machtgruppen“, die in „pure[n]
               Cliquenkämpfen“ (S. 109) miteinander ringen. Dann jedoch spricht er an einem anderen
               Vorlesungstag von „gesellschaftlicher Dialektik“, für die die Politik „das beste
               Paradigma, das sich überhaupt finden läßt“ (S. 67) sei. Er meint damit, dass die
               Politik lediglich auf der einen Seite Ideologie sei im Sinne davon, „daß die Politik
               nur das verdeckt, was sich in Wirklichkeit darunter abspielt“ (ebd.). Auf der anderen
               Seite sei „das Politische […] das Potential, gleichzeitig eben das, was sich darunter
               abspielt, zu verändern“ (ebd.). Politik, so erläuterte er seinen Zuhörenden, sei „die
               Gestalt der Ideologie, die ihrerseits den Unterbau ergreifen und den Unterbau
               tendenziell verändern kann“ (S. 68). </p>
            <p>Am Ende seiner Vorlesung macht Adorno seinen akademischen Zuhörern und Zuhörerinnen
               ein Selbstdeutungsangebot, das schwer auszuschlagen ist. In der Gegenwart verhärte
               sich die Welt zusehends und die Ideologie werde dadurch, dass sie eine „bloße
               Verdoppelung des Seienden“ ist, „immer dünner“ (S. 214). Ihre alte klassische Aufgabe
               der Verhüllung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse könne die Ideologie immer
               weniger erfüllen und damit schlage die Stunde der „Kritik des Bewußtseins und der
               Ideologie“ (ebd.). Das „Organ dieser Kritik“, so ruft Adorno seiner Zuhörerschaft im
               letzten Absatz der Vorlesung zu, „sind nun einmal die Intellektuellen“ (ebd.), will
               sagen: sein ihm bis hierhin gefolgten Vorlesungspublikum. Und wie atemlos ein großes
               Publikum von bis zu 700 Studierenden an Adornos Lippen hing, hat vor einigen Jahren
               Gisela von Wysocki literarisch in ihrem Roman „Wiesengrund“ verarbeitet.<note
                  type="footnote" xml:id="n26"> Wysocki, Gisela von: Wiesengrund, Suhrkamp, Berlin
               2019.</note> Die Berliner Schriftstellerin und Essayistin hatte Mitte der 1960er
               Jahre ihr Philosophiestudium bei Adorno in Frankfurt begonnen und gehörte nach dessen
               Tod zu den 33 Schülerinnen und Schülern, die in einer öffentlichen „Erklärung“ eine
               Art Gelöbnis auf dessen kompromisslose antikapitalistische Grundeinstellung abgelegt
               hatten.<note type="footnote" xml:id="n27"> Erklärung zum Tod von Theodor W. Adorno,
               in: Frankfurter Rundschau, 20. August 1969, S. 13. </note> Zwei Jahre später war sie
               Mitherausgeberin des posthum erschienen Sammelbandes mit den wichtigsten Schriften
               von Hans-Jürgen Krahl.<note type="footnote" xml:id="n28"> Krahl, Hans-Jürgen:
               Konstitution und Klassenkampf. Zur historischen Dialektik von bürgerlicher
               Emanzipation und proletarischer Revolution, Verlag Neue Kritik, Frankfurt 1971, S.
               18.</note> Die Schilderungen ihrer Romanprotagonistin zeichnen das persönliche
               Porträt eines Adorno mit einer magischen Präsenz des Bewusstseins und Kraft der
               spontanen Formulierung. Zugleich wird er als im menschlichen Umgang ungeschickt und
               extrem verletzlich dargestellt. Der Protagonistin des Romans gelingt es bis zum Tod
               Adornos nicht, ihre Befangenheit ihm gegenüber abzulegen. Das Faszinosum Adorno
               erscheint als Rätselwesen mit libidinös-intellektueller Besetzungsoptionen. Beim
               gebannten Lesen des Romans empfiehlt es sich, kurze Pausen einzulegen, um sich zu
               vergegenwärtigen, dass das Buch in der Buchhandlung Ihres Vertrauens im Regal für das
               fiktionale Genre zu finden ist. Wo sich im Übrigen auch der sechste Band des auf elf
               Bände angelegten literarischen Großprojektes „Ortsumgehung“ von Andreas Maier mit dem
               Titel „Die Universität“ findet, der ein ebenso berührendes wie einprägsames Porträt
               der bedrückenden Lebenssituation der seit ihrem fehlgeschlagenen Suizidversuch nach
               dem Tod ihres Mannes pflegebedürftigen Gretel Adorno zeichnet.<note type="footnote"
                  xml:id="n29"> Maier, Andreas: Die Universität, Suhrkamp, Berlin 2018. </note>
            </p>
            <p>Die Rezeption des gewaltigen Werkes von Adorno ist bis heute zwischen den beiden
               Interpretationspolen des pessimistischen philosophischen und soziologischen
               Diagnostikers einer nahezu restlos verwalteten Welt auf der einen und des
               aufklärungszugewandten öffentlichen Intellektuellen auf der anderen Seite
               aufgespannt. In einem Interview hat Jürgen Habermas 20 Jahre nach dem Tod Adornos
               konstatiert: „Adorno war ein Genie“.<note type="footnote" xml:id="n30"> Habermas,
               Jürgen: Eine Generation von Adorno getrennt, in: Früchtl, Josef/Calloni, Maria
               (Hrsg.): Geist gegen den Zeitgeist. Erinnern an Adorno, Suhrkamp, Frankfurt a. M.
               1991, S. 51.</note> Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, Adorno fundamental zu
               kritisieren. Die „Dialektik der Aufklärung“ bezeichnete er in seinem „Philosophischen
               Diskurs der Moderne“ als dessen „schwärzeste[s] Buch“.<note type="footnote"
                  xml:id="n31"> Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf
               Vorlesungen, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1988, S. 130.</note> Es habe den
               Selbstzerstörungsprozess der Moderne bis zum bitteren Endpunkt ohne Hoffnung auf
               erlösende Kraft durchdekliniert. Auf begründungstheoretischer Ebene resultiert daraus
               die frühe Frage von Habermas nach den „Rechtsgründen der Kritik“<note type="footnote"
                  xml:id="n32"> Habermas, Jürgen: Urgeschichte der Subjektivität und verwilderte
               Selbstbehauptung, in: ders., Philosophisch-politische Profile, Suhrkamp, Frankfurt a.
               M. 1987, S. 175.</note>, also dem, was im „Philosophischen Diskurs der Moderne“ zum
               Vorwurf eines performativen Widerspruchs ausgebreitet wird. Wenn die Vernunft als nur
               noch instrumentelle sich tatsächlich ihrer kritischen Kraft begeben hat, auf welcher
               Basis solle dann noch Kritik geleistet werden können? In der „Dialektik der
               Aufklärung“ werde die Selbstzerstörung des kritischen Vermögens auf „paradoxe Weise
               beschrieben, weil sie im Augenblick der Beschreibung noch von der totgesagten Kritik
               Gebrauch machen muß“.<note type="footnote" xml:id="n33"> Habermas, Diskurs (wie Anm.
               31), S. 144.</note> Die Kritische Theorie, so Habermas, habe bei Adorno „Züge einer
               eher traditionellen, die Bezüge zur Praxis verleugneten Kontemplation“<note
                  type="footnote" xml:id="n34"> Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen
               Handelns. Bd. 1, Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung,
               Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1981, S. 489. </note> angenommen. Gleichzeitig notierte
               Habermas eine Irritation. In den fast 15 Jahren der Zusammenarbeit mit Adorno hatte
               er dessen vielfältiges öffentliches Engagement hautnah miterlebt. Beides passt für
               ihn nicht recht zusammen. Er spricht deshalb gleichsam von zwei Adornos, von denen
               der eine einem „rabenschwarzen philosophischen Totalitätsdenken“<note type="footnote"
                  xml:id="n35"> Habermas, Jürgen: Im Sog der Technokratie, Suhrkamp, Berlin 2013, S.
               21.</note> anhängt und der andere mit dem „reformistischen, geradezu
               sozialdemokratischen Tenor des Volkspädagogen“ ausgestattet ist. </p>
            <p>Peter Gordon möchte sowohl dieses Doppelbild des Dr. Jekyll und Mr. Hyde der
               Kritischen Theorie zu einem einheitlichen Porträt vereinigen als auch Adorno vom
               Vorwurf des performativen Widerspruchs entlasten. Der in Harvard lehrende Gordon
               arbeitet schon länger im Feld der <hi style="font-style: italic;">German Intellectual
               History </hi>und ist in den USA mit Büchern über Ernst Cassirer und Martin Heidegger
               bekannt geworden. Die Hauptaufgabe seines Buches „Prekäres Glück. Adorno und die
               Quellen der Normativität“<note type="footnote" xml:id="n36"> Gordon, Peter E.:
               Prekäres Glück. Adorno und die Quellen der Normativität, Suhrkamp, Berlin 2023.</note>
               sieht Gordon darin, darzulegen, warum das bis heute dominierende Bild von Adorno als
               eines Philosophen des durchgängigen Negativismus falsch ist. Er möchte im Gegenteil
               aufzeigen, dass Adornos vielfältige kritische Praxis als öffentlicher Intellektueller
               widerspruchsfrei mit seinen philosophischen und gesellschaftstheoretischen
               Grundüberzeugungen vereinbar ist. Adornos kritische Praxis werde demnach von einer
               „spezifischen und umfassenden Vision menschlichen Gedeihens gelenkt“ (S. 16), die in
               einer materialistischen Theorie verankert sei. Gordon zufolge – und dies erklärt auch
               den Titel seines Buches – ist das gesamte Werk Adornos ebenso wie sein wissenschafts-
               und gesellschaftspolitisches Engagement vom normativen Bekenntnis zum Glück und zum
               menschlichen Gedeihen motiviert. </p>
            <p>Der interpretative Argumentationsgang Gordons verläuft über mehrere Stufen. Er
               beginnt mit einer fast 100 Seiten umfassenden Zurückweisung bisheriger
               Adorno-Interpretation von Michael Theunissen über Jürgen Habermas bis Axel Honneth.
               Im Anschluss an die Interpretationsvorschläge von Jay M. Bernstein und Fabian
               Freyenhagen tastet er sich allmählich an die Entfaltung seiner eigenen Position
               heran. Zuvor räumt er mit drei Argumenten die Interpretation aller von ihm genannten
               Autoren ab, nach welcher Adornos Skepsis in Bezug auf positive Quellen von
               Normativität totalisierend sei. Solche Deutungen seien aus drei Gründen unzutreffend.
               Ihre Fehler bestünden darin, dass sie 1) Adorno eine bestimmte Idee von der
               Uniformität der modernen sozialen Welt zuschrieben; 2) unterstellten, dass Adornos
               Theorie nicht problemlos auf die Herausforderung der Selbstreflexivität reagieren
               könne; und 3), dass das immense Anstrengungen kostende Engagement Adornos als
               öffentlicher Intellektueller als Indikator für dessen Überzeugung gewertet werden
               müsse, dass es zumindest prinzipiell möglich wäre, in das öffentliche Bewusstsein mit
               dem Ziel einer positiven Veränderung zu intervenieren. </p>
            <p>Demgegenüber schlägt Gordon eine „alternative Deutung“ (S. 109) vor. Der Schlüssel zu
               seiner Interpretation ist seine These, dass Adorno die soziale Welt nicht als ein
               fugenloses Ganzes betrachtet habe, sondern als eine mit Widersprüchen durchsetzte
               Landschaft. Diese Widersprüche mache Adorno sich mit dem Instrumentarium der
               immanenten Kritik zunutze, um die Momente zu identifizieren, die über unsere aktuell
               verzweifelte gesellschaftliche Lage hinausweisen und zugleich auf eine Welt deuten,
               in der menschliches Glück Realität geworden ist. Gordon räumt ein, dass seine
               ‚positive‘ Adorno-Interpretation von der „starken Prämisse“ abhängt, dass „wir selbst
               noch in unserer aktuellen Lage Momente des Glücks ausmachen können“ (S. 110). Gordon
               widmet sich in den folgenden Kapiteln mit bewundernswerter philologischer Subtilität
               zunächst Adornos Konzept von immanenter Kritik, dann dessen Verständnis von
               menschlichem Glück und Gedeihen sowie dessen Überlegungen zu Materialismus, Natur,
               Metaphysik und Moral. Gordon arbeitet heraus, dass die Rückkehr zur Natur in Adornos
               Materialismus als Quelle der Normativität anzusehen ist. Wenn Adorno beispielsweise
               in den „Minima Moralia“ von der „blinden somatischen Lust“ schreibt, dann – so Gordon
               – sei dies insofern auch biografisch beglaubigt, als dass damit positive
               Kindheitserinnerungen Adornos an sommerliche Familienausflüge aufgerufen sind. Die
               dann folgenden beiden Kapitel befassen sich mit Adornos „Ästhetischer Theorie“ und
               dessen Vorstellung von gelingender ästhetischer Erfahrung. Abgeschlossen wird das
               Buch mit einem Kapitel, das mit „Gesellschaftskritik heute“ überschrieben ist.
               Gordons souveräne Rekonstruktion präsentiert seinen Lesern und Leserinnen am Ende
               einen Adorno wie aus einem Guss. Der Autor der „Negativen Dialektik“ wird allerdings
               auch nicht zu einem Optimisten umgedeutet. Gordon genügt es, in Adornos Theorie
               Spuren der Hoffnung auf menschliches Glück auszumachen. </p>
            <p>Hans-Jürgen Krahl, Adornos Assistent und gleichzeitig einer der Rädelsführer der
               Institutsbesetzung im Januar 1969, hatte seinem ehemaligen Lehrer ins Grab
               nachgerufen, er habe sich in „ästhetische Abstraktionen“ und „kaum noch
               legitimierbare Kontemplationsformen der traditionellen Theorie“<note type="footnote"
                  xml:id="n37"> Krahl, Konstitution (wie Anm. 28), S. 284 und 288.</note>
               geflüchtet. Dieses Diktum weist Gordon mit Entschiedenheit zurück. Adorno sei „kein
               unverbesserlicher Snob“ gewesen und seine eingestandenermaßen anspruchsvollen
               kulturellen Maßstäbe würden völlig zu Unrecht als „elitär“ und als „die letzten
               Bastionen eines bürgerlichen Ästhetizismus“ (S. 22) bekrittelt. Der Gegenbeweis zu
               den zwei zuletzt genannten Vorwürfen will Gordon in dem Kapitel über ästhetische
               Erfahrungen freilich nicht so recht gelingen. Anhand von vier Beispielen erläutert er
               Adornos Verständnis von gelingender ästhetischer Erfahrung. Alle stammen aus dem
               Bereich der Musik, die für Adorno unter allen Künsten einen paradigmatischen Status
               besaß, und alle vier Beispiele stammen aus dem Repertoire der bürgerlichen
               Hochkultur. Es sind zwei Kompositionen des späten Beethoven sowie je eine von Gustav
               Mahler und Alban Berg. Mit großem intellektuellem Aufwand macht sich Gordon an die
               Interpretation von Adornos Interpretationen dieser Kompositionen. Er kann dabei auf
               die musikwissenschaftliche Hilfe von befreundeten Kollegen zurückgreifen; abgedruckt
               finden sich in dem Buch sogar Notenabzüge mit Ausschnitten aus einzelnen
               Kompositionen. </p>
            <p>So schlüssig die interpretatorische Freilegung der Anlässe für das „menschliche
               Vermögen zur Mimesis“ (S. 383) bei den Zuhörern und Zuhörerinnen auch sein mag;
               nachvollziehbar ist all dies bestenfalls für ausgewiesene musikalische Experten. Der
               Rezensent jedenfalls muss an dieser Stelle die Waffen strecken. Meine
               Kapitulationserklärung dürfte Gordon allerdings nicht völlig gleichgültig sein. Denn
               wenn an der von ihm mühsam aufgeschlüsselten ästhetischen Erfahrung die schon
               erwähnte „starke Prämisse“ (S. 110) hängen soll, dass Menschen dabei „eine reflexive
               Einstellung den gegebenen sinnlichen Bedingungen gegenüber“ (S. 384) gewinnen und
               erst damit Momente des Glücks erleben können, dann kann ich beim besten Willen nicht
               erkennen, was daran nicht elitär sein soll (unabhängig von musikalischen
               Geschmacksfragen). Wenn Adornos Behauptung zutreffen sollte, dass in der heutigen
               Welt nur noch die Kunst ein „Versprechen des Glücks“ (S. 390) berge, dann stellt sich
               heute, in der Epoche des absehbaren Endes der bürgerlichen Hochkultur, die Frage,
               welche anderen Kunstformen möglicherweise für dieses Glücksversprechen einstehen
               können. Erst recht allerdings die Frage, inwieweit die von Gordon so wunderbar
               beschriebene ästhetische Erfahrung à la Adorno in der heutigen Zeit emanzipatorisches
               Potential bergen kann. </p>
            <p>Eine weitere Person aus dem engen Kreis um Horkheimer, dem nun im Zuge des Jubiläums
               des IfS mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist Friedrich Pollock. Philipp Lenhard,
               der Verfasser des oben besprochenen „Café Marx“, hat 2018 mit der Edition einer auf
               sechs Bände geplanten Ausgabe von „Gesammelten Schriften“ von Pollock begonnen.
               Nachdem zwischen 2017 und 2021 eine ebenfalls auf sechs Bände ausgelegte Edition der
               „Gesammelten Schriften“ Otto Kirchheimers erscheinen konnte (sie wird hier nicht
               besprochen, da der Verfasser dieser Sammelrezension ihr Herausgeber ist)<note
                  type="footnote" xml:id="n38"> Kirchheimer, Otto: Gesammelte Schriften, 6 Bde.,
               hrsg. v. Hubertus Buchstein, Nomos, Baden-Baden 2017–2021; vgl. auch Buchstein,
               Hubertus: Enduring Enmity. The Story of Otto Kirchheimer und Carl Schmitt,
               transcript, Bielefeld 2024.</note>, fehlt aus dem Reigen der klassischen Autoren der
               Frankfurter Schule nur noch eine wissenschaftlich betreute Ausgabe der Schriften von
               Franz L. Neumann. Von den Schriften Pollocks sind bislang zwei Bände erschienen. Der
               erste Band trägt den Titel „Marxistische Schriften“.<note type="footnote"
                  xml:id="n39"> Pollock, Friedrich: Marxistische Schriften. Gesammelte Schriften,
               Bd. 1, hrsg. v. Philipp Lenhard, ça ira, Freiburg/Wien 2018.</note> Er versammelt
               Pollocks Dissertation zur Geldtheorie von Marx, einen Aufsatz mit dem gleichen Thema,
               seine kleine Monografie zur Kritik an Werner Sombarts Sozialismusvorstellungen sowie
               einen Aufsatz mit Überlegungen zur sozialistischen Organisation der Landwirtschaft.
               Pollock schrieb seine Dissertation 1923, also in dem Jahr, als er zu den
               Mitbegründern des IfS gehörte. In gemeinsam besuchten wirtschaftswissenschaftlichen
               Seminaren hatte er zuvor Felix Weil kennengelernt und sich mit ihm angefreundet. Die
               Bemerkung des Herausgebers, Pollocks Sombart-Kritik aus dem Jahr 1926 sei „eine der
               ersten – wenn nicht die erste – faschismustheoretische Studie des Instituts für
               Sozialforschung“ (S. 14) sticht aus der Einleitung heraus. Der zweite Band trägt den
               Titel „Schriften zu Planwirtschaft und Krise“.<note type="footnote" xml:id="n40">
               Pollock, Friedrich: Schriften zu Planwirtschaft und Krise. Gesammelte Schriften, Bd.
               2, hrsg. v. Johannes Gleixner und Philipp Lenhard, ça ira, Freiburg/Wien 2021.</note>
               Versammelt sind seine Habilitationsschrift aus dem Jahr 1929 über die
               planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917 bis 1927 sowie zwei Aufsätze
               zur Krise des Kapitalismus, die erstmals 1932 und 1933 in der am IfS herausgegebenen
               „Zeitschrift für Sozialforschung“ erschienen sind. </p>
            <p>Als Ergänzung zur Lektüre der knapp gehaltenen Einleitungen zu den beiden Bänden ist
               es ratsam, die 2019 erschienene Biografie Friedrich Pollocks aus der Feder des
               Pollock-Herausgebers Philipp Lenhard in die Hand zu nehmen. Sie trägt den Untertitel
               „Die graue Eminenz der Frankfurter Schule“<hi style="font-style: italic;">.</hi><note
                  type="footnote" xml:id="n41"> Lenhard, Philipp: Friedrich Pollock. Die graue
               Eminenz der Frankfurter Schule, Jüdischer Verlag, Berlin 2019.</note><hi
                  style="font-style: italic;"> </hi>Es ist die erste größere biografische Studie
               über Pollock und sie enthält viel bislang nicht Bekanntes. Der 1894 geborene Pollock
               entstammte einer liberalen jüdischen Familie aus Freiburg. Nach dem Umzug der Familie
               nach Stuttgart lernte er 1910 in der Tanzstunde Max Horkheimer kennen. Die beiden
               schlossen eine Freundschaft fürs Leben, die sie mehrfach in detaillierten
               Freundschaftsverträgen schriftlich besiegelten und in späteren Lebensphasen „zur
               Religion überhöhten“ (S. 251). Lenhard verfolgt Pollocks Lebensweg über die Stationen
               Studium, Krieg, neuerliches Studium bis zu seiner Entdeckung des „Marxismus als
               Wissenschaft“ (S. 65). In Ergänzung zu Lenhards „Café Marx“ werden die Gründung des
               IfS und der weitere Verlauf der Ereignisse am Institut aus der spezifischen
               Perspektive Pollocks geschildert. Er übernahm früh administrative Aufgaben am IfS und
               hielt sich mit inhaltlichen Beiträgen zurück. In den Jahren zwischen 1934 und 1940
               veröffentlichte er keinen einzigen längeren Text, was ihm den Ruf eines bloßen
               „Finanzverwalters des Instituts“ (S. 199) einbrachte. Seine heute bekanntesten
               Beiträge sind zwei Aufsätze aus den Jahren 1941 zur Kontroverse über die Einordnung
               des wirtschaftlichen Systems des nationalsozialistischen Deutschlands. Pollock
               vertrat mit Horkheimer die Ansicht, dass der Nationalsozialismus eine Variante einer
               neuen Gesellschaftsphase, des „Staatskapitalismus“ (S. 204) sei, wofür er sich von
               anderen Institutsangehörigen heftige Kritik einhandelte. Loyal zu Horkheimer folgte
               er ihm zuerst an die Westküste und später zurück nach Deutschland und in den
               Alterssitz im schweizerischen Montagnola. Am wiedereröffneten Frankfurter IfS fand er
               zu einem neuen wissenschaftlichen Lebensthema, den technischen Veränderungen in der
               Produktion nach der Einführung der ersten Computer. Er war der erste deutschsprachige
               Wissenschaftler, der sich systematisch mit diesem Phänomen befasste. Im Alter von 62
               Jahren legte er 1956 in der Institutsreihe sein wissenschaftliches Hauptwerk mit dem
               Titel „Automation. Materialien zur Beurteilung der ökonomischen und sozialen Folgen“
               vor. Das Buch erregte große mediale Aufmerksamkeit und Pollock wurde neben Ludwig von
               Friedeburg zu einem der Begründer der Arbeits- und Industriesoziologie am IfS.
               Pollock blieb zwar noch bis 1964 am Institut, ohne aber neue größere Arbeiten in
               Angriff zu nehmen. Er starb 1970 in Montagnola. </p>
         </div>
         <div>
            <head n="4." rendition="Überschrift1">Adornos Erben</head>
            <p>Wer nach den Lektüren der beiden Bücher über die Geschichte der Frankfurter Schule
               bis zu Adornos Tod im Jahre 1969 seines TV-Seriensyndroms frönen und unbedingt wissen
               möchte, was in der Fortsetzung bis 1989 geschah, sollte unbedingt zu dem Buch von
               Jörg Später mit dem sprechenden Titel „Adornos Erben“<note type="footnote"
                  xml:id="n42"> Später, Jörg: Adornos Erben. Eine Geschichte der Bundesrepublik,
               Suhrkamp, Berlin 2024.</note> greifen. Mit seiner Biografie des zum Umkreis der
               Frankfurter gehörenden Siegfried Kracauer hatte Später seine großartige Erzählkunst
               schon einmal unter Beweis gestellt.<note type="footnote" xml:id="n43"> Später, Jörg:
               Siegfried Kracauer. Eine Biographie, Suhrkamp, Berlin 2016.</note> Mit dem neuen Buch
               übertrifft er sich selbst. </p>
            <p>Für weniger gut informierte Leser und Leserinnen fasst Später unter der Überschrift
               „Was bisher geschah“ (S. 19) die Jahre des IfS von der Gründung 1923 bis zur Rückkehr
               nach Frankfurt 1950 gerafft zusammen. In den dann folgenden 120 Seiten werden die
               einzelnen Etappen der Schulbildung 1950 bis 1969 geschildert. Der Autor liefert in
               diesem Kapitel eine Mischung aus Theorie-, Institutionen- und Personengeschichte. Mit
               besonderer Aufmerksamkeit widmet er sich der Generation der ersten Studierenden
               Adornos gleich nach der Wiedereröffnung des IfS, namentlich Hermann Schweppenhäuser,
               Karl Heinz Haag, Ivan Nagel, Ludwig von Friedeburg und Alfred Schmidt. Schon kurz
               darauf stießen ab 1954 Helge Pross, Gerhard Brandt, Alexander Kluge, Jürgen Habermas,
               Oskar Negt, Herbert Schnädelbach, Regina Schmidt und Rolf Tiedemann hinzu. Ab 1961
               war Elisabeth Lenk ebenfalls dabei, auch wenn sie in den folgenden Jahren überwiegend
               in Paris lebte und den Kontakt zu Adorno brieflich aufrechterhielt. Diese Namen
               wurden hier nicht nur noch einmal aufgelistet, weil sie belegen, welch intellektuelle
               Kapazität und Kreativität im Kreis um Adorno versammelt war, sondern auch, weil sie
               die Personen sind, deren intellektuelle Biografien Später in den folgenden Kapiteln
               nachzeichnet. </p>
            <p>Adornos überraschender Tod im August 1969 markierte einen dramatischen Einschnitt für
               das von studentischen Protesten erschütterten IfS. In den Wochen und Monaten zuvor
               war es zu den bereits oben erwähnten tumultartigen Auseinandersetzungen mit
               Gebäudebesetzungen und Polizeieinsätzen gekommen. Einer der Führungsfiguren der
               militanten Proteste war Hans-Jürgen Krahl, „Adornos problematischer Lieblingsstudent“
               (S. 177), den Habermas schon 1968 in seiner Polemik „Die Scheinrevolution und ihre
               Kinder“ als „Agitator, der […] den Realitätskontakt verloren hat“<note
                  type="footnote" xml:id="n44"> Habermas, Jürgen: Die Scheinrevolution und ihre
               Kinder, in: ders.: Kleine Politische Schriften I–IV, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1981,
               S. 258.</note> abgekanzelt hatte. Krahl, der im Februar mit nur 27 Jahren an den
               Folgen eines Autounfalls starb, gehörte zu den Begründern der „sogenannten NML“ (S.
               243), also der linkshegelianisch motivierten Neulektüre der Wertformanalyse in Marx‘
               „Das Kapital“. Dieser fast vergessenen Theorietradition sowie Krahls überschäumendem
               politischen Aktivismus verpflichtet, wollen die drei Herausgebenden des Buches „Für
               Hans-Jürgen Krahl“<note type="footnote" xml:id="n45"> Gerber, Meike/Kapfinger,
               Emanuel/Volz, Julian (Hrsg.): Für Hans-Jürgen Krahl. Beiträge zu seinem
               antiautoritären Marxismus, mandelbaum, Wien/Berlin 2022.</note> ein kleines Denkmal
               setzen. Das Buch versammelt einige zeitgenössische Dokumente wie einen Brief Krahls
               aus der Untersuchungshaftanstalt nach der Besetzung des IfS und seine Erklärung gegen
               die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes. In
               elf Aufsätzen wird der Versuch unternommen, Krahls Gedanken für die heutige Zeit
               fruchtbar zu machen. Etwas vollmundig wirkt allerdings die Behauptung in der
               Einleitung, dass Krahl, wäre ihm ein längeres Leben beschieden gewesen, entgegen den
               angeblich liberalen Linien der Frankfurter Schule von Habermas und Honneth „eine
               dritte, praktisch-revolutionäre Rezeptionslinie“ (S. 17) der Kritischen Theorie hätte
               in die Welt setzen können. Zur Theoriegeschichte im Konjunktiv lässt sich wenig
               sagen, außer vielleicht im Sinne des lateinbegeisterten Krahl ein aufmunterndes <hi
                  style="font-style: italic;">Hic Rhodus, hic salta!</hi></p>
            <p>Doch zurück zu dem Buch von Jörg Später. In den nun folgenden 400 Seiten verfolgt er
               die unterschiedlichen biografischen und intellektuellen Wege der oben aufgelisteten
               Kohorte an Schülern und Schülerinnen Adornos. Er schildert die heftigen Konflikte
               über die Nachfolge Adornos in Frankfurt, den Weggang von Habermas nach Starnberg,
               Friedeburgs konfliktreiches Gastspiel als Bildungsminister in Hessen und wie sich aus
               der Schülergruppe an den Universitäten in Hannover (Negt), Gießen (Pross) und
               Lüneburg (Schweppenhäuser) Ableger der Frankfurter Schule bildeten. Am IfS hatte
               unterdessen eine „proletarische Wende“ (S. 214) stattgefunden mit einem fast
               kompletten Personalwechsel und der Konzentration auf industriesoziologische
               Forschungsprojekte. Der Tod von Horkheimer im Jahre 1973, dem 50. Jubiläumsjahr der
               Gründung des IfS, blieb nahezu ohne Resonanz am Institut. Ausführlichen Platz räumt
               Später den immensen philologischen Bemühungen von Tiedemann und Schweppenhäuser um
               die Edition der Werkausgaben von Walter Benjamin und von Theodor W. Adorno ein. </p>
            <p>Das literarische Glanzstück des Buches ist das mit „Die großen Erzählungen der 1980er
               Jahre: Ein Theoriemuseum“ (S. 433) überschriebene Kapitel. Später porträtiert darin
               vier wichtige Bücher, die zu Beginn der 1980er Jahre erschienen, und berichtet von
               den damaligen Rezeptionen. Es handelt sich um „Theorie des kommunikativen Handelns“
               von Jürgen Habermas, „Geschichte und Eigensinn“ von Oskar Negt und Alexander Kluge,
               Elisabeth Lenks „Die unbewußte Gesellschaft“ sowie „Fortschritt in der Philosophie“
               von Haag. Mit dieser Buchauswahl beweist Später eine ausgesprochen glückliche Hand,
               denn es gelingt ihm damit, das breite Spektrum der Theorieweiterentwicklung in der
               Kritischen Theorie nach dem Tod Adornos plastisch vor Augen zu führen. Bis auf das
               Buch von Haag, der seine unbefristete Universitätsstelle 1971 kündigte und der von da
               an als eine Art „Eremit“ (S. 249) unter ärmlichen Verhältnissen lebte, um sich
               ungestört dem Studium des mittelalterlichen Universalienproblems zu widmen, machten
               die anderen drei Bücher damals mächtig Furore. Heute sind sie bis auf das Werk von
               Habermas mehr oder weniger in Vergessenheit geraten; Späters Buchkapitel macht großen
               Appetit, zumindest die zwei Bücher von Haag mit seinem Plädoyer einer negativen
               Metaphysik und von Lenk mit ihrer Literaturgeschichte des Traums im Zeitalter der
               Vernunft zu lesen (während im Zuge der Aufmerksamkeit, die Haag im Zuge der
               Jubiläumsfeierlichkeiten zuteil wurde, sein Buch mittlerweile auch gedruckt neu
               aufgelegt wurde<note type="footnote" xml:id="n46"> Haag, Karl Heinz: Der Fortschritt
               in der Philosophie, Humanities-Online, Frankfurt a. M. 2025. Zeitgleich ist ein
               gedruckter Sammelband mit Beiträgen über sein Lebenswerk erschienen: Kern, Peter
               (Hrsg.): Kritische Theorie als Metaphysik: Karl Heinz Haag. Studien und Kommentare,
               Humanities-Online, Frankfurt a. M. 2025.</note>, ist Lenks Buch momentan weiterhin
               vergriffen).</p>
            <p>Gut getroffen ist Späters Beobachtung, wie Habermas seit Ende der 1970er Jahre
               „allmählich die Schirmherrschaft für die Historiografie der Kritischen Theorie“ (S.
               358) zu übernehmen versuchte. Er unterstützte Helmut Dubiel, Alfons Söllner und Rolf
               Wiggershaus in ihren wissenschaftshistorischen Forschungen und gehörte zu den
               Mitorganisatoren der Jubiläumskonferenzen zu Adorno und zu Horkheimer. Die Bemühungen
               von Habermas blieben nicht unwidersprochen und führten zu einem Erbschaftsstreit, der
               von späteren Generationen bis heute weitergeführt wird. Die Konfliktlinie läuft
               entlang der Frage, wie weit man sich von den theoretischen Vorgaben Adornos entfernen
               darf, um Anrecht auf den Titel ‚Kritische Theorie der Frankfurter Schule‘ geltend
               machen zu können. Während Habermas den einen seitdem als Verräter des Erbes von
               Adorno gilt, polemisiert Habermas gegen die mangelnde theoretische Kreativität von
               „orthodox-ungebrochene[n] Fortsetzungen“.<note type="footnote" xml:id="n47">
               Habermas, Jürgen: Drei Thesen zur Wirkungsgeschichte der Kritischen Theorie, in:
               Honneth, Axel/Wellmer, Albrecht (Hrsg): Die Frankfurter Schule und die Folgen, de
               Gruyter, Berlin 1986, S. 8–12, hier S. 12.</note> Später ist allerdings auch
               zuzustimmen, wenn er konstatiert, dass sich seit den späten 1980er Jahren die Namen
               Habermas und Axel Honneth in der Rezeption der Kritischen Theorie als dominante
               Generationenfolge etabliert haben oder – wie er es launig formuliert – „die H. und H.
               Dynastie“ (S. 494). </p>
            <p>Später beendet sein Buch mit Schnädelbachs Idee von „Philosophie als Theorie der
               Rationalität“ (S. 535) und seinen zunehmenden genervten Reaktionen auf eine unter
               Bezugnahme auf die „Dialektik der Aufklärung“ vorgebrachte radikale Vernunftkritik.
               Sein Ausblick lässt noch einige Zeilen Platz für Habermas‘ „Faktizität und Geltung“
               (1992) sowie die Formierung einer „vierten Generation“ (S. 541) der Frankfurter
               Schule mit den Namen Rainer Forst, Rahel Jaeggi und Martin Saar. </p>
            <p>Was bleibt heute von der Frankfurter Schule? Später zufolge ist es „ihr Glutkern –
               das Existentialurteil über die falsche Gesellschaft“<note type="footnote"
                  xml:id="n48"> Später, Jörg: Adornos Flaschenpost. Was bleibt von der Kritischen
               Theorie?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik (2024), H. 8, S. 51–59,
               hier S. 59.</note>, der nicht erlischt, solange wie es systemische Krisen wie
               beispielsweise den vom Industriekapitalismus erzeugten Klimawandel gibt. Sein Buch
               ist faktenreich, vorzüglich recherchiert, theoriehaltig und dennoch wunderbar lesbar
               geschrieben. Es wird auf unabsehbare Zeit <hi style="font-style: italic;">das</hi>
               Standardwerk über die Geschichte der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule in den
               zwei Dekaden nach dem Tod von Adorno sein. </p>
         </div>
         <div>
            <head n="5." rendition="Überschrift1">Neuigkeiten aus Starnberg</head>
            <p>Die noch in der zehnten Lebensdekade scheinbar ungebrochene Produktivität von Jürgen
               Habermas verblüfft Bewunderer wie Kritiker gleichermaßen. Kaum war 2019 sein neues
               Opus Magnum<hi style="font-style: italic;"> </hi>mit mehr als 1.600 Seiten, „Auch
               eine Geschichte der Philosophie“, erschienen, machte er sich an ein Update seines
               berühmten Buches über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von 1962. Dem 2022
               publizierten Buch „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“<note type="footnote"
                  xml:id="n49"> Habermas, Jürgen: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und
               die deliberative Politik, Suhrkamp, Berlin 2022.</note> zufolge haben wir es
               gegenwärtig erneut mit einer epochalen Veränderung von Öffentlichkeit zu tun.
               Habermas macht den neuen Strukturwandel am „Plattformcharakter“ (S. 44) der neuen
               Medien fest. Die auf den digitalen Plattformen entstandenen „Echo-Kammern“ (S. 45)
               und „Filterblasen“ (S. 62) zerstörten die Infrastruktur einer allen Bürgern und
               Bürgerinnen gemeinsamen politischen Öffentlichkeit. Wie schon in seinem mittlerweile
               klassischen Buch von 1962 verwendet Habermas auch diesmal eine an Metaphern reiche
               Sprache.<note type="footnote" xml:id="n50"> Vgl. Buchstein, Hubertus: Being a Master
               of Metaphors, in: Constellations 30 (2023), H. 1, S. 48–54.</note>
            </p>
            <p>Die beiden im zeitlichen Abstand von 60 Jahren geschriebenen Werke über den
               Strukturwandel der Öffentlichkeit umspannen den großen wirkungsgeschichtlichen
               Zeitraum, den Philipp Felsch in seinem Buch „Der Philosoph. Habermas und wir“<note
                  type="footnote" xml:id="n51"> Felsch, Philipp: Der Philosoph. Habermas und wir,
               Propyläen, Berlin 2024.</note> in den Blick nimmt. Sein vorheriges Buch „Der lange
               Sommer der Theorie“<hi style="font-style: italic;"> </hi>ist zu Recht als eine
               grandiose popliterarische Theoriegeschichtserzählung gefeiert worden. Habermas mit
               seinem „bukolische[n] Theoriedesign“<note type="footnote" xml:id="n52"> Felsch,
               Philipp: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, Beck,
               München 2015, S. 225.</note> blieb darin allerdings lediglich eine Randfigur in der
               Rolle des emsigen Gegenspielers von Luhmann. In seinem neuen Buch über Habermas nun
               lässt Felsch dessen verschiedene biografische Stationen Revue passieren. Er
               interessiert sich in diesem Zusammenhang in erster Linie für dessen politisches
               Engagement und die Resonanz darauf in der bundesdeutschen Öffentlichkeit. </p>
            <p>Das Buch ist teilweise im unterhaltsamen Stil einer <hi style="font-style: italic;">home
               story</hi> geschrieben, etwa wenn Felsch von seinen beiden Besuchen bei Habermas in
               Starnberg berichtet und dabei die Aufmerksamkeit der Leserschaft auf seine Zugfahrt
               sowie auf die körperliche Erscheinung des zu diesem Zeitpunkt 93-Jährigen (schlank
               und beweglich), auf dessen Schuhwerk (Sneaker), die Wohnzimmereinrichtung (bequeme
               Sitzgruppe und abstrakte Kunst) und die gereichten Leckereien (Tee und Marmorkuchen)
               richtet; die Ehefrau Ute Habermas-Wesselhoeft stieß erst etwas später dazu. In diesem
               flüssigen Stil geht es weiter und ehe man sich versieht, hat man das Buch
               durchgelesen. Kenner und Kennerinnen des Werkes und Wirkens von Habermas werden
               nichts Neues erfahren. Für noch gar nicht Bewanderte liefert das Buch hingegen einen
               leicht zu lesenden allerersten Einblick in die verzweigte Denkwelt von Habermas.
               Felschs Bemerkung, dass Habermas im Jahr 1984 den „theoretischen Bezugsrahmen des
               Marxismus endgültig hinter sich gelassen“ (S. 84) habe, muss man nicht zustimmen.
               Aber sei‘s drum. Für dessen interdisziplinär angelegte Theoriesynthese wählt Felsch
               jedenfalls die schöne Formel der „Raketenwissenschaft für eine bessere Welt“ (S. 64).
               Wobei er gar nicht erst den Anspruch erhebt, eine Art systematische Theorieeinführung
               zu Habermas geschrieben zu haben, denn er hält dessen Hauptwerke auch nach seinen
               neuerlichen Lektüreversuchen für „entmutigend unzugänglich“ (S. 17). Entsprechend
               macht er einen großen Bogen um den „Byzantinismus seiner Theoriearchitektur“ (S. 12)
               und möchte Habermas in erster Linie in der Rolle des politischen Kommentators
               präsentieren. </p>
            <p>Eine seiner Thesen lautet, dass die von Habermas seit den späten 1960er Jahren
               formulierte Theorie des kommunikativen Handelns „der Bonner Republik wie auf den Leib
               geschrieben“ (S. 74) sei; wohlgemerkt: der alten Bonner, nicht der späteren und der
               heutigen Berliner Republik. Natürlich geht er auch auf Habermas‘ „Spießrutenlaufen in
               Frankfurt“ (S. 30) während der studentischen Proteste ein. Schon für diese Zeit
               allerdings moniert er, dass es ein „Missverständnis“ (S. 54) sei, wenn man glaube,
               dass Habermas am Diskutieren um des Diskutierens willens interessiert sei. Im
               Gegenteil. Felsch bescheinigt Habermas eine „ausgeprägte Feindwahrnehmung“ und einen
               „Mangel an Largesse“ (ebd.). Er illustriert seine Einschätzung an Habermas‘ Rolle im
               Historikerstreit im Jahr 1986. Habermas habe sich laut Felsch auf das Feld der
               Geschichtspolitik begeben, weil er realisiert habe, dass er mit seiner zweibändigen
               „Theorie des kommunikativen Handelns“ von 1981 nicht genügend „Deutungshoheit“ (S.
               133) in der Bundesrepublik erlangt hätte. Im Zuge des Historikerstreits sei er dann
               vollends dazu übergegangen, in kulturellen anstatt in gesellschaftlichen Kategorien
               zu argumentieren und die Praxis seiner Kritischen Theorie durch „Metapolitik, das
               heißt den Kampf um Hegemonie zu ersetzen“ (ebd.). Pointiert wird auch auf Habermas‘
               kontroverse Stellungnahmen während des Deutschen Herbstes 1977, in den Debatten über
               die Nachrüstung in der Bundesrepublik, zur deutschen Wiedervereinigung, zum
               amerikanischen Krieg im Irak oder zuletzt auf seine besorgten Äußerungen zum
               russischen Angriffskrieg auf die Ukraine eingegangen. </p>
            <p>Felsch zeichnet das Bild eines am Ende tragisch Verlorenen. Von seinem zweiten und
               letzten Besuch bei Habermas im September 2023 berichtet er in Reportermanier: „Und
               dann sagt er einen Satz, der unseren Gesprächsfluss einen Moment lang stocken lässt:
               All das, was sein Leben ausgemacht habe, gehe gegenwärtig ‚Schritt für Schritt‘
               verloren“ (S. 187). Auch wenn Felsch gleich im Anschluss daran notiert, es sei
               „bestürzend, Habermas – den letzten Idealisten – so fatalistisch zu erleben“ (ebd.),
               kann man sich beim Lesen dieser und ähnlicher Passagen des Buches nicht des Eindrucks
               erwehren, dass Felsch sie mit dem Gefühl einer gewissen Befriedigung
               niedergeschrieben hat. Gut dosiert auf mindestens sechs Stellen im Buch verteilt
               findet sich die Aussage, Habermas sei ein „unorigineller Denker“ (S. 14), der
               lediglich „Ideen aus zweiter Hand zusammentrage“ (ebd.). Felsch spricht an solchen
               Stellen natürlich nie als auktorialer Erzähler, sondern erfüllt lediglich die ihm
               obliegende Chronistenpflicht, etwa wenn er Peter Sloterdijk unkommentiert mit den
               Worten zitiert, Habermas sei ein „Genie der Paraphrase“ (S. 34) oder Arno Widmanns
               Formulierung wiedergibt, Habermas spreche lediglich „in anderen Zungen“ (S. 99).
               Geradezu perfide wird Felschs Reportage an einer anderen Stelle, die für den Status
               der Theorie von Habermas jedoch von entscheidender Bedeutung ist. Habermas berichtete
               davon, dass er es als einen „Glücksfall“ (S. 189) in seinem Leben erlebt hätte, so
               vielen dem Holocaust entronnenen jüdischen Gelehrten begegnet zu sein. Felsch zufolge
               habe sich Habermas deswegen den „geschulten Blick der Exilierten“ (S. 29) zu eigen
               gemacht. Unter der Hand konstruiert Felsch dann allerdings aus diesen
               Lebenserfahrungen und einer damit einhergehenden vermeintlichen Fixierung auf den
               Holocaust eine Art provinziellen bundesrepublikanischen Universalismus in der
               Moraltheorie von Habermas. Den moralischen Universalismus der Diskursethik von
               Habermas relativiert Felsch auf diese Weise zu einem nachkriegsdeutschen und
               provinziellen Partikularismus, einer Art temporärem Sonderfall, über den wir mit dem
               Tod der Zeitzeugen hinweggleiten. Unausgesprochen folgt daraus, dass mit dem Wegfall
               dieser exzeptionellen Erfahrungsmöglichkeiten eine neue Normalität entsteht, in der
               die motivationale Basis für moralischen Universalismus entfällt. Immanuel Kant und
               John Rawls würden nur müde abwinken ob solch einer mentalitätsgeschichtlichen
               Relativierung der universalistischen Impulse der politischen Philosophie. </p>
            <p>Was zu der Frage führt, wer eigentlich das „wir“ aus dem Untertitel des Buches sein
               soll. Ich vermute, Felsch möchte die gesamte bundesrepublikanische Öffentlichkeit
               meinen. So, wie das Buch geschrieben ist, bezieht das „wir“ sich möglicherweise eher
               auf die spezielle Generationskohorte derer, die wie Felsch einst als
               „Lieblingsautoren“ die poststrukturalistischen „französischen Philosophen“ (S. 12)
               lasen. Oder handelt es sich um einen <hi style="font-style: italic;">Pluralis
               Majestatis</hi> des Besuchers in Starnberg zu Tee und Marmorkuchen bei Jürgen
               Habermas und seiner (im Juni 2025 verstorbenen) Ehefrau Ute Habermas-Wesselhoeft? </p>
            <p>Um aus erster Hand etwas über die Selbstwahrnehmung und Gemütslage von Habermas zu
               erfahren, lohnt es sich, den von Roman Yos und Stefan Müller-Doohm arrangierten
               Gesprächsband mit ihm zu lesen, der unter dem Titel „Es musste etwas besser werden…“
               erschienen ist.<note type="footnote" xml:id="n53"> Habermas, Jürgen: „Es musste etwas
               besser werden…“. Gespräche mit Stefan Müller-Doohm und Roman Yos, Suhrkamp, Berlin
               2024.</note> Anders als Felsch sind Müller-Doohm und Yos intime Kenner des
               theoretischen Werks von Habermas, ohne deshalb kritiklose – wenn ich mit diesem
               Etikett hausieren gehen darf – <hi style="font-style: italic;">Habermaniacs </hi>zu
               sein<hi style="font-style: italic;">.</hi> Die abgedruckten Gespräche seit Oktober
               2021 wurden in persönlichen Treffen vorbereitet und danach vorwiegend in der Form des
               Mailwechsels fortgesetzt. </p>
            <p>Einschlägigen Bibliografien kann man entnehmen, dass es weltweit mittlerweile mehr
               als 250 veröffentlichte Interviews mit Habermas gibt. Einige von ihnen sind in dessen
               zwölfbändiger Reihe „Kleine Politische Schriften“ leicht zugänglich greifbar. Was
               kann es also noch an neuen Informationen geben? Nun, vieles aus dem buchlangen
               Gesprächsband ist tatsächlich aus älteren Interviews oder Veröffentlichungen bekannt.
               Das gilt beispielsweise für den Bericht über die Anfänge seiner wissenschaftlichen
               Biografie, seine ersten Frankfurter Jahre bei Adorno und am IfS sowie seine erste
               Professur in Heidelberg 1961. Lesenswert sind diese Kapitel dennoch, denn Habermas
               verbindet eindringlicher als je zuvor seinen intellektuellen Werdegang mit
               Würdigungen der Personen, die ihn inspirierten, und mit Einblicken in sein
               Privatleben.</p>
            <p>Seine Erinnerungen an seine erste Frankfurter Zeit bestätigen die vielfach
               überlieferten Berichte über die überragende intellektuelle Rolle Adornos am IfS. Die
               „alte Kritische Theorie“, so Habermas, sei längst nicht mehr von Horkheimer, sondern
               „in überzeugender Form allein von Adorno vertreten worden“ (S. 45). Er erinnert seine
               Gesprächspartner in diesem Zusammenhang daran, dass Adorno zwischen 1956 und 1969
               noch nicht als der bedeutende Philosoph wahrgenommen wurde, der er erst posthum durch
               seine beiden großen Spätwerke, die „Negative Dialektik“ und die „Ästhetische
               Theorie“, geworden ist. Den damaligen Forschungen am Institut attestiert er eine
               „fühlbare Lücke zwischen Theorie und Empirie“ (S. 50), was sich unter anderem daran
               erwiesen habe, dass die ambitionierten theoretischen Einleitungen zu den Büchern in
               aller Regel erst im Nachgang zu den fertiggestellten empirischen Studien verfasst
               wurden. Die am Ende der 1960er Jahre eskalierenden Konflikte an der Universität
               Frankfurt sind kein Thema in dem Buch. Großen Raum nehmen hingegen Fragen und
               Antworten zur Theorie von Habermas ein. Die Fragen sind kompetent gestellt und
               Habermas weicht ihnen nie aus. Man erfährt auf diese Weise sogar einiges Neues oder
               doch zumindest Klärendes zu seinem Verhältnis zu Anthropologie, Biologie und
               Psychoanalyse. Ausführlich werden auch das Problem einer Wahrheitstheorie im
               nachmetaphysischen Zeitalter sowie seine Wende zum Kantischen Pragmatismus erörtert.
               Wenig überraschend wird Habermas ebenso ausführlich über seine Position zu religiösen
               Überzeugungen befragt. Den größten Umfang in den theoretischen Erörterungen nehmen
               Nachbetrachtungen zu „Auch eine Geschichte der Philosophie“ ein. </p>
            <p>Diesem voluminösen Doppelband ist auch eine von Müller-Doohm zusammen mit Smail Rapic
               und Tilo Wesche herausgegebene Veröffentlichung mit dem Titel „Vernünftige Freiheit“<note
                  type="footnote" xml:id="n54"> Müller-Doohm, Stefan/Rapic, Smail/Wesche, Tilo
               (Hrsg.): Vernünftige Freiheit. Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas, Suhrkamp,
               Berlin 2024.</note> gewidmet. Es ist ein Buch in der guten und bekannten Tradition
               von Sammelbänden, in denen ein Themenkomplex aus dem Werk eines wichtigen Autors oder
               einer wichtigen Autorin von verschiedenen Seiten her beleuchtet wird. Die 14 Beiträge
               des Bandes sind fast ausnahmslos von ausgewiesenen Kennern und Kennerinnen des Werks
               von Habermas geschrieben. Widerspruch erfährt er vor allem im Hinblick auf seine
               Überlegungen zur Übersetzung religiöser Gehalte in die Vernunft der Moderne, auf
               seine Genealogie nachmetaphysischen Denkens, auf einzelne philosophiegeschichtliche
               Konstruktionen, auf seine Thesen zu Lernprozessen des Rechts und der Moral sowie auf
               sein Freiheitsverständnis. Wie immer bei derartigen Bänden kann man sich leicht
               vertiefend verlieren in der Kontroverse um Detailfragen, beispielsweise dem vom
               Ägyptologen Jan Assmann herangezogenen Vergleich von Echnatons Lehre mit dem Beginn
               des jüdischen Monotheismus (S. 284 ff.). Und wie immer bei derartigen Bänden hat
               Habermas es sich auch diesmal nicht nehmen lassen, in einer ausführlichen Replik (von
               62 Druckseiten Umfang) auf das Trommelfeuer der Kritik zu antworten. </p>
            <p>Während Habermas sich in der erwähnten Replik gewohnt kämpferisch bei der
               Verteidigung seiner Positionen gibt, ist er in dem Gesprächsband zurückhaltender.
               Weiterhin insistiert er zwar auf den Anspruch einer „kritische[n]
               Gesellschaftstheorie“ (S. 79) gegenüber einer bloß beschreibenden Soziologie.
               Unumwunden räumt er allerdings auch ein, dass er diesbezüglich mit seiner
               Rekonstruktion der normativen Erwartungen der Handlungsakteure in der „Theorie des
               kommunikativen Handelns“ „die Profession […] nicht habe überzeugen können“ (S. 81).
               Ähnlich skeptisch äußert er sich über die langfristige Wirkungsgeschichte seines
               Gesamtwerkes: „[W]as den Kern meiner Theorie anbetrifft, bin ich nicht
               optimistischer. Dazu fehlt das eine zentrale große Buch, mit dem man das ganze
               gewissermaßen ‚in der Hand hat‘“ (S. 112). Auf den möglichen Einwand, eine solche
               Selbsteinschätzung möge angesichts der Vielzahl an Sekundärliteratur „larmoyant“
               (ebd.) klingen, reagiert er mit der Einschätzung, dass er abgesehen von seiner
               Rechts- und Moralphilosophie „nur vereinzelt produktive Fortsetzungen [seiner]
               eigene[n] philosophische[n] Gedanken“ (ebd.) beobachten könne. An anderer Stelle hebt
               er hervor, dass er regelmäßig alle neuen Bücher von Ronald Dworkin und Richard Rorty
               gelesen habe, dass es ihm aber umgekehrt „immer unklar geblieben“ sei, wie weit die
               beiden bei aller kollegialer Freundschaft und allem offensichtlichen Interesse an
               Diskussionen mit ihm „auch mit meinen Sachen vertraut waren – und ob überhaupt“ (S.
               218). Es weht ein Hauch von Vergeblichkeitsstimmung durch Gesprächspassagen wie
               diese. </p>
            <p>Die in dem Buch von Felsch zitierten pessimistischen Äußerungen von Habermas zum
               politischen Tagesgeschehen lesen sich im Gesprächsband etwas anders. Natürlich listet
               Habermas auf Anfrage die übliche Reihe von dramatischen aktuellen Krisenphänomenen
               auf, vom Klimawandel über eine Verwahrlosung der politischen Kultur und den Aufstieg
               des Rechtsextremismus bis zum Ukrainekrieg. Das macht keine Lust auf Zukunft.
               Ironisch fügt er danach aber hinzu, „[d]ass eine so überaus schwarze Sicht nur meinem
               subjektiven Alterspessimismus entspringen kann“ (S. 155). Demgegenüber hält er
               unverdrossen an „Hoffnung“ fest und wiederholt seine „Intuition“ eines „langfristig
               immer wieder durch Regressionen zurückgeworfenen Fortschritts der Vernunft in der
               Geschichte“ (ebd.). Wenn der global absteigende Westen die Menschenrechtsordnung
               unvollendet liegen lassen sollte, dann wird möglicherweise ein aufsteigendes China,
               so seine Spekulation, aus den Tiefen seiner langen und vielfältigen Kultur
               rechtzeitig die Einsicht in die normative Vorzugswürdigkeit von Menschenrechten
               gewinnen. </p>
            <p>Auf ähnliche Weise verwahrte sich Habermas im Übrigen kurz darauf in einem Beitrag
               zur Ausstellung „Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert“, die im Deutschen
               Historischen Museum in Berlin 2024/25 gezeigt wurde. Er listet viele gegenwärtige
               politische Rückschläge auf, wendet sich aber gegen pauschale „Aufklärungsskepsis“.
               Stattdessen betonte er: „Die Pointe meiner Überlegungen ist im Gegenteil die
               Bekräftigung der <hi style="font-style: italic;">reflexiv</hi> gewordenen Einsicht
               der klassischen Aufklärung.“<note type="footnote" xml:id="n55"> Habermas, Jürgen: Was
               heißt Aufklärung?, in: Gross, Raphael/Weissberg, Liliane (Hrsg.): Was ist Aufklärung?
               Fragen an das 18. Jahrhundert, Hirmer, München 2024, S. 302. </note>
            </p>
            <p>Habermas wirkt in dem Gesprächsband eher als ein von den Zeitläuften belehrter
               Skeptiker als ein zum Pessimisten Verwandelter. Dieser Eindruck deckt sich mit dem
               Schlusskapitel des zweiten Bandes von „Auch eine Geschichte der Philosophie“, wo er
               nicht müde wird, darauf hinzuweisen, wie „voraussetzungsvoll“, „fragil“ und „in
               besonderem Maße störanfällig“<note type="footnote" xml:id="n56"> Habermas, Jürgen:
               Auch eine Geschichte der Philosophie, 2 Bde., Suhrkamp, Berlin 2019, S. 763 f., S.
               766.</note> das Modell des demokratischen Verfassungsstaats grundsätzlich ist.
               Insofern ist die Feststellung am Ende des Buches von Felsch, Habermas habe sich
               neuerdings zu einem „hartgesottenen Realisten“ (S. 185) gemausert, lediglich halb
               zutreffend. Dass er ein Realist ist, würde Habermas nicht bestreiten; er würde
               allerdings bestreiten, dass es erst der neueren politischen Entwicklungen bedurft
               hat, um ihn zu einem Realisten zu machen. </p>
         </div>
         <div>
            <head n="6." rendition="Überschrift1">Das Jubiläum in Frankfurt</head>
            <p>Die Vorbereitungen zu den in Frankfurt ausgiebig begangenen Feierlichkeiten zum
               100-Jahr-Jubiläum des IfS fielen mit einem Wechsel an ihrer Spitze zusammen. Seit
               2021 ist der zuvor in Jena und München lehrende Soziologe Stephan Lessenich neuer
               Institutsdirektor. Sozialforschung, so erklärte er sogleich zu Beginn seiner neuen
               Tätigkeit, sei die in kritisch-theoretischer Absicht betriebene „wissenschaftliche
               Parteinahme gegen die Unerträglichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse“.<note
                  type="footnote" xml:id="n57"> Lessenich, Stephan: Kritische Theorie – in Differenz
               und Indifferenz, in: Mittelweg 36, 10 (2021), H. 3, S. 55.</note> Den beiden bisher
               bekannten Etikettierungen „Grand Hotel Abgrund“ und „Café Marx“ fügte er eine dritte
               hinzu: die „Petite Auberge Aufbruch“.<note type="footnote" xml:id="n58"> Lessenich,
               Stephan: Petite Auberge Aufbruch. Zu den Möglichkeiten kritischer Sozialforschung
               heute, in: Soziologie 51 (2022), H. 2, S. 125.</note>
            </p>
            <p>Das IfS feierte sein 100-jähriges Bestehen mit zwei großen Events: einer „Zweiten
               Marxistischen Arbeitswoche“ zu Pfingsten und einer internationalen wissenschaftlichen
               Tagung mit dem Titel „Kritische Theorie heute“ im Herbst 2023. Im Zusammenhang der
               Jubiläumsaktivitäten publizierte das Institut unter der Federführung des neuen
               Direktors eine Broschüre mit dem Titel „100 Jahre IfS. Perspektiven“<note
                  type="footnote" xml:id="n59"> Institut für Sozialforschung: 100 Jahre IfS.
               Perspektiven, Institut für Sozialforschung, Frankfurt a. M. 2023.</note>, in der die
               Programmatik der zukünftigen Arbeit skizziert wird. Der Ausgangspunkt der
               Überlegungen ist, dass eine programmatische Neuausrichtung des IfS nötig sei. Als
               historische Referenz beziehen sie sich auf die aktivistische Anfangsphase des
               Instituts während der Wirren des Krisenjahres 1923. Die Gründung sei in eine Zeit
               sozialer Umwälzungen und Kämpfe gefallen, die „für einen kurzen historischen Moment
               vieles möglich erschienen ließen“, einschließlich einer „von der Arbeiterklasse
               durchgesetzten Revolutionierung der Produktions- und Eigentumsverhältnisse“ (S. 3).
               Die Gründungsfiguren des Instituts hätten sich als die „intellektuelle[n] Begleiter“,
               wenn nicht gar als „aktiver Teil einer politischen Emanzipationsbewegung“ (ebd.)
               verstanden. Da es „zwischenzeitlich so scheinen mochte“, als habe sich das IfS
               „teilweise von den sozialen Kämpfen um eine radikale Veränderung der Gesellschaft
               entfernt“ (ebd.), so müsse heute wieder an den damaligen radikalen und aktivistischen
               Geist Anschluss gesucht werden. Die Gegenwart sei eine mit 1923 ähnliche
               Krisensituation, denn erneut stehe die Institutsarbeit „im Zeichen unverkennbarer
               Erschütterungen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung“ (ebd.). Deswegen bedürfe
               die Institutsarbeit einer neuen Programmatik, welche „den Kategorien der Krise und
               des Widerspruchs neues Gewicht verleiht“ (S. 4). Die gesellschaftlichen
               Krisenphänomene hätten einen derart existentiellen Charakter angenommen, dass es
               heute um nicht mehr oder weniger als die „Systemfrage“ (ebd.) gehe. Die Welt, so
               Lessenich, steht „in ihrer globalkapitalistischen Verfasstheit am Abgrund“ (S. 120).<note
                  type="footnote" xml:id="n60"> Diese und die weiteren Seitenangaben beziehen sich
               auf: Lessenich, Petite Auberge Aufbruch (wie Anm. 58).</note>
            </p>
            <p>Die legitimatorische Funktion dieser doch sehr selektiven wissenschaftshistorischen
               Rückschau auf das Jahr 1923, mit der sich die zukünftige Arbeit am Institut auf eine
               gesellschaftspolitische Fundamentalopposition festzulegen scheint, ist unverkennbar.
               Aus historischer Sicht ist der emphatische Bezug auf 1923 freilich nicht
               unproblematisch. Die krisengeschüttelte junge Weimarer Republik stand in diesem Jahr
               ja keineswegs im Begriff, sich im Sinne der Institutsgründer positiv in eine
               sozialistische oder kommunistische Richtung zu entwickeln. Die von der KPD in
               Thüringen und Sachsen (ganz im Sinne von Lukács und vermutlich auch Korsch)
               propagierte Bildung von bewaffneten „Proletarischen Hundertschaften“ hatte als
               Reaktion das bald darauf erfolgende rechtsautoritäre Umkippen regelrecht provoziert. </p>
            <p>Nun ist der neue Institutsdirektor Lessenich Profi und Realist genug, um einzuräumen,
               dass das Institut trotz aller Systemoppositionsprogrammatik auch künftig Wege finden
               muss, finanzielle Forschungsmittel aus den „etablierten Mechanismen des
               Wissenschaftsbetriebes“<hi style="vertical-align: sub;"> </hi>(S. 117) loszueisen.
               Die strukturellen Hürden, die vor der erfolgreichen Beantragung von Drittmitteln für
               Forschungsprojekte in der interdisziplinär angelegten Tradition Max Horkheimers
               aufgestellt sind, hat Honneth in seinem Rückblick auf seine ersten Jahre als Direktor
               des IfS jüngst pointiert benannt.<note type="footnote" xml:id="n61"> Honneth, Axel:
               Frühes Glück und schnelles Leid. Meine ersten Jahre am Institut für Sozialforschung,
               in: Soziologie 51 (2022), H. 1, S. 7–19.</note> Immerhin ist es dem Institut
               gelungen, erstmals seit Langem vom Land Hessen und der Stadt Frankfurt nicht nur für
               den Betrieb des Hauses, sondern auch für die Forschung eine kleine Grundfinanzierung
               zu erhalten. Unter „Petite Auberge Aufbruch“ versteht Lessenich die Vision eines IfS,
               das nach dem Vorbild des Wissenschaftskollektivs um Pierre Bourdieu arbeitet. Es
               solle ein „offenes Haus“ (S. 123) sein, das für all diejenigen in der Frankfurter
               Stadtgesellschaft bereitsteht, die gemeinsam mit den Institutsangehörigen am
               politischen Projekt einer Gesellschaft ohne die „Sinnlosigkeit des Leids“
               (Horkheimer) arbeiten wollen. </p>
         </div>
          <div>
         <head n="7." rendition="Überschrift1">Auswahlbibliografie</head>
         <table n="Auswahlbibliografie">
          <row>
            <cell>Adorno, Theodor W.: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, 86 S., Suhrkamp, Berlin 2019.</cell>
          </row>
          <row>
            <cell>Adorno, Theodor W.: Nachgelassene Schriften. Abteilung IV: Vorlesungen, Bd. 12, Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft, 278 S., Suhrkamp, Berlin 2023.</cell>
          </row>
          <row>
            <cell>Adorno, Theodor W.: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, 86 S., Suhrkamp, Berlin 2024.</cell>
          </row>
          <row>
            <cell>Adorno, Theodor W./Friedeburg, Ludwig von: Briefwechsel 1950–1969, hrsg. v. Dirk Braunstein und Maischa Gelhard, 194 S., Suhrkamp, Berlin 2024.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Buckmiller, Michael (Hrsg.): Die Erneuerung des Marxismus. Karl Korsch 1886–1961. Ausstellung und Vorträge, 121 S., Offizin, Hannover 2022.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Demirović, Alex: Der nonkonformistische Intellektuelle. Von der kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, 800 S., mandelbaum, Wien/Berlin 2023.</cell>
          </row>

          <row>

            <cell>Felsch, Philipp: Der Philosoph. Habermas und wir, 256 S., Suhrkamp, Berlin 2024.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Gordon, Peter E.: Prekäres Glück. Adorno und die Quellen der Normativität, 470 S., Suhrkamp, Berlin 2023.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Gerber, Meike/Kapfinger, Emanuel/Volz, Julian (Hrsg.): Für Hans-Jürgen Krahl. Beiträge zu seinem antiautoritären Marxismus, 304 S., mandelbaum, Wien/Berlin 2022.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Gruber, Hans-Peter: „Aus der Art geschlagen“. Eine politische Biografie von Felix Weil (1898–1975), 776 S., Campus, Frankfurt a. M. 2022.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Habermas, Jürgen: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, 108 S., Suhrkamp, Berlin 2022.</cell>
          </row>

          <row>

            <cell>Habermas, Jürgen: „Es musste etwas besser werden…“. Gespräche mit Stefan Müller-Doohm und Roman Yos, 253 S., Suhrkamp, Berlin 2024.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Institut für Sozialforschung: 100 Jahre IfS. Perspektiven (IfS Working Paper 20), Institut für Sozialforschung, Frankfurt a. M. 2023.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Korsch, Karl: Recht, Geist und Kultur. Schriften 1908–1918. Gesamtausgabe, Bd. 1, Offizin, Hannover 2023.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Lenhard, Philipp: Friedrich Pollock. Die graue Eminenz der Frankfurter Schule, 382 S., Jüdischer Verlag, Berlin 2019.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Lenhard, Philipp: Café Marx. Das Institut für Sozialforschung von den Anfängen bis zur Frankfurter Schule, 624 S., Beck, München 2024.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Link, Fabian: Demokratisierung nach Auschwitz. Eine Geschichte der westdeutschen Sozialwissenschaft in der Nachkriegszeit, 640 S., Wallstein, Göttingen 2022.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Löwenthal, Leo: Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation, 253 S., Suhrkamp, Berlin 2021.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Lukács, Georg: Ästhetik, Marxismus, Ontologie. Ausgewählte Texte, hrsg. von Rüdiger Dannemann und Axel Honneth, 572 S., Suhrkamp, Berlin 2021.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Müller-Doohm, Stefan/Rapic, Smail/Wesche, Tilo (Hrsg.): Vernünftige Freiheit. Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas, 428 S., Suhrkamp, Berlin 2024.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Pollock, Friedrich: Marxistische Schriften. Gesammelte Schriften, Bd. 1, hrsg. von Philipp Lenhard, 362 S., ça ira, Freiburg/Wien 2018.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Pollock, Friedrich: Schriften zu Planwirtschaft und Krise. Gesammelte Schriften, Bd. 2, hrsg. von Philipp Lenhard und Johannes Gleixner, 640 S., ça ira, Freiburg/Wien, 2021.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Später, Jörg: Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik, 760 S., Suhrkamp, Berlin 2024.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Voller, Christian: In der Dämmerung. Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie, 414 S., Matthes &amp; Seitz, Berlin 2022.</cell>
          </row>

          <row>
            <cell>Wysocki, Gisela von: Wiesengrund, 264 S., Suhrkamp, Berlin 2019.</cell>
          </row>
        </table>
      </div>
      </body>
      <back>
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</TEI>