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               <hi style="font-weight: bold;">Warum führen Menschen Krieg?</hi>
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            <author>Dieter Langewiesche, Universität Tübingen, dieter.langewiesche@uni-tuebingen.de
               , ORCID: 000-0002-1956-9809</author>
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            <distributor ref="http://d-nb.info/gnd/10073682-8">
               <email>wdm@ulb.tu-darmstadt.de</email>
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               <idno type="DOI">10.48694/npl.4666</idno>
               <idno type="eISSN">2197-6082</idno>
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                  <addrLine>Magdalenenstr. 8, 64289 Darmstadt</addrLine>
                  <country>Germany</country>
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               <placeName>Darmstadt</placeName>
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               <ab xml:lang="en">This file is licensed under the terms of the Creative Commons
                  License CC BY 4.0 (Attribution 4.0 International)</ab>
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            <date type="submitted">30.06.2025</date>
            <date type="accepted">08.07.2025</date>
            <date type="published">18.12.2025</date>
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            <ab>Born digital</ab>
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               <term>Kriegsursachen: universalgeschichtlich</term>
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               <term>Causes of war: universal history</term>
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      <front>
         <div xml:lang="de">
            <head>Zusammenfassung:</head>
            <p> Richard Overy fragt universalgeschichtlich und multidisziplinär, wie in der
               Fachliteratur unterschiedlicher Disziplinen zu erklären versucht wird, warum seit den
               Anfängen der Menschheit bis heute immer wieder Kriege geführt wurden und weiterhin
               geführt werden. Er unterteilt die befragten Fächer in „Deterministen“ (Biologie,
               Psychologie, Anthropologie, Ökologie) und „Nicht-Deterministen“ (Geschichts-,
               Sozial-, Politikwissenschaften). Die „deterministischen“ Fächer, so lässt sich Overys
               Befund bilanzieren, öffnen zwar spezifische Zugänge für die Frage nach
               Kriegsursachen, doch um plausible Antworten zu finden, müssen andere Zugänge
               hinzukommen. Ohne historische Fallanalyse scheint der große Blick auf lange Zeiträume
               erklärungsarm zu bleiben.</p>
         </div>
         <div xml:lang="en">
            <head>Abstract:</head>
            <p> Overy employs a universal-historical and multidisciplinary approach to elucidate the
               recurrent nature of warfare from the dawn of humanity to the present era. He divides
               the disciplines surveyed into two categories: “determinists” (biology, psychology,
               anthropology, ecology) and “non-determinists” (history, social and political
               sciences). His result: without case analyses the broad view of long periods of time
               remains inexplicable. However, the implications of this finding for the historical
               study of war remain unaddressed. The response to this question should be: The
               subject-specific explanations provided offer no insights that could facilitate the
               historical analysis of the causes of war.</p>
         </div> 
      </front>
      <body>
         <div>
            <p>Der britische Autor Richard Overy, ein ausgewiesener Kenner der Geschichte des 20.
               Jahrhunderts, ist vor allem mit seinen Werken zum Zweiten Weltkrieg und zum
               nationalsozialistischen Deutschland bekannt geworden. Er hat darüber hinaus Studien
               zum Bombenkrieg vorgelegt, jüngst zum Atombomben-Krieg gegen Japan. Ihm ist auch ein
               Vergleich der Diktaturen Hitlers und Stalins zu verdanken. Er ist in
               fachwissenschaftlichen Debatten hervorgetreten, wendet sich in Interviews und
               Zeitungsartikeln an die Öffentlichkeit, wirkt an Ausstellungen mit und hat etliche
               Bücher, die einem breiten Publikum weltgeschichtliche Überblicke bieten, verfasst und
               herausgegeben. All dies rückt Overy in den Kreis international angesehener
               Zeithistoriker, die auch außerhalb des Fachs bekannt sind. Wikipedia informiert in 17
               Sprachen über ihn.<note type="footnote" xml:id="n1"> Ausführliche Informationen zur
               Biografie und zum Werk Richard Overys, einschließlich einer Liste mit Büchern, die er
               geschrieben und allein oder gemeinsam mit anderen herausgegeben hat, bieten die
               deutsch- und die englischsprachige Wikipedia, URL: 
               https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Overy,
               https://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Overy [Zugriff jew. 08.07.2025].</note></p>
            <p>Bisher hat sich Overy als Experte für die geschichtswissenschaftliche
               Forschungssynthese zu Themen des 20. Jahrhunderts profiliert. Nun weitet er dieses
               Feld mit seinem Buch „Warum Krieg?“ universalgeschichtlich und multidisziplinär (das
               Original „Why War?“ erschien 2024 bei Pelican Books). Wer eine Geschichte des Krieges
               oder einzelner Kriege lesen will, muss zu anderen Büchern greifen. Jeder Krieg, so
               betont Overy als Historiker, erfordere „seine eigene historische Erklärung“, die ohne
               den „jeweiligen Kontext“ nicht möglich sei (S. 17). In seinem neuen Werk will er
               hingegen die „prinzipiellen Erklärungsansätze zum Krieg“ (ebd.), die bisher vorgelegt
               wurden, betrachten; genauer: wie in der Fachliteratur unterschiedlicher Disziplinen
               zu erklären versucht wird, warum seit den Anfängen der Menschheit bis heute immer
               wieder Kriege geführt wurden und weiterhin geführt werden. „Über den gesamten
               Zeitraum der menschlichen Evolution hinweg gab es kollektive, tödliche Gewalt
               zwischen unterschiedlichen Gruppen, und für dieses Phänomen muss eine Erklärung
               gefunden werden“ (S. 15). Die Erklärungen, die er zusammengetragen hat,
               veranschaulicht er mit zahlreichen Kriegsbeispielen, ohne jedoch einzelne Kriege
               darstellen zu wollen. „Es geht auch nicht vorrangig um die Frage, wie und mit welchen
               Folgen“ Kriege geführt wurden (S. 17). Dies ist allerdings schwer einzulösen, denn
               die Frage „Warum Krieg“ ist kaum zu trennen von „Wozu Krieg“: Was wollten die Akteure
               mit ihren Kriegen erreichen? Zwischen dem Warum und Wozu und der Art der Kriegführung
               bestehen ebenfalls Zusammenhänge, deshalb kann Overy nicht völlig darauf verzichten,
               sie zu betrachten. </p>
            <p>Der erste Teil des Buches ist der „deterministischen Sicht“ in den
               Humanwissenschaften Biologie, Psychologie, Anthropologie und Ökologie gewidmet, der
               zweite Teil den „nichtdeterministischen“ Erklärungen in den Geschichts-, Sozial- und
               Politikwissenschaften (S. 10). Diese scharfe Trennung weicht Overy jedoch mit guten
               Gründen mitunter auf, wenn er die Forschungslage bespricht. So verweist er etwa im
               Abschnitt zur Biologie auf die Kulturfähigkeit des Menschen (S. 36).</p>
            <p>Overy beginnt seinen Text mit dem kurzen Briefwechsel, den Albert Einstein 1932 mit
               Sigmund Freud über die „Existenzfrage für die zivilisierte Menschheit“ geführt hat:
               „Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien?“<note
                  type="footnote" xml:id="n2"> Einstein, Albert/Freud, Sigmund: Warum Krieg? Ein
               Briefwechsel, Institut International de Cooperation Intellectuelle, Paris 1933, S.
               12. Der Briefwechsel (je ein Brief der beiden) liegt in zahlreichen Ausgaben vor. Das
               Original ist online zugänglich, URL: https://ia803106.us.archive.org/7/items/freud_1933_warum/Freud_Einstein_1933_Warum_Krieg_b.pdf
               [Zugriff 23.06.2025].</note> Der Austausch der beiden über Einsteins Frage sei
               ergebnislos geblieben (S. 10). Diese Einschätzung überrascht. Denn Freuds Antwort, es
               gebe „keine Aussicht […], die aggressiven Neigungen der Menschen abschaffen“ zu
               können<note type="footnote" xml:id="n3"> Ebd. S. 51.</note>, nimmt
               individualpsychologisch die politische Prognose vorweg, mit der Overys Buch schließt:
               „Die Aussicht auf eine Welt ohne Krieg erscheint verschwindend gering“ (S. 315).
               Während Freud seine psychologische Erkundung in eine ferne Hoffnung münden ließ –
               „Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg“<note
                  type="footnote" xml:id="n4"> Ebd. S. 62.</note> –, traut Overy der Kultur
               offensichtlich nicht die Fähigkeit zur Kriegseindämmung zu. Die wechselseitige
               Verbindung von Kulturniveau und Staatsbildung habe weder die Bereitschaft zum Krieg
               verringert noch die Kriegführung zivilisiert. Er hält es für „unbestreitbar“, „dass
               Kriege immer umfassender und tödlicher wurden, je stärker sich Staaten
               konsolidierten, bürokratisierten und sozial segmentierten“ (S. 12). Das gilt gewiss
               hinsichtlich der Zahl der Soldaten und der Kriegstoten, doch in Relation zur
               Bevölkerung lag der Mobilisierungsgrad in vielen vorstaatlichen Gesellschaften höher
               als in den Staatenkriegen, einschließlich der Weltkriege des 20. Jahrhunderts, und
               dies gilt ebenso für die Todesraten (d.h. den Anteil der im Krieg oder an dessen
               Folgen gestorbenen Personen, bezogen auf die jeweilige Bevölkerung).<note
                  type="footnote" xml:id="n5"> Vgl. mit der Fachliteratur und zahlreichen Tabellen
               und Schaubildern Langewiesche, Dieter: Eskalierte die Kriegsgewalt im Laufe der
               Geschichte?, in: Baberowski, Jörg (Hrsg.): Moderne Zeiten? Krieg, Revolution und
               Gewalt im 20. Jahrhundert, Vandenhoeck &amp; Ruprecht, Göttingen 2006, S. 12–36.</note>
               Zeiten der Staats- und Imperiumsbildung waren und sind Kriegszeiten. Das ist
               historisch dicht belegt.<note type="footnote" xml:id="n6"> Vgl. Langewiesche, Dieter:
               Der gewaltsame Lehrer. Europas Kriege in der Moderne, Beck, München 2019.</note> In
               der Gegenwart wird diese historische Erfahrung in dem Krieg um die staatliche
               Existenz der Ukraine und den Kriegen um die staatliche Gestalt Palästinas/Israels
               erneut bestätigt. Dieser Kriegsgrund, der die Geschichte von Staaten und Imperien
               durchzieht, wird von Overy nicht systematisch betrachtet, er scheint nur indirekt in
               Teil 2 auf, wo er nach „Beweggründen“ für Kriege fragt (S. 11). </p>
            <p>Im ersten Teil des Buches prüft Overy, wie die „deterministischen“ Fächer begründen,
               warum Menschen Krieg führen. Er beginnt mit der Biologie – „Der gefährlichste Teil
               unseres Erbes“ (S. 21–49). Charles Darwins Evolutionslehre schien denen, die im
               ‚Kampf ums Dasein‘ den biologischen Grund sehen, warum Menschen von jeher Krieg
               führten und auch in Zukunft führen werden, eine wissenschaftliche Begründung zu
               schaffen. Overy bietet einen Einblick in diese stets kontroverse Diskussion unter
               Biologen und wie sie in der gesellschaftlichen Debatte aufgenommen und
               instrumentalisiert worden ist. Die politisch-gesellschaftliche Wirkungsgeschichte
               ging ihre eigenen Wege – am wirkmächtigsten wohl im Sozialdarwinismus –, auch wenn
               versucht wurde, sie mit der Fachdiskussion in der Biologie zu verbinden. Letztere
               steht bei Overy im Zentrum. Er skizziert Positionen und deren Entwicklung in der
               Ethologie und Evolutionsbiologie, verweist auf das Problem der Analogieschlüsse, wenn
               von Tierstudien Grundlagen menschlichen Verhaltens abgeleitet werden, und doch
               „erscheint“ ihm „die Schlussfolgerung unausweichlich, dass über den längsten
               Zeitraum, seit es Menschen gibt, das Streben nach Gesamtfitness nicht nur
               Soziabilität und Anpassung beinhaltet, sondern auch gewaltsame Konflikte, wenn es die
               Umstände erfordern“ (S. 67 f.). Mit diesen „Umständen“ reicht er das Problem an sein
               Fach und an andere „nichtdeterministische“ Fächer weiter, die Kriege und ihre
               Ursachen aus der Nähe betrachten. Gleichwohl betont er, das „Konzept der
               biologisch-kulturellen Koevolution“ sei auch „für neuere historische Zeiträume
               eindeutig von Nutzen“ (S. 46). Dieses Konzept, wird man hinzufügen müssen, bleibt
               aber auch in der neuesten Forschung so offen, dass daraus für die Ursachenanalyse
               konkreter Kriege keine fallspezifischen Erklärungshilfen abgeleitet werden können.
               Ein Experte hat den evolutionsbiologischen Forschungsstand jüngst so bilanziert: „Das
               Individuum bleibt zwar generell die Einheit der Selektion, doch es befindet sich
               nicht in einem kontinuierlichen Existenzkampf, sondern ist Teil eines kooperativen
               ‚Spiels‘, in dem der Erfolg des eigenen Verhaltens vom Verhalten der Mitspieler
               abhängt.“ Dieses „Wechselspiel zwischen Kooperation, Konflikt und
               Interessenausgleich“ sei „eines der komplexesten – und immer noch nicht völlig
               gelösten – Probleme der Evolutionsbiologie.“<note type="footnote" xml:id="n7"> Tautz,
               Diethard: Evolutionstheorie auf dem Prüfstand, in: Spektrum der Wissenschaft (2021),
               H. 5, S. 1–21, hier S. 8 f., URL: https://www.spektrum.de/news/charles-darwin-evolutionstheorie-auf-dem-pruefstand/1860808
               [Zugriff: 10.07.2025]. Der Evolutionsbiologe und Populationsgenetiker Tautz ist
               Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön.</note> Sie hat mithin
               für die Geschichtswissenschaft kein Verfahren anzubieten, mit dem generalisiert
               werden könnte, wie in der kulturellen Entwicklung Konflikt und Kooperation
               zusammengewirkt haben. Dies zu bestimmen, bleibt weiterhin die Aufgabe von
               Fallanalysen.</p>
            <p>Der Rückgriff auf Darwin und die Grundlagen der Evolutionslehre, die er gelegt hat,
               wird für die Frage „Warum Krieg“ noch komplexer, wenn man bedenkt, dass schon Darwin
               in der kognitiven Kompetenz des Menschen die „Grundlage für die menschliche
               Moralfähigkeit“ gesehen hat.<note type="footnote" xml:id="n8"> Engels, Eve-Marie:
               Charles Darwins evolutionäre Theorie der Erkenntnis- und Moralfähigkeit, in: dies.
               (Hrsg.): Charles Darwin und seine Wirkung, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009, S.
               303–319, hier S. 319.</note> Sie versetze den Menschen in die Lage, sich vom „Gesetz
               der biologischen Fitneßmaximierung [sic]“ zu lösen.<note type="footnote" xml:id="n9">
               Engels, Eve-Marie: Charles Darwin. Person, Theorie, Rezeption. Zur Einführung, in:
               dies., Charles Darwin (wie Anm. 8), S. 9–57, hier S. 49.</note> Man kann deshalb
               Overy in seiner evolutionsbiologischen Bilanz zustimmen, wonach sowohl
               „Konfliktverhalten als auch Sozialität und Kulturaufbau dazu beitragen, die
               Entwicklung des Menschen zu verstehen“ (S. 49). Diese Einsicht hilft nicht bei der
               Frage nach spezifischen Ursachen bestimmter Kriege, doch sie mag gegen die
               Vorstellung schützen, der Mensch sei aufgrund seiner ererbten Verhaltensanlagen
               „naturnotwendig“ auf Krieg ausgerichtet. </p>
            <p>Im folgenden Kapitel befragt Overy die Psychologie – „Die Geburt des Feindes“ (S.
               51–82) – auf ihre Antworten zur Leitfrage des Buches. Die Versuche seitens der
               Psychoanalyse, die Ursachen des Krieges aus der Psyche des Individuums zu erklären –
               er verfolgt das Fachgespräch, das durch die Weltkriegserfahrungen stimuliert worden
               ist –, hätten sich als „Sackgasse“ (S. 59) erwiesen. Dies gelte letztlich auch für
               die Ansätze der Evolutionspsychologie, Kriege zu erklären. Eine „universelle
               psychische Prädisposition, sich an Gewaltaktionen zu beteiligen“, sei „nicht
               wahrscheinlich oder zumindest nicht beweisbar“ (S. 67). Vor allem zur Erklärung der
               Ursachen bestimmter Kriege trage die Evolutionspsychologie nichts bei. Wohl aber
               haben sozialpsychologische Experimente zu verstehen gelehrt, wie situationsgebundene
               Bereitschaft entsteht, Gewalt auszuüben. Eine dieser Studien stellt er ausführlich
               vor. Sie endet mit dem Fazit: „The existence of psychological adaptations for warfare
               does not allow the inference that humans are naturally war-prone and that warfare is
               inevitable. Instead, humans seem to possess specialized psychological design that
               regulates the conditional expression of behavior in response to environmental
               contingencies.“ Diese Verhaltensweise habe wohl auch die Menschen in „the ancestral
               past“ geprägt.<note type="footnote" xml:id="n10"> Lopez, Anthony C.: The Evolutionary
               Psychology of War. Offense and Defense in the Adapted Mind, in: Evolutionary
               Psychology (2017) October–December, S. 1–23, hier S. 20. Forschungsüberblick zu
               Versuchen, eine Evolutionstheorie des Krieges zu entwerfen: ders.: The Evolution of
               War: Theory and Controversy, in: International Theory 8 (2016), H. 1, S. 97–139.</note>
            </p>
            <p>Die in Laborversuchen nachgewiesenen „Wirkungsweisen von Ingroup-Tugend und
               Outgroup-Bosheit“ (S. 81) sieht Overy in historischen Studien bestätigt. Generell
               biete „die Geschichte […] mehr als genug Beispiele dafür, wie psychologische
               Gewissheiten Angriffskriege oder robuste Verteidigungskriege gerechtfertigt haben“
               (S. 81 f.). Die psychologische Forschung, so wird man dieses Fazit deuten dürfen,
               bestätigt, was die historische Kriegsforschung weiß. Letztere zeige zudem eine
               Kriegsmotivation, die in der Psychologie kaum zur Kenntnis genommen werde: „die
               emotionale Anziehungskraft des Krieges“, der „Ehre, Wertschätzung, Prestige und Ruhm“
               verspreche (S. 82). In evolutionspsychologischen Studien zur „male warrior“-Hypothese
               wird der „Lohn“ des Krieges aber als bedeutsam gesehen.<note type="footnote"
                  xml:id="n11"> Vgl. etwa McDonald, Melissa M./Navarrete, Carlos David/van Vugt,
               Mark: Evolution and the Psychology of Intergroup Conflict. The Male Warrior
               Hypothesis, in: Philosophical Transactions of The Royal Society, Biological Sciences
               367 (2012), H. 1589, S. 670–679.</note></p>
            <p>Im dritten Kapitel, das die Anthropologie, Archäologie und Ethnografie befragt, wird
               vor allem geprüft, ob es in größerem Ausmaß Gesellschaften ohne Krieg gegeben habe.
               An der ethnografischen Forschung ist auch die Soziologie beteiligt<note
                  type="footnote" xml:id="n12"> Breidenstein, Georg u. a.: Ethnografie. Die Praxis
               der Feldforschung, utb, Konstanz 2013.</note>, doch spezifisch soziologische Studien
               bezieht Overy nicht ein, wenngleich das Fach zur Frage „Warum Krieg“ einiges
               beigetragen hat. So hat Heinrich Popitz über die gesellschaftliche Bedeutung von
               Macht und Gewalt nachgedacht, Wolfgang Sofsky hat dies fortgesetzt. Für Pitirim
               Sorokin galt es als selbstverständlich, dass eine Soziologie des sozialen und
               kulturellen Wandels zum Krieg nicht schweigen dürfe.<note type="footnote"
                  xml:id="n13"> Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht, Mohr Siebeck, Tübingen <hi
                     style="vertical-align: super;">2</hi>1992; Sofsky, Wolfgang: Traktat über die
               Gewalt, S. Fischer, Frankfurt a. M. 1996; Sorokin, Pitirim: Social and Cultural
               Dynamics. A Study of Change in Major Systems of Art, Truth, Ethics, Law and Social
               Relationships, Porter Sargent Publishers, Boston, MA <hi
                     style="vertical-align: super;">2</hi>1970. Wichtig, wenngleich in der neueren
               Forschung wenig beachtet ist das kriegssoziologische und -ethnologische Werk von
               Sebald Rudolf Steinmetz, der zu den Gründern der Soziologie in den Niederlanden
               gehört. Vgl. Steinmetz, Sebald Rudolf: Der Krieg als sociologisches Problem,
               Versluys, Amsterdam 1899; stark erweitert zu: Die Philosophie des Krieges, Barth,
               Leipzig 1907; völlig neubearbeitet und erneut stark erweitert: Soziologie des
               Krieges, Barth, Leipzig 1929. 2014 neu herausgegeben und mit einem Nachwort von Arno
               Bammé versehen im Metropolis Verlag, Marburg 2014.</note> Den heutigen
               Forschungsstand formuliert Overy vorsichtig: Das Ergebnis der zahlreichen Studien zur
               „gegenwärtigen und vergangenen Kriegführung bei nicht staatlich organisierten Völkern
               […] macht es heute schwer, die Vorstellung einer ‚friedfertigen Vergangenheit‘ noch
               weiter zu vertreten“ (S. 92). Die Experten urteilen meist nicht so zurückhaltend.
               Verwiesen sei nur auf Lawrence H. Keeley, dessen Buch Overy populär und polemisch
               nennt (S. 92), während ich es für grundlegend halte, oder auf Azar Gats
               universalgeschichtliche Synthese.<note type="footnote" xml:id="n14"> Keeley, Lawrence
               H.: War before Civilization. The Myth of the Peaceful Savage, Oxford UP, Oxford 1996;
               Gat, Azar: War in Human Civilization, Oxford UP, Oxford 2006. Begrenzt auf die
               Prähistorie: Arkush, Elizabeth N./Allen, Mark W. (Hrsg.): The Archaeology of Warfare.
               Prehistories of Raiding and Conquest, Florida UP, Gainesville, FL 2006. Die
               Einleitung beginnt folgendermaßen: „in many times and places in the pre-modern and
               prehistoric past, warfare was a constant and overwhelmingly important fact in
               People’s lives” (S. 1).</note> In diesem Kapitel konstatiert der Autor auch die
               Symbiose von Staatsbildung und Krieg, ohne dies näher auszuarbeiten. Es war der
               Krieg, der den „Weg zur Entstehung von institutionalisierten Staaten“ in Europa,
               Asien und den beiden Amerikas bereitet habe (S. 99). Für Afrika, das er hier nicht
               erwähnt, gilt das auch.<note type="footnote" xml:id="n15"> Reid, Richard J.: Warfare
               in African History, Cambridge UP, Cambridge 2012.</note>
            </p>
            <p>„Wird Krieg von Kultur verursacht?“ (S. 117) fragt Overy und antwortet zurückhaltend.
               Erneut bestätigt sich, dass er nicht Freuds Hoffnung teilt, die kulturelle
               Entwicklung könne der Menschheit helfen, aus ihrer Kriegsgeschichte irgendwann
               auszusteigen. „Kriegerische Kulturen“ seien „universell“ (S. 118). Deshalb rechnet er
               zu den Wissenschaften, die Krieg erklären oder zumindest dazu etwas beitragen können,
               neben Biologie und Psychologie auch die Disziplinen, die sich mit Kultur befassen.
               Wer allerdings Hinweise erhalten möchte, wie solche „prinzipiellen Erklärungsansätze
               zum Krieg“ (S. 17) für die Analyse konkreter Kriege genutzt werden könnten, muss sich
               in die Fachliteratur vertiefen, um zu erfahren, was die Akteure mit diesen Kriegen
               erreichen wollten, wie sie ihre Kriege geführt haben und mit welchen Wirkungen. In
               dem von Overy ausgewertetem Sammelwerk „The Archaeology of Warfare“ benennt der
               Anthropologe Brian Ferguson in seinem bilanzierenden Schlusskapitel drei
               Kriegsursachen: „struggle over important productive resources, the ambitions of
               political leaders, and local cultural beliefs which provide both justification and an
               impulse toward war.“<note type="footnote" xml:id="n16"> Ferguson, R. Brian: Cultural
               Anthropology, and the Origins and Intensifications of War, in: Arkush/Allen,
               Archaeology (wie Anm. 14), S. 469–523, hier S. 505.</note> Er rät, nicht von der
               Vermutung auszugehen „‘war is in our blood‘“, sondern zu fragen, „who is calling the
               shots, what are their material and political interests, and how do they selectively
               employ cultural identities, symbols, and values in leading people into war.”<note
                  type="footnote" xml:id="n17"> Ebd.</note> Der Anthropologe erwartet also, nachdem
               er die Forschungsergebnisse in seinem Fach geprüft hat, aus der Fallanalyse Antworten
               auf die Frage „Warum Krieg?“ Daraus leitet Overy jedoch keine grundsätzliche Skepsis
               ab, ob die Frage nach anthropologischen Konstanten im Verhalten von Menschen bei der
               historischen Analyse von Kriegsursachen hilfreich sein kann.</p>
            <p>Das vierte und letzte Kapitel zu den „Deterministen“ ist der Ökologie gewidmet –
               „Stress, Krisen und Klimaschock“ (S. 119–149). Gab es „in den vergangenen Tausenden
               von Jahren, in denen es mehrfach zu Klimaschocks und Umweltkrisen kam, einen
               wesentlichen Zusammenhang von Ökologie und Krieg“ (S. 119)? Den bereits im 19.
               Jahrhundert postulierten Zusammenhang zwischen Bevölkerungswachstum und Krieg
               betrachtet Overy zunächst an Thomas Robert Malthus und dem Anthropogeografen
               Friedrich Ratzel, dessen „Lebensraum“-Vorstellungen von den Nationalsozialisten
               „gekapert“ wurden (S. 133).<note type="footnote" xml:id="n18"> Eine abwägende
               Einschätzung von Ratzels Werk und dessen politischem Einfluss bietet Schulz,
               Hans-Dietrich: Friedrich Ratzel. Bellizistischer Raumtheoretiker mit Naturgefühl oder
               Vorläufer der NS-Lebensraumpolitik?, in: Deimel, Claus/Lentz, Sebastian/Streck,
               Bernhard (Hrsg.): Auf der Suche nach Vielfalt. Ethnographie und Geographie in
               Leipzig, Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig 2009, S. 125–142.</note> Vor allem
               aber befragt er die einschlägige Forschung, was sie über den Zusammenhang von
               Klimakrisen und Krieg aussagt. Sein Fazit: Unter den Experten bestehe eine
               „grundlegende Uneinigkeit“ (S. 144). „Bestenfalls“ lasse sich feststellen, „dass der
               ökologische Kontext auf unterschiedliche Weise zu den Gewalt auslösenden Umständen
               beigetragen“ habe (S. 148). Schwierig, meist unmöglich sei die kausale Zurechnung. Es
               bleibe dann bei Feststellungen wie: In China ereigneten sich in 453 Jahren einer
               Kältephase 603 Kriege, in 459 wärmeren Jahren nur 296 (S. 140); die Hussitenkriege
               könnten von den Folgen des „climatic stress“ im 15. Jahrhundert („Kleine Eiszeit“)
               mitausgelöst worden sein.<note type="footnote" xml:id="n19"> So das auch von Overy
               konsultierte Buch von Lamb, Hubert H.: Climate, History and the Modern World,
               Routledge, London/New York <hi style="vertical-align: super;">2</hi>1995, S. 206.
               Overy (S. 142) meint, dass Lamb Kriege nicht zu den Hauptwirkungen zähle. Doch
               Unruhen, Revolutionen und Kriege nennt Lamb unter den „impacts“ ökologischer Krisen
               (Lamb, S. 286).</note> Deshalb empfiehlt ein von Overy ausgewerteter
               Forschungsbericht zum Thema „Climate Wars?“, die großflächigen quantitativen
               Erhebungen durch qualitative lokale Studien zu ergänzen.<note type="footnote"
                  xml:id="n20"> Sakaguchi, Kendra/Varughese, Anil/Auld, Graeme: Climate Wars? A
               Systematic Review of Empirical Analyses on the Links between Climate Change and
               Violent Conflict, in: International Studies Review 19 (2017), H. 4, S. 622–645, hier
               S. 642.</note> Die ökologische Forschung, so ist festzuhalten, öffnet einen
               spezifischen Zugang für die Frage nach Kriegsursachen, doch um plausible Antworten zu
               finden, müssen andere Zugänge hinzukommen. Dieses Ergebnis gilt für alle Disziplinen,
               die Overy im ersten Teil seines Buches befragt hat. Ohne historische Fallanalyse
               scheint der große Blick auf lange Zeiträume erklärungsarm zu bleiben. </p>
            <p>Der zweite Teil, in dem die „Nicht-Deterministen“ zu Wort kommen, ist nicht nach
               Fachdisziplinen gegliedert, sondern nach den „vier Kategorien von Beweggründen für
               einen Krieg“, die Overy für bedeutsam hält: Ressourcen, Glaube, Macht, Sicherheit (S.
               11). Diese Kategorien sind weit genug, um die Kriegsursachen, die in der
               Fachliteratur genannt werden, erfassen zu können. Das Ressourcenkapitel ist in seinem
               Aufbau schwer nachzuvollziehen. Es beginnt mit einem kurzen Blick auf „Hitlers
               Besessenheit von Ressourcen“ (S. 155), die er durch sein geplantes „ausbeuterisches
               Kolonialreich“ im Osten Europas (S. 153) stillen wollte, wechselt zum marxistischen
               Verständnis des kapitalistischen Imperialismus, der unvermeidlich in den Krieg führe,
               und zu Stalins Unterscheidung von „gerechten und ungerechten Kriegen“ (S. 159), um
               dann Raub- und Beschaffungskriege in früheren Zeiten zu betrachten, die sich mit
               monopolkapitalistischen Theorien nicht erklären lassen. Auf diesem Krebsgang durch
               die Geschichte wird eine Vielzahl von Kriegen in vielen Regionen der Welt erwähnt, in
               denen es um Land, Güter und Menschen ging, um Frauenraub, Kontrolle von Handelswegen
               und anderes mehr. Auch hier habe Kultur nicht die Bereitschaft zum Krieg gedämpft.
               Mit den Hochkulturen wurde das „systematische Beutemachen bei eroberten Völkern […]
               auf ein neues Niveau gehoben“ (S. 164). Plünderungen gehörten zur Kriegsnormalität,
               europäische Kolonialarmeen lebten davon. Die „wichtigste Ausbeutung des Menschen als
               Ressource“ (S. 167) sei die Sklaverei gewesen, deren unterschiedliche Formen im Laufe
               der Geschichte auf wenigen Seiten resümiert werden. </p>
            <p>Nach den Rückblicken in die Vergangenheit wendet sich Overy der Gegenwart zu, indem
               er Bürger- und Sezessionskriege erwähnt, in denen es um die Kontrolle von Ressourcen
               ging (unter anderem Sierra Leone, Angola, Papua-Neuguinea oder Sumatra).
               Ressourcenkriege zwischen Staaten habe es ausschließlich um Erdöl gegeben. In den
               „neuen Ölkriegen“, wie man sie genannt hat, dominiere eine „Mischung aus politischen,
               religiösen und finanziellen Motiven“ (S. 187).<note type="footnote" xml:id="n21">
               Kaldor, Mary/Karl, Terry Lynn/Said, Yahia (Hrsg.): Oil Wars, Pluto, London 2007. Vgl.
               Kaldor, Mary: New and Old Wars. Organised Violence in a Global Era, Polity, Cambridge
               u. a. <hi style="vertical-align: super;">3</hi>2012.</note> Auch den gegenwärtigen
               Krieg, mit dem Russland die Ukraine überzieht, erwähnt Overy in diesem Kapitel: Kein
               Ressourcenkrieg, sondern die „Ausweitung des Konflikts zum Stellvertreterkrieg durch
               die NATO“ habe zu einer „Krise in der Öl- und Gasversorgung aus Russland nach Europa“
               geführt (S. 189). An diesem verunglückten Satz, der an der Kriegsursache gänzlich
               vorbeigeht<note type="footnote" xml:id="n22"> Es liegt nicht an der Übersetzung. Das
               Original lautet: „The war between Russia and Ukraine was not over resources, but the
               widening of the conflict to include surrogate warfare by NATO opened up a crisis in
               oil and gas supply from Russia to Europe.“ (Kindle-Version, S. 190). Fair informieren
               über die langfristige Entwicklung des Verhältnisses zwischen Ukraine und Russland und
               den gegenwärtigen Krieg: Kappeler, Andreas: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom
               Mittelalter bis zur Gegenwart, erw. Neuausgabe, Beck, München 2023; Sasse, Gwendolyn:
               Russlands Krieg gegen die Ukraine. Hintergründe, Ereignisse, Folgen, Beck, München <hi
                     style="vertical-align: super;">3</hi>2024.</note>, mag man erkennen, wie schwer
               es ist, in einer universalhistorischen <hi style="font-style: italic;">tour d’horizon</hi>,
               die eine Fülle von Ereignissen ohne eingehendere Analyse aufführt, einen konkreten
               Krieg kurz zu beurteilen. Das Kapitel endet mit der plausiblen Feststellung, zu
               „Raubzügen“ haben Ressourcen „verleitet“, weil sie „begehrt“ waren. „Diese
               Wertzuschreibung erklärt, warum Ressourcenkriege geführt wurden und noch immer
               geführt werden – vom Sklavenraub der klassischen Antike bis zur Plünderung der
               Diamanten- und Erdölvorkommen unserer Tage“ (S. 191). Ein solcher
               universalgeschichtlich abstrahierender Begriff „Ressourcenkrieg“ vermag allerdings
               für das konkrete Geschehen wenig auszusagen. Was alles in Overys Betrachtung von
               Ressourcenkriegen ausgeblendet wird, lässt das jüngst erschienene Buch des
               Althistorikers Mischa Meier über die Hunnen erkennen. Sie schufen einen
               „strukturellen Raubstaat“, dessen Krieger zerstörten und verheerten, töteten und
               raubten. Doch sie waren auch „Vermittler“, indem sie „Dynamiken entfesselten“, die
               „den zentralasiatischen Austausch förderten, intensivierten“ und ein „gewaltiges
               Verknüpfungspotential“ schufen. Die aggressiven Reiterkrieger mit ihren
               Plünderungskriegen wurden zu einem „wichtigen Motor tiefgreifender
               Transformationsprozesse in der spätantik-frühmittelalterlichen Welt“.<note
                  type="footnote" xml:id="n23"> Meier, Mischa: Die Hunnen. Geschichte der
               geheimnisvollen Reiterkrieger, Beck, München 2025, S. 347 f.</note> Sie interagierten
               durch Krieg. Es waren immer auch Raubkriege, es ging um Ressourcen. Doch es dabei zu
               belassen, würde nicht helfen zu verstehen, was sie auslösten und bewirkten. Um die
               Vielfalt von Ressourcenkriegen einschätzen zu können, müssen auch ihre Wirkungen
               einbezogen werden.</p>
            <p>Das nächste Kapitel betrachtet den Kriegsgrund „Glaube“ (S. 193–229) – „kein
               allgemeines Merkmal vergangener oder gegenwärtiger Kriege“, doch für zahllose Kriege
               „in unterschiedlichen Kontexten im Laufe Tausender Jahre Menschheitsgeschichte“
               bedeutsam (S. 193). „Glaube“ fasst Overy weit, von kosmologischen Deutungen bis zu
               „politischen Religionen“. Ausführlich geht er auf die „beiden kriegerischsten unter
               den Weltreligionen“ ein, Christentum und Islam (S. 194): Kreuzzüge und Gegenwehr von
               Muslimen, Kriege und Bürgerkriege zwischen Katholiken und Protestanten sowie zwischen
               Muslimen. Ausführlich wird auch die Bedeutung von Krieg und Opfer im Weltbild der
               Azteken vorgestellt. „In modernen Zeiten ist der Glaube als Kriegstreiber
               unaufdringlicher geworden, ganz verschwunden ist er allerdings nicht“ (S. 217). Overy
               führt auf: die „nationalen Befreiungskämpfe“ im 19. Jahrhundert; der Kriegswille der
               „politischen Religionen“ Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus nach dem
               Ersten Weltkrieg. Er charakterisiert weiterhin den deutschen Vernichtungskrieg gegen
               die Juden Europas, „in einem mörderischen Glauben verwurzelt“ (S. 219), als
               Glaubenskrieg; hebt ab auf den „biblischen Charakter einer Bestrafung der Gottlosen“
               in den „Flächenbombardements deutscher Städte“ mit Codenamen wie „Gomorrha“ oder
               „Millennium“ (S. 221). Schließlich verweist Overy auf die gegenwärtige „Rückkehr
               einer radikalen Dschihad-Politik“ (S. 222); oder die Berufung George W. Bushs auf
               Gott und die Geschichte, um „‚die Tyrannei in unserer Welt zu beenden‘“ (ebd.). Stets
               habe „Glaube“ dazu gedient, Krieg zu rechtfertigen. Overy warnt davor, dies als
               scheinreligiöse Begründungen abzuwerten. Anthropologen hätten an den Gesellschaften,
               die sie untersuchen, früher als historische und sozialwissenschaftliche Disziplinen
               erkannt, dass Weltbilder für die Menschen, die an sie glauben, „ganz real sind“ (S.
               228) und deshalb Gewalt und Krieg legitimieren und auch zum „primären Kriegstreiber“
               (S. 229) werden können. Overy plädiert dafür, jede Art von Glauben als
               handlungsleitend ernst zu nehmen, auch wenn die Vorstellungen irrational erscheinen
               mögen. Die Wirkkraft von Ideen hängt, darin wird man ihm beipflichten müssen, nicht
               von ihrer Rationalität ab.</p>
            <p>Das Kapitel „Macht“ ist in der deutschen Übersetzung mit „Reiche ohne Grenzen“
               überschrieben. Das Original begnügt sich mit „Power“. Der Zusatz charakterisiert
               Overys Deutung treffend: Macht ziele auf Ausdehnung von Herrschaft, sei es in Kämpfen
               zwischen Stammesgemeinschaften, im Weg Roms zu einem „Imperium ohne Ende“, wie es in
               Vergils Aeneis heißt (S. 237), oder im permanenten Krieg, auf den alle Imperien
               angewiesen waren. An Alexander dem Großen, Napoleon Bonaparte und Hitler diskutiert
               Overy die Bedeutung individueller Hybris als „Triebfeder der Kriegsmaschinerie“ (S.
               239). „Macht, die von Führern zynisch genutzt wird, um im Namen einer
               Schicksalsmission Krieg zu führen, ist die gefährlichste und unberechenbarste
               Kriegsursache, von der klassischen Antike bis ins 21. Jahrhundert“ (S. 256).
               „Machtübergänge“, so argumentiert er gegen sozialwissenschaftliche Erklärungsmodelle,
               haben keineswegs überwiegend in Kriege geführt. Dies müsse auch nicht geschehen,
               falls es zu einem Machtübergang von den USA auf China kommen sollte. Bislang sei dies
               nur eine voreilige Behauptung oder eine „unbedachte Provokation“ (S. 263). Für
               wahrscheinlicher hält Overy aufgrund der bisherigen historischen Erfahrung, dass auch
               künftig „Machtkriege als Ergebnis einer von Hybris geprägten Herrschaft entstehen“
               (ebd.). Die Wahrscheinlichkeit von Machtkriegen lasse sich nicht vorhersagen, zumal
               die „allermeisten dieser Kriege“ bislang „nicht nur aus Machtgründen geführt“ worden
               sind, „sondern um Land, Reichtum, Beute oder Ressourcen, um einen Glauben zu
               verteidigen oder zu verbreiten, oder um Ruhm und Ansehen zu erlangen“ (S. 264 f.).
               Machtkriege aus „Hybris und Selbstüberschätzung“ hätten bislang „eher in den
               Untergang statt zum Triumph“ geführt (S. 265).</p>
            <p>Macht ist mit „Sicherheit“ – „In einer Welt der Anarchie“ (S. 267–303) – eng
               verbunden. Davon ging Thomas Hobbes aus, und mit dessen Modell eines Naturstandes
               dauernden Krieges arbeite auch die „moderne neorealistischen Schule der
               Sicherheitsstudien“ (S. 268). Macht sei, so der Politologe Nicholas J. Spykman, „die
               Fähigkeit, erfolgreich Krieg zu führen“ (S. 269).<note type="footnote" xml:id="n24">
               Spykman, Nicholas John: Frontiers, Security, and International Organization, in:
               Geographical Review 32 (1942), H. 3, S. 436–447.</note> Deshalb das Streben nach
               Sicherheit, indem feste Grenzen geschaffen werden. Seit es weltweit Nationalstaaten
               gibt, sei die Grenzverteidigung universell geworden, gleichwohl bleiben Grenzen
               kriegsgefährliche „Zonen der Unsicherheit“ (S. 270). Overy gibt deshalb einen kurzen
               Überblick über die vielen Versuche, natürliche wie künstliche Grenzen gegen Angriffe
               von außen zu schützen. Er erwähnt Pufferzonen oder mehr oder weniger ausgefeilte
               Befestigungsanlagen um Dörfer, Städte, Paläste, spricht über lange Grenzanlagen wie
               die Große Mauer der Ming-Dynastie und die vielfältigen Formen der Grenzsicherung im
               römischen Imperium. In den jeweiligen Sprachen spiegelt sich diese Vielfalt an
               Grenzen in der Vielfalt der Bezeichnungen. Der „mit Abstand gefährlichste“
               Grenzkonflikt in der Gegenwart sei der zwischen China, Indien und Pakistan (S. 289). </p>
            <p>Die fortdauernde Kriegsgefahr, die von Grenzverletzungen ausgeht, habe nach dem
               Zweiten Weltkrieg zum Aufschwung des Fachs Sicherheitsstudien geführt, ohne einer
               zumindest theoretischen Lösung des „Sicherheitsdilemmas“ näherzukommen. Es werde
               überdauern, solange die internationale Ordnung ein „Reich der Anarchie“ bleibe, wie
               es Kenneth Waltz formuliert hat (S. 296).<note type="footnote" xml:id="n25"> Waltz,
               Kenneth: The Origins of War in Neorealist Theory, in: Rotberg, Robert/Rabb, Theodore
               (Hrsg.): The Origins and Prevention of Major Wars, Cambridge UP, Cambridge 1989, S.
               39–52, hier S. 43 f.; vgl. die kritische Würdigung von Schroeder, Paul: Historical
               Reality vs. Neo-realist Theory, in: International Security, 19 (1994), H. 1, S.
               108–148.</note> In ihm werde der Frieden stets brüchig sein. Die „ewige Suche nach
               Sicherheit“ gehöre zu den Gründen für den „hartnäckigen Fortbestand von Kriegen“ (S.
               302). Die neuen Grenzen, die im 21. Jahrhundert hinzukamen – „Kriege im Weltraum und
               Cyberkriege sind denkbar und möglich geworden“ (S. 303) –, haben die Lage noch
               unsicherer gemacht. Mit diesem dunklen Blick in die Zukunft, Phasen der Sicherheit
               bleiben begrenzt in der Welt des Krieges, endet das letzte Kapitel. </p>
            <p>Das kurze Schlusswort (S. 305–315) fasst das unerfreuliche Ergebnis des Buches
               zusammen: Krieg ist weltweit „ein integraler Bestandteil der langen Geschichte der
               Menschen“ (S. 306 f.). Die Wissenschaftszweige, die Overy befragt, begründen aus
               ihrer jeweiligen Sicht diesen Befund. Die Erwartung, künftig könnte es besser werden,
               nennt er „reichlich optimistisch“ (S. 314), denn das Potenzial für Kriege nehme zu. </p>
            <p>Overys Vergangenheitsanalyse verdunkelt den Zukunftsblick. Das ist kein Ergebnis
               idiosynkratischer Weltwahrnehmung. Overy legt eine historische Bestandsaufnahme vor,
               das sei abschließend noch einmal betont, die sich aus vielen unterschiedlichen, auch
               konträren Sehepunkten zusammensetzt und deshalb beanspruchen kann, eine ausgewogene
               Bilanz zu bieten. Anders als andere, ebenfalls vorzügliche Werke, die in den letzten
               Jahrzehnten zur Universalgeschichte des Krieges erschienen sind<note type="footnote"
                  xml:id="n26"> Vor Augen habe ich vor allem Gat, War (wie Anm. 14) und MacMillan,
               Margaret: Krieg. Wie Konflikte die Menschheit prägten, Propyläen, Berlin 2021 (engl.
               Orig.: War. How Conflict Shaped Us, Random House, London 2020).</note>, bietet Overy
               zu dem Thema „Warum Krieg“ einen Zugang, der nach Fachdisziplinen gegliedert ist.
               Überspitzt gesagt – eine Gesamtdarstellung, zusammengesetzt aus Forschungsberichten
               zu sieben Fächern beziehungsweise Fächergruppen, unterteilt in Nicht-Deterministen
               und Deterministen. Kein Einzelner kann diese Fächer überblicken, und auch der
               Versuch, sich anhand der fachspezifischen Literatur kundig zu machen, ist mit
               Unsicherheiten belastet. Deshalb beginnt der Zeithistoriker Overy sein
               universalgeschichtlich-multidisziplinäres Werk damit, es „eine Unverschämtheit“ (S.
               7) zu nennen. Für dieses Risiko, sich in fachfremde Gebiete zu wagen, gebührt ihm
               Dank. Und selbstverständlich muss betont werden: Nicht minder unverschämt ist es, ein
               solches multidisziplinäres Wagnis zu besprechen, ganz gleich aus welchem Fach der
               Rezensent kommt. Gleichwohl wird man aus geschichtswissenschaftlicher Sicht
               hinzufügen dürfen: Die fachspezifischen Erklärungsversuche, die Overy referiert,
               bieten nichts, was die historische Analyse von Kriegen und Kriegsursachen künftig
               erleichtern könnte.</p>
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            <head n="1." rendition="Überschrift1">Besprochene Literatur</head>
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                  <cell>Overy, Richard: Warum Krieg?, 368 S., Rowohlt, Berlin 2024.</cell>
               </row>
            </table>
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