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            <title>
               <hi style="font-style: italic;">Kraft, Ina: Militärische Multinationalität in Europa,
                  289 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2024.</hi>
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            <author>Bernd Lemke</author>
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               <email>wdm@ulb.tu-darmstadt.de</email>
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               <idno type="DOI">10.48694/npl.4673</idno>
               <idno type="eISSN">2197-6082</idno>
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                  <addrLine>Magdalenenstr. 8, 64289 Darmstadt</addrLine>
                  <country>Germany</country>
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               <placeName>Darmstadt</placeName>
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                  License CC BY 4.0 (Attribution 4.0 International)</ab>
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            <ab>Born digital</ab>
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               <term>Rezension</term>
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         <p>„Nun sag, wie hast Du‘s mit der multilateralen Kooperation?“ ist vielleicht eine der
            entscheidenden Fragen in den Herausforderungen seit dem Angriffskrieg Russlands gegen
            die Ukraine. Nicht zuletzt seit dem Amtsantritt von Donald Trump steht sie im
            Mittelpunkt vor allem der bangen Erwartungen der Europäer, auch vor dem Hintergrund der
            stärker werdenden Forderungen nach ‚Rückbesinnung‘ auf das nationale Eigene.</p>
         <p>Das Thema ist beileibe nicht neu, es gehört zum Grundbestand der entscheidenden Axiome
            insbesondere der NATO seit Anbeginn. Die Arbeit von Ina Kraft widmet sich der Genese aus
            westlicher Sicht. Sie gibt dazu einen historischen Überblick, entwickelt zur Einordnung
            in die Sozial- beziehungsweise Politikwissenschaft unterschiedliche methodische
            Blickwinkel, nimmt eine umfassende Bestandsaufnahme der verschiedenen Formate der
            letzten Dekaden vor, wertet schließlich die grundlegenden Features, Grundlagen und
            praktische Umsetzung kritisch-analytisch. </p>
         <p>Nach einem kurzen Überblick über multilaterale Kooperationen seit 1945 (mit kurzen
            Hinweisen auf historische Vorgänger, etwa die Kooperation der US-Amerikaner und Briten
            im Zweiten Weltkrieg – SHAEF, dem unmittelbaren Vorläufer von SHAPE) geht die Autorin
            schwerpunktmäßig auf die Zeit nach dem Kalten Krieg ein. </p>
         <p>Anders als vor 1945, in der multilaterale Kooperationen, etwa im Rahmen von
            Interventionen in Asien oder Afrika eher von nationalen beziehungsweise imperialen
            Interessen gesteuert wurden oder der Vorbereitung der Invasion des nationalsozialistisch
            besetzten Kontinentaleuropas dienten, gehörte das Thema nach Ende des Zweiten Weltkriegs
            zu einer der wichtigen Überlebensfragen angesichts der als drückend empfundenen
            militärischen Stärke der Sowjetunion und später des Warschauer Paktes, auf den Kraft nur
            kurz eingeht. Die schwächelnden Westeuropäer waren allein keineswegs in der Lage, sich
            gegen einen Angriff zu wehren, brauchten dazu unbedingt die Amerikaner. Auch nach
            Eintritt der Bundesrepublik in die Allianz und dem Aufbau der Bundeswehr blieb die Lage
            prekär, wenn auch die Stärke der NATO dadurch erheblich gewann. Nach 1990 endete die
            Bedrohung dann, was aber auch zu substanziellen Reduktionen in allen westlichen Staaten
            führte.</p>
         <p>Vor diesem Hintergrund erschien die Bündelung der Kräfte in multinationalen
            Kooperationsprojekten nicht zuletzt militärisch sinnvoll. In der Tat wurden zahlreiche –
            mehr oder weniger erfolgreiche – Projekte ins Leben gerufen, darunter insbesondere
            Rüstungskooperationen. </p>
         <p>Kraft analysiert diese unterschiedlichen Perspektiven unter den Kategorien „Strukturen“,
            „Prozesse“ und „Aktivitäten“ und arbeitet sehr gut heraus, wie sich die vielen
            Anstrengungen seit dem Kalten Krieg entwickelten. Die Autorin gibt außerdem einen
            Überblick zur Geschichte der NATO und ihrer Einsätze im globalen Rahmen insbesondere
            seit Ende der 1990er Jahre, die unter anderem zu organisatorischer sowie operativer
            Neuausrichtung und Kräfteverlagerung führten, und verweist damit – trotz des
            Ukrainekrieges, auf den sie abschließend, gewissermaßen als Fazit eingeht – auf die
            grundlegende Agenda der Allianz. Die NATO ist und bleibt trotz aller lebensnotwendiger
            Konzentration auf die Verteidigung gegen Putin ein Bündnis mit globaler Perspektive.
            Diesem Aspekt kommt derzeit aus guten Gründen nachrangige Priorität zu, befindet sich
            jedoch immer noch auf der Agenda (z.B. NATO-Mission Irak).</p>
         <p>Sehr gut kommen die zumindest grundlegenden Kontinuitäten seit 1949 zum Ausdruck. Die
            NATO funktioniert trotz aller geänderten Rahmenbedingungen im Kern heute immer noch so
            wie bei ihrer Gründung. Die militärische Schwäche der Europäer gehört im Grunde hier
            dazu, auch und obwohl die EU seit der Wende erkannt hat, dass sie militärisch aufwachsen
            muss. </p>
         <p>Die entscheidenden Strukturelemente und -prinzipien sowie die damit verbundenen Probleme
            bei der Schaffung und der Umsetzung multilateraler Kooperationen werden sehr gut
            analysiert und benannt. Es sind dies vor allem die Spannung zwischen nationalen Egoismen
            und Bündnissolidarität, die unterschiedlichen Kräfteverhältnisse und Ressourcen sowie
            die – heute mehr denn je aktuelle – Frage nach der Abhängigkeit von den USA und deren
            Ressourcen, die auch durch multinationale Kooperationen nicht über Nacht verschwindet. </p>
         <p>Die zahlreichen Beispiele können an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden.
            Entscheidende Grundmuster sind klar erkennbar. Im Bereich der militärischen
            Kooperationen nach 1990 zeigt Kraft souverän auf, wie sich die Zusammenarbeit (z.B.
            multinationale Korps, Divisionen oder Brigaden wie das deutsch-niederländische oder
            deutsch-amerikanische Korps, dazu auch entsprechende Projekte in Osteuropa) insbesondere
            auf die höheren Stäbe erstreckte und vor allem in der Zeit der globalen Einsätze, in der
            man sich auf kleinere Verbände etwa für COIN in den Einsatzgebieten konzentrierte, immer
            weniger durch Kampfverbände in der Tiefe unterfüttert waren. Dabei wird klar, dass fast
            alle Verbände, etwa die deutsch-französische Brigade, in erster Linie der Demonstration
            des Willens zur Integration und der Abschreckung dienten, indes nur beschränkt
            einsatzfähig waren, besonders gegen einen hochgerüsteten Gegner. </p>
         <p>Vergleichbares kann Kraft zu den Rüstungskooperationen berichten. Diese waren in der
            Öffentlichkeit bekannt und führten zu markanten Erfolgen (z.B. Tornado, Eurofighter),
            wenn auch mit ziemlich langen Entwicklungszeiten. Die nationalen Eigeninteressen, hier
            nicht zuletzt der Schutz der eigenen Industrie, und die politischen Probleme,
            insbesondere die Prärogativen der nationalen Parlamente etwa bei der Finanzierung,
            verhinderten und verhindern bis heute eine tiefgehende und effiziente Rüstung. </p>
         <p>Der Leser kommt zu dem Schluss, dass genau hier das größte Probleme im Gegensatz zu den
            USA liegt, die diese Integration, wenn auch unter blutigen Kämpfen im 19. Jahrhundert,
            hergestellt haben und daher den Europäern hier weit überlegen sind. Letztere hinken
            trotz zahlreicher Absichtsbekundungen und Kooperationsprojekte (z.B. Battle Groups)
            militärisch weiterhin der NATO hinterher. </p>
         <p>Jedoch litten und leiden beide, EU und NATO, unter einem Mangel an Realisierung on the
            ground, was die multilaterale Kooperation angeht. Häufig führten die entsprechenden
            Projekte nur sehr begrenzt zur Erhöhung der militärischen Schlagkraft, sondern zogen die
            Schaffung von weiteren (Spitzen-)Strukturen, Dienstposten und letztlich mehr Bürokratie
            nach sich.</p>
         <p>Kraft entwickelt das methodische Instrumentarium, die Strukturierung des Themas unter
            den genannten drei Grundkategorien, vorbildlich und setzt es dann mit einer
            multiperspektivischen Analyse um. Indes muss das komplexe Forschungsfeld, etwa in Bezug
            auf die Diskrepanz zwischen Absichtserklärungen und realer Kampfkraft sowie die weiteren
            Fragen (etwa nach Integrationsniveau, -dichte, -umfang oder hinsichtlich der
            soziologischen Perspektive) noch praktisch mit Leben erfüllt und mit Ergebnissen
            angereichert werden. </p>
         <p>Mit der Studie liegt eine Pionierarbeit vor, die die Grundlagen für weiteres Forschen
            gelegt hat. Die Aufstellung der Kooperationsformate (Kap. 5.2.3.) ist eine umfassende
            Bestandsaufnahme und Pflichtlektüre für jeden Interessierten. In der verdienstvollen
            Übersicht zu den Militäreinsätzen europäischer Staaten von 1945 bis 2019 am Ende fehlt
            allerdings der Krieg des Empire in Malaya von 1948 bis 1960, der neben dem Mau-Mau-Krieg
            einen wichtigen historischen Markstein bildet.</p>
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