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         <titleStmt>
            <title>Dezentrierte Gesellschaftsgeschichte als (mögliche) neue Einheit der Geschichte.
               Systemtheoretische Überlegungen zu Benjamin Ziemanns Geschichte „Deutschland(s) in
               der differenzierten Moderne“</title>
            <title xml:lang="en">Decentralised Social History as a (Possible) New Way of Writing
               History. System-Theoretical Considerations on Benjamin Ziemann's Book „Deutschland in
               der differenzierten Moderne“</title>
            <author>Daniel Mühlenfeld, daniel@muehlenfeld.net</author>
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         <publicationStmt>
            <distributor ref="http://d-nb.info/gnd/10073682-8">
               <email>wdm@ulb.tu-darmstadt.de</email>
               <orgName role="hostingInstitution">Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt</orgName>
               <idno type="ISIL">http://lobid.org/organisation/DE-17</idno>
               <idno type="ISNI">http://www.isni.org/0000000110101946</idno>
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               <idno type="DOI">10.48694/npl.4724</idno>
               <idno type="eISSN">2197-6082</idno>
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                  <addrLine>Magdalenenstr. 8, 64289 Darmstadt</addrLine>
                  <country>Germany</country>
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               <placeName>Darmstadt</placeName>
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               <ab xml:lang="en">This file is licensed under the terms of the Creative Commons
                  License CC BY 4.0 (Attribution 4.0 International)</ab>
            </availability>
            <date type="submitted">06.02.2025</date>
            <date type="accepted">28.10.2025</date>
            <date type="published">18.12.2025</date>
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            <ab>Born digital</ab>
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               <term>Essay</term>
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               <term>Gesellschaftsgeschichte</term>
               <term>Systemtheorie</term>
               <term>Niklas Luhmann</term>
               <term>Moderne</term>
               <term>Gesellschaftstheorie</term>
               <term>Soziologie</term>
               <term>Nationalsozialismus</term>
               <term>20. Jahrhundert</term>
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               <term>history of society</term>
               <term>systems theory</term>
               <term>Niklas Luhmann</term>
               <term>modernity</term>
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      <front>
         <div xml:lang="de">
            <head>Zusammenfassung</head>
            <p>: Die Rezension bespricht Benjamin Ziemanns 2024 erschienenes Buch, das eine
               grundlegende theoretische Neuausrichtung der deutschen Gesellschaftsgeschichte
               vorschlägt. Ziemann beabsichtigt, die Disziplin durch die praktische Anwendung von
               Niklas Luhmanns Systemtheorie methodologisch-theoretisch zu erneuern und moderne
               deutsche Geschichte als eine „Gesellschaft ohne Zentrum“ zu beschreiben, die aus
               vielfältigen, funktional differenzierten und operativ geschlossenen Teilsystemen
               besteht. Diese dezentrierte Perspektive erlaubt es, die deutsche Geschichte der
               letzten 150 Jahre zu analysieren, ohne einzelnen Bereichen wie Politik oder
               Wirtschaft eine zwingende Vorrangstellung zuzuerkennen. Insofern Ziemann damit in der
               eklektischen Tradition der Geschichtswissenschaft steht, sich insbesondere aus dem
               Fundus sozialwissenschaftlicher Theorien zu bedienen, ist Ziemanns Ansatz auch gegen
               fachsoziologische Kritik zu verteidigen, die die Relevanz der Arbeit für die
               disziplinare Selbstvergewisserung der Historiker_innen nicht hinreichend zu würdigen
               vermag. Aus dieser Perspektive ist zu konstatieren, dass just dieser eklektische
               Theoriegebrauch neue historiografische Erkenntnisse ermöglicht, insbesondere bei der
               Untersuchung des Nationalsozialismus durch die Analyse systemischer Kopplungen.
               Abschließend ist festzuhalten, dass Ziemanns Vorgehen, obwohl es als erweiterte
               Machbarkeitsstudie angelegt ist, das Potenzial hat, eine neue konzeptionelle Einheit
               für die deutsche Geschichtswissenschaft zu schaffen und die methodologischen
               Herausforderungen der Postmoderne zu überwinden.</p>
         </div>
         <div xml:lang="en">
            <head>Abstract</head>
            <p>: In his latest book, Benjamin Ziemann proposes a fundamental theoretical
               reorientation of German social history. He aims to renew the discipline
               methodologically and theoretically through the practical application of Niklas
               Luhmann's systems theory and to describe modern German history as a “society without
               a centre” consisting of diverse, functionally differentiated and operationally closed
               subsystems. This allows for an analysis of German history over the last 150 years
               without giving priority to individual areas such as politics or economics. Insofar as
               Ziemann follows the eclectic tradition of historical scholarship in drawing
               particularly on social science theories, his approach can also be defended against
               criticism from sociologists. This eclectic use of theory enables new
               historiographical insights, especially in the study of National Socialism through the
               analysis of systemic couplings. Although Ziemann’s approach is designed as an
               extended feasibility study, it has the potential to create a new conceptual unity for
               German historical scholarship and to overcome the methodological challenges of
               postmodernism.</p>
         </div>
      </front>
      <body>
         <div>
            <head rendition="berschrift1"></head>
            <p>Benjamin Ziemanns 2024 bei Reclam veröffentlichtes Buch „Gesellschaft ohne Zentrum.
               Deutschland in der differenzierten Moderne“ verdient allein deshalb Aufmerksamkeit,
               weil man es auf mehrerlei Art lesen kann: Es ist erstens eine lohnende
               Auseinandersetzung mit aktuell in der Historiografie anzutreffenden Deutungsmustern
               zur neueren deutschen Geschichte seit dem Kaiserreich. Zweitens stellt es den
               nächsten Schritt im Rahmen des seit nunmehr zwei Jahrzehnten andauernden Bemühens des
               Autors dar, das Konzept der Gesellschaftsgeschichte auf neue theoretische Füße zu
               stellen und es damit analog zum fortschreitenden gesellschaftlichen Wandel in
               angemessener Weise weiterzuentwickeln. Indem der Band dabei drittens um den
               praktischen Nachweis bemüht ist, dass sich das bereits früher verschiedentlich
               formulierte Postulat der Dienstbarmachung der Systemtheorie Niklas Luhmanns für eine
               theoretisch und begrifflich erweiterte Gesellschaftsgeschichte tatsächlich
               forschungspraktisch operationalisieren lässt, kommt er zudem als Wanderer zwischen
               den disziplinären Welten von Soziologie und Geschichtswissenschaft daher; zweier
               Disziplinen also, deren wechselseitiges Bedingungsverhältnis regelmäßig Gegenstand
               von Debatten ist.<note type="footnote" xml:id="n1"> Exemplarisch Burke, Peter:
               Soziologie und Geschichte, Junius, Hamburg 1989; Mergel, Thomas: Geschichte und
               Soziologie, in: Goertz, Hans-Jürgen (Hrsg.): Geschichte. Ein Grundkurs, Rowohlt,
               Reinbek b. Hamburg 32007, S. 688–717;
                  Welskopp, Thomas: Irritating Flirtations. Reflections on the Relationship Between
               History and Sociology since the 1970s, in: InterDisciplines. Journal of History and
               Sociology 1 (2010), H. 1, S. 9–42 sowie jüngst aus soziologischer Perspektive: Knöbl,
               Wolfgang: Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Sozialtheorie, Suhrkamp,
               Berlin 2022.</note></p>
            <p>Die folgenden Überlegungen bemühen sich insofern darum, den Band sowohl zur
               methodologisch-theoretischen Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft(en) in
               Beziehung zu setzen als auch die konkrete Tragfähigkeit des unterbreiteten
               Deutungsangebots zu hinterfragen. Damit einher gehen unvermeidbar auch Überlegungen
               zur gerade unter (deutschen) Zeithistorikerinnen und -historikern nicht eben neuen
               Frage nach den im Sinne des eigenen Wissenschaftsverständnisses korrekten Parametern
               für eine Inanspruchnahme sozialwissenschaftlicher Theorien und Methoden.<note
                  type="footnote" xml:id="n2">
                  Vgl. Graf,
                  Rüdiger/Priemel, Kim Christian: Zeitgeschichte
                  in der Welt der Sozialwissenschaften. Legitimität und Originalität einer
                  Disziplin,
                  in: Vierteljahrshefte für
                  Zeitgeschichte
                  59 (2011), H. 4,
                  S. 479–508, bes. S. 481: „
                  Da die sozialwissenschaftliche Theoriebildung des
                  20. Jahrhunderts eben jene Phänomene erfassen sollte, die in die Zuständigkeit der
               Zeitgeschichte fallen, sie zugleich aber noch immer in wesentlichen Teilen unsere
               eigene Weltaneignung prägt, nähert sich der Zeithistoriker seinem
               Untersuchungszeitraum oft mit den historisch kontingenten Methoden der
               Sozialwissenschaftler, ohne deren Bedingtheit ausreichend zu reflektieren.“</note></p>
            <p>Die historiografische Tradition, in die nach eigenem Bekunden auch Benjamin Ziemann
               einzuordnen ist und zu deren perspektivischer Weiterentwicklung der vorliegende Band
               einen Beitrag zu leisten beansprucht, ist die der Gesellschaftsgeschichte. Diese ist
               gewissermaßen das Ergebnis eines evolutionären Prozesses innerhalb der deutschen
               Geschichtswissenschaft nach 1945. Zunächst apostrophierte sie sich selbst als „Neue
               Sozialgeschichte“, um sich von einer älteren, auf die historische Schule der
               deutschen Nationalökonomie zurückgehende Traditionslinie, und einer nach dem Zweiten
               Weltkrieg zur „Strukturgeschichte“ gehäuteten, ursprünglich NS-kompatiblen
               „Volksgeschichte“ abzugrenzen. Davon ausgehend entwickelte sie sich von einer
               sektoralen Bindestrichdisziplin innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft weiter
               zur theoretisch reflektierten „Historischen Sozialwissenschaft“ und schließlich zur
               Gesellschaftsgeschichte mit einem nun auch dem Namen nach generellen, gewissermaßen
               allgemeinhistorischen Deutungsanspruch.<note type="footnote" xml:id="n3">
                  Vgl. die programmatischen Selbstbeschreibunge
                  n der wohl namhaftesten Vertreter dieser
                  Fachrichtung v. Wehler,
                  Hans-Ulrich: Sozialgeschichte und
                  Gesellschaftsgeschichte, in: Schieder,
                  Wolfgang/Sellin, Volker (Hrs
                  g.): Sozialgeschichte in Deutschland.
                  Entwicklungen und Perspektiven im internationalen Zusammenhang.
                  Bd. 1: Die
                  Sozialgeschichte innerhalb der Geschichtswissenschaft, Vandenhoeck &amp;
                  Ruprecht, Göttingen 1986, S. 33–52; Kocka,
                  Jürgen: Sozialgeschichte. Begriff – Entwicklung – Probleme, Vandenhoeck &amp;
               Ruprecht, Göttingen 21986, bes. S. 48–111;
                  Kroll, Thomas: Sozialgeschichte, in: Cornelißen, Christoph (Hrsg.):
               Geschichtswissenschaften. Eine Einführung, Fischer, Frankfurt a. M. 2000, S. 149–161;
               Mooser, Josef: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Historische Sozialwissenschaft,
               Gesellschaftsgeschichte, in: Goertz (Hrsg.): Geschichte (wie Anm. 1), S. 568–591;
               Welskopp, Thomas: Westbindung auf dem „Sonderweg“. Die deutsche Sozialgeschichte vom
               Appendix der Wirtschaftsgeschichte zur Historischen Sozialwissenschaft, in: Küttler,
               Wolfgang/Rüsen, Jörn/Schulin, Ernst (Hrsg.): Geschichtsdiskurs. Bd. 5: Globale
               Konflikte, Erinnerungsarbeit und Neuorientierungen seit 1945, Fischer, Frankfurt a.
                  M. 1999, S. 191–237.</note></p>
            <p>Im Zuge der Bildungsreform der 1960er und 1970er Jahre gelang es der
               Gesellschaftsgeschichte bekanntlich beachtlich schnell, institutionell Fuß zu fassen
               und das disziplinäre Profil der deutschen Geschichtswissenschaft nach kaum mehr als
               einem Jahrzehnt maßgeblich mitzubestimmen. Zugleich sah sich die vermeintlich „neue
               Orthodoxie“ alsbald selbst methodologischer Kritik ausgesetzt.<note type="footnote"
                  xml:id="n4"> Siehe Nathaus, Klaus, Sozialgeschichte und Historische
               Sozialwissenschaft, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 24.09.2012, DOI: <!--<ref
                     target="https://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.268.v1" xml:space="preserve"
                     rendition="Hyperlink" style="color: #auto;"></ref>-->https://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.268.v1
               [Zugriff: 30.1.2025].</note> Weil die bewusste Fokussierung der Sozial-
               beziehungsweise Gesellschaftsgeschichte auf überindividuelle Prozesse und Strukturen
               als Gegenstände der historischen Analyse und Darstellung in Abgrenzung zum
               historistischen Individualismus, wie ihn der Historismus pflegte<note type="footnote"
                  xml:id="n5"> Jaeger,
                  Friedrich/Rüsen,
                  Jörn: Geschichte des Historismus. Eine Einführung,
                  Beck, München 1992, S. 181–185, bes. S. 183.</note>, in mancher Hinsicht das Kind
               mit dem Bade ausgeschüttet hatte, verlangten neue, zunächst ebenfalls sektoral
               angelegte historiografische Perspektiven wie die Geschlechter-, Alltags- und
               schließlich die Kulturgeschichte, dem Menschen wieder mehr Recht und vor allem
               „Eigen-Sinn“ (Alf Lüdtke) im Sinne von Handlungsmacht jenseits der vermeintlich
               „stahlharten Gehäuse“ (Max Weber) der sie umgebenden gesellschaftlichen Strukturen
               zuzubilligen.<note type="footnote" xml:id="n6">
                  Dazu jüngst Brühlmeier,
                  Daniel: Das „stahlharte Gehäuse“. Zwei
                  Beobachtungen zu Max Webers berühmter Metapher, in: Berliner Journal für
                  Soziologie 34 (2024), H. 1, S. 129–144.</note></p>
            <p>Während insbesondere Hans-Ulrich Wehler auf die gewiss absichtsvoll mehrdeutig so
               bezeichnete „Herausforderung der Kulturgeschichte“ mit massiver Gegenwehr reagierte<note
                  type="footnote" xml:id="n7"> Wehler, Hans-Ulrich:
                  Die Herausforderung der Kulturgeschichte, Beck, München
                  1998 sowie Nolte, Paul: Hans-Ulrich Wehler.
                  Historiker und Zeitgenosse, Beck, München 2015,
                  S. 132–148. Wehler: Sozialgeschichte (wie Anm. 3), S. 42 hatte schon mehr als
                  ein Jahrzehnt zuvor apodiktisch konstatiert, dass allein ein an Max Weber
               anknüpfender sozialtheoretischer Zugriff geeignet sei. S. ferner die wesentliche
               Debatten dokumentierende Anthologie von Hitzer, Bettina/Welskopp, Thomas (Hrsg.): Die
               Bielefelder Sozialgeschichte. Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen
               Programm und seinen Kontroversen, transcript, Bielefeld 2010.</note>, schickte sich
               eine jüngere Generation von Sozialhistorikerinnen und -historikern an, die
               Gesellschaftsgeschichte perspektivisch und auch theoretisch zu öffnen und damit
               weiterzuentwickeln.<note type="footnote" xml:id="n8">
                  Vgl. die Beiträge in Mergel,
                  Thomas/Welskopp, Thomas (Hrsg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft.
               Beiträge zur Theoriedebatte, Beck, München 1997
                  sowie Welskopp, Thomas: Die Sozialgeschichte
                  der Väter. Grenzen und Perspektiven der Historischen Sozialwissenschaft, in:
               Geschichte
                  und Gesellschaft
                  24 (1998), H. 2
                  , S. 173–198. </note></p>
            <p>Auch Benjamin Ziemann ist diesem Personenkreis zuzuordnen: In den zurückliegenden
               zwei Jahrzehnten hat er sich in einer Reihe von Beiträgen mit den Potenzialen wie
               auch erkenntnistheoretischen Grenzen der Gesellschaftsgeschichte sowie der an ihrem
               Zugriff geübten Kritik auseinandergesetzt.<note type="footnote" xml:id="n9">
                  Ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Ziemann,
                  Benjamin: Sozialgeschichte jenseits des
                  Produktionsparadigmas. Überlegungen zu Geschichte und Perspektiven eines
               Forschungsfeldes, in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen 28
                  (2003), S. 5–35; ders.: Überlegungen
                  zur Form der Gesellschaftsgeschichte angesichts des „cultural turn“, in: Archiv
                  für
                  Sozialgeschichte 43 (2003), S. 600–616; ders.: Sozialgeschichte,
               Geschlechtergeschichte, Gesellschaftsgeschichte, in: Dülmen, Richard van (Hrsg.):
               Fischer Lexikon Geschichte, Fischer, Frankfurt a. M. 2003, S. 84–105; ders.: „Im
               Hexenkessel“ oder das Differenzierungsproblem der Gesellschaftsgeschichte, in:
               Zeithistorische Forschungen 1 (2004), H. 1, S. 106–110; ders.: Die Soziologie der
               Gesellschaft. Selbstverständnis, Traditionen und Wirkungen einer Disziplin, in: Neue
               Politische Literatur 50 (2005), H. 1, S. 43–67; ders.: The Theory of Functional
               Differentiation and the History of Modern Society. Reflections on the Reception of
               Systems Theory in Recent Historiography, in: Soziale Systeme 13 (2007), H. 1/2, S.
               220–229; ders.: Das Kaiserreich als Epoche der Polykontexturalität, in: Müller, Sven
               Oliver/Torp, Cornelius (Hrsg.): Das Deutsche Kaiserreich in der Kontroverse,
               Vandenhoeck &amp; Ruprecht, Göttingen 2009, S. 51–65; ders.: Die Metaphorik des
               Sozialen. Soziologische Selbstbeschreibungen westeuropäischer Gesellschaften im 20.
               Jahrhundert, in: Raphael, Lutz (Hrsg.): Theorien und Experimente der Moderne. Europas
               Gesellschaften im 20. Jahrhundert, Böhlau, Köln u. a. 2012, S. 193–227; ders.:
               Sozialgeschichte und Empirische Sozialforschung. Überlegungen zum Kontext und zum
                  Ende einer Romanze, in: Maeder, Pascal/Lüthi, Barbara/Mergel, Thomas (Hrsg.): Wozu
               noch Sozialgeschichte? Eine Disziplin im Umbruch, Vandenhoeck &amp; Ruprecht,
               Göttingen 2012, S. 131–149; ders.: Gesellschaftswandel und Modernisierung, 1800–2000.
               Zur Einführung, in: Archiv für Sozialgeschichte 57 (2017), S. 3–20.</note> Dabei hat
               er jeweils in unterschiedlichen Detailkontexten auf die konzeptionelle Plausibilität
               einer neuen theoretischen Grundierung der Gesellschaftsgeschichte vermittels der
               systemtheoretischen Überlegungen Niklas Luhmanns zum Phänomen der fortschreitenden
               sozialen Differenzierung moderner Gesellschaften hingewiesen.</p>
            <p>Konkret sind es drei Argumente, die er dabei anführt: Erstens verweist er darauf,
               dass auch die klassische Bielefelder Gesellschaftsgeschichte im Falle ihres wohl
               gewichtigsten Anwendungsbeispiels, nämlich der fünfbändigen „Deutschen
               Gesellschaftsgeschichte“ Hans-Ulrich Wehlers<note type="footnote" xml:id="n10">
               Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche
                  Gesellschaftsgeschichte. Bd. 1: Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur
               Defensiven
                  Modernisierung der Reformära 1700–1815, Beck,
                  München 3
                  1996; ders.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd.
                  2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen Deutschen
               Doppelrevolution
                  1815–1845/49, Beck, München
                  31996;
                  ders.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3: Von der Deutschen Doppelrevolution
               bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849–1914, Beck,
                  München 1995; ders.: Deutsche
                  Gesellschaftsgeschichte. Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung
               der
                  beiden deutschen Staaten 1914–1949, München 2003; ders.: Deutsche
               Gesellschaftsgeschichte. Bd. 5: Bundesrepublik und DDR 1949–1990, München 2008 sowie
               Nolte: Wehler (wie Anm. 7), S. 87–104.</note>, auf einem Modell funktionaler
               Differenzierung gründet, welches allerdings an Max Weber beziehungsweise Talcott
               Parsons anknüpft und mit folgenden vier Kategorien arbeitet: Politik, Wirtschaft,
               Kultur und soziale Ungleichheit.<note type="footnote"
                  xml:id="n11">
                  Ziemann: Sozialgeschichte (wie Anm. 9), S. 95;
                  ders.: Überlegungen (wie Anm. 9), S. 602.
                  Zuletzt hat Jürgen Kocka: Kampf um
                  die Moderne. Das lange 19. Jahrhundert in Deutschland,
                  Klett-Cotta,
                  Stuttgart 2021, S. 140 mit
                  explizitem Verweis auf Luhmanns „Weiterentwicklung […] der
                  strukturell-funktionalen
                  Theorie“ diese vier Kategorien erneut bekräftigt: „Solche Ausdifferenzierung […]
               ist
                  von Historikern […] immer wieder bemerkt und erörtert worden: als
               Ausdifferenzierung
                  von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur“, wobei er in diesem Zusammenhang
               als
                  fünfte Kategorie „die Schärfung der Unterscheidung von privat und öffentlich“
               ergänzt
                  hat.
               </note>
               Nun hinsichtlich des theoretischen Fundaments gewissermaßen von Weber auf Luhmann
               umzusatteln, begründet er – zweitens – mit der nicht hinreichenden Komplexität des
               ursprünglichen Ansatzes, der nicht geeignet scheint, „die vornehmlich aus der
               voranschreitenden sozialen Differenzierung resultierende Dynamik der modernen
               Gesellschaften“ allein aus „der Auffächerung von drei oder vier Untersuchungsebenen
               […] angemessen darzustellen.“<note type="footnote"
                  xml:id="n12"> Ziemann
                  : Überlegungen (wie Anm. 9), S. 602.</note> Hier erweise sich die Theorie Luhmanns
               schlichtweg als leistungsfähiger, weil flexibler, da eine grundsätzliche „Offenheit
               für künftige Systembildungen“ bestehe, sodass das analytische Instrumentarium mit
               seinem Untersuchungsgegenstand mitwachsen und so den jeweils erforderlichen
               komplementären Komplexitätsgrad annehmen kann.<note
                  type="footnote" xml:id="n13">
                  Ebd., S. 606.
               </note></p>
            <p>Damit ermöglichte eine auf Luhmanns Konzept der funktionalen Differenzierung
               aufbauende, theoretisch-methodologisch erneuerte Gesellschaftsgeschichte drittens,
               den aus Ziemanns Sicht „zum Großteil berechtigten Einwänden aus Sicht des ‚cultural
               turn‘ […] Rechnung [zu tragen]“<note type="footnote" xml:id="n14">
                  Ebd., S. 615.
               </note>, indem sie ausgehend von der
               Annahme, dass Gesellschaft sich aus einer nicht abschließend definierten Zahl
               unabhängiger und nach eigenen Funktionslogiken operierender, wenn auch über
               anschlussfähige Kommunikation strukturell gekoppelter (Teil-)Systeme konstituiert,
               die schlussendliche Einheit der Gesellschaft zumindest in Form einer
               „multi-kontexturale[n]“ Einheit in Vielheit schafft. Damit wäre das Problem der
               postmodernen Herausforderung der Gesellschaftsgeschichte in Gestalt der Methoden- und
               Perspektivenvarianz der neuen Bindestrichdisziplinen im Rahmen eines neuen und
               gemeinsamen theoretischen Bezugsrahmens argumentativ aufgelöst.<note type="footnote"
                  xml:id="n15">
                  Ebd., S. 616;
                  Ziemann: Theory (wie Anm. 9), S. 226 sowie ders.:
                  Kaiserreich (wie Anm. 9), passim.</note> Kurz gesagt: Wenn die moderne
               Gesellschaft kein einheitliches Zentrum (mehr) hat, von dem ausgehend sich ihre
               Wesenheit allgemeinverbindlich erschließen und erklären lässt, sorgt ein diese
               multi-kontexturale Realität begrifflich fassender theoretischer Zugriff zumindest
               (wieder) für einen gemeinsamen analytischen Nenner, indem sich die nebeneinander
               existierenden gesellschaftlichen Teilsysteme nach dem systemtheoretischen Prinzip der
               System-Umwelt-Beziehung beschreiben lassen.<note type="footnote" xml:id="n16">
                  Damit ist gemeint, dass gesellschaftliche
                  Bereiche, die für sich als eigenständiges Teilsystem organisiert sind, aus Sicht
               anderer Teilsysteme eben kein System an sich, sondern ganz unspezifisch Teil von
                  deren systemischer Umwelt sind – und vice versa.
               Insofern gibt es durchaus enge Bande zwischen verschiedenen Teilsystemen der modernen
               Gesellschaft in Form kommunikativer Kopplung, doch die einzelnen Teilsysteme folgen
               dabei für sich jeweils eigenen Operationslogiken. Vgl.
                  Luhmann, Niklas
                  : Soziale Systeme. Grundriß
                  einer allgemeinen Theorie, Suhrkamp,
                  Frankfurt a. M. 1987, S. 242–285.</note></p>
            <p>Ausgehend von diesen konzeptionellen Vorüberlegungen liegt mit der „Gesellschaft ohne
               Zentrum“ nun eine erste monografische Vermessung beziehungsweise Operationalisierung
               des Themas vor. Dass Ziemann den Band selbst als ein „Wagnis“ bezeichnet (S. 281),
               unterstreicht die auch beim Blick auf die Komposition des Bandes erkennbare
               Vorläufigkeit des Buchs. Denn es handelt sich nicht um eine klassische, in sich
               durchkomponierte Monografie. Vielmehr ist es gewissermaßen eine Art Anthologie, die
               teils andernorts bereits erschienene, jedoch durchweg überarbeitete, sowie eine Reihe
               von neuen Texten des an der University of Sheffield lehrenden Autors enthält. Damit
               sind am Ende zwar alle relevanten Zeitabschnitte der deutschen Geschichte seit dem
               letzten Quartal des 19. Jahrhunderts darstellerisch adressiert, aber zugleich wird
               klar, dass es sich jeweils (noch) um skizzenhafte, epochenspezifische Problemaufrisse
               handelt – und eben nicht um die definitive Ausarbeitung seiner Vorstellungen von
               einer erneuerten Gesellschaftsgeschichte an und für sich. Wäre dieses Unterfangen ein
               technisches Großvorhaben, würde man „Gesellschaft ohne Zentrum“ gerade auch in
               Relation zu den frühen konzeptionellen Überlegungen, die ihr vorausgegangen sind,
               wohl als eine erweiterte Machbarkeitsstudie, aber eben nicht als vollendete
               Projektumsetzung betrachten; der Autor selbst spricht folgerichtig von „Fallstudien“
               (S. 16).</p>
            <p>Da dieser vorläufige Charakter des Bandes für alle halbwegs in der Lektüre
               wissenschaftlicher Literatur geschulte Leserinnen und Leser mit Händen zu greifen
               ist, verwundern umso mehr der beckmesserische Ton und die teils entstellende
               Argumentation einer jüngst erschienenen Besprechung der Arbeit aus fachsoziologischer
               Perspektive.<note type="footnote" xml:id="n17"> Vgl. Schimank, Uwe:
               Gesellschaftsgeschichte à la Luhmann. Rezension zu „Gesellschaft ohne Zentrum.
               Deutschland in der differenzierten Moderne“ von Benjamin Ziemann v. 22.1.2025, URL:<!--
                  <ref
                     target="https://www.soziopolis.de/gesellschaftsgeschichte-a-la-luhmann.html"
                     xml:space="preserve" rendition="Funotenzeichen"
                     style="vertical-align: sub;  lang: fr-FR;">-->https://www.soziopolis.de/gesellschaftsgeschichte-a-la-luhmann.html
               [Zugriff: 1 7.11.2025].</note> Der Rezensent bemängelt darin als zentralen
               Kritikpunkt, dass der „differenzierungstheoretische analytische Bezugsrahmen an
               keiner Stelle zusammenhängend eingeführt“ werde. Warum es zum besseren Verständnis
               von „Gesellschaft ohne Zentrum“ dennoch sinnvoll und hilfreich ist, diese an sich
               misslungene, weil sich dem Erkenntnisinteresse des Autors und der spezifischen
               Bedeutung des Buches im Kontext einer methodologischen Selbstvergewisserungsdebatte
               innerhalb der deutschen Sozialgeschichte nicht wirklich öffnende Rezension zu
               bemühen, zeigt der folgende Punkt sehr eindrücklich: Wenn der Rezensent die
               Grundthese des Buches, Deutschland sei „seit gut 150 Jahren eine funktional
               differenzierte ‚Gesellschaft ohne Zentrum‘“, für „wenig originell“ hält, übersieht
               er, dass es sich bei der vorliegenden Arbeit eben nicht um einen doxografischen
               Beitrag zur Genese einer soziologischen Großtheorie handelt, sondern um einen
               historiografischen Debattenbeitrag zur Frage der Operationalisierbarkeit jener
               Theorie in einem zwar benachbarten, aber letztlich doch anderen disziplinären Rahmen.<note
                  type="footnote" xml:id="n18"> Vgl. im Gegensatz
                  dazu die geradezu
                  euphorische Besprechung des Bandes von Pyta,
                  Wolfram: Rezension zu: Benjamin Ziemann,
                  Gesellschaft ohne Zentrum. Deutschland in der differenzierten Moderne. Ditzingen,
               Reclam 2024, in: Historische Zeitschrift 321 (2025), H. 2
                  , S. 509–511.</note></p>
            <p>Insofern tut der vermeintlich nicht sach- und fachgerechte Umgang des Historikers mit
               der soziologischen Theorie dem aus einem solchen Umgang resultierenden
               Erkenntnisfortschritt im Rahmen des historiografischen Diskurses keinen Abbruch, im
               Gegenteil, wie Jürgen Osterhammel an anderer Stelle schreibt: „Die
               Professionalisierungslücke, die sich im Umgang von Historikern und Historikerinnen
               mit soziologischer Theorie unvermeidlich auftut, birgt die Chance, bei reduzierter
               Theorieintensität Analysen durchzuführen, die nach strengsten theoretischen Maßstäben
               eigentlich nicht legitimierbar sind.“<note type="footnote" xml:id="n19">
                  So aus historiografischer Perspektive:
                  Osterhammel, Jürgen: Trigger Warnings. Über Wolfgang
                  Knöbels „Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Sozialtheorie“, in:
               Geschichte und Gesellschaft 49 (2023), H. 3, S.
                  498–512, hier S. 503.</note> Mehr noch: Gerade weil der disziplinäre Dialog
               zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie „kein intellektueller Gabentausch auf
               Gegenseitigkeit, sondern dankbare Rezeption von Soziologischem durch eine in ihrem
               ‚positivistischen‘ Selbstbewusstsein erschüttert[e] Geschichtsschreibung“ war und
               ist, pflegen Historikerinnen und Historiker für gewöhnlich einen „Eklektizismus, der
               ein Privileg der systematisch, zeitlich und räumlich unendlich feindifferenzierten
               historischen Studien ist“; kurz: Seitens der Geschichtswissenschaft wurden quasi
               immer schon „soziologische Begriffe und Theoriestücke geborgt und dort verwendet, wo
               sie passten.“<note type="footnote" xml:id="n20">
                  Ebd., S. 502.
               </note></p>
            <p>Verkürzt gesagt könnte man von der Übernahme spezifisch aufgeladener
               Begrifflichkeiten und Beschreibungsformeln sprechen<note type="footnote" xml:id="n21">
               Ziemann: Überlegungen, (wie Anm. 9), S. 603:
                  „Theorien sind als empirieferne Beschreibungssprachen zu verstehen […]“. Ferner
               Kieserling, André: Soziologische Fachsprache. Terminologie oder Jargon?, in: ders.:
               Selbstbeschreibung und Fremdbeschreibung. Beiträge zur Soziologie soziologischen
               Wissens, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2004, S. 291–299.</note>, die jedoch immer dann
               aus Perspektive historiografischer Sorgfaltspflicht einem besonders kritischen Blick
               zu unterziehen sind, wenn – gerade im Bereich der Zeitgeschichte – der
               Entstehungskontext einer sozialwissenschaftlichen Theorie und der historische
               Untersuchungsgegenstand zeitlich zusammenfallen.<note type="footnote" xml:id="n22">
               Vgl. Graf/Priemel: Zeitgeschichte (wie Anm. 2).
               </note></p>
            <p>Dass ein solcher, aus soziologischer Perspektive unstreitig hemdsärmelig anmutender
               Theoriegebrauch irritieren kann, ist nachvollziehbar. Wie fruchtbar er im Hinblick
               auf die Stimulierung neuer historiografischer Erkenntnisgewinne dennoch sein kann,
               lässt sich daran ermessen, dass auch aktuelle historische Darstellungen etwa die
               Funktionsweise des NS-Staates noch mit wissentlich unterkomplexen, weil die
               Komplexität des Untersuchungsgegenstandes nicht annähernd erfassenden
               Analyseinstrumenten wie etwa einer leidlich modifizierten Weberianischen
               Charisma-Theorie<note type="footnote" xml:id="n23"> Kritisch dazu bereits Nippel,
               Wilfried: Charisma und Herrschaft, in: ders. (H rsg.): Virtuosen der Macht.
               Herrschaft und Charisma von Perikles bis Mao, Beck, München 2000, S. 7–22 sowie
               spezifisch auf den Kontext des NS bezogen Herbst, Ludolf: Hitlers Charisma. Die
               Erfindung eines deutschen Messias, Fischer, Frankfurt a. M. 2011, bes. S. 15–44.
               Exemplarisch Hachtmann, Rüdiger: „Charismatische Herrschaft“ und der
               Nationalsozialismus, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 02.04.2019, DOI: <!--<ref
                  target="https://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok-1351" xml:space="preserve"
                     rendition="Hyperlink" style="color: #auto;"></ref>-->https://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok-1351
               [Zugriff: 29.01.2025 ]. Grundsätzlich zur Frage der Relationalität von Komplexität
               des Untersuchungsgegenstands und der zu seiner Erklärung herangezogenen Theorie auch
               Levi, Giovanni: The Origins of the Modern State and the Microhistorical Perspective,
               in: Schlumbohm, Jürgen (Hrsg.): Mikrogeschichte – Makrogeschichte. Komplementär oder
               inkommensurabel?, Wallstein, Göttingen 22000, S. 53–82: „Because reality is, by
               definition, more complex than any system devised to describe it, the question arises
               as to what the legitimate level of simplification is” (S. 53).</note> oder schlicht
               mit dem Willen des „Führers“ begründen. Verglichen damit stellt insofern auch eine
               soziologische Binse wie die Feststellung der funktional differenzierten Wesenheit der
               deutschen Gesellschaft zumindest für Teile der historischen Zunft noch immer einen
               epistemologischen Quantensprung dar.</p>
            <p>Ausgehend von den bei Luhmann entlehnten Grundannahmen<note type="footnote"
                  xml:id="n24"> Als Referenz Luhmann: Soziale
                  Systeme (wie Anm. 16).</note> legt Ziemann den Prozess der fortschreitenden
               funktionalen Differenzierung exemplarisch anhand einer Reihe ausgewählter
               gesellschaftlicher Teilsysteme dar: der Medien, des Gesundheitswesens, des Sports,
               der Kunst, des Bildungssystems, aber auch anhand des Wandels des Verhältnisses der
               (katholischen) Kirche zu ihrer gesellschaftlichen Umwelt seit dem Ende des Zweitens
               Weltkriegs. Indem er dabei schlüssig schildert, dass etwa die Entwicklung des
               Mediensystems mehr und mehr eigengesetzlichen, quasi binnenlogischen Prinzipien
               folgte, dabei aber gerade wegen seiner zunehmenden funktionalen Schließung gegenüber
               der gesellschaftlichen Umwelt relevante Folgerungen für andere Teilsysteme bereits
               des Kaiserreichs auszulösen vermochte<note
                  type="footnote" xml:id="n25">
                  Bezogen auf das konkrete Beispiel der
                  Ausdifferenzierung des Mediensystems meint das eine Duplizierung der realen Welt
               durch ihre mediale Repräsentation in der Presse: Weil das Mediensystem aber zugleich
               ökonomischen Zwecken diente, orientierte sich die Art und Weise der medialen
               Selbstbeobachtung der Gesellschaft des Kaiserreichs eng an den Rezeptionserwartungen
               und den Geschmäckern der gesellschaftlichen Mehrheit. Indem deshalb etwa in
               zunehmender Breite vermeintliche und tatsächliche politische Skandale thematisiert
               wurden, sah sich wiederum das politische System genötigt, darauf zu reagieren – und
               sich als Politik zunehmend selbst im Spiegel der medialen Berichterstattung zu
               beobachten und den eigenen Modus Operandi daran auszurichten. Es entwickelte sich
                  also sukzessive eine systemische Kopplung zweier nominell getrennter, weil in sich
               nach eigenen Operationslogiken handelnden gesellschaftlichen Teilsystemen. Vgl.
               Ziemann: Gesellschaft ohne Zentrum, S. 23–27.</note>, gewinnt auch der auf den ersten
               Blick recht opak anmutende Titel der Arbeit rasch Plausibilität, ja, für sich selbst
               programmatische Erklärungskraft. Eine Gesellschaft, die aus verknüpften, aber
               ansonsten eigenen Handlungs- und Entscheidungslogiken folgenden, mehr oder minder
               gleichrangigen Teilsystemen besteht, deren Zentrum ist mindestens ebenso schwer zu
               bestimmen wie etwa der Mittelpunkt des Universums, denn so wie das Universum
               mutmaßlich stetig weiter wächst<note type="footnote" xml:id="n26">
                  Vgl. dazu jüngst die konzise Zusammenfassung von
                  Hasinger, Günther: Geschichte des Universums,
                  Beck, München 2025, S. 56
                  ff.</note>, findet auch die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften
               kein Ende. Folgerichtig muss eine moderne, eben funktional zunehmend differenzierte
               und mithin komplex organisierte Gesellschaft notwendig eine dezentrierte, kurz: eine
               „Gesellschaft ohne Zentrum“ sein. Was ihren Kern ausmacht, welche Funktionssysteme zu
               ihrem Arkanbereich gehören, ist also nicht a priori und allgemeinverbindlich
               festgelegt, sondern wäre – je nach Fragestellung und Betrachtungsweise – neu zu
               bestimmen. Kurz gesagt: Generalisierende Aussagen hinsichtlich eines spezifischen
               Primats etwa von Wirtschaft oder Politik erübrigen sich zumindest bei der
               Beschreibung moderner, da funktional differenzierter Gesellschaften, eben weil sich
               diese im systemtheoretischen Verständnis je nach Perspektive ganz verschieden, weil
               teilsystematisch organisiert, beschreiben ließen – und dies, ohne sich damit dem
               Vorwurf auszusetzen, einem konstruktivistischen, mithin postmodernen Relativismus
               anheimgefallen zu sein.<note type="footnote" xml:id="n27">
                  Vgl. Conrad, Christoph/Kessel, Martina: Geschichte ohne Zentrum, in: dies (Hrsg.):
               Geschichte schreiben in der Postmoderne. Beiträge zur aktuellen Diskussion, Reclam,
               Stuttgart 1994, S. 9–36, hier S. 10, die Postmoderne im historiografischen Sinne
               definieren als „Unmöglichkeit, geschlossene Aussagen über Gegenwart und Vergangenheit
               zu machen.“ Dass Conrad/Kessel und Ziemann sich im Übrigen der Metapher der
               De-Zentriertheit bedienen, bedeutet keinen argumentativen oder perspektivischen
               Gleichklang: Während die „Geschichte ohne Zentrum“ als Folge von Methoden-, Theorien-
               und Perspektivenpluralismus erscheint, ist die „Gesellschaft ohne Zentrum“ Ergebnis
               einer sozialtheoretisch grundierten Reflexion über die Wesenheit von Gesellschaft an
               sich.</note></p>
            <p>Was auf den ersten Blick – zumal für Soziologinnen und Soziologen – banal und
               unspektakulär anmuten mag, hat bei entsprechender historiografischer
               Operationalisierung durchaus unmittelbar relevante und konkrete forschungspraktische
               Folgen: Wo einer Gesellschaft qua dezentrierter Wesenheit ein natürliches Zentrum
               fehlt, ist es folgerichtig müßig, um den Primat von Politik, Wirtschaft oder Recht zu
               streiten. Entsprechend knapp vermag Ziemann im ersten inhaltlichen Kapitel über
               Gesellschaft im Deutschen Kaiserreich die jüngst (neu) entflammte Debatte um den Ort
               des Kaiserreichs in einer vornehmlich modernisierungstheoretisch grundierten
               National- beziehungsweise Demokratiegeschichte ohne viel Federlesens abzuräumen.<note
                  type="footnote" xml:id="n28">
                  Als Bilanz der Debatte vgl. Aschmann,
                  Birgit/Wienfort,
                  Monika (Hrsg.):
                  Zwischen Licht und Schatten. Das Kaiserreich (1871–1914) und seine neuen
               Kontroversen, Campus, Frankfurt a.
                  M./New York
                  2022.</note> Im Sinne des an Luhmann geschulten dezentrierten
               Gesellschaftsverständnisses sind weder Verweise auf die vermeintliche Modernität
               einzelner Teilsysteme noch der Nachweis der Fortexistenz vordemokratischer
               Residualräume etwa im politischen System geeignet, ein abschließendes, die
               Gesamtgesellschaft des Kaiserreichs klassifizierendes Urteil zu treffen. Vielmehr
               kann die Frage nach der Modernität des Kaiserreichs nur jeweils auf Ebene der
               gesellschaftlichen Teilsysteme und nur für diese, aber eben nicht generalisierend
               beantwortet werden.</p>
            <p>Dabei muss noch einmal explizit betont werden, dass eine differenzierte Betrachtung
               und entsprechend abgestufte Würdigung des Kaiserreichs aus dem Wissen um seine
               funktionale Differenziertheit dennoch weit mehr ist als etwa ein semantisch
               aufgehübschter neuer Wein in alten argumentativen Schläuchen im Sinne der von Ernst
               Bloch beschriebenen „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ in modernen
               Gesellschaften.<note type="footnote" xml:id="n29"> Bloch,
                  Ernst: Erbschaft dieser Zeit, Suhrkamp,
                  Frankfurt a. M.
                  1985 (orig. 1935), S. 111–126. Zu Blochs
                  „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ vgl. auch die Meta-Kritik von Knöbl:
               Soziologie (wie Anm. 1), S. 121 ff.</note> Wo bei Bloch die Gleichzeitigkeit von
               unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungsständen als Anomalie einer im Grunde
               zielgerichteten und für eine Gesellschaft insgesamt vorausgesetzten
               entwicklungsgeschichtlichen Gleichförmigkeit daherkommt, markiert das mit Luhmann
               konstatierte Nebeneinander differenzierter Teilsysteme mit eigenständigen Funktions-
               und Operationslogiken eben keine Abweichung von einer wie auch immer gearteten Norm
               moderner Gesellschaft(en), sondern eine gewissermaßen plurale Normalität
               beziehungsweise normale Pluralität.</p>
            <p>Am überzeugendsten kommt die von Ziemann mit Luhmann aufgemachte neue Perspektive auf
               die deutsche Gesellschaft in der differenzierten Moderne dort daher, wo sich der
               Autor trittsicher auf bekannten Pfaden bewegt; dies ist neben dem Kapitel über das
               Kaiserreich insbesondere dort der Fall, wo sich Benjamin Ziemann in exemplarischer
               Absicht dem Verhältnis von Kirche zu gesellschaftlicher Umwelt in der
               Nachkriegsmoderne widmet.<note type="footnote" xml:id="n30">
                  Ziemann, Benjamin:
                  Katholische Kirche und Sozialwissenschaften 1945–1975, Vandenhoeck &amp;
                  Ruprecht, Göttingen 2007.</note></p>
            <p>Und dennoch entfaltet der Band gerade dort besondere argumentative Kraft, wo er sich
               zwar auf erste skizzenhaften Überlegungen zur funktionalen Differenzierung des
               NS-Staates beschränkt, damit aber zugleich gedanklich die Tür zu einer analytischen
               Neuvermessung der Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus weit aufstößt. Dazu
               bedarf es in seinen Ausführungen nicht einmal wegweisender empirischer
               Neuentdeckungen. Die Überzeugungskraft erwächst im Gegenteil gerade aus dem Umstand,
               dass Ziemann scheinbar sattsam Bekanntes mittels neuer semantisch-analytischer
               Instrumente neu beschreibt und zueinander in Beziehung setzt.<note type="footnote"
                  xml:id="n31">
                  Zur instrumentellen Bedeutung wissenschaftlicher
                  Begriffe vgl. Kieserling: Soziologische Fachsprache (wie Anm. 21)
                  .</note> Indem er auf diese Weise in einem ersten Schritt den Nachweis erbringt,
               dass auch der NS-Staat sich als funktional differenzierte Gesellschaft beschreiben
               und erfassen lässt, ist der Lackmustest für die prinzipielle Operationalisierbarkeit
               seines Ansatzes bereits erbracht.</p>
            <p>So kann Ziemann, anknüpfend an ältere Forschungen zur Beschaffenheit des
               Erziehungssystems, aus der Funktionslogik des Luhmann‘schen Gesellschaftsmodells
               heraus erklären, warum es hier zu keiner Überformung durch Neu-Codierung der
               systemischen Leitdifferenz durch das Regime kam, sondern eine funktionale Weiterung
               des Gesellschaftssystems in Form einer über die Hitler-Jugend ins Werk gesetzten
               „Formationserziehung“ erfolgte. Weil das Regime gerade als funktional differenzierte
               Gesellschaft auf die Leistung des Erziehungssystems bei der Vermittlung fachlicher
               Kenntnisse und Fertigkeiten, die den Absolventinnen und Absolventen des
               Bildungssystems die Übernahme einer Funktionsrolle in einem der anderen
               gesellschaftlichen Teilsystemen ermöglichte, nicht verzichten konnte, differenzierte
               sie sich selbst weiter aus, indem sich ein im Wesentlichen von der Hitler-Jugend
               verantworteter Bereich etablierte. Diesem oblag, was Ziemann „Formationserziehung“
               nennt: die Konditionierung der jungen Generation auf das Rollenbild eines
               ‚Volksgenossen‘ beziehungsweise einer ‚Volksgenossin‘ insbesondere mittels
               Lagererziehung – ein Ansatz, der auch bei einer Reihe von Berufsgruppen wie
               Juristinnen und Juristen oder Lehrerinnen und Lehrern und damit nicht nur bei
               Heranwachsenden praktiziert wurde.<note type="footnote" xml:id="n32"> Kraas,
                  Andreas: Lehrerlager 1932–1945. Politische
                  Funktion und politische Gestaltung, Klinkhardt,
                  Bad
                  Heilbrunn 2004.</note></p>
            <p>Dass sich Ziemann mit Luhmann im Übrigen schwertut, für das Erziehungssystem ein
               Erfolgsmedium und dementsprechend eine Leitcodierung zu definieren, ändert nichts
               daran, dass seine Überlegungen im Hinblick auf die funktionale Bedeutung insbesondere
               der schulischen Erziehung für die Gesamtgesellschaft überzeugen können.<note
                  type="footnote" xml:id="n33"> Künftig dazu dann auch eine weitere Publikation aus
               Luhmanns Nachlass: Luhmann, Niklas: Erziehung. Funktion und System, hrsg. v.
                  Christoph Gesigora/Johannes F. K. Schmidt/André Kieserling, Berlin 2026 (i.
               Ersch.).</note> Zu überlegen wäre, ob eingedenk dieser Ergebnisse nicht der Aspekt
               der fachlichen Anschlussverwendung über die Vergabe von Bildungszertifikaten als
               Erfolgsmedium angenommen werden kann; verbunden mit der Codierung „versetzt/nicht
               versetzt“ oder auch „Schulabschluss/kein Schulabschluss“.</p>
            <p>Ähnlich verhält es sich mit Blick auf das Rechtssystem. Hier geht Ziemann von der
               klassischen Analyse Ernst Fraenkels aus, der das NS-System als „Doppelstaat“
               skizziert hat. Dieser habe sich aus je einem parallel existierenden Normen- und
               Maßnahmenstaat zusammengesetzt. Systemtheoretisch gewendet meint dies: Weil das
               Rechtssystem in seiner bewährten Form mit der Codierung Recht/Unrecht beziehungsweise
               legal/illegal im Hinblick auf seine Leistungserbringung für andere Teilsysteme
               unverzichtbar war, etablierte sich eine maßnahmenstaatliche, ohne strukturelle
               Kopplung mit dem klassischen Rechtssystem aus der staatlichen Exekutive heraus
               operierende Struktur, deren Wirkungsweise Ziemann anhand des von ihm schon an anderer
               Stelle eingehend analysierten Gerichtsverfahrens gegen Martin Niemöller illustriert.<note
                  type="footnote" xml:id="n34">
                  Vgl. Ziemann,
                  Benjamin: Der Prozess gegen Martin Niemöller vor
                  dem Berliner Sondergericht 1938, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 66
               (2018), H. 4, S. 299–317;
                  ders.: Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition,
                  DVA, München 2019, S. 287–309.</note> Nachdem Niemöller vom Rechtssystem aus Sicht
               des politischen Herrschaftssystems nicht hinreichend sanktioniert worden war, war
               sein Fall in rechtssystematischer Hinsicht zwar ausgeurteilt und Niemöller mithin dem
               Zugriff der Justiz entzogen, nicht aber den Sanktionsinstrumenten des
               Maßnahmenstaates, der ihn unmittelbar nach dem Verfahren in Haft nehmen und bis
               Kriegsende in ein Konzentrationslager verbringen ließ.</p>
            <p>Und schließlich lässt sich, wie Ziemann nachweist, auch die Entwicklung des
               Mediensystems im Nationalsozialismus mit den begrifflichen Instrumenten der Theorie
               funktional differenzierter Gesellschaften stimmig erfassen und beschreiben. In diesem
               Sinne wird die weitgehende Entpolitisierung der medialen Inhalte und das
               entsprechende Umschwenken der Medien auf Unterhaltung während der Jahre der
               NS-Herrschaft als zwangsläufige Folge der eigengesetzlichen Spielregeln der Medien
               als operativ geschlossenes gesellschaftliches Teilsystem erklärbar. So war es dem
               Regime zwar grundsätzlich möglich, die medialen Inhalte zu beeinflussen, doch fehlte
               es – damals wie heute – an einer validen Möglichkeit, eine Rezeption der dargebotenen
               Inhalte zu erzwingen. Um dem erkennbar werdenden Rückgang des Publikumsinteresses zu
               begegnen, folgte eine neue inhaltliche Schwerpunktsetzung, die im Sinne eines
               konkreten Verständnisses des Prinzips struktureller Kopplung gemäß der Logik des
               Luhmann‘schen Gesellschaftsmodells noch plausibler erscheint, wenn man ergänzend
               mitbedenkt, dass sich die Institution, der im NS-Staats im Wesentlichen die Aufsicht
               der Medieninhalte oblag, aus den von der Hörerschaft zu bezahlenden Rundfunkgebühren
               finanzierte.<note type="footnote" xml:id="n35"> M
                  ühlenfeld, Daniel: Joseph Goebbels und die
                  Grundlagen der NS-Rundfunkpolitik, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft
                  54
                  (2006), H. 5, S. 442–467.</note></p>
            <p>Mit diesen jeweils kurzen, sektoral begrenzten Operationalisierungen einer
               Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus aus der Perspektive ihrer
               funktionalen Differenzierung wird deutlich, welchen Gewinn ein solcher Ansatz im
               Rahmen späterer Ausarbeitungen zu liefern verspricht. Erstens: Anders als bei
               Erklärungsmodellen, die jeweils vom impliziten Primat eines bestimmten
               gesellschaftlichen Teilsystems – sei es Politik, Wirtschaft oder Recht – ausgehen,
               lässt sich mit einer an Luhmann geschulten Gesellschaftstheorie funktionaler
               Differenzierung eine historische Gesellschaft auf Basis ihrer Teilsysteme zumindest
               im Grundsatz vollständig erfassen.</p>
            <p>Zweitens gibt die Theorie funktionaler Differenzierung der Geschichtswissenschaft
               brauchbare Instrumente an die Hand, um die Wirkungsweisen insbesondere des
               politischen Systems, das heißt von Herrschaft mit ihrem Erfolgsmedium „Macht“
               insofern angemessen zu beschreiben, als sich die Prozesse der strukturellen Kopplung,
               der versuchten Überformung von Teilsystemen oder deren systemisch-funktionale
               Ergänzungen, also die Bemühungen um politische Steuerung von Gesellschaft im NS, nun
               (endlich) jenseits eines im Grunde zirkelschlüssigen Verweises auf den diktatorischen
               Charakter dieser Maßnahmen erfassen lassen. Bisher beschränkte sich historische
               Forschung teils darauf, den empirischen Nachweis zu erbringen, dass eine offenkundige
               Diktatur ihre Ziele mit diktatorischen Mitteln zu erreichen suchte.</p>
            <p>Drittens zeigt Ziemann auf, wie sich die vorrangig makrosoziologische
               Gesellschaftstheorie Luhmanns konzeptionell erweitern ließe, um den erwartbaren
               Vorwurf zu vermeiden, eine dezentrierte Gesellschaftsgeschichte bliebe ob ihres
               strukturfunktionalistischen Ansatzes notwendigerweise menschenleer: Konkret
               rekurriert er an mehreren Stellen in seiner Darstellung auf die soziologische
               Rollentheorie, die auf der komplementär zur Strukturebene differenzierter
               Gesellschaften im Grunde stets mitzudenkenden Handlungsebene angesiedelt ist. Indem
               der NS-Staat bestehende gesellschaftliche Teilsysteme hinsichtlich ihrer funktionalen
               Eigengesetzlichkeiten zu reprogrammieren versuchte, schuf er zugleich neue
               Anforderungen an den Modus Operandi von Individuen im Rahmen von Handlungs- oder
               Publikumsrollen in den jeweiligen Teilsystemen. Weil bestimmte Rollenbilder nicht nur
               entsprechend der Funktionserwartungen des jeweiligen Systems, mit dem die Rolle
               beziehungsweise ihre Inhaberin oder ihr Inhaber in Beziehung standen, ausgestaltet
               waren, sondern zudem gemäß den ideologischen Prämissen des NS-Regimes angelegt
               wurden, reproduzierte sich die auf die Selbstbeschreibungsformel von der
               ‚Volksgemeinschaft‘ gebrachte NS-Gesellschaft nicht nur auf der strukturellen Ebene
               ihrer Teilsysteme selbst, indem diese fortwährend für das Gesamtgefüge relevanten,
               weil kommunikativ anschlussfähigen Output produzierte, sondern auch auf der
               akteursbezogenen Handlungsebene, wo die Akzeptanz volksgemeinschaftlicher Werte und
               Normen gewissermaßen interaktiv eingeübt wurde.<note type="footnote" xml:id="n36">
               Mühlenfeld, Daniel:
                  Die Vergesellschaftung von „Volksgemeinschaft
                  “ in der sozialen Interaktion. Handlungs- und
                  rollentheoretische Überlegungen zu einer Gesellschaftsgeschichte des
               Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61 (2013), H.
                  10, S. 826–846.</note> So erweitert, erweist sich die gewählte Perspektive auch in
               der Lage, die bisher oft beklagte Dichotomie von Struktur- und Handlungsebene in
               historischen Analysen insoweit aufzulösen, als beide konzeptionell zu ihrem Recht
               kämen.<note type="footnote" xml:id="n37">
                  Exemplarisch Welskopp,
                  Thomas: Der Mensch und die Verhältnisse. „Handeln“
                  und „Struktur“ bei Max Weber und Anthony Giddens, in: ders./Mergel,
                  Thomas (Hrsg.):
                  Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriediskussion,
                  Beck, München 1997, S. 39–70.</note> Das gilt ausdrücklich auch für den
               zwischenzeitlich insbesondere im Bereich der Frühen Neuzeit und teils auch in der
               Zeitgeschichte angewandten praxeologischen Ansatz, der für sich selbst zwar
               grundsätzlich postuliert, der Manifestation von Gesellschaftsordnungen durch die
               Untersuchung kleinräumiger, sozialer Interaktion nachzuspüren, dabei jedoch in der
               Regel vor allem der Exemplifizierung makrotheoretischer Grundannahmen dient.<note
                  type="footnote" xml:id="n38"> So warfen zuletzt auch Mergel, Thomas/Reichardt,
               Sven: Praxeologie in der Geschichtswissenschaft. Eine Zwischenbetrachtung, in:
                  Albert, Gleb J./Siemens, Daniel/Wolff, Frank (Hrsg.): Entbehrung und Erfüllung.
               Praktiken von Arbeit, Körper und Konsum in der Geschichte moderner Gesellschaften,
               Dietz Nachf., Bonn 2021, S. 79–102, die Frage auf, „ob und wie mit einer Analyse
               sozialer Praxen Geschichte als Gesellschaftsgeschichte geschrieben werden kann. Die
               zahlreichen Wirklichkeiten der Vielen sind eben vielschichtig und -fältig. Kommen wir
               durch die Untersuchung konkreter Alltagspraktiken, symbolisch geladener
               Erfahrungsdimensionen, durch das Studium von Performanzen und Materialitäten der
               Funktionsweise der Gesellschaft auf die Spur – und zwar durchaus auch im Sinne von
               Gesellschaft als Vergesellschaftung? Denn dann müsste man ja in anderen
                  Gesellschaften empirisch auffindbare andere Praxen vermuten, mehr noch, man müsste
               argumentieren können, dass diese anderen Praxen gesellschaftskonstitutiv waren. Das
               scheint theoretisch schwierig, und es ist wohl kein Zufall, dass es wenig empirische
               Forschung gibt, die den Hiatus zwischen Praxis und ‚ganzer‘ Gesellschaft zu
                  überwinden sucht“ (S. 100).</note> Im Übrigen bestehen gerade aus
               systemtheoretischer Perspektive letztlich keine operativen Inkompatibilitäten
               zwischen Handlungs- und Systemtheorie.<note type="footnote" xml:id="n39"> Vgl.
               Luhmann, Niklas: Handlungstheorie und Systemtheorie, in: ders.: Soziologische
               Aufklärung. Bd. 3: Soziales System, Gesellschaft, Organisation, Westdeutscher Verlag,
               Opladen
                  31993, S. 50–66, der den scheinbaren
                  Perspektiv- und Methodenkonflikt mit dem Hinweis aufhebt, dass Handlungs- und
               Systemtheorie im Grunde nicht unterscheidbar seien: „In der Soziologie geht es
               zunächst um die Frage, wie soziale Ordnung bei differenter Individualität der an ihr
               beteiligten Personen überhaupt möglich ist. Die Begriffe Handlung und System
               instrumentieren Antwortversuche. Dies kann gewiss nicht so geschehen, dass der
                  Begriff Handlung das Individuum, der Begriff System die soziale Ordnung in der
               Theorie sozusagen vertritt: denn soziale Ordnung kann nicht handlungsfrei,
               Individualität nicht unsystematisch aufgefasst werden. Man kann also nur ein
               Theoriearrangement anbieten, das die Art, wie Handlung und System aufeinander bezogen
               werden, einsetzt, um das Problem der Möglichkeit sozialer Ordnung zu lösen. Und erst
               die Relation von Handlung und System vermag dann im Kontext der jeweiligen Theorie
               diese Begriffe zu erklären“ (S. 52). Vgl. ferner Pohlig, Matthias: Vom Besonderen zum
               Allgemeinen? Die Fallstudie als geschichtstheoretisches Problem, in: Historische
               Zeitschrift 297 (2013), H. 2, S. 297–319.</note></p>
            <p>Indem auf diese Weise epochenübergreifende begriffliche Instrumente bereitliegen, um
               eine integrierte Gesellschaftsgeschichte Deutschlands über die politischen Zäsuren
               der letzten 150 Jahre hinweg vorlegen zu können, ist mit Kritik zu rechnen, wonach
               mit einer stärkeren Reintegration des NS-Regimes in die deutsche Geschichte bewusst
               oder unbewusst eine Relativierung der negativen Singularität des NS einherginge. Dem
               wäre viertens – gewissermaßen präventiv – entgegenzuhalten, dass es eingedenk der
               Sicht der gegenwärtig nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen des
               ideologischen Westens mehr oder minder deutlich formulierten Herausforderung oder gar
               Infragestellung der liberal-demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung durchaus
               geboten ist<note type="footnote" xml:id="n40"> Als bewusst international angelegter
               Überblick zuletzt Lewandowsky, Marcel: Die globale Rechte. Geschichte,
               Erfolgsbedingungen, Auswirkungen, Beck, München 2025.</note>, die strukturelle
               Gleichförmigkeit von NS- und Gegenwartsgesellschaft herauszuarbeiten – und zwar
               nicht, um den NS zu relativieren, sondern um vielmehr dafür zu sensibilisieren, dass
               die demokratische Verfasstheit einer Gesellschaft nicht selbstverständlich oder gar
               irreversibel ist.<note type="footnote" xml:id="n41">
                  Für eine internationale Gegenwartsperspektive
                  vgl. Applebaum, Anne: Die Verlockung des
                  Autoritären. Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist,
                  Siedler, München 2021 sowie jüngst mit noch
                  stärkerer Zuspitzung Kaplan, Robert D.: Waste Land. A World in Permanent Crisis,
               Durnell MDL, London 2025, bes. Kap. 1: „Weimar Goes global“
                  ; zur entsprechenden Perspektive auf die
                  Geschichte des NS in der Weimarer Republik vgl. Siemens,
                  Daniel: Nationalsozialismus, in: Rossol,
                  Nadine/Ziemann,
                  Benjamin (Hrsg.):
                  Aufbruch und Abgründe. Das Handbuch der Weimarer Republik, wbg,
                  Darmstadt 2021, S. 441–464, hier S. 441: „Die
                  Geschichte des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik als paradigmatischer
               Fall
                  einer Aushöhlung und letztlich Abschaffung der Demokratie ist in den letzten
                  Jahren
                  neu in den Blick geraten.“</note> Ihn aus seiner historiografischen Insellage
               herauszulösen, heißt insofern nicht, den Nationalsozialismus zu relativieren, sondern
               bedeutet im Gegenteil, das von ihm weiterhin – man könnte auch sagen: wieder –
               ausgehende Gefährdungspotenzial angemessen ernst zu nehmen.<note type="footnote"
                  xml:id="n42"> Das Motiv der Insellage bzw. Verinselung findet sich bereits bei
               Broszat, Martin: Was heißt Historisierung des Nationalsozialismus?, in: Historische
               Zeitschrift 247 (1988), S. 1–14, hier S. 4 bzw. noch prominenter bei: ders.: Eine
               Insel in der Geschichte? Der Historiker in der Spannung zwischen Verstehen und
               Bewerten der Hitler-Zeit, in: ders.: Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer
               Geschichte. Beiträge von Martin Broszat, hrsg. v. Hermann Graml/Klaus-Dietmar Henke,
               Oldenbourg, München 1987, S. 114–120.</note></p>
            <p>Zum Abschluss dieser Überlegungen gilt es bei aller grundsätzlichen Zustimmung zu dem
               von Benjamin Ziemann unterbreiteten Deutungsvorschlag jedoch auch eine Reihe
               kritischer Punkte anzumerken beziehungsweise Anforderungen für die noch zu
               schreibende deutsche Gesellschaftsgeschichte Luhmann‘scher Diktion zu definieren.</p>
            <p>So müsste eine solche Ausarbeitung insbesondere auf den Aspekt der spezifischen
               Standortbindung der Luhmann‘schen Systemtheorie im Kontext der verbissen geführten
               Diskussion der 1970er Jahre eingehen, ob es sich bei den seinerzeit allgemein
               konzedierten politischen Steuerungsproblemen um einen Ausdruck von „Staatsversagen“
               und „Unregierbarkeit“ oder aber um „Legitimitätsprobleme im Spätkapitalismus“
               (Habermas) gehandelt habe.<note type="footnote" xml:id="n43">
                  Zum Kontext: Metzler,
                  Gabriele: Probleme politischen Handelns im
                  Übergang zur Zweiten Moderne. Krisendiskurse und Neuausrichtung der Institutionen
               in
                  den 1970er Jahren, in: Beck, Ulrich/Mulsow
                  , Martin (Hrsg.):
                  Vergangenheit und Zukunft der Moderne, Suhrkamp,
                  Berlin 2014, S. 232–272.</note></p>
            <p>In diesem Zusammenhang wäre auch der Frage der Teleologie eines solchen Ansatzes
               vertiefter nachzugehen: So sah sich die in der Tradition Talcott Parsons stehende und
               daher modernisierungstheoretisch inspirierte klassische Gesellschaftsgeschichte
               ebenso mit dem Vorbehalt konfrontiert wie auch die Systemtheorie selbst. Dagegen mag
               man einwenden, dass die Modernisierungstheorie inzwischen nachhaltig als
               ideologisches Produkt des Kalten Kriegs delegitimiert wurde und auch für die
               Systemtheorie eine klare Zielgerichtetheit bestritten wird, weil die Art und Weise,
               mit welcher der stete Prozess der Autopoiesis der gesellschaftlichen Teilsysteme zwar
               grundsätzliche Anschlussfähigkeit in Richtung Zukunft garantiert, jedoch diese
               Entwicklung keine zielgerichtete ist.<note type="footnote" xml:id="n44">
                  Zur Modernisierungstheorie vgl. Latham, Michael
                  E.: Modernization as Ideology. American S
                  ocial Science
                  and „Nation B
                  uilding“ in
                  the Kennedy Era, North Carolina UP,
                  Chapel Hill, NC
                  2000, S. 1–20; Ekbladh,
                  David: The Great
                  American Mission. Modernization and the C
                  onstruction of an American W
                  orld Order,
                  Princeton UP, Princeton,
                  NJ/Oxford
                  2010, S. 153–189 sowie Knöbl, Wolfgang: Die
                  Epoche, die es nicht gab. Wie die Sozialwissenschaften die Moderne erfanden, in:
               Mittelweg 36 29 (2020), H. 2,
                  S. 47–79. Auf den Zufall als Triebfeder der
                  funktionalen Differenzierung im Gegensatz zur Teleologie verweist ders.:
                  Soziologie
                  (wie Anm. 1), S. 173.</note></p>
            <p>Allerdings kehrt das Problem der Teleologie aufgrund disziplinär-perspektivischer
               Umstände wieder auf die Tagesordnung zurück. Denn weil das Erkenntnisinteresse der
               Gesellschaftsgeschichte sich nicht zuletzt aus dem Ansinnen speist, die jeweilige
               Gegenwart im Modus ihrer historischen Gewordenheit zu verstehen<note type="footnote"
                  xml:id="n45">
                  Ziemann: Sozialgeschichte (wie Anm. 9
                  ), S. 105: „Das Projekt einer
                  Gesellschaftsgeschichte hat angesichts des massiven gesellschaftlichen Wandels der
               Gegenwart jedoch nichts von seiner Relevanz verloren.“ Gleiches gilt mutatis mutandis
               für Zeitgeschichte – insbesondere für die besonders gegenwartsnah arbeitende; vgl.
               Graf/Priemel: Zeitgeschichte (wie Anm. 2), S. 488.</note>, bedarf es besonderer
               darstellerischer Sensibilität, um dem Eindruck einer gegebenenfalls auch nur
               unbeabsichtigt narrativ konstruierten planvollen oder gar determinierten Entwicklung
               entgegenzuwirken.</p>
            <p>Ferner bleibt es eine dringend gebotene Aufgabe, den Begriff der Moderne im Kontext
               einer systemtheoretisch konzeptionell erweiterten Gesellschaftsgeschichte verbindlich
               zu definieren. Bisher scheint nicht abschließend klar zu sein, ob ihm eine normative
               Bedeutung zukommen soll oder ob es sich um einen reinen Epochenbegriff handelt. Zu
               viele Köche haben sich zwischenzeitlich an diesem Brei versucht, als dass sich
               darüber kommentarlos hinweggehen ließe in der Hoffnung, er sei noch nicht verdorben
               und insofern weiter unbefangen und unzureichend reflektiert zu genießen.<note
                  type="footnote" xml:id="n46">
                  Exemplarisch Dipper,
                  Christof: Die deutsche Geschichtswissenschaft und
                  die Moderne, in: Internationales Archiv für die Sozialgeschichte der deutschen
               Literatur 37 (2012), H.1, S. 37–62;
                  ders: Die Epoche der Moderne. Konzeption und
                  Kerngehalt, in: Beck/Mulsow, Vergangenheit
                  (wie Anm. 43), S. 103–181. </note></p>
            <p>Schlussendlich ist festzuhalten, dass zumindest Ziemanns Kapitel über die
               insbesondere bildsprachlich verstandene Codierung der neuen sozialen Bewegungen in
               der alten Bundesrepublik als soziale Systeme nicht durchgängig zu überzeugen vermag.
               Zwar ist dem Befund, dass sich die Zurechnung zum System etwa der Friedensbewegung
               beziehungsweise dessen Abgrenzung von seiner gesellschaftlichen Umwelt vermittels
               kommunikativer Topoi vollzog, durchaus zuzustimmen.<note type="footnote" xml:id="n47">
               Vgl. Ziemann: Gesellschaft ohne Zentrum, S. 175. In ähnlicher Weise haben jüngst
               Amlinger, Carolin/Nachtwey, Oliver: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen
               Faschismus, Suhrkamp, Berlin 2025, S. 278 f. mit Blick auf die im Vergleich mit den
               neuen sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre weit weniger kohärente und
               konsolidierte Anhängerschaft des Rechtspopulismus konstatiert, dass ein Modus der
               performativen Einschreibung in diese Strukturen etwa in der Verwendung bestimmter,
                  mit implizitem Sinn aufgeladener Emojis in der Social-Media-Kommunikation besteht.</note>
               Eine solche Perspektive führt jedoch dazu, wie Ziemann selbst zutreffend beschreibt,
               dass man das thematisch in sich ebenfalls deutlich differenzierte alternative Milieu<note
                  type="footnote" xml:id="n48"> Als Überblick
                  Reichardt, Sven: Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den
               siebziger und frühen achtziger Jahren, Suhrkamp, Berlin
                  22014, bes. S. 38–57.</note> mittels divergierender Codierungen etwa von
               Friedens-, Frauen-, Naturschutz- oder schließlich Anti-Atom-Bewegung zwar
               hinsichtlich seiner internen Funktionslogiken zu fassen bekommt, in diesem Fall
               jedoch die Schnittstellen zu anderen gesellschaftlichen Teilsystemen, also die
               strukturellen Kopplungen im Sinne der Systemtheorie, weniger gut beleuchtet worden
               sind.<note type="footnote" xml:id="n49">
                  Ziemann: Gesellschaft ohne Zentrum, S.
                  194–198.</note></p>
            <p>Hier erscheint für eine weitere Ausarbeitung einer systemtheoretisch inspirierten
               Gesellschaftsgeschichte etwa lohnend zu untersuchen, inwieweit die Resonanz der neuen
               sozialen Bewegungen im Mediensystem sowie in den Systemen von Verwaltung und Politik
               ausfiel beziehungsweise wie sich diese Systeme dazu gezwungen sahen,
               Anpassungsmaßnahmen vorzunehmen, um (wieder) kommunikative Anschlussfähigkeit
               herzustellen, also strukturelle Kopplung in systemtheoretischem Sinne zu ermöglichen.
               Allerdings kann diese eine, weniger schlüssig ausgearbeitete Passage den insgesamt
               absolut überzeugenden Gesamteindruck des Buchs nicht schmälern; insbesondere dann
               nicht, wenn man sich den Charakter des Bandes als Werkstattbericht nochmals vor Augen
               führt.</p>
            <p>Zusammenfassend ist insofern festzustellen: Die Erfüllung der hier dargelegten
               Anforderungen und die Adressierung der Kritikpunkte vorausgesetzt, besteht die
               berechtigte Hoffnung, dass eine in der von Ziemann angeregten Form vollzogene
               Erweiterung der traditionellen Gesellschaftsgeschichte relevante neue Erkenntnisse
               und Perspektiven zum besseren Verständnis der Geschichte der deutschen Gesellschaft
               mindestens der vergangenen 150 Jahre beizusteuern vermag. Dass der klassische
               nationalgeschichtliche Analyserahmen hierbei gewissermaßen ungebrochen
               fortgeschrieben wird, ist dabei kein bewusster Ausdruck von Ignoranz gegenüber der
               zuletzt immer relevanter gewordenen globalhistorischen Perspektiverweiterung der
               Geschichtswissenschaft<note type="footnote" xml:id="n50">
                  Etwa
                  Conrad, Sebastian: Globalgeschichte. Eine
                  Einführung, Beck, München 2013, bes.
                  S. 112–135; Bayly, Christopher A.: Geschichte und Weltgeschichte, in: Rublack,
               Ulinka
                  (Hrsg.): Die Neue Geschichte. Eine Einführung in 16 Kapiteln, Fischer, Frankfurt
                  a.
                  M. 2013, S. 33–60. Ferner als Umsetzungsbeispiel Osterhammel, Jürgen: Hierarchien
               und
                  Verknüpfungen. Aspekte einer globalen Sozialgeschichte, in: ders./Conrad,
                  Sebastian
                  (Hrsg.): Geschichte der Welt. Bd. 4: 1750–1870. Wege zur modernen Welt, Beck,
               München
                  2016, S. 627–836.</note>, sondern es handelt sich vielmehr um eine Art
               Pfadabhängigkeit: Denn weil auch die klassische Gesellschaftsgeschichte dem Primat
               der Politik folgend bewusst im nationalstaatlichen Rahmen operierte, um die auf den
               Begriff des „Sonderwegs“ gebrachten Volten der deutschen Geschichte insbesondere des
               20. Jahrhunderts zu erklären, liegt nahe, dass sich auch die systemtheoretisch
               transformierte Gesellschaftsgeschichte aus Gründen der Vergleichbarkeit ihrer
               Ergebnisse zunächst auf diesem Feld beweisen muss. Davon unbenommen ist, dass auch
               Luhmanns Systemtheorie – theoretisch – Bausteine für eine historische Theorie von
               Weltgesellschaft liefert.<note type="footnote" xml:id="n51"> Siehe Luhmann, Niklas:
               Globalization or World society: How to Conceive of Modern Society?, in: International
               Review of Sociology 7 (1997), H. 1, S. 67–79. Ferner ders.: Die Gesellschaft der
               Gesellschaft, 2 Bde., Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1997, Bd. 1, S. 145–171. Zum Topos
                  der Weltgesellschaft aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive vgl.
                  Osterhammel:
                  Hierarchien (wie Anm. 50), S. 688–734.</note></p>
            <p>Doch selbst wenn am Ende nicht alle hier formulierten Erwartungen eingelöst würden,
               bleibt der von Ziemann gewählte Zugang insbesondere im direkten Vergleich mit
               anderen, mitunter auf den Begriff des Postkonstruktivismus gebrachten Anregungen für
               eine methodologisch-perspektivische Weiterung des Fachs ein maßgeblicher Fortschritt.<note
                  type="footnote" xml:id="n52">
                  Vgl. Hoeres,
                  Peter: Perspektiven für eine
                  postkonstruktivistische Geschichtswissenschaft, in: Historische Zeitschrift 316
               (2023), H. 3, S. 603–628, bes. S. 611
                  f., dessen vorrangigste Sorge es zu sein
                  scheint, einen nunmehr mittels scheinbar exakter naturwissenschaftlicher
               Methodologie
                  vermeintlich plausibilisierten Volks- oder wenigstens doch Nationsbegriff durch
                  die
                  Hintertür einer „genetic history“ oder auch Archäogenetik in eine künftige,
               postkonstruktivistische Historiografie reimportieren zu können. Dabei ist dem
               euphorisierten Essenzialisten offenbar entgangen, dass die vermeintlich eindeutigen
               Befunde der Genom-Analysen letztlich auf ethnisch-kulturelle Kategorien verweisen,
                  die für sich betrachtet wiederum Produkte gesellschaftlicher Setzung, vulgo
               konstruiert sind.</note> Denn eine systemtheoretisch erweiterte
               Gesellschaftsgeschichte wäre – zumindest in der Theorie – in der Lage, die gemeinhin
               mit der Postmoderne assoziierte methodologisch-perspektivische Fraktionierung der
               Geschichte zu überwinden. Zwar hat auch Luhmann scheinbar Jean-François Lyotards
               Befund von der „Skepsis gegenüber den Metaerzählungen“<note type="footnote"
                  xml:id="n53"> Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, hrsg.
                  v. Peter Engelmann, Passagen, Wien 102025:
                  „Bei extremer Vereinfachung hält man die Skepsis gegenüber den Metaerzählungen für
               ‚postmodern‘“ (S. 24). Im Übrigen hat auch die philosophische Forschung den
               Relativismus als prägendes Charakteristikum postmodernen Denkens zwischenzeitlich
               relativiert; vgl. Zorn, Daniel-Pascal: Die Krise des Absoluten. Was die Postmoderne
               hätte sein können, Klett-Cotta, Stuttgart 2022, S. 555 ff.</note> ausdrücklich
               bestätigt: „Es gibt keinen métarécit, weil es keinen externen Beobachter gibt.“<note
                  type="footnote" xml:id="n54"> Luhmann,
                  Niklas: Beobachtungen der Moderne, Westdeutscher
                  Verlag, Opladen 1992, S. 8.</note> Doch dies geschah aufgrund der inhärenten Logik
               der Systemtheorie: Weil soziale Beziehungen in (modernen) Gesellschaften letztlich in
               – mal weniger, mal mehr – komplexen (Teil-)Systemen von Gesellschaft aufgehen, sind
               die Systemtheorie und ihre Prämissen zumindest gemäß dem eigenen Selbstverständnis
               gesellschaftstheoretisch unhintergehbar.<note type="footnote" xml:id="n55">
                  Vgl. Luhmann: Soziale Systeme (wie Anm. 16), b
                  es. S. 30–34.</note> Damit aber sind wenigstens in der Theorie alle
               perspektivischen Varianten gerade auch beim Blick auf gesellschaftliche Figurationen
               im Status ihrer Gewordenheit aus systemischen Entwicklungen ableitbar beziehungsweise
               theoretisch in diese integrierbar. Gemäß Luhmann handelt es sich dabei allerdings
               stets um Selbstbeobachtungen, eben weil es kein Beobachterpositionierung außerhalb
               von Gesellschaft geben kann. Man könnte insofern sagen, dass seine Systemtheorie den
               Anspruch epistemologischer Totalität erhebt, ohne im philosophischen Sinne
               ontologisch zu sein.<note type="footnote"
                  xml:id="n56">
                  Denn auch die Systemtheorie findet im System
                  statt; vgl. Luhmann, Niklas: Systemtheorie der
                  Gesellschaft, hrsg. v. Johannes F. K.
                  Schmidt/André Kieserling, Suhrkamp, Berlin
                  2017: „Die Klassifizierung eines wissenschaftlichen Unternehmens als
                  Systemtheorie
                  und die Charakterisierung ihrer Gegenstände als Systeme soll und kann nicht
               besagen,
                  dass aus dem Begriff des Systems alles abgeleitet werden könne, was an der
                  Realität
                  wissenschaftlich […] bemerkenswert sei“ (S. 21).</note></p>
            <p>Damit aber scheint aus Sicht der Geschichtswissenschaft (wieder) eine gemeinsame
               Klammer gefunden, die künftig ein weniger konflikthaftes, entspannteres Miteinander
               der disparaten historiografischen Perspektiven auf Vergangenheit ermöglichen könnte.
               Schließlich wäre so besehen einerseits die in den „postmodernen“
               Selbstvergewisserungskonflikten der zurückliegenden bald mehr als vier Jahrzehnten
               stets implizit mitschwingende Frage der theoretisch-methodologischen Prärogative
               abgeräumt und somit eine wesentliche Konfliktursache beseitigt.<note type="footnote"
                  xml:id="n57"> Dazu passt, dass für Luhmann die
                  Postmoderne keine neue Gesellschaftstypologie, sondern allenfalls eine neue
               Selbstbeschreibungsperspektive moderner Gesellschaften war bzw. ist. Vgl. Luhmann:
               Gesellschaft der Gesellschaft (wie Anm. 51),
                  Bd. 2, S. 1143.</note> Und andererseits ließen sich inhaltlich über eine
               gemeinsame systemtheoretische Referenz auch disparate Forschungsperspektiven und
               -ergebnisse leichter als bisher zueinander in Beziehung setzen.</p>
            <p>Es bedarf keiner prophetischen Gabe, vorherzusagen, dass all dies in der Theorie
               einfacher klingt als es sich in der Praxis erweisen wird. Jedoch allein diesen Weg
               versuchsweise zu beschreiten, verspricht lohnende neue Erkenntnisse durch einen
               bewussten Ausbruch aus lange manifestierten disziplinarischen Konfliktstrukturen.</p>
            <p>Offen bleibt ferner die Frage, ob eine solche historiografische Operationalisierung
               der Systemtheorie womöglich auch Impulse für die fachsoziologischen Debatten um deren
               Weiterentwicklung in der Spielart Luhmanns zu geben vermag: Was bislang als rezeptive
               Einbahnstraße beschrieben wurde, muss schließlich nicht zwingend auf Dauer eine
               solche bleiben.<note type="footnote" xml:id="n58">
                  So k
                  onstatierte schon Lenger,
                  Friedrich: „Historische Sozialwissenschaft“:
                  Aufbruch oder Sackgasse?, in: Cornelißen, Christoph
                  (Hrsg.): Geschichtswissenschaft im Geist der
                  Demokratie. Wolfgang J. Mommsen und seine Generation, Akademie,
                  Berlin 2010, S. 115–132: „Es ist jedenfalls eine
                  gute Zeit, um Sozialhistoriker zu sein, auch wenn es in Deutschland nur wenige
               historische Soziologen gibt, mit denen der nötige Dialog über eine Neufundierung der
               Sozialgeschichte geführt werden könnte“ (S. 132).</note></p>
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            <head rendition="berschrift1">Besprochene Literatur:</head>
            <table n="Auswahlbibliografie">
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                  <cell>Ziemann, Benjamin: Gesellschaft ohne Zentrum. Deutschland in der
                     differenzierten
                     Moderne, 335 S., Reclam, Ditzingen 2024.</cell>
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