[1]

Für das Wintersemester 1968/69 hatte Niklas Luhmann von Theodor W. Adorno die Gelegenheit bekommen, dessen Professur an der Frankfurter Universität zu vertreten. Das Semester sollte mit der Gebäudebesetzung des Instituts für Sozialforschung (IfS) durch Studierende im Januar und einer Reihe weiterer Protestaktionen und Polizeieinsätzen an der Frankfurter Universität turbulent werden. Luhmann ließ sich durch die Protestaktionen nicht aus der Ruhe bringen. Auch zeigte er sich wenig beeindruckt von der bereits zu diesem Zeitpunkt als traditionsreich angesehenen Kritischen Theorie der Frankfurter Schule. Ihr Grundanliegen brachte er auf die Formel: „Emanzipation und Freiheit vor jeder fremden Festlegung werden verabsolutiert in Form permanenter Kritik.“ Lakonisch bezeichnete er deren Theorieangebot als die „letzte Phase des Todeskampfes der alteuropäischen Tradition“ soziologischen und philosophischen Denkens.

[2]

Zumindest mit der letzten Annahme sollte sich Luhmann gründlich irren. Seit Beginn der 1970er Jahre erlebte die von ihm so gut wie totgesagte Kritische Theorie einen nie dagewesenen Aufschwung. Indikatoren dafür sind nicht nur die über Jahrzehnte erfolgreich verkauften Werkausgaben von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Leo Löwenthal, Herbert Marcuse und Walter Benjamin, sondern auch die diversen neuen Rezeptionen und Weiterentwicklungen bisheriger Theorieansätze. Zusätzlich begann – vor allem in den USA – eine bis heute ununterbrochen, breit angelegte Internationalisierung der Rezeption von Schriften der ‚alten‘ Frankfurter. Schließlich setzte eine erste Phase der „wissenschaftsgeschichtliche[n] Verfremdung“1, sprich Historisierung, der Frankfurter Schule ein, mit den für lange Zeit tonangeben Studien von Martin Jay, Alfons Söllner, Helmut Dubiel und Rolf Wiggershaus. Nach deren Büchern, so mochte man vermuten, konnte eigentlich kaum noch etwas gewichtiges Neues zum Thema hinzukommen – bis nun eine Reihe jüngerer Publikationen alle an der Geschichte der Frankfurter Schule Interessierten eines Besseren belehrt.2

Die politischen Wurzeln des Instituts für Sozialforschung

[1]

Der äußere Anlass der neuen Publikationswelle ist das 100-jährige Gründungsjubiläum des IfS in Frankfurt. Es gibt kein anderes sozialwissenschaftliches Forschungsinstitut, das von einer vergleichbaren Legendenbildung und Aura umgeben ist. Für das heutige Institut ist diese mit Mythen besetzte Vergangenheit Belastung und soziales Kapital zugleich.

[2]

Im Jahr 2023 gab es für alle an der Geschichte des ‚legendären‘ IfS Interessierten sogar die Gelegenheit, ein doppeltes Jubiläum zu begehen. Neben dem ersten großen Schritt zur Gründung des IfS im Februar 1923 erschienen kurz darauf mit den Büchern „Marxismus und Philosophie“ von Karl Korsch und „Geschichte und Klassenbewußtsein“ von Georg Lukács zwei Werke, die gewissermaßen zu informellen Gründungsdokumenten des Instituts und des später so bezeichneten ‚Westlichen Marxismus‘ wurden.

[3]

Daran, dass das Werk von Georg Lukács weit mehr zu bieten hat als seine einflussreiche Verdinglichungsthese aus „Geschichte und Klassenbewußtsein“, will eine von Rüdiger Dannemann und Axel Honneth herausgegebene Sammlung mit dessen Beiträgen aus sämtlichen Werkperioden erinnern. Unter dem Titel „Ästhetik, Marxismus, Ontologie“ haben die beiden Herausgeber 39 Aufsätze von ihm für eine heutige Re-Lektüre ausgewählt.3 Lukács, der 1971 86-jährig in seiner Geburtsstadt Budapest starb, hat zeitlebens diesseits und jenseits sämtlicher ideologischer Lager interessierte Leser und Leserinnen gefunden und tiefe Spuren hinterlassen, die bis in die heutigen Ausläufer der praxisphilosophischen Budapester Schule der 2019 verstorbenen Ágnes Heller reichen. Die beiden Herausgeber haben „weniger bekannte, aber symptomatische Texte“ (S. 7) von Lukács für ihre Sammlung ausgewählt. Ihre Zusammenstellung folgt der von Co-Herausgeber Dannemann bereits 1997 in einem Einführungswerk zu Lukács4 vorgenommenen Vier-Phasen-Einteilung in dessen intellektuellen Entwicklung. Für das Frühwerk wird er als „Der Ästhetizist“ (S. 39) tituliert, für seine erste marxistische Phase als „Der Praxisphilosoph“ (S. 201), für eine mittlere Phase als „Der Polemiker“ (S. 317) und für sein Spätwerk als „Der Ontologe“ (S. 445). Das Frühwerk hat in dem Buch ein deutliches Übergewicht, was Co-Herausgeber Honneth damit begründet, dass die Arbeiten aus Lukács‘ vormarxistischer Phase „heute als Glanzstücke einer ästhetischen Kulturkritik“ (S. 8) gelten können, auch wenn dieser selbst dafür 1962 rückblickend die selbstkritisch gemeinte Bezeichnung „romantischer Antikapitalismus“5 gefunden hat.

[4]

Nun ist im Zusammenhang mit der Geschichte der Frankfurter Schule natürlich seine marxistische Phase als Praxisphilosoph bedeutsamer. Hals über Kopf hatte Lukács sich nach der russischen Oktoberrevolution 1917 entschlossen, der Kommunistischen Partei Ungarns beizutreten. Die aus seiner zweiten Werkphase ausgewählten 14 Beiträge stammen aus den Jahren 1918 bis 1928, die meisten davon aus dem Zeitraum ganz kurz vor Gründung des Frankfurter IfS. In gewisser Weise hatte das IfS einen Vorläufer im revolutionären Ungarn, dem „Institut für historischen Materialismus“ in Budapest. In seiner Funktion als Volkskommissar für Unterrichtswesen der Ungarischen Räterepublik hielt Lukács während des revolutionären Zwischenspiels in Ungarn im Sommer 1919 anlässlich der Gründung dieses Instituts eine Rede über den „Funktionswandel des Historischen Materialismus“ (S. 222). Die Rede gewann zusätzliche Bedeutung, als Lukács sie später in leicht überarbeiteter Form in sein Buch „Geschichte und Klassenkampf“ aufnahm. In der Rede findet sich die berühmte Aussage, dass „der historische Materialismus auf sich selbst anwendbar ist“ (S. 225), also die Theorie und ihre Entwicklung in der Theorie selbstreflexiv zum Gegenstand zu machen sei.

[5]

Nach dem gewaltsamen Sturz der Räterepublik Anfang September 1919 flüchtete Lukács nach Wien. Dort radikalisierte er seine politischen Positionen. Mit dem Abstand von zum Teil mehr als 100 Jahren lesen sich einige seiner Beiträge aus dieser Zeit in ihrer Selbstsicherheit, Aggressivität und politischen Kompromisslosigkeit geradezu gespenstisch. In einem Aufsatz aus dem Jahr 1920 lehnt er den Parlamentarismus mit der Begründung rigoros ab, er sei das „ureigenste Instrument der Bourgeoisie“ (S. 268). Die Beteiligung am parlamentarischen System bedeute für die kommunistische Partei „das Bewußtsein und das Geständnis, daß die Revolution in absehbarer Zeit undenkbar ist“ (ebd.). Kommunistische Parlamentarier müssten „das Parlament im Parlament bekämpfen“ (S. 269), mit anderen Worten: „sabotieren“ (S. 271). Die Stimmabgabe bei Wahlen sei keine politische Tat, sondern nicht mehr als „die Illusion einer Tat“, eine „Scheintat“ (S. 272), die das politische Bewusstsein des Proletariats trübe. Die von ihm erhofften „revolutionären Ausbrüche“ erwartet Lukács von „spontanen Massenaktionen“ (S. 271), bei denen der kommunistischen Partei die Rolle des Bewusstmachens der Kampfziele und des Richtungsgebers zukomme. Aus demselben Jahr stammt ein Aufsatz zur Organisationsfrage der Intellektuellen. Der Text ist das Dokument eines kolossalen Selbst-Misstrauens. Intellektuelle, die sich dem revolutionären Proletariat anschlössen, würden Lukács zufolge in aller Regel schon nach kurzer Zeit zur Konterrevolution überlaufen. Intellektuelle, so Lukács, „können nur als Individuen revolutionär werden; sie müssen aus ihrer Klasse austreten, um an dem Klassenkampf des Proletariats teilnehmen zu können“ (S. 248).

[6]

Es ist nun dieser linksradikale Lukács, der 1923 eine zentrale Rolle bei den Überlegungen einer kleinen Gruppe von Intellektuellen über die künftige Arbeit des IfS spielte. Zusammen mit den späteren Mitarbeitern des Frankfurter Instituts Richard Sorge, Karl August Wittfogel, Felix Weil, Friedrich Pollock, Julian Gumperz, Paul Massing und Karl Korsch gehörte Lukács zu den Teilnehmenden an der achttägigen „Marxistischen Arbeitswoche“, die über die Pfingsttage 1923 im thüringischen Geraberg stattfand. Allerdings behielt Lukács seinen Lebensmittelpunkt in Wien, um näher an den Geschehnissen in Ungarn zu sein. Zu einzelnen Mitarbeitern des im Juni 1924 feierlich eröffneten IfS hielt er lediglich sporadisch Kontakt und investierte seine gesamte Arbeitskraft für die KP.

[7]

Wie schnell sich auch in methodischer Hinsicht die Wege zwischen Lukács und dem IfS trennten, belegt ein kleiner Aufsatz, in dem sich Lukács mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds auseinandersetzt. Anders als am Institut, wo ab 1927 unter der Ägide von Erich Fromm die Einschmelzung der Freud‘schen Psychoanalyse in den Rahmen des historischen Materialismus betrieben wurde, lehnte Lukács Freuds Ansatz als kapitalen „Irrweg“ (S. 206) rundweg ab. Die Freud‘sche Psychoanalyse ginge vom „künstlich isolierten, vereinsamten Menschen“ (S. 306) aus. Auch an Freuds Überlegungen zur Massenpsychologie und Ich-Analyse ließ Lukács kein gutes Haar, da sie den „Einfluß ökonomischer, sozialer und geschichtlicher Umstände […] methodisch aus[schließt]“ (S. 307). Die Psychoanalyse sei „wissenschaftlich entwicklungsunfähig“, denn sie verbleibe im „Kreise von Scheinproblemen“ (S. 309).

[8]

Das bis heute bekannteste Lästerwort für die Frankfurter Schule lautet „Grand Hotel Abgrund“. Der Erfinder dieser einprägsamen Metapher ist Lukács. Er wählte sie erstmals in einem in dem Band abgedruckten Aufsatz aus dem Jahre 1933 (S. 319), in dem er den damaligen linken und liberalen Intellektuellen vorwarf, es sich in der Beobachtung des Niedergangs bequem zu machen, anstatt sich an den politischen Kämpfen zu beteiligen. Dreißig Jahre später griff er die Formulierung erneut auf. Diesmal zielte seine Polemik direkt gegen die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und namentlich gegen Theodor W. Adornos angeblichen „nonkonformistisch maskierten Konformismus“.6 Die Titulierung gehört seitdem zum Standardrepertoire der Mythenbildung über das IfS.

[9]

Die zweite aus theoriegeschichtlicher Sicht zentrale Person für die Gründungsphase des IfS ist Karl Korsch. Auch er plädierte für eine Selbstanwendung des dialektischen Materialismus auf die Marx‘sche Theorie, also der Untersuchung der historischen Veränderungsbedingungen dieser Theorie nach ihren eigenen Prinzipien. Um dies zu leisten, propagierte er die „philosophische Aktion“, die kulturrevolutionäre „geistige Aktion“.7 An Korsch erinnerte 2022 in Jena eine Ausstellung mit Vortragsreihe, für die Michael Buckmiller den Katalog mit dem Titel „Die Erneuerung des Marxismus“ zusammengestellt hat.8 In seinem Begleittext wiederholt Buckmiller Teile seines bekannten Aufsatzes über die „Erste Marxistische Arbeitswoche“9 und reichert sie mit weiteren biografischen Angaben zu Korsch an. Buckmiller ist auch Herausgeber einer seit Längerem in Arbeit befindlichen Gesamtausgabe der Schriften Korschs. 2024 ist der erste Band dieser Ausgabe mit Schriften von Korsch aus den Jahren 1908 bis 1918 neu aufgelegt worden. Er trägt den Titel „Recht, Geist und Kultur“.10 Es finden sich darin 47 Aufsätze sowie Korschs juristische Dissertation von 1911 zu Fragen der Beweislastverteilung im Zivilrecht. Die meisten Aufsätze sind Berichte über die politischen Verhältnisse in England, wo er einige Jahre verbrachte. Der Band stellt unter Beweis, wie ausgeprägt Korschs politischer und philosophischer Radikalisierungsprozess – ganz ähnlich wie bei Lukács – mit Beginn der Oktoberrevolution verlief.

[10]

Für die spätere Frankfurter Schule ist Korsch auch deshalb von Bedeutung, weil er wie Lukács 1923 zu den Teilnehmenden an dem Treffen in Thüringen zur theoretischen Selbstverständigung der zukünftigen Arbeit des IfS gehörte und beide dort „die Quintessenz ihrer Marxforschungen“ (S. 63) vortrugen. Buckmiller betont in diesem Zusammenhang, dass ausnahmslos alle Teilnehmenden zum Zeitpunkt der Arbeitswoche 1923 der „jungen kommunistischen Bewegung angehörten“ (S. 5). Seines Erachtens müsse diese Tatsache beim Erzählen der Gründungsgeschichte des IfS „wieder stärker ins Bild gerückt“ (ebd.) werden, alles andere käme einer „Verklärung der eigenen geisteswissenschaftlichen Bedeutung“ (S. 64) gleich.

[11]

Genau dies leistet das im Jahr der Ausstellung erschiene Buch „In der Dämmerung. Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie“ von Christian Voller.11 Hat man das etwas manieriert formulierte Einleitungskapitel, in dem der Autor das „Ganze“ (S. 9) der Kritischen Theorie im dialektisierenden Jargon beschwört und mehrfach bekundet, dass die „klassische Kritische Theorie sicherlich das Beste [ist], was wir haben, um uns zumindest einen Begriff [unser] bedrückenden Verhältnisse zu machen“ (S. 25), erst einmal überstanden, wird man in den folgenden Kapiteln überraschend reich ideengeschichtlich belohnt. Anders als Ulrike Migdals Pionierstudie aus dem Jahr 1981 über die organisatorische Frühgeschichte des IfS12 liefert Voller eine ambitionierte „Gedankenbiografie“ (S. 17) derjenigen Topoi, die vor und in der Gründungsphase des Instituts für die damaligen Akteure eine wichtige Rolle spielten. Die grundlegende Intention von Lukács, Korsch, Leo Löwenthal, Walter Benjamin, Adorno und anderen war, die in Analogie zu den Naturwissenschaften erfolgte Verwissenschaftlichung des Marxismus der II. Internationale zu überwinden. Es sei „gewiss kein Zufall, dass es ausgerechnet literaturwissenschaftlich geschulte Köpfe“ (S. 100) in der Gruppe gewesen sind, die Marx‘ „Das Kapital“ nicht einfach als eine Sammlung wissenschaftlicher Befunde, sondern als eine „metaphernfreudig[e] und bilderreich[e]“ (S. 99) literarische Darstellung des menschlichen Elends im Kapitalismus gelesen haben. Die „Poetologie der Kritik“ (S. 101) läutete den Beginn von revolutionären und voluntaristischen Weiterentwicklungen des Marxismus ein, die Voller in den folgenden Kapiteln exemplarisch vorführt. Besondere Aufmerksamkeit widmet er neben den bereits Genannten Alfred Sohn-Rethel und dem heute fast vergessenen Alfred Seidel.

[12]

Die mittlerweile gängige Generationenfolge der Kritischen Theorie weist Voller zurück: Vor der ‚ersten‘ Generation Kritischer Theorie unter Max Horkheimer gab es eine „tatsächlich erste Generation“, die „aus organisierten Kommunisten und Kommunistinnen bestand“ (S. 143). Auch die spätere Kritische Theorie eines Horkheimer und Adorno habe sich von diesem Diskurs auf der äußersten kommunistischen Linken im Zeichen der ausgebliebenen Revolution nicht vollständig verabschiedet, wie Voller mit seiner Interpretation von Bemerkungen Adornos in dessen im Wintersemester 1965/66 gehaltenen „Vorlesung über Negative Dialektik“ zu plausibilisieren versucht (S. 249–252). Es ist beeindruckend, wie quellenversiert Voller seine These von Anfang bis Ende des Buches entfaltet und dabei gleichzeitig die „synkretistische Stimmung“ (S. 166) der frühen Theorieformierungen nicht unterschlägt.

Geschichte und Entwicklung des ‚alten‘ IfS

[1]

Mit seinem Buchtitel „Café Marx“13 spielt Philipp Lenhard natürlich auch auf Lukács‘ Titulierung „Grand Hotel Abgrund“ an. Im Zusammenhang mit der Geschichte der Frankfurter Schule hat sich Lenhard bereits einen Namen als Biograf von Friedrich Pollock und als Herausgeber der ersten zwei Bände von dessen „Gesammelten Schriften“ gemacht. Pollock stand zeitlebens im Schatten seines berühmten Freundes Max Horkheimer, gehörte aber zugleich wie Leo Löwenthal zu den Personen des engeren Kreises um Horkheimer, die für das Institut unabdingbare administrative Aufgaben erledigten. Pollock war einer von denen, die gleichsam in die ‚zweite Reihe‘ der Frankfurter gehörten, zu den Menschen, ohne die der Betrieb nicht hätte am Laufen gehalten werden können.

[2]

Wer über die Geschichte des IfS bis 1970 etwas Substantielles beitragen möchte, benötigt angesichts der Menge an vorliegender Literatur eine gute Idee. Philipp Lenhard hat eine solche Idee. Sein Buch konzentriert sich auf die Frühgeschichte des IfS – drei Viertel des Buches widmen sich den Jahren vor 1950. Es ist keine Revision und auch kein schlichtes Update der Standardwerke von Jay, Dubiel und Wiggershaus, sondern es ist eine aus einer anderen Perspektive geschriebene Komplementärerzählung. Die Geschichte des IfS wird von ihm aus einer „raum- und netzwerkgeschichtlichen“ (S. 9) Perspektive erzählt. Anders als bei den bisherigen Standardwerken beginnt er seine Geschichte des IfS bereits mit den Erschütterungen, die das Erlebnis des Krieges bei der Gründergeneration zuvor ausgelöst hatte.

[3]

Dadurch geraten neben Pollock auch andere Personen, die in der bisherigen Historiografie der Frankfurter Schule randständig oder gar keine Erwähnung fanden, in den Blick. Das ist beispielsweise das Team derjenigen, die die umfangreiche Forschungsbibliothek, „Herz des Instituts“ (S. 107), betrieben und von denen die meisten Frauen waren. Wie patriarchal das Institut geführt wurde, lässt sich auch daran erkennen, dass den voll ausgebildeten Bibliothekarinnen ein Mann als Chef vorgesetzt wurde. Den damaligen Namen „Café Marx“ erhielt das IfS auch deswegen, weil die Beteiligten in vielfältigen Freundschaftsnetzwerken miteinander verbunden waren und viel gemeinsame Zeit im nahegelegenen Kaffeehaus Laumer verbrachten. Eingehend schildert Lenhard sodann die komplizierte und letztlich gescheiterte Zusammenarbeit des Instituts mit dem Moskauer Marx-Engels-Institut unter ihrem charismatischen Leiter David Rjazanow für eine erste kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe. Ausführliche Erwähnung finden auch diejenigen, die nach der Flucht des Instituts die Zweigstellen in Genf, Paris und London administrierten und später in New York mit ihrer engagierten Arbeit die institutionelle Infrastruktur absicherten. Lebhaft beschrieben werden zum Beispiel die Abläufe der kollektiven Redaktionsarbeit für die „Zeitschrift für Sozialforschung“. Bei Lenhard lässt sich nachlesen, wie die Institutszeitschrift zum Gravitationszentrum des IfS wurde. Die heute unter dem Dachbegriff Kritische Theorie firmierenden Zeitschriftenaufsätze bildeten gerade keine geschlossene Theorie, sondern waren Debattenbeiträge auf der Suche nach einer solchen Theorie unter den sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen.

[4]

Die Personen, die nach der Wiedereröffnung des Instituts in Frankfurt 1951 das mühevolle Klein-Klein der Aufbauarbeit leisteten, werden von Lenhard gewürdigt. Anschaulich wird auch das seit Mitte der 1950er Jahre wesentlich von Adorno betriebene ‚the making of the Frankfurt School‘ mit seinem strategischen „Dreiklang“ (S. 502) von philosophischer Systematisierung, Kanonisierung und Schülerschaftrekrutierung rekonstruiert. Im Stil von Ortsbegehungen werden die Architektur und die räumlichen Bedingungen in den Institutsgebäuden in Frankfurt und New York geschildert. Besonders ergreifend sind die Berichte über die vielfältigen Aktivitäten des Instituts bei der Flüchtlingshilfe sowie über das Schicksal von Mitarbeitern, Mitarbeiterinnen und deren Familienangehörigen in deutschen Konzentrationslagern. Man erfährt insgesamt viele neue Details zur Geschichte des IfS – und sei es der Bericht darüber, wie übel die deutschen Behörden dem altgedienten Hausmeister Friedrich Braun nach der Institutsschließung 1933 mitspielten (S. 362 ff.). Es überrascht, wieviel bislang nicht berücksichtigtes Quellenmaterial Lenhard für sein Buch verwenden konnte.

[5]

Zu den Konsequenzen der raum- und netzwerkhistorischen Betrachtungsweise gehört, dass die im strengen Sinne theoretischen und ideengeschichtlichen Erörterungen recht knapp ausfallen. Einige Themen, wie die institutsinterne Faschismuskontroverse, werden nur sehr kurz gestreift, andere Thematiken, wie Herbert Marcuses magistrales Werk „Vernunft und Revolution“, Adornos „Ästhetische Theorie“ oder die Arbeiten von Otto Kirchheimer werden fast vollständig ausgeblendet. Auf der anderen Seite widmet sich Lenhard sehr viel ausführlicher als Jay und Wiggershaus der Vorgeschichte des Instituts sowie der Jahre bis zur Amtsübernahme des Direktorenpostens durch Max Horkheimer im Januar 1931. Dadurch wird mehr Licht geworfen auf die in dem Buch von Voller bereits ausführlich zu Wort kommenden „linksradikale[n] Aktivisten“ (S. 36) bei der Institutsgründung. Er schildert auch die vielfältigen Verbindungen der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht nur zur KPD, sondern auch zu den diversen anderen kommunistischen und anarcho-syndikalistischen Grüppchen der 1920er Jahre. Lenhard arbeitet überzeugend heraus, wie gut es am IfS gelang, die konkurrierenden linken und linksradikalen Strömungen miteinander im Gespräch blieben - trotz der aufgeheizten politischen Atmosphäre der Weimarer Republik

[6]

Anders als Buckmiller, der die Rolle Korschs hervorhebt, sieht Lenhard den jungen Millionärssohn und Spartakisten Felix Weil und den ersten designierten Direktor Kurt Albert Gerlach als „die eigentlichen Initiatoren der Institutsgründung“ (S. 48). Weil finanzierte das Institut aus dem Gedanken heraus, aus der (vorerst) gescheiterten sozialistischen Revolution zu lernen. Dafür bedurfte es eines Freiraums für marxistische Forschung und dazu mussten die Akteure im bestehenden Wissenschaftssystem mit Tricks und Raffinesse gewonnen werden. Weil hatte schon für seine 1920 abgeschlossene Promotion über Sozialisierung die Strategie der „äsopischen Sprache“ (S. 44) gewählt, womit er sich nicht auf die Fabeln des griechischen Dichters Äsop bezog, sondern vielmehr auf das spätantike „Buch des Philosophen Xanthos und seines Sklaven Aisopos“ bezog, indem der Sklave sich einer geschickten Sprache bedient, um seinen Herren zu täuschen und zu betrügen. Diese äsopische Sprache war von Beginn an ein Markenzeichen des Instituts bis hin zu den Institutspublikationen im amerikanischen Exil. Bei Lenhard lässt sich genauer als bislang nachlesen, was sich hinter der äsopischen Sprache verbarg, zum Beispiel der Einfluss der Theorie Rosa Luxemburgs auf Horkheimers Überlegungen von 1937 zum Verhältnis zwischen Arbeiterschaft und Intellektuellen. Gleichzeitig bietet Lenhards ausführliche Schilderung der Institutsarbeit in den 1920er Jahren einen guten Einblick in die durch keine klare Programmatik zusammengehaltene Heterogenität der dort durchgeführten Forschungen. Das sollte sich erst mit der Amtsübernahme Horkheimers gründlich ändern.

[7]

Mit „Café Marx“ ist Philipp Lenhard ein überzeugendes Buch gelungen. Während Jay und Wiggershaus ihre Geschichtsschreibungen gleichsam von dem in den 1970er Jahren erfolgreich etablierten Bild der Frankfurter Schule rückerzählen, erzählt Lenhard sie als offene Geschichte mit vielen Zufälligkeiten, Risiken, Unwahrscheinlichkeiten, Unwägbarkeiten und nicht zuletzt manchen persönlichen Idiosynkrasien. Man erfährt auf diese Weise viel Neues und Anderes über die facettenreiche Historie des IfS. Anders als Jay und Wiggershaus verzichtet Lenhard mit seinem Schreibstil auf jegliche Form von Heldenverehrung, sondern schreibt mit zuweilen ironischer Distanz und einem wunderbaren Erzählstil. Man muss konstatieren: Es gibt ein neues Standardwerk über die Geschichte der Frankfurter Schule für die Ära bis zum Tod Adornos.

[8]

Wer nach der Lektüre des Buches von Lenhard mehr über Felix Weil wissen möchte, ist mit der umfassenden und deutlich schwerfälliger geschriebenen Biografie von Hans-Peter Gruber mehr als bestens bedient.14 Bereits 2017 hatte Jeanette Erazo Heufelder der jahrzehntelangen Schlüsselrolle Weils für Gründung und Weiterexistenz des IfS ein Denkmal gesetzt.15 Grubers Biografie schildert diese Vorgänge in aller Breite noch einmal und berichtet ergänzend vom abenteuerlichen Lebenslauf Weils bis zu seinem Tod im Jahre 1975. Eine wichtige Informationsquelle des Buches sind unveröffentlichte autobiografische Aufzeichnungen Weils. Ausführlich berichtet Gruber über die Rolle des Familienunternehmens Weil im argentinischen Getreidehandel, von der Rückkehr nach Deutschland 1909, von der Rolle des Vaters von Felix Weil bei der Unterstützung des deutschen Militärs während des Ersten Weltkriegs, von der politischen Radikalisierung des jungen Erben nach der Novemberrevolution sowie seinem Studium in Frankfurt. An nicht wenigen Stellen korrigiert Gruber Angaben von Weil, so etwa, wenn dieser in seinen Erinnerungen die „Erste Marxistische Arbeitswoche“ ein Jahr vordatiert und dadurch die „unzutreffende Interpretation“ (S. 151) erweckt, als sei sie die eigentliche Gründungsveranstaltung des IfS gewesen. An anderer Stelle widerspricht er Weils Selbstlob, er sei der eigentliche Gründer des IfS gewesen und schreibt stattdessen Kurt Albert Gerlach die Rolle des „geistigen Urheber[s]“ (S. 166) zu. Solche Korrekturen sind Petitessen, die das Gesamtbild der zentralen Rolle Weils für die Gründung, den laufenden Institutsbetrieb und für die Weiterexistenz des IfS in der amerikanischen Emigration nicht schmälern können. Schließlich war es die Tatsache, dass Weil 1939 fast sein gesamtes Vermögen auf das Institut überschrieb, die es unter anderem Horkheimer und Adorno erst ermöglichte, mit gutem Salär ausgestattet, ihre Luxusexistenzen in Hollywood zu führen. Gruber zeigt auf, wie taktisch die Kommunikation von Pollock und Horkheimer gegenüber Weil war, um weitere Gelder zu erhalten, und wie sehr Weil sich auf der anderen Seite bemühte, von ihnen wissenschaftliche Anerkennung zu erhalten. Der ernsthafte Versuch Horkheimers im Jahre 1940, Weil als „permanent member“ (S. 368) enger ins Institut einzubinden, scheiterte an dessen schillernder Persönlichkeit und Unstetigkeit. Weil reiste notorisch in der Welt herum und verschwand zwischenzeitlich für einige Jahre nach Argentinien als Politikberater.

[9]

Anders als Horkheimer und Adorno sprach sich Weil nach 1945 zunächst gegen eine Rückkehr nach Deutschland aus. Er „traute […] dem Frieden in Deutschland nicht“ (S. 388). Sobald man den Rücken wende, würde alles wieder wie vorher werden. Während auch Pollock und Franz L. Neumann diese Ansicht anfänglich teilten, blieb Weil länger skeptisch. Stattdessen fand er in den USA in den folgenden Jahren neue Tätigkeitsschwerpunkte in der Filmbranche von Los Angeles und in der Kalifornischen Kommunalpolitik, bis er in den späten 1960er Jahren als Ausbilder für den Einstieg in zivile Berufe bei der US Ramstein Air Base nach Deutschland zurückkehrte. Doch sein Kontakt zu den Frankfurtern war abgebrochen. Zwar erlebte sein Sozialisierungsbuch aus dem Jahr 1920 im Zuge der studentischen Protestbewegung mehrere Raubdrucke, für die studentische APO konnte er sich dennoch nicht erwärmen. In seinen Erinnerungen notierte er: „Eine Studentenbewegung, die nicht von den Arbeitern getragen ist, ist von vornherein zu[m] Scheitern verurteilt“ (S. 412). Zu einem regelrechten „posthume[n] Zerwürfnis“ (S. 416) kam es 1973 mit Horkheimer. In seinen nur wenige Monate nach Horkheimers Tod geschriebenen Passagen rechnete Weil in seinen Erinnerungen mit bitteren Worten mit seinem ehemals so engen Freund aus den 1920er Jahren ab. „Vertrauensselig“ habe er nicht mit dessen „dunkle[r] Seite“ (S. 417) gerechnet. Dem unter Horkheimers Regie geführten IfS warf er vor, sich nach der Wiedereröffnung 1945 vollständig von der marxistischen Forschung der Gründertage verabschiedet zu haben – eine Einschätzung, die mit Blick in Lenhards Buch keine Unterstützung findet. Verbittert bewertete Weil die von ihm dem Institut zur Verfügung gestellten Finanzmittel nachträglich als „zweckentfremdet“ (S. 417).

[10]

Weil kehrte Ende 1973 in die USA zurück. Einen Verlag für seine Memoiren konnte er trotz angestrengter Suche nicht mehr finden. Das umfangreiche Manuskript, das er 1974 beim Fischer-Verlag eingereicht hatte, ist dort verloren gegangen; heute existieren davon lediglich drei unvollständige Vorversionen. Er starb am 18. September 1975 in den USA. Grubers Biografie ist ein solide recherchiertes und geschriebenes Buch. In vielen Teilen ist es zu lang und ausführlich geraten. In seiner Gediegenheit bietet das Buch eine Art performativen Widerspruch zu der Persönlichkeit seines ‚Helden‘, dem Abenteuerlust, Risikofreude, Umtriebigkeit, Genussfreude und private Kapriolen nicht fremd waren. Dessen ungeachtet brennt Grubers Buch seinen Lesern und Leserinnen Eines unvergesslich ins Gedächtnis ein: Ohne Felix Weils großzügige und selbstlose finanzielle Unterstützung wäre es nie zur Gründung des IfS gekommen, ohne sein Verhandlungsgeschick hätte das Institut nicht an die neu gegründete Frankfurter Universität angedockt werden können und ohne seine vielen außerplanmäßigen zusätzlichen Spenden wäre das Institut mehr als einmal insolvent gewesen. Immer konnte sich die Kernmannschaft der Institutsgruppe um Horkheimer in finanzieller Hinsicht auf den Stifter und Mäzen des IfS verlassen. Auch vielen anderen ins amerikanische Exil geflüchteten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen hat Weil mit seinem großzügigen Sponsoring das Überleben sichern können.

[11]

Rechtzeitig zum Institutsjubiläum hat der in Wien und Berlin ansässige Verlag Mandelbaum die erstmals 1999 bei Suhrkamp erschiene voluminöse Studie „Der nonkonformistische Intellektuelle. Von der kritischen Theorie zur Frankfurter Schule“ von Alex Demirović neu herausgebracht.16 Das Buch hatte seinerzeit auch deshalb Furore gemacht, weil Demirović mit einem an Antonio Gramsci, Pierre Bourdieu und Michel Foucault geschulten wissensarchäologischen Analyseansatz an das Text- und Dokumentmaterial des IfS der Jahre 1950–69 heranging. Er versuchte, den Prozess der erfolgreichen Kreierung dessen, was heute unter dem Namen Frankfurter Schule figuriert, als institutionell gestützte „Wahrheitspolitik“ (S. 20) nachzuzeichnen. Dreh- und Angelpunkt dabei ist die These, dass ausgerechnet das ‚philosophischste‘ und ‚dunkelste‘ Buch von Horkheimer/Adorno, die „Dialektik der Aufklärung“ aus dem Jahre 1944, als ein Buch mit einer unmittelbar praktischen Zielsetzung verstanden werden müsse. Von der Absicht getragen, die Aufklärung zu bewahren, waren demnach schon die Rückkehr der beiden nach Deutschland und die Wiedereröffnung des Instituts. Fortan betrieben sie auf mehreren Bühnen gleichzeitig in virtuoser Manier ihre Wissenspolitik. Demirović geht den Details der success story des Forschungs- und Lehrbetriebs am IfS bis zum Höhepunkt der studentischen Protestbewegung nach, in der ihm zufolge die Kritische Theorie und die Neue Linke für einen kurzen historischen Moment einen festen Zusammenhalt bildeten und zu einem „Lebensgefühl“ (S. 698) in großen Teilen der Protestbewegungen wurden.

[12]

In seinem Nachwort zur Neuauflage wiederholt Demirović sein Bekenntnis zur Position von Lukács, wonach die Theorie und ihre Entwicklung in der Theorie selbstreflexiv zum Gegenstand gemacht werden müsse und die Arbeit an der Theorie – offenbar auch seine eigene miteingeschlossen – dadurch „eine spezifische Praxis“ (S. 767) werde. Den Autoren der Generation Horkheimer/Adorno hält er vor, diesen Anspruch weder in Bezug auf ihre eigenen materiellen Praktiken der Theoriebildung untersucht noch die gesellschaftlichen Voraussetzungen ihrer eigenen Theoriearbeit genügend reflektiert zu haben. Rückblickend reklamiert Demirović für sein Buch, diese Lücke gefüllt zu haben. Es leiste einen „gesellschaftstheoretischen Beitrag zur Funktionsweise der Kritischen Theorie“ (S. 768), der zugleich darlege, warum der Marxismus in der historischen spezifischen Phase der kapitalistischen Vergesellschaftung während der noch jungen Bundesrepublik die besondere Form der in Frankfurt verfochtenen Kritischen Theorie angenommen hatte. Als gesellschaftlich anerkannte Personen mit hoher moralischer und intellektueller Autorität ausgestattet, betrieben die Protagonisten der Frankfurter Schule in der Sozialfigur des unkonventionellen Intellektuellen verpuppt einen – so ein späteres Bonmot des ehemaligen Gurland-Assistenten Jürgen Seifert – „Marxismus in Zeiten der Konterrevolution“ (S. 769).

[13]

Die Kritische Theorie laboriert seit Korsch und Lukács unablässig an der Frage des Verhältnisses von Intellektuellen zur Mehrzahl der arbeitenden Bevölkerung: Diese Frage lässt Demirović in seinem Nachwort auch nicht los. Im fünften Kapitel seines Buches hatte er die damalige Kritische Theorie als historisch angemessene Ausprägung des Marxismus in der Periode des Fordismus entschlüsselt. Inhaltlich sparte er an dieser Stelle nicht mit Kritik: Adorno und Horkheimer hätten die historisch spezifischen Merkmale des keynesianischen Wohlfahrtstaatskapitalismus fälschlich zu einem säkularen Trend generalisiert. Am Ende des Nachwortes kommt er auf seine damalige Charakterisierung zurück. Er hält sie weiterhin für zutreffend und wiederholt seine schon damals geäußerte Feststellung, dass die Epoche des Fordismus ebenso sehr der Vergangenheit angehört wie die Sozialfigur des nonkonformistischen Intellektuellen. Heute allerdings hat kritische Intellektualität längst andere Gestalt angenommen. Außerdem stehen heute völlig andere Themen auf der Agenda von gesellschaftskritischen Praktiken. Das muss Folgen haben für die Forschungsinteressen der Kritischen Theorie. Demirović zufolge müsste der Fokus heute auf der digitalisierten Arbeitswelt, auf Tätigkeiten im Care-Bereich und auf Aktivitäten im Zusammenhang der sozial-ökologischen Transformation liegen. Am Horizont dieser thematischen Ausrichtung sieht er „die Herausbildung von sozial-ökologischen oder queer-feministischen Transformations-Intellektuellen“ (S. 781) entstehen. Sie sollten ein „neues organisches Verhältnis von Intellektuellen zur gesellschaftlichen Arbeit“ (S. 780) herstellen und daraus könne sich im Erfolgsfall ein neuer „postkapitalistischer historischer Block“ (S. 781) formieren. Woher Demirović den Optimismus nimmt, dass sich aus den von ihm genannten Kampfzonen in absehbarer Zeit ein neuer progressiver postkapitalistischer Block formieren könne, bleibt sein Geheimnis. Denn lehrt die Geschichte der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nicht eher, zukünftig mit neuerlichen gesellschaftspolitischen Rückschlägen zu rechnen?

[14]

Eine gute Möglichkeit, den deskriptiven Wert des methodisch anspruchsvollen Buches von Demirović zu überprüfen, bietet „Demokratisierung nach Auschwitz. Eine Geschichte der westdeutschen Sozialwissenschaft in der Nachkriegszeit“ von Fabian Link.17 Auch sein Buch lädt mit seinen 638 Seiten nicht gerade zur kurzweiligen Lektüre ein. Anders als der Untertitel suggeriert, bietet das Buch trotz seiner Länge keine umfassende Darstellung der Anfänge der bundesdeutschen Sozialwissenschaft, sondern konzentriert sich auf zwei markant gegensätzliche Grundrichtungen. Das sind auf der einen Seite die Gruppe um Horkheimer und Adorno sowie auf der anderen Seite die damals nicht minder bedeutsame Gruppe um die Soziologen Helmut Schelsky und Arnold Gehlen. Er nennt sie „Denkkollektive“ (S. 78), was zuweilen seltsam klingt, wenn in dem Buch nicht konkrete Personen, sondern ein Denkkollektiv an einer Tagung teilnimmt oder einen Aufsatz schreibt. Links wissenssoziologischer Ansatz ist bereits mehrfach kritisch besprochen worden und soll hier nicht Thema sein.

[15]

Präzise und penibel zeichnet Link in thematisch parallel geführten Kapiteln die biografischen Hintergründe, die institutionellen Kontexte, die Forschungsergebnisse, die Publikationen und nicht zuletzt die öffentlich geführten Kontroversen zwischen den Frankfurtern und ihrem anderen großen Konkurrenten in der damaligen westdeutschen Sozialwissenschaft auf. Link stellt dabei vor allem die politischen Differenzen zwischen denen aus dem Exil zurückgekehrten Frankfurtern und dem vor 1945 engagierten Nationalsozialisten Schelsky heraus. Während die in Auschwitz verübten Massenmorde für Horkheimer die Veranlassung gaben, unermüdlich auf die Notwendigkeit von politischer Bildung und Erziehung hinzuweisen, gingen Schelsky und Gehlen auf diese Aufarbeitungsdebatte nicht ein: „Ihre Vergangenheitsbewältigung bestand vielmehr darin, Auschwitz und den Nationalsozialismus nicht zu thematisieren.“ (S. 521). Und während Adorno Auschwitz zum Angelpunkt seiner Gesellschaftstheorie machte, „bewältigten Schelsky und Gehlen die NS-Vergangenheit der Deutschen dadurch, dass sie diese durch technikphilosophisch-funktionalistische Überlegungen überdeckten.“ (ebd.).

[16]

In den Schlusspassagen seines Buches stellt Link heraus, wie stark die beiden Denkkollektive die politische Kultur in der Bundesrepublik prägen konnten, und zieht die Linie bis zum Historikerstreit im Jahre 1986. Demirović war es in seiner Studie darum gegangen, die Weiterentwicklung der Materialistischen Theorie durch die beiden „Wahrheitspolitiker“ Horkheimer und Adorno als im oben beschriebenen äsopischen Stil zu dechiffrieren. Link setzt sich eine methodisch weniger ambitionierte Aufgabe. Beide kommen aber darin überein, eine enorme Ausstrahlung der Frankfurter Schule auf die politische und akademische Kultur der jungen Bundesrepublik festzustellen. Ihre Feststellung ist nicht ohne geschichtspolitische Ambivalenz, denn die beiden Autoren bieten gleichsam Ergänzungserzählungen zu der von konservativen Autoren beklagten angeblichen intellektuellen Kulturrevolution von links, für die sie als wichtigste Stichwortgeber der ‘68er die Frankfurter Schule verantwortlich machen wollen.18 Wie man es aber auch drehen und wenden mag: Meines Erachtens übertreiben der linke wie der konservative Erzählstrang einer immensen success story der Frankfurter Schule letztlich deren reale Bedeutung für die politische Kultur in Deutschland.

Frankfurter Klassiker revisited

[1]

Anfang 2021 legte der Suhrkamp-Verlag eine orangefarben leuchtende Neuausgabe von Leo Löwenthals „Falsche Propheten“ vor.19 Das zusammen mit Norbert Guterman geschriebene Buch war 1949 als vierter Band der berühmten Serie „Studies in Prejudice“ des IfS auf Englisch erschienen und avancierte in den USA rasch zu einem Klassiker der Politischen Psychologie. Eine erste, allerdings stark gekürzte Fassung erschien 1966 auf Deutsch, bis Helmut Dubiel 1982 eine vollständige Fassung im Rahmen einer fünfbändigen Ausgabe der Schriften Löwenthals herausgab. Hochbetagt starb Löwenthal 1993 im Alter von 92 Jahren. Er war nach dem Tod von Herbert Marcuse 1979 der letzte Lebende aus dem engeren Kreis der Frankfurter Schule und gab bereitwillig und gern Auskunft zu Fragen über ihn und die Gruppe um Horkheimer. Politisch war er bis fast zuletzt hellwach – ich erinnere mich an Gespräche mit ihm im Jahre 1990 über Deutschland nach der Maueröffnung. Er teilte die verbreitete Euphorie nicht, sondern befürchtete das Wiederaufflammen von Nationalismus und die Rückkehr von Agitatoren. Der demokratische Verfassungsstaat bewegte sich nach seiner Überzeugung auf dünnem Eis.

[2]

In gewisser Weise war seine besorgte Einschätzung eine Reminiszenz an die Forschungsergebnisse, die in „Falsche Propheten“ dokumentiert sind. Das Buch liefert eine Analyse der Topik verschiedener faschistischer Agitatoren, die seit den späten 1930er Jahren vor allem an der Westküste der USA aktiv waren, ohne politisch größere Erfolge zu verzeichnen. Löwenthal und Guterman konzentrierten sich in ihrer Studie darauf, die gängigen Argumentationsfiguren, Metaphern und rhetorischen Figuren in den Texten und Reden der Agitatoren typologisch zu erfassen. Die Untersuchung basiert auf der Analyse von Radiosendungen, Redetexten und anderen schriftlichen Dokumenten. Publikumsreaktionen nahmen sie nicht mit in ihre Untersuchung auf; auch auf die seinerzeit von Adorno vorgeschlagenen Besuche von Massenveranstaltungen der Agitatoren verzichteten die beiden Autoren.

[3]

Ungeachtet der etwas dünnen Quellenbasis kann man nicht umhin, bei der Lektüre des Buches an die politischen Agitationen von Donald Trump in den USA, Matteo Salvini in Italien oder der AfD in Deutschland zu denken. Dabei stellt sich das Gefühl eines Frösteln erzeugenden Déjà-vus ein, wie auch Carolin Emcke in ihrem Nachwort notiert. Wenn sich die technischen Methoden für die zielgerichtete Verbreitung mit den heutigen medialen Möglichkeiten natürlich grundlegend verändert haben, so lassen sich bezüglich der Agitationsthemen und der Sprecherpositionen, die die faschistischen Agitatoren einnahmen, erschreckende Aktualitätsbezüge finden. Emckes Bemerkung, Löwenthals „Falsche Propheten“ sei „das Buch der Stunde“ (S. 243), klingt weniger übertrieben, sobald man die Methoden der Agitatoren verstanden hat. Im Vordergrund ihrer Agitation stehen bitterböse und durch keinerlei Fakten belegte Behauptungen über gesellschaftliche Malaisen, um die Unzufriedenheit weiter anzustacheln, Vorstellungen einer „permanenten Verschwörung gegen die ewig Betrogenen“ (S. 52), ein genüssliches „Ausmalen der Schrecken des bevorstehenden Untergangs […] mit sexuellen Untertönen“ (S. 66), zahllose „Stereotypen von Feindschaft“ (S. 72), Hass auf einen angeblich „korrupten Staat“ (S. 81), Hetze gegenüber Flüchtlingen als „gefährlichste Abart des Fremden“ (S. 86) und deren Gleichsetzung mit Parasiten sowie die Beschwörung des Ausnahmezustandes für ein „Großreinemachen“ (S. 163). Den zahllosen innerstaatlichen Feinderklärungen widmete Löwenthal besondere Aufmerksamkeit. Seine analytische Unterscheidung der aufgerufenen Feindbilder zwischen dem „unbarmherzigen Feind“ (S. 72) und dem „hilflosen Feind“ (S. 89) könnte direkt einer Analyse von Reden Donald Trumps entnommen worden sein. Das gilt insbesondere für die Selbstdarstellung des Agitators als „Märtyrer“ (S. 198), als „verfolgte Unschuld“ (S. 203) und „Opfer“ (S. 213). So ratlos, wie uns der Erfolg rechter Agitatoren heute zurücklässt, so ratlos schließt auch das Buch von Löwenthal. Es zehrt von der Hoffnung, dass eine Übersetzung „der Losungen des Agitators aus der Hülle ihrer schwülstigen Rhetorik“ in eine „rational formulierte Version“ helfe, die „Funktion und Grundlage der Anziehungskraft zu verstehen“ (S. 229). Löwenthal ist ehrlich genug, im letzten Absatz des Buches einzuräumen, dass politisch mit dieser Erkenntnis noch wenig gewonnen ist, denn „die sozialwissenschaftliche Analyse als solche zerstört weder den Anreiz der Agitation auf sein Publikum, noch liefert sie einen politischen Plan zur Opposition gegen den Agitator“ (ebd.). Rückblickend hat er einmal das Vorgehen der faschistischen Agitatoren als „Psychoanalyse auf den Kopf gestellt“20 charakterisiert: Erst werden die Menschen durch die Agitatoren neurotisch und psychotisch gemacht, um schließlich in emotionale Abhängigkeit von einer Führerfigur zu geraten.

[4]

Mit einer noch deutlicheren Aktualisierungsabsicht hat der Suhrkamp Verlag im Frühjahr 2024 Adornos Vortrag „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“ aus dem Jahr 1963 in Form einer eigenständigen Veröffentlichung mit einem erläuternden Nachwort herausgebracht.21 Dieselbe Publikationsstrategie hatte der Verlag bereits 2019 mit großem Erfolg bei der Erstpublikation von Adornos Rede „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ aus dem Jahr 1967 verfolgt.22 Der Umfang beider Publikationen rechtfertigt eher das Wort Bändchen; und um dafür überhaupt genügend Textmenge zusammenzubekommen, haben beide Male die Nachworte einen fast genauso großen Umfang wie die Originalbeiträge Adornos. Die Auswahl der Autoren für die Nachworte erweist sich jedoch bei beiden Publikationen als ausgesprochener Glücksfall. Volker Weiß respektive Jan Philipp Reemtsma verzichten auf jede Form von Adorno-Verehrung und liefern stattdessen ausgesprochen instruktive Erläuterungen und Kommentierungen.

[5]

Seine Rede über den Rechtsradikalismus hatte Adorno auf Einladung des Verbandes Sozialistischer Studenten Österreichs in Wien gehalten. Der Text des Tonbandmitschnitts war zuvor noch nicht publiziert worden; insofern ist dem Suhrkamp Verlag mit dieser Veröffentlichung ein echter Coup gelungen. Der Inhalt des Vortrages rechtfertigt die Erstpublikation in jeder Hinsicht. Weiß erläutert in seinem Nachwort den zeitgeschichtlichen Kontext mit dem Aufstieg der NPD und stellt die Thesen Adornos in den größeren Zusammenhang der Forschungen am IfS zum autoritären Charakter. Eindringlich stellt er die Frage nach dem „Wert dieser Analysen für die Gegenwart“ (S. 74). Mehrere Punkte hebt er in diesem Zusammenhang hervor: es ist „trügerisch […], sich im Lichte des Erreichten zivilisatorisch in Sicherheit zu wiegen“ (S. 81), und Vernunftappelle an rechtsradikale Agitatoren sind „sinnlos“ (S. 83). Für die gegenwärtige Lage ist Adornos Hinweis darauf, dass sich die Anhänger rechtsradikalen Denkens auf alle Schichten der Gesellschaft verteilen und dass man sich nicht zu sehr auf die demokratische Resilienz der sogenannten bürgerlichen Mitte verlassen sollte, wichtig.

[6]

Jan Philipp Reemtsma verfolgt in seinem Nachwort zum Antisemitismusvortrag zunächst die Absicht, Adornos Überlegungen als „Zeitdokument“ (S. 59) zu lesen. Adorno war 1962 vom Koordinierungsrat der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit zu einem Vortrag über Erziehung und Antisemitismus eingeladen worden, der einige Wochen später im Hessischen Rundfunk gesendet wurde und 1963 gedruckt erschien. Ausführlich geht Reemtsma auf den Zusammenhang des Vortrages mit der Welle an Hakenkreuzschmierereien Ende des Jahres 1959 und den Forschungen am IfS zu diesen Ereignissen ein. Erläutert werden auch die Genese der von Adorno in seinem Vortrag verwendeten Formel des „sekundären Antisemitismus“ (S. 13), der Zusammenhang mit den Studien zur autoritären Persönlichkeit am Institut, sowie die auf den ersten Blick irritierenden strukturellen Ähnlichkeiten, die Adorno beim Antisemitismus mit der Astrologie, die ihm zufolge „ebenfalls versucht, unbewußte Regungen zu verstärken“ (S. 22), zu sehen glaubt.

[7]

Sich Adorno anschließend ist Reemtsma der Überzeugung, dass der Antisemitismus nicht vollständig sozialwissenschaftlich erklärt werden kann. Hinter dem Wunsch nach solch einer Erklärung, so Reemtsma, „steckt etwas Magisches.“ (S. 85). Die antisemitische Agitation beziehe ihre Selbstlegitimation aus ihrer eigenen Geschichte. Insofern ist die „Geheimnislosigkeit des Antisemitismus […] sein anhaltendes Karrieremodell“ (S. 86). Wie um diese Schlusssentenz seines Nachwortes vorzubereiten, klagt Reemtsma die staatlichen Instanzen in Deutschland an, dass es ihnen seit dem Terrorangriff der Hamas in Israel am 7. Oktober 2023 nicht gelinge, antisemitische Propaganda wirkungsvoll zu unterbinden.

[8]

Ein berührendes Dokument dafür, dass Adorno in seinen Bemühungen um gesellschaftspolitische Aufklärung die positive Erfahrung des Gelingens machen konnte, ist sein 2024 veröffentlichter „Briefwechsel“ mit Ludwig von Friedeburg.23 Dieser Briefwechsel ist von Dirk Braunstein und Maischa Gelhard bemerkenswert gründlich kommentiert. Unterschiedlicher als bei Adorno und Friedeburg könnten nachkriegsdeutsche Biografien gar nicht sein, wie im Nachwort von Braunstein und Gelhard nachzulesen ist. Der 1924 geborene Friedeburg war mit 12 Jahren der Hitler-Jugend beigetreten und gehörte als 16-jähriger zur jubelnden Menge bei Hitlers Rede im Berliner Sportpalast. Während des Krieges war sein Vater Generaladmiral der deutschen Kriegsmarine. Der junge Friedeburg wurde 1944 zum jüngsten deutschen U-Boot-Kommandant ernannt. Sein Vater gehörte zu den Mitunterzeichnern der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und beging als überzeugter Nationalsozialist anschließend Suizid. Da er sich bereit erklärte, zwei Jahre auf einem englischen Minensuchboot die Nordsee von Wasserminen zu befreien, entging der junge Friedeburg der Kriegsgefangenschaft.

[9]

Sein späterer Weg zur Kritischen Theorie war dem Hitlerjungen Friedeburg alles andere als vorgezeichnet. Nach einem nachgeholten Abiturexamen studierte er zunächst Naturwissenschaften und begann sich für moderne Formen der Datenverarbeitung, empirische Sozialforschung und Psychologie zu interessieren. Im Sommer 1950 stattete er auf der Durchreise dem IfS einen Besuch ab. Aufs Geratewohl bewarb er sich um ein Praktikum. Über dieses Interesse kam er in Kontakt mit Adorno. Er absolvierte dort im Sommer 1950 ein Praktikum mit dem Ziel, „meine Information über die sozialwissenschaftliche Arbeit zu vertiefen“ (S. 10). Beim nächsten verabredeten Treffen verpassten die beiden einander, was allein wegen der Wortwahl erwähnenswert ist, mit der sich Adorno bei seinem Briefpartner entschuldigte: Er sei wirklich verhindert gewesen, denn grundsätzlich würde er getroffene Verabredungen „mit fanatischer Pünktlichkeit“ (S. 13) einhalten.

[10]

Friedeburg wurde temporärer Mitarbeiter an der Studie, die 1955 als erste große Veröffentlichung des IfS nach seiner Rückkehr mit dem Titel „Gruppenexperiment“ veröffentlicht wurde. Zu Friedeburgs weiteren Projekten am IfS gehörte eine Studie im Auftrag des Vorstandes des Mannesmann-Konzerns über das dortige Betriebsklima, aus der auch seine Habilitationsschrift hervorging. Horkheimer ernannte ihn 1954 zum Leiter der empirischen Abteilung des Instituts. Als Begründer der ersten Fachsektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der Fachsektion Industriesoziologie, konnte sich Friedeburg schnell als anerkannter Soziologe etablieren. Am Institut beteiligte er sich des Weiteren an der 1961 veröffentlichten Untersuchung „Student und Politik“, zu der Jürgen Habermas die Einleitung beisteuerte. 1962 nahm Friedeburg einen Ruf für Soziologie an der Freien Universität Berlin an, kehrte aber bereits 1966 nach Frankfurt zurück. Er bekam die Leitung des Soziologischen Seminars übertragen und wurde neben Adorno zum Co-Direktor des IfS ernannt.

[11]

Der Band enthält insgesamt 58 Briefe. Diese geringe Zahl erklärt sich daraus, dass ein Großteil der Kommunikation zwischen den beiden in Treffen am Institut oder in Telefonaten stattfand. Dennoch ist der Briefwechsel in mehrfacher Weise aussagekräftig. Zum einen gibt er intime Einblicke in die Frühphase der bundesdeutschen Soziologie, insbesondere die Grabenkämpfe der Frankfurter mit anderen älteren Fachvertretern wie Schelsky, Gehlen oder René König und der Strategie der Jüngeren wie Friedeburg, diese Konfliktlinien durch die Konzentration auf konkrete Themen gleichsam zu überwölben. Der Briefwechsel dokumentiert vor allem jedoch die große Übereinstimmung der beiden im Hinblick auf die Notwendigkeit einer grundlegenden politischen Reeducation der deutschen Bevölkerung. Friedeburg hatte keinerlei Bezüge zur älteren Kritischen Theorie, hatte aus den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands für sich die Konsequenz eines „Nie Wieder!“ gezogen. Adorno wiederum – so Braunstein und Gelhard im Nachwort – „scheint in der Person Ludwig von Friedeburgs etwas von dem gesehen zu haben, dessentwegen er überhaupt aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrt war“ (S. 183).

[12]

Nachlesen lässt sich in dem Band auch, wie sich die Beziehung der beiden im persönlichen Bereich vertiefte. Ab Januar 1963 wechselte Adorno von der Sie-Form auf die Anrede „Lieber Ludwig“ (S. 77) und Friedeburg replizierte mit „Sehr verehrter, lieber Teddie“ (S. 82). An anderen Stellen bekommt man einen unfreiwillig humorvollen Einblick in das teutonic english Adornos, der in einem englischsprachigen gutachterlichen Brief für Friedeburg den Regeln des deutschen Satzbaus treu ergeben blieb (S. 23). Mehrere Male fragte Adorno Friedeburg um Rat. Wenn es um organisatorische Dinge am Institut ging, so war er für Friedeburgs Vorschläge offen. Sobald es aber um seine Texte ging, war er beratungsresistenter. Für den 14. Deutschen Soziologentag 1959 hatte Adorno ein Manuskript mit dem Titel „Zur Theorie der Halbbildung“ vorbereitet und mehrere Personen im Vorfeld gebeten, es kritisch gegenzulesen. Friedeburg unterzog sich der Mühe eines ausführlichen Kommentars mit einer Reihe von redaktionellen Vorschlägen, von denen Adorno fast nichts annahm (S. 64–69). Informativ sind auch die Dokumente, die den großen Skandal vom Januar 1969 beleuchten, als 75 linksradikale Studierende das IfS besetzten und schließlich mit polizeilicher Gewalt auf Bitten der beiden Direktoren Adorno und Friedeburg aus dem Gebäude entfernt wurden. Bei aller persönlichen Sympathie für einzelne Studierende übernahm Friedeburg während dieser Ereignisse im Institutsinteresse die Verantwortung für den Polizeieinsatz, während sich Adorno unbeteiligt gab und in die Büsche schlug (S. 126 ff.).

[13]

Erwähnt werden soll auch eine Bemerkung Friedeburgs über Merkblätter für Manuskripte, wie sie auch von Fachzeitschriften wie der „Neuen Politischen Literatur“ an ihre Autoren und Autorinnen ausgegeben werden. In einem Brief vom April 1964 können wir die Entrüstung nachlesen, mit der sich Adorno an Friedeburg wandte, nachdem ihm der Herder-Verlag ein solches Merkblatt zugeschickt hatte. Insbesondere die Aufforderung zur „Allgemeinverständlichkeit“, „die Ermahnung, möglichst wenig Fremdwörter zu verwenden“ sowie die Bitte um vollständige bibliografische Angaben entrüstete ihn. Friedeburg versuchte, Adorno zu beruhigen. Solche Merkblätter, so teilte er ihm mit, „haben immer etwas Erschreckendes, gehören sie doch jener verwalteten Welt an, deren Analyse wir nicht zuletzt Ihnen verdanken“ (S. 99). Zugleich riet er ihm, die redaktionellen Hinweise des Merkblatts schlicht zu ignorieren; durchaus mit Erfolg, wovon man sich im achten Band der „Gesammelten Schriften“ Adornos überzeugen kann.24

[14]

Allgemeinverständlichkeit lässt sich einer weiteren Adorno-Neuerscheinung sicherlich auch nicht attestieren. Es handelt sich dabei um die Verschriftlichung von auf Tonband aufgenommenen Vorlesungen Adornos aus dem Sommersemester 1964, die unter dem Titel „Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft“ in der Reihe stw (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft) neu aufgelegt wurde.25 Die Tonbandmitschnitte weisen einige Lücken auf und in mehreren Fällen mussten die fehlenden Transkriptionen durch Mitschriften von Zuhörern ersetzt werden, die allerdings einen eher zusammenfassenden Charakter haben. Bei der Lektüre der Vorlesungen versteht man, worin die besondere Suggestivkraft des Redestils von Adorno auf viele seiner Zuhörer und Zuhörerinnen lag. Nicht wenige seiner Äußerungen sind Pathosformeln wie das Bekenntnis zur „emphatische[n] Theorie“ (S. 12) oder zu einem „Denken, für das ich einstehe“ (S. 134). In Passagen wie diesen dringt die Emotionalität von Theorie, also dass Theorie selbst leidenschaftlich wird, bis zwischen die Zeilen der gedruckten Worte. Andere Äußerungen Adornos haben das Zeug zu geflügelten Worten, wie seine Bemerkung, dass man „nie das Ganze in einem Satz sagen kann“ (S. 139).

[15]

Im Hinblick auf die Frage nach einer angemessenen Theorie der gegenwärtigen Gesellschaft, die in den Programmschriften Horkheimers für die frühe Kritische Theorie von immenser Bedeutung war, changiert Adorno in seiner Vorlesung permanent hin und her. An Stellen, an denen man ein systematisches Argument erwartet, unternimmt er erst einmal einen neuen theoriegeschichtlichen Exkurs oder macht andere Abschweifungen. Bis zur letzten Vorlesungssequenz bleibt unklar, ob er nun für eine systematische Theorie der Gesellschaft, die sich aus der Universalisierung des Tauschprinzips ergeben soll, plädiert, oder ob er einen Abgesang auf jede Form einer ambitionierten Theorie der Gesellschaft anstimmt. Auch der im Nachwort von den beiden Herausgebern Tobias ten Brink und Marc Phillip Nogueira geäußerte Gedanke, Adorno entfalte philosophische Elemente einer Gesellschaftstheorie, die den Zwang zur Identität und Eindeutigkeit soziologischer Theoriebildung durchbrechen, „um im emphatischen Sinne einer unreglementierten Erfahrung Gedanken für die kritische soziologische Gesellschaftsanalyse und -theorie fruchtbar zu machen“ (S. 263), hilft bei der Beantwortung dieser Frage nicht wirklich weiter.

[16]

In einigen Passagen beschleichen Einen auch leichte Zweifel im Hinblick auf die in den Vorträgen zu Antisemitismus und zu Rechtsradikalismus doch so offensichtlich erscheinenden gesellschaftspolitischen Ambitionen von Adorno. Die gesamte Sphäre der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ist ihm in dieser Vorlesung nichts als Schein. Auch die „Sphäre des Politischen“ bezeichnet er als „bloße[n] Schein oder eine bloße Reflexbewegung“ von wenigen gesellschaftlichen „Machtgruppen“, die in „pure[n] Cliquenkämpfen“ (S. 109) miteinander ringen. Dann jedoch spricht er an einem anderen Vorlesungstag von „gesellschaftlicher Dialektik“, für die die Politik „das beste Paradigma, das sich überhaupt finden läßt“ (S. 67) sei. Er meint damit, dass die Politik lediglich auf der einen Seite Ideologie sei im Sinne davon, „daß die Politik nur das verdeckt, was sich in Wirklichkeit darunter abspielt“ (ebd.). Auf der anderen Seite sei „das Politische […] das Potential, gleichzeitig eben das, was sich darunter abspielt, zu verändern“ (ebd.). Politik, so erläuterte er seinen Zuhörenden, sei „die Gestalt der Ideologie, die ihrerseits den Unterbau ergreifen und den Unterbau tendenziell verändern kann“ (S. 68).

[17]

Am Ende seiner Vorlesung macht Adorno seinen akademischen Zuhörern und Zuhörerinnen ein Selbstdeutungsangebot, das schwer auszuschlagen ist. In der Gegenwart verhärte sich die Welt zusehends und die Ideologie werde dadurch, dass sie eine „bloße Verdoppelung des Seienden“ ist, „immer dünner“ (S. 214). Ihre alte klassische Aufgabe der Verhüllung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse könne die Ideologie immer weniger erfüllen und damit schlage die Stunde der „Kritik des Bewußtseins und der Ideologie“ (ebd.). Das „Organ dieser Kritik“, so ruft Adorno seiner Zuhörerschaft im letzten Absatz der Vorlesung zu, „sind nun einmal die Intellektuellen“ (ebd.), will sagen: sein ihm bis hierhin gefolgten Vorlesungspublikum. Und wie atemlos ein großes Publikum von bis zu 700 Studierenden an Adornos Lippen hing, hat vor einigen Jahren Gisela von Wysocki literarisch in ihrem Roman „Wiesengrund“ verarbeitet.26 Die Berliner Schriftstellerin und Essayistin hatte Mitte der 1960er Jahre ihr Philosophiestudium bei Adorno in Frankfurt begonnen und gehörte nach dessen Tod zu den 33 Schülerinnen und Schülern, die in einer öffentlichen „Erklärung“ eine Art Gelöbnis auf dessen kompromisslose antikapitalistische Grundeinstellung abgelegt hatten.27 Zwei Jahre später war sie Mitherausgeberin des posthum erschienen Sammelbandes mit den wichtigsten Schriften von Hans-Jürgen Krahl.28 Die Schilderungen ihrer Romanprotagonistin zeichnen das persönliche Porträt eines Adorno mit einer magischen Präsenz des Bewusstseins und Kraft der spontanen Formulierung. Zugleich wird er als im menschlichen Umgang ungeschickt und extrem verletzlich dargestellt. Der Protagonistin des Romans gelingt es bis zum Tod Adornos nicht, ihre Befangenheit ihm gegenüber abzulegen. Das Faszinosum Adorno erscheint als Rätselwesen mit libidinös-intellektueller Besetzungsoptionen. Beim gebannten Lesen des Romans empfiehlt es sich, kurze Pausen einzulegen, um sich zu vergegenwärtigen, dass das Buch in der Buchhandlung Ihres Vertrauens im Regal für das fiktionale Genre zu finden ist. Wo sich im Übrigen auch der sechste Band des auf elf Bände angelegten literarischen Großprojektes „Ortsumgehung“ von Andreas Maier mit dem Titel „Die Universität“ findet, der ein ebenso berührendes wie einprägsames Porträt der bedrückenden Lebenssituation der seit ihrem fehlgeschlagenen Suizidversuch nach dem Tod ihres Mannes pflegebedürftigen Gretel Adorno zeichnet.29

[18]

Die Rezeption des gewaltigen Werkes von Adorno ist bis heute zwischen den beiden Interpretationspolen des pessimistischen philosophischen und soziologischen Diagnostikers einer nahezu restlos verwalteten Welt auf der einen und des aufklärungszugewandten öffentlichen Intellektuellen auf der anderen Seite aufgespannt. In einem Interview hat Jürgen Habermas 20 Jahre nach dem Tod Adornos konstatiert: „Adorno war ein Genie“.30 Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, Adorno fundamental zu kritisieren. Die „Dialektik der Aufklärung“ bezeichnete er in seinem „Philosophischen Diskurs der Moderne“ als dessen „schwärzeste[s] Buch“.31 Es habe den Selbstzerstörungsprozess der Moderne bis zum bitteren Endpunkt ohne Hoffnung auf erlösende Kraft durchdekliniert. Auf begründungstheoretischer Ebene resultiert daraus die frühe Frage von Habermas nach den „Rechtsgründen der Kritik“32, also dem, was im „Philosophischen Diskurs der Moderne“ zum Vorwurf eines performativen Widerspruchs ausgebreitet wird. Wenn die Vernunft als nur noch instrumentelle sich tatsächlich ihrer kritischen Kraft begeben hat, auf welcher Basis solle dann noch Kritik geleistet werden können? In der „Dialektik der Aufklärung“ werde die Selbstzerstörung des kritischen Vermögens auf „paradoxe Weise beschrieben, weil sie im Augenblick der Beschreibung noch von der totgesagten Kritik Gebrauch machen muß“.33 Die Kritische Theorie, so Habermas, habe bei Adorno „Züge einer eher traditionellen, die Bezüge zur Praxis verleugneten Kontemplation“34 angenommen. Gleichzeitig notierte Habermas eine Irritation. In den fast 15 Jahren der Zusammenarbeit mit Adorno hatte er dessen vielfältiges öffentliches Engagement hautnah miterlebt. Beides passt für ihn nicht recht zusammen. Er spricht deshalb gleichsam von zwei Adornos, von denen der eine einem „rabenschwarzen philosophischen Totalitätsdenken“35 anhängt und der andere mit dem „reformistischen, geradezu sozialdemokratischen Tenor des Volkspädagogen“ ausgestattet ist.

[19]

Peter Gordon möchte sowohl dieses Doppelbild des Dr. Jekyll und Mr. Hyde der Kritischen Theorie zu einem einheitlichen Porträt vereinigen als auch Adorno vom Vorwurf des performativen Widerspruchs entlasten. Der in Harvard lehrende Gordon arbeitet schon länger im Feld der German Intellectual History und ist in den USA mit Büchern über Ernst Cassirer und Martin Heidegger bekannt geworden. Die Hauptaufgabe seines Buches „Prekäres Glück. Adorno und die Quellen der Normativität“36 sieht Gordon darin, darzulegen, warum das bis heute dominierende Bild von Adorno als eines Philosophen des durchgängigen Negativismus falsch ist. Er möchte im Gegenteil aufzeigen, dass Adornos vielfältige kritische Praxis als öffentlicher Intellektueller widerspruchsfrei mit seinen philosophischen und gesellschaftstheoretischen Grundüberzeugungen vereinbar ist. Adornos kritische Praxis werde demnach von einer „spezifischen und umfassenden Vision menschlichen Gedeihens gelenkt“ (S. 16), die in einer materialistischen Theorie verankert sei. Gordon zufolge – und dies erklärt auch den Titel seines Buches – ist das gesamte Werk Adornos ebenso wie sein wissenschafts- und gesellschaftspolitisches Engagement vom normativen Bekenntnis zum Glück und zum menschlichen Gedeihen motiviert.

[20]

Der interpretative Argumentationsgang Gordons verläuft über mehrere Stufen. Er beginnt mit einer fast 100 Seiten umfassenden Zurückweisung bisheriger Adorno-Interpretation von Michael Theunissen über Jürgen Habermas bis Axel Honneth. Im Anschluss an die Interpretationsvorschläge von Jay M. Bernstein und Fabian Freyenhagen tastet er sich allmählich an die Entfaltung seiner eigenen Position heran. Zuvor räumt er mit drei Argumenten die Interpretation aller von ihm genannten Autoren ab, nach welcher Adornos Skepsis in Bezug auf positive Quellen von Normativität totalisierend sei. Solche Deutungen seien aus drei Gründen unzutreffend. Ihre Fehler bestünden darin, dass sie 1) Adorno eine bestimmte Idee von der Uniformität der modernen sozialen Welt zuschrieben; 2) unterstellten, dass Adornos Theorie nicht problemlos auf die Herausforderung der Selbstreflexivität reagieren könne; und 3), dass das immense Anstrengungen kostende Engagement Adornos als öffentlicher Intellektueller als Indikator für dessen Überzeugung gewertet werden müsse, dass es zumindest prinzipiell möglich wäre, in das öffentliche Bewusstsein mit dem Ziel einer positiven Veränderung zu intervenieren.

[21]

Demgegenüber schlägt Gordon eine „alternative Deutung“ (S. 109) vor. Der Schlüssel zu seiner Interpretation ist seine These, dass Adorno die soziale Welt nicht als ein fugenloses Ganzes betrachtet habe, sondern als eine mit Widersprüchen durchsetzte Landschaft. Diese Widersprüche mache Adorno sich mit dem Instrumentarium der immanenten Kritik zunutze, um die Momente zu identifizieren, die über unsere aktuell verzweifelte gesellschaftliche Lage hinausweisen und zugleich auf eine Welt deuten, in der menschliches Glück Realität geworden ist. Gordon räumt ein, dass seine ‚positive‘ Adorno-Interpretation von der „starken Prämisse“ abhängt, dass „wir selbst noch in unserer aktuellen Lage Momente des Glücks ausmachen können“ (S. 110). Gordon widmet sich in den folgenden Kapiteln mit bewundernswerter philologischer Subtilität zunächst Adornos Konzept von immanenter Kritik, dann dessen Verständnis von menschlichem Glück und Gedeihen sowie dessen Überlegungen zu Materialismus, Natur, Metaphysik und Moral. Gordon arbeitet heraus, dass die Rückkehr zur Natur in Adornos Materialismus als Quelle der Normativität anzusehen ist. Wenn Adorno beispielsweise in den „Minima Moralia“ von der „blinden somatischen Lust“ schreibt, dann – so Gordon – sei dies insofern auch biografisch beglaubigt, als dass damit positive Kindheitserinnerungen Adornos an sommerliche Familienausflüge aufgerufen sind. Die dann folgenden beiden Kapitel befassen sich mit Adornos „Ästhetischer Theorie“ und dessen Vorstellung von gelingender ästhetischer Erfahrung. Abgeschlossen wird das Buch mit einem Kapitel, das mit „Gesellschaftskritik heute“ überschrieben ist. Gordons souveräne Rekonstruktion präsentiert seinen Lesern und Leserinnen am Ende einen Adorno wie aus einem Guss. Der Autor der „Negativen Dialektik“ wird allerdings auch nicht zu einem Optimisten umgedeutet. Gordon genügt es, in Adornos Theorie Spuren der Hoffnung auf menschliches Glück auszumachen.

[22]

Hans-Jürgen Krahl, Adornos Assistent und gleichzeitig einer der Rädelsführer der Institutsbesetzung im Januar 1969, hatte seinem ehemaligen Lehrer ins Grab nachgerufen, er habe sich in „ästhetische Abstraktionen“ und „kaum noch legitimierbare Kontemplationsformen der traditionellen Theorie“37 geflüchtet. Dieses Diktum weist Gordon mit Entschiedenheit zurück. Adorno sei „kein unverbesserlicher Snob“ gewesen und seine eingestandenermaßen anspruchsvollen kulturellen Maßstäbe würden völlig zu Unrecht als „elitär“ und als „die letzten Bastionen eines bürgerlichen Ästhetizismus“ (S. 22) bekrittelt. Der Gegenbeweis zu den zwei zuletzt genannten Vorwürfen will Gordon in dem Kapitel über ästhetische Erfahrungen freilich nicht so recht gelingen. Anhand von vier Beispielen erläutert er Adornos Verständnis von gelingender ästhetischer Erfahrung. Alle stammen aus dem Bereich der Musik, die für Adorno unter allen Künsten einen paradigmatischen Status besaß, und alle vier Beispiele stammen aus dem Repertoire der bürgerlichen Hochkultur. Es sind zwei Kompositionen des späten Beethoven sowie je eine von Gustav Mahler und Alban Berg. Mit großem intellektuellem Aufwand macht sich Gordon an die Interpretation von Adornos Interpretationen dieser Kompositionen. Er kann dabei auf die musikwissenschaftliche Hilfe von befreundeten Kollegen zurückgreifen; abgedruckt finden sich in dem Buch sogar Notenabzüge mit Ausschnitten aus einzelnen Kompositionen.

[23]

So schlüssig die interpretatorische Freilegung der Anlässe für das „menschliche Vermögen zur Mimesis“ (S. 383) bei den Zuhörern und Zuhörerinnen auch sein mag; nachvollziehbar ist all dies bestenfalls für ausgewiesene musikalische Experten. Der Rezensent jedenfalls muss an dieser Stelle die Waffen strecken. Meine Kapitulationserklärung dürfte Gordon allerdings nicht völlig gleichgültig sein. Denn wenn an der von ihm mühsam aufgeschlüsselten ästhetischen Erfahrung die schon erwähnte „starke Prämisse“ (S. 110) hängen soll, dass Menschen dabei „eine reflexive Einstellung den gegebenen sinnlichen Bedingungen gegenüber“ (S. 384) gewinnen und erst damit Momente des Glücks erleben können, dann kann ich beim besten Willen nicht erkennen, was daran nicht elitär sein soll (unabhängig von musikalischen Geschmacksfragen). Wenn Adornos Behauptung zutreffen sollte, dass in der heutigen Welt nur noch die Kunst ein „Versprechen des Glücks“ (S. 390) berge, dann stellt sich heute, in der Epoche des absehbaren Endes der bürgerlichen Hochkultur, die Frage, welche anderen Kunstformen möglicherweise für dieses Glücksversprechen einstehen können. Erst recht allerdings die Frage, inwieweit die von Gordon so wunderbar beschriebene ästhetische Erfahrung à la Adorno in der heutigen Zeit emanzipatorisches Potential bergen kann.

[24]

Eine weitere Person aus dem engen Kreis um Horkheimer, dem nun im Zuge des Jubiläums des IfS mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist Friedrich Pollock. Philipp Lenhard, der Verfasser des oben besprochenen „Café Marx“, hat 2018 mit der Edition einer auf sechs Bände geplanten Ausgabe von „Gesammelten Schriften“ von Pollock begonnen. Nachdem zwischen 2017 und 2021 eine ebenfalls auf sechs Bände ausgelegte Edition der „Gesammelten Schriften“ Otto Kirchheimers erscheinen konnte (sie wird hier nicht besprochen, da der Verfasser dieser Sammelrezension ihr Herausgeber ist)38, fehlt aus dem Reigen der klassischen Autoren der Frankfurter Schule nur noch eine wissenschaftlich betreute Ausgabe der Schriften von Franz L. Neumann. Von den Schriften Pollocks sind bislang zwei Bände erschienen. Der erste Band trägt den Titel „Marxistische Schriften“.39 Er versammelt Pollocks Dissertation zur Geldtheorie von Marx, einen Aufsatz mit dem gleichen Thema, seine kleine Monografie zur Kritik an Werner Sombarts Sozialismusvorstellungen sowie einen Aufsatz mit Überlegungen zur sozialistischen Organisation der Landwirtschaft. Pollock schrieb seine Dissertation 1923, also in dem Jahr, als er zu den Mitbegründern des IfS gehörte. In gemeinsam besuchten wirtschaftswissenschaftlichen Seminaren hatte er zuvor Felix Weil kennengelernt und sich mit ihm angefreundet. Die Bemerkung des Herausgebers, Pollocks Sombart-Kritik aus dem Jahr 1926 sei „eine der ersten – wenn nicht die erste – faschismustheoretische Studie des Instituts für Sozialforschung“ (S. 14) sticht aus der Einleitung heraus. Der zweite Band trägt den Titel „Schriften zu Planwirtschaft und Krise“.40 Versammelt sind seine Habilitationsschrift aus dem Jahr 1929 über die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion 1917 bis 1927 sowie zwei Aufsätze zur Krise des Kapitalismus, die erstmals 1932 und 1933 in der am IfS herausgegebenen „Zeitschrift für Sozialforschung“ erschienen sind.

[25]

Als Ergänzung zur Lektüre der knapp gehaltenen Einleitungen zu den beiden Bänden ist es ratsam, die 2019 erschienene Biografie Friedrich Pollocks aus der Feder des Pollock-Herausgebers Philipp Lenhard in die Hand zu nehmen. Sie trägt den Untertitel „Die graue Eminenz der Frankfurter Schule“.41 Es ist die erste größere biografische Studie über Pollock und sie enthält viel bislang nicht Bekanntes. Der 1894 geborene Pollock entstammte einer liberalen jüdischen Familie aus Freiburg. Nach dem Umzug der Familie nach Stuttgart lernte er 1910 in der Tanzstunde Max Horkheimer kennen. Die beiden schlossen eine Freundschaft fürs Leben, die sie mehrfach in detaillierten Freundschaftsverträgen schriftlich besiegelten und in späteren Lebensphasen „zur Religion überhöhten“ (S. 251). Lenhard verfolgt Pollocks Lebensweg über die Stationen Studium, Krieg, neuerliches Studium bis zu seiner Entdeckung des „Marxismus als Wissenschaft“ (S. 65). In Ergänzung zu Lenhards „Café Marx“ werden die Gründung des IfS und der weitere Verlauf der Ereignisse am Institut aus der spezifischen Perspektive Pollocks geschildert. Er übernahm früh administrative Aufgaben am IfS und hielt sich mit inhaltlichen Beiträgen zurück. In den Jahren zwischen 1934 und 1940 veröffentlichte er keinen einzigen längeren Text, was ihm den Ruf eines bloßen „Finanzverwalters des Instituts“ (S. 199) einbrachte. Seine heute bekanntesten Beiträge sind zwei Aufsätze aus den Jahren 1941 zur Kontroverse über die Einordnung des wirtschaftlichen Systems des nationalsozialistischen Deutschlands. Pollock vertrat mit Horkheimer die Ansicht, dass der Nationalsozialismus eine Variante einer neuen Gesellschaftsphase, des „Staatskapitalismus“ (S. 204) sei, wofür er sich von anderen Institutsangehörigen heftige Kritik einhandelte. Loyal zu Horkheimer folgte er ihm zuerst an die Westküste und später zurück nach Deutschland und in den Alterssitz im schweizerischen Montagnola. Am wiedereröffneten Frankfurter IfS fand er zu einem neuen wissenschaftlichen Lebensthema, den technischen Veränderungen in der Produktion nach der Einführung der ersten Computer. Er war der erste deutschsprachige Wissenschaftler, der sich systematisch mit diesem Phänomen befasste. Im Alter von 62 Jahren legte er 1956 in der Institutsreihe sein wissenschaftliches Hauptwerk mit dem Titel „Automation. Materialien zur Beurteilung der ökonomischen und sozialen Folgen“ vor. Das Buch erregte große mediale Aufmerksamkeit und Pollock wurde neben Ludwig von Friedeburg zu einem der Begründer der Arbeits- und Industriesoziologie am IfS. Pollock blieb zwar noch bis 1964 am Institut, ohne aber neue größere Arbeiten in Angriff zu nehmen. Er starb 1970 in Montagnola.

Adornos Erben

[1]

Wer nach den Lektüren der beiden Bücher über die Geschichte der Frankfurter Schule bis zu Adornos Tod im Jahre 1969 seines TV-Seriensyndroms frönen und unbedingt wissen möchte, was in der Fortsetzung bis 1989 geschah, sollte unbedingt zu dem Buch von Jörg Später mit dem sprechenden Titel „Adornos Erben“42 greifen. Mit seiner Biografie des zum Umkreis der Frankfurter gehörenden Siegfried Kracauer hatte Später seine großartige Erzählkunst schon einmal unter Beweis gestellt.43 Mit dem neuen Buch übertrifft er sich selbst.

[2]

Für weniger gut informierte Leser und Leserinnen fasst Später unter der Überschrift „Was bisher geschah“ (S. 19) die Jahre des IfS von der Gründung 1923 bis zur Rückkehr nach Frankfurt 1950 gerafft zusammen. In den dann folgenden 120 Seiten werden die einzelnen Etappen der Schulbildung 1950 bis 1969 geschildert. Der Autor liefert in diesem Kapitel eine Mischung aus Theorie-, Institutionen- und Personengeschichte. Mit besonderer Aufmerksamkeit widmet er sich der Generation der ersten Studierenden Adornos gleich nach der Wiedereröffnung des IfS, namentlich Hermann Schweppenhäuser, Karl Heinz Haag, Ivan Nagel, Ludwig von Friedeburg und Alfred Schmidt. Schon kurz darauf stießen ab 1954 Helge Pross, Gerhard Brandt, Alexander Kluge, Jürgen Habermas, Oskar Negt, Herbert Schnädelbach, Regina Schmidt und Rolf Tiedemann hinzu. Ab 1961 war Elisabeth Lenk ebenfalls dabei, auch wenn sie in den folgenden Jahren überwiegend in Paris lebte und den Kontakt zu Adorno brieflich aufrechterhielt. Diese Namen wurden hier nicht nur noch einmal aufgelistet, weil sie belegen, welch intellektuelle Kapazität und Kreativität im Kreis um Adorno versammelt war, sondern auch, weil sie die Personen sind, deren intellektuelle Biografien Später in den folgenden Kapiteln nachzeichnet.

[3]

Adornos überraschender Tod im August 1969 markierte einen dramatischen Einschnitt für das von studentischen Protesten erschütterten IfS. In den Wochen und Monaten zuvor war es zu den bereits oben erwähnten tumultartigen Auseinandersetzungen mit Gebäudebesetzungen und Polizeieinsätzen gekommen. Einer der Führungsfiguren der militanten Proteste war Hans-Jürgen Krahl, „Adornos problematischer Lieblingsstudent“ (S. 177), den Habermas schon 1968 in seiner Polemik „Die Scheinrevolution und ihre Kinder“ als „Agitator, der […] den Realitätskontakt verloren hat“44 abgekanzelt hatte. Krahl, der im Februar mit nur 27 Jahren an den Folgen eines Autounfalls starb, gehörte zu den Begründern der „sogenannten NML“ (S. 243), also der linkshegelianisch motivierten Neulektüre der Wertformanalyse in Marx‘ „Das Kapital“. Dieser fast vergessenen Theorietradition sowie Krahls überschäumendem politischen Aktivismus verpflichtet, wollen die drei Herausgebenden des Buches „Für Hans-Jürgen Krahl“45 ein kleines Denkmal setzen. Das Buch versammelt einige zeitgenössische Dokumente wie einen Brief Krahls aus der Untersuchungshaftanstalt nach der Besetzung des IfS und seine Erklärung gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes. In elf Aufsätzen wird der Versuch unternommen, Krahls Gedanken für die heutige Zeit fruchtbar zu machen. Etwas vollmundig wirkt allerdings die Behauptung in der Einleitung, dass Krahl, wäre ihm ein längeres Leben beschieden gewesen, entgegen den angeblich liberalen Linien der Frankfurter Schule von Habermas und Honneth „eine dritte, praktisch-revolutionäre Rezeptionslinie“ (S. 17) der Kritischen Theorie hätte in die Welt setzen können. Zur Theoriegeschichte im Konjunktiv lässt sich wenig sagen, außer vielleicht im Sinne des lateinbegeisterten Krahl ein aufmunterndes Hic Rhodus, hic salta!

[4]

Doch zurück zu dem Buch von Jörg Später. In den nun folgenden 400 Seiten verfolgt er die unterschiedlichen biografischen und intellektuellen Wege der oben aufgelisteten Kohorte an Schülern und Schülerinnen Adornos. Er schildert die heftigen Konflikte über die Nachfolge Adornos in Frankfurt, den Weggang von Habermas nach Starnberg, Friedeburgs konfliktreiches Gastspiel als Bildungsminister in Hessen und wie sich aus der Schülergruppe an den Universitäten in Hannover (Negt), Gießen (Pross) und Lüneburg (Schweppenhäuser) Ableger der Frankfurter Schule bildeten. Am IfS hatte unterdessen eine „proletarische Wende“ (S. 214) stattgefunden mit einem fast kompletten Personalwechsel und der Konzentration auf industriesoziologische Forschungsprojekte. Der Tod von Horkheimer im Jahre 1973, dem 50. Jubiläumsjahr der Gründung des IfS, blieb nahezu ohne Resonanz am Institut. Ausführlichen Platz räumt Später den immensen philologischen Bemühungen von Tiedemann und Schweppenhäuser um die Edition der Werkausgaben von Walter Benjamin und von Theodor W. Adorno ein.

[5]

Das literarische Glanzstück des Buches ist das mit „Die großen Erzählungen der 1980er Jahre: Ein Theoriemuseum“ (S. 433) überschriebene Kapitel. Später porträtiert darin vier wichtige Bücher, die zu Beginn der 1980er Jahre erschienen, und berichtet von den damaligen Rezeptionen. Es handelt sich um „Theorie des kommunikativen Handelns“ von Jürgen Habermas, „Geschichte und Eigensinn“ von Oskar Negt und Alexander Kluge, Elisabeth Lenks „Die unbewußte Gesellschaft“ sowie „Fortschritt in der Philosophie“ von Haag. Mit dieser Buchauswahl beweist Später eine ausgesprochen glückliche Hand, denn es gelingt ihm damit, das breite Spektrum der Theorieweiterentwicklung in der Kritischen Theorie nach dem Tod Adornos plastisch vor Augen zu führen. Bis auf das Buch von Haag, der seine unbefristete Universitätsstelle 1971 kündigte und der von da an als eine Art „Eremit“ (S. 249) unter ärmlichen Verhältnissen lebte, um sich ungestört dem Studium des mittelalterlichen Universalienproblems zu widmen, machten die anderen drei Bücher damals mächtig Furore. Heute sind sie bis auf das Werk von Habermas mehr oder weniger in Vergessenheit geraten; Späters Buchkapitel macht großen Appetit, zumindest die zwei Bücher von Haag mit seinem Plädoyer einer negativen Metaphysik und von Lenk mit ihrer Literaturgeschichte des Traums im Zeitalter der Vernunft zu lesen (während im Zuge der Aufmerksamkeit, die Haag im Zuge der Jubiläumsfeierlichkeiten zuteil wurde, sein Buch mittlerweile auch gedruckt neu aufgelegt wurde46, ist Lenks Buch momentan weiterhin vergriffen).

[6]

Gut getroffen ist Späters Beobachtung, wie Habermas seit Ende der 1970er Jahre „allmählich die Schirmherrschaft für die Historiografie der Kritischen Theorie“ (S. 358) zu übernehmen versuchte. Er unterstützte Helmut Dubiel, Alfons Söllner und Rolf Wiggershaus in ihren wissenschaftshistorischen Forschungen und gehörte zu den Mitorganisatoren der Jubiläumskonferenzen zu Adorno und zu Horkheimer. Die Bemühungen von Habermas blieben nicht unwidersprochen und führten zu einem Erbschaftsstreit, der von späteren Generationen bis heute weitergeführt wird. Die Konfliktlinie läuft entlang der Frage, wie weit man sich von den theoretischen Vorgaben Adornos entfernen darf, um Anrecht auf den Titel ‚Kritische Theorie der Frankfurter Schule‘ geltend machen zu können. Während Habermas den einen seitdem als Verräter des Erbes von Adorno gilt, polemisiert Habermas gegen die mangelnde theoretische Kreativität von „orthodox-ungebrochene[n] Fortsetzungen“.47 Später ist allerdings auch zuzustimmen, wenn er konstatiert, dass sich seit den späten 1980er Jahren die Namen Habermas und Axel Honneth in der Rezeption der Kritischen Theorie als dominante Generationenfolge etabliert haben oder – wie er es launig formuliert – „die H. und H. Dynastie“ (S. 494).

[7]

Später beendet sein Buch mit Schnädelbachs Idee von „Philosophie als Theorie der Rationalität“ (S. 535) und seinen zunehmenden genervten Reaktionen auf eine unter Bezugnahme auf die „Dialektik der Aufklärung“ vorgebrachte radikale Vernunftkritik. Sein Ausblick lässt noch einige Zeilen Platz für Habermas‘ „Faktizität und Geltung“ (1992) sowie die Formierung einer „vierten Generation“ (S. 541) der Frankfurter Schule mit den Namen Rainer Forst, Rahel Jaeggi und Martin Saar.

[8]

Was bleibt heute von der Frankfurter Schule? Später zufolge ist es „ihr Glutkern – das Existentialurteil über die falsche Gesellschaft“48, der nicht erlischt, solange wie es systemische Krisen wie beispielsweise den vom Industriekapitalismus erzeugten Klimawandel gibt. Sein Buch ist faktenreich, vorzüglich recherchiert, theoriehaltig und dennoch wunderbar lesbar geschrieben. Es wird auf unabsehbare Zeit das Standardwerk über die Geschichte der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule in den zwei Dekaden nach dem Tod von Adorno sein.

Neuigkeiten aus Starnberg

[1]

Die noch in der zehnten Lebensdekade scheinbar ungebrochene Produktivität von Jürgen Habermas verblüfft Bewunderer wie Kritiker gleichermaßen. Kaum war 2019 sein neues Opus Magnum mit mehr als 1.600 Seiten, „Auch eine Geschichte der Philosophie“, erschienen, machte er sich an ein Update seines berühmten Buches über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ von 1962. Dem 2022 publizierten Buch „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“49 zufolge haben wir es gegenwärtig erneut mit einer epochalen Veränderung von Öffentlichkeit zu tun. Habermas macht den neuen Strukturwandel am „Plattformcharakter“ (S. 44) der neuen Medien fest. Die auf den digitalen Plattformen entstandenen „Echo-Kammern“ (S. 45) und „Filterblasen“ (S. 62) zerstörten die Infrastruktur einer allen Bürgern und Bürgerinnen gemeinsamen politischen Öffentlichkeit. Wie schon in seinem mittlerweile klassischen Buch von 1962 verwendet Habermas auch diesmal eine an Metaphern reiche Sprache.50

[2]

Die beiden im zeitlichen Abstand von 60 Jahren geschriebenen Werke über den Strukturwandel der Öffentlichkeit umspannen den großen wirkungsgeschichtlichen Zeitraum, den Philipp Felsch in seinem Buch „Der Philosoph. Habermas und wir“51 in den Blick nimmt. Sein vorheriges Buch „Der lange Sommer der Theorie“ ist zu Recht als eine grandiose popliterarische Theoriegeschichtserzählung gefeiert worden. Habermas mit seinem „bukolische[n] Theoriedesign“52 blieb darin allerdings lediglich eine Randfigur in der Rolle des emsigen Gegenspielers von Luhmann. In seinem neuen Buch über Habermas nun lässt Felsch dessen verschiedene biografische Stationen Revue passieren. Er interessiert sich in diesem Zusammenhang in erster Linie für dessen politisches Engagement und die Resonanz darauf in der bundesdeutschen Öffentlichkeit.

[3]

Das Buch ist teilweise im unterhaltsamen Stil einer home story geschrieben, etwa wenn Felsch von seinen beiden Besuchen bei Habermas in Starnberg berichtet und dabei die Aufmerksamkeit der Leserschaft auf seine Zugfahrt sowie auf die körperliche Erscheinung des zu diesem Zeitpunkt 93-Jährigen (schlank und beweglich), auf dessen Schuhwerk (Sneaker), die Wohnzimmereinrichtung (bequeme Sitzgruppe und abstrakte Kunst) und die gereichten Leckereien (Tee und Marmorkuchen) richtet; die Ehefrau Ute Habermas-Wesselhoeft stieß erst etwas später dazu. In diesem flüssigen Stil geht es weiter und ehe man sich versieht, hat man das Buch durchgelesen. Kenner und Kennerinnen des Werkes und Wirkens von Habermas werden nichts Neues erfahren. Für noch gar nicht Bewanderte liefert das Buch hingegen einen leicht zu lesenden allerersten Einblick in die verzweigte Denkwelt von Habermas. Felschs Bemerkung, dass Habermas im Jahr 1984 den „theoretischen Bezugsrahmen des Marxismus endgültig hinter sich gelassen“ (S. 84) habe, muss man nicht zustimmen. Aber sei‘s drum. Für dessen interdisziplinär angelegte Theoriesynthese wählt Felsch jedenfalls die schöne Formel der „Raketenwissenschaft für eine bessere Welt“ (S. 64). Wobei er gar nicht erst den Anspruch erhebt, eine Art systematische Theorieeinführung zu Habermas geschrieben zu haben, denn er hält dessen Hauptwerke auch nach seinen neuerlichen Lektüreversuchen für „entmutigend unzugänglich“ (S. 17). Entsprechend macht er einen großen Bogen um den „Byzantinismus seiner Theoriearchitektur“ (S. 12) und möchte Habermas in erster Linie in der Rolle des politischen Kommentators präsentieren.

[4]

Eine seiner Thesen lautet, dass die von Habermas seit den späten 1960er Jahren formulierte Theorie des kommunikativen Handelns „der Bonner Republik wie auf den Leib geschrieben“ (S. 74) sei; wohlgemerkt: der alten Bonner, nicht der späteren und der heutigen Berliner Republik. Natürlich geht er auch auf Habermas‘ „Spießrutenlaufen in Frankfurt“ (S. 30) während der studentischen Proteste ein. Schon für diese Zeit allerdings moniert er, dass es ein „Missverständnis“ (S. 54) sei, wenn man glaube, dass Habermas am Diskutieren um des Diskutierens willens interessiert sei. Im Gegenteil. Felsch bescheinigt Habermas eine „ausgeprägte Feindwahrnehmung“ und einen „Mangel an Largesse“ (ebd.). Er illustriert seine Einschätzung an Habermas‘ Rolle im Historikerstreit im Jahr 1986. Habermas habe sich laut Felsch auf das Feld der Geschichtspolitik begeben, weil er realisiert habe, dass er mit seiner zweibändigen „Theorie des kommunikativen Handelns“ von 1981 nicht genügend „Deutungshoheit“ (S. 133) in der Bundesrepublik erlangt hätte. Im Zuge des Historikerstreits sei er dann vollends dazu übergegangen, in kulturellen anstatt in gesellschaftlichen Kategorien zu argumentieren und die Praxis seiner Kritischen Theorie durch „Metapolitik, das heißt den Kampf um Hegemonie zu ersetzen“ (ebd.). Pointiert wird auch auf Habermas‘ kontroverse Stellungnahmen während des Deutschen Herbstes 1977, in den Debatten über die Nachrüstung in der Bundesrepublik, zur deutschen Wiedervereinigung, zum amerikanischen Krieg im Irak oder zuletzt auf seine besorgten Äußerungen zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine eingegangen.

[5]

Felsch zeichnet das Bild eines am Ende tragisch Verlorenen. Von seinem zweiten und letzten Besuch bei Habermas im September 2023 berichtet er in Reportermanier: „Und dann sagt er einen Satz, der unseren Gesprächsfluss einen Moment lang stocken lässt: All das, was sein Leben ausgemacht habe, gehe gegenwärtig ‚Schritt für Schritt‘ verloren“ (S. 187). Auch wenn Felsch gleich im Anschluss daran notiert, es sei „bestürzend, Habermas – den letzten Idealisten – so fatalistisch zu erleben“ (ebd.), kann man sich beim Lesen dieser und ähnlicher Passagen des Buches nicht des Eindrucks erwehren, dass Felsch sie mit dem Gefühl einer gewissen Befriedigung niedergeschrieben hat. Gut dosiert auf mindestens sechs Stellen im Buch verteilt findet sich die Aussage, Habermas sei ein „unorigineller Denker“ (S. 14), der lediglich „Ideen aus zweiter Hand zusammentrage“ (ebd.). Felsch spricht an solchen Stellen natürlich nie als auktorialer Erzähler, sondern erfüllt lediglich die ihm obliegende Chronistenpflicht, etwa wenn er Peter Sloterdijk unkommentiert mit den Worten zitiert, Habermas sei ein „Genie der Paraphrase“ (S. 34) oder Arno Widmanns Formulierung wiedergibt, Habermas spreche lediglich „in anderen Zungen“ (S. 99). Geradezu perfide wird Felschs Reportage an einer anderen Stelle, die für den Status der Theorie von Habermas jedoch von entscheidender Bedeutung ist. Habermas berichtete davon, dass er es als einen „Glücksfall“ (S. 189) in seinem Leben erlebt hätte, so vielen dem Holocaust entronnenen jüdischen Gelehrten begegnet zu sein. Felsch zufolge habe sich Habermas deswegen den „geschulten Blick der Exilierten“ (S. 29) zu eigen gemacht. Unter der Hand konstruiert Felsch dann allerdings aus diesen Lebenserfahrungen und einer damit einhergehenden vermeintlichen Fixierung auf den Holocaust eine Art provinziellen bundesrepublikanischen Universalismus in der Moraltheorie von Habermas. Den moralischen Universalismus der Diskursethik von Habermas relativiert Felsch auf diese Weise zu einem nachkriegsdeutschen und provinziellen Partikularismus, einer Art temporärem Sonderfall, über den wir mit dem Tod der Zeitzeugen hinweggleiten. Unausgesprochen folgt daraus, dass mit dem Wegfall dieser exzeptionellen Erfahrungsmöglichkeiten eine neue Normalität entsteht, in der die motivationale Basis für moralischen Universalismus entfällt. Immanuel Kant und John Rawls würden nur müde abwinken ob solch einer mentalitätsgeschichtlichen Relativierung der universalistischen Impulse der politischen Philosophie.

[6]

Was zu der Frage führt, wer eigentlich das „wir“ aus dem Untertitel des Buches sein soll. Ich vermute, Felsch möchte die gesamte bundesrepublikanische Öffentlichkeit meinen. So, wie das Buch geschrieben ist, bezieht das „wir“ sich möglicherweise eher auf die spezielle Generationskohorte derer, die wie Felsch einst als „Lieblingsautoren“ die poststrukturalistischen „französischen Philosophen“ (S. 12) lasen. Oder handelt es sich um einen Pluralis Majestatis des Besuchers in Starnberg zu Tee und Marmorkuchen bei Jürgen Habermas und seiner (im Juni 2025 verstorbenen) Ehefrau Ute Habermas-Wesselhoeft?

[7]

Um aus erster Hand etwas über die Selbstwahrnehmung und Gemütslage von Habermas zu erfahren, lohnt es sich, den von Roman Yos und Stefan Müller-Doohm arrangierten Gesprächsband mit ihm zu lesen, der unter dem Titel „Es musste etwas besser werden…“ erschienen ist.53 Anders als Felsch sind Müller-Doohm und Yos intime Kenner des theoretischen Werks von Habermas, ohne deshalb kritiklose – wenn ich mit diesem Etikett hausieren gehen darf – Habermaniacs zu sein. Die abgedruckten Gespräche seit Oktober 2021 wurden in persönlichen Treffen vorbereitet und danach vorwiegend in der Form des Mailwechsels fortgesetzt.

[8]

Einschlägigen Bibliografien kann man entnehmen, dass es weltweit mittlerweile mehr als 250 veröffentlichte Interviews mit Habermas gibt. Einige von ihnen sind in dessen zwölfbändiger Reihe „Kleine Politische Schriften“ leicht zugänglich greifbar. Was kann es also noch an neuen Informationen geben? Nun, vieles aus dem buchlangen Gesprächsband ist tatsächlich aus älteren Interviews oder Veröffentlichungen bekannt. Das gilt beispielsweise für den Bericht über die Anfänge seiner wissenschaftlichen Biografie, seine ersten Frankfurter Jahre bei Adorno und am IfS sowie seine erste Professur in Heidelberg 1961. Lesenswert sind diese Kapitel dennoch, denn Habermas verbindet eindringlicher als je zuvor seinen intellektuellen Werdegang mit Würdigungen der Personen, die ihn inspirierten, und mit Einblicken in sein Privatleben.

[9]

Seine Erinnerungen an seine erste Frankfurter Zeit bestätigen die vielfach überlieferten Berichte über die überragende intellektuelle Rolle Adornos am IfS. Die „alte Kritische Theorie“, so Habermas, sei längst nicht mehr von Horkheimer, sondern „in überzeugender Form allein von Adorno vertreten worden“ (S. 45). Er erinnert seine Gesprächspartner in diesem Zusammenhang daran, dass Adorno zwischen 1956 und 1969 noch nicht als der bedeutende Philosoph wahrgenommen wurde, der er erst posthum durch seine beiden großen Spätwerke, die „Negative Dialektik“ und die „Ästhetische Theorie“, geworden ist. Den damaligen Forschungen am Institut attestiert er eine „fühlbare Lücke zwischen Theorie und Empirie“ (S. 50), was sich unter anderem daran erwiesen habe, dass die ambitionierten theoretischen Einleitungen zu den Büchern in aller Regel erst im Nachgang zu den fertiggestellten empirischen Studien verfasst wurden. Die am Ende der 1960er Jahre eskalierenden Konflikte an der Universität Frankfurt sind kein Thema in dem Buch. Großen Raum nehmen hingegen Fragen und Antworten zur Theorie von Habermas ein. Die Fragen sind kompetent gestellt und Habermas weicht ihnen nie aus. Man erfährt auf diese Weise sogar einiges Neues oder doch zumindest Klärendes zu seinem Verhältnis zu Anthropologie, Biologie und Psychoanalyse. Ausführlich werden auch das Problem einer Wahrheitstheorie im nachmetaphysischen Zeitalter sowie seine Wende zum Kantischen Pragmatismus erörtert. Wenig überraschend wird Habermas ebenso ausführlich über seine Position zu religiösen Überzeugungen befragt. Den größten Umfang in den theoretischen Erörterungen nehmen Nachbetrachtungen zu „Auch eine Geschichte der Philosophie“ ein.

[10]

Diesem voluminösen Doppelband ist auch eine von Müller-Doohm zusammen mit Smail Rapic und Tilo Wesche herausgegebene Veröffentlichung mit dem Titel „Vernünftige Freiheit“54 gewidmet. Es ist ein Buch in der guten und bekannten Tradition von Sammelbänden, in denen ein Themenkomplex aus dem Werk eines wichtigen Autors oder einer wichtigen Autorin von verschiedenen Seiten her beleuchtet wird. Die 14 Beiträge des Bandes sind fast ausnahmslos von ausgewiesenen Kennern und Kennerinnen des Werks von Habermas geschrieben. Widerspruch erfährt er vor allem im Hinblick auf seine Überlegungen zur Übersetzung religiöser Gehalte in die Vernunft der Moderne, auf seine Genealogie nachmetaphysischen Denkens, auf einzelne philosophiegeschichtliche Konstruktionen, auf seine Thesen zu Lernprozessen des Rechts und der Moral sowie auf sein Freiheitsverständnis. Wie immer bei derartigen Bänden kann man sich leicht vertiefend verlieren in der Kontroverse um Detailfragen, beispielsweise dem vom Ägyptologen Jan Assmann herangezogenen Vergleich von Echnatons Lehre mit dem Beginn des jüdischen Monotheismus (S. 284 ff.). Und wie immer bei derartigen Bänden hat Habermas es sich auch diesmal nicht nehmen lassen, in einer ausführlichen Replik (von 62 Druckseiten Umfang) auf das Trommelfeuer der Kritik zu antworten.

[11]

Während Habermas sich in der erwähnten Replik gewohnt kämpferisch bei der Verteidigung seiner Positionen gibt, ist er in dem Gesprächsband zurückhaltender. Weiterhin insistiert er zwar auf den Anspruch einer „kritische[n] Gesellschaftstheorie“ (S. 79) gegenüber einer bloß beschreibenden Soziologie. Unumwunden räumt er allerdings auch ein, dass er diesbezüglich mit seiner Rekonstruktion der normativen Erwartungen der Handlungsakteure in der „Theorie des kommunikativen Handelns“ „die Profession […] nicht habe überzeugen können“ (S. 81). Ähnlich skeptisch äußert er sich über die langfristige Wirkungsgeschichte seines Gesamtwerkes: „[W]as den Kern meiner Theorie anbetrifft, bin ich nicht optimistischer. Dazu fehlt das eine zentrale große Buch, mit dem man das ganze gewissermaßen ‚in der Hand hat‘“ (S. 112). Auf den möglichen Einwand, eine solche Selbsteinschätzung möge angesichts der Vielzahl an Sekundärliteratur „larmoyant“ (ebd.) klingen, reagiert er mit der Einschätzung, dass er abgesehen von seiner Rechts- und Moralphilosophie „nur vereinzelt produktive Fortsetzungen [seiner] eigene[n] philosophische[n] Gedanken“ (ebd.) beobachten könne. An anderer Stelle hebt er hervor, dass er regelmäßig alle neuen Bücher von Ronald Dworkin und Richard Rorty gelesen habe, dass es ihm aber umgekehrt „immer unklar geblieben“ sei, wie weit die beiden bei aller kollegialer Freundschaft und allem offensichtlichen Interesse an Diskussionen mit ihm „auch mit meinen Sachen vertraut waren – und ob überhaupt“ (S. 218). Es weht ein Hauch von Vergeblichkeitsstimmung durch Gesprächspassagen wie diese.

[12]

Die in dem Buch von Felsch zitierten pessimistischen Äußerungen von Habermas zum politischen Tagesgeschehen lesen sich im Gesprächsband etwas anders. Natürlich listet Habermas auf Anfrage die übliche Reihe von dramatischen aktuellen Krisenphänomenen auf, vom Klimawandel über eine Verwahrlosung der politischen Kultur und den Aufstieg des Rechtsextremismus bis zum Ukrainekrieg. Das macht keine Lust auf Zukunft. Ironisch fügt er danach aber hinzu, „[d]ass eine so überaus schwarze Sicht nur meinem subjektiven Alterspessimismus entspringen kann“ (S. 155). Demgegenüber hält er unverdrossen an „Hoffnung“ fest und wiederholt seine „Intuition“ eines „langfristig immer wieder durch Regressionen zurückgeworfenen Fortschritts der Vernunft in der Geschichte“ (ebd.). Wenn der global absteigende Westen die Menschenrechtsordnung unvollendet liegen lassen sollte, dann wird möglicherweise ein aufsteigendes China, so seine Spekulation, aus den Tiefen seiner langen und vielfältigen Kultur rechtzeitig die Einsicht in die normative Vorzugswürdigkeit von Menschenrechten gewinnen.

[13]

Auf ähnliche Weise verwahrte sich Habermas im Übrigen kurz darauf in einem Beitrag zur Ausstellung „Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert“, die im Deutschen Historischen Museum in Berlin 2024/25 gezeigt wurde. Er listet viele gegenwärtige politische Rückschläge auf, wendet sich aber gegen pauschale „Aufklärungsskepsis“. Stattdessen betonte er: „Die Pointe meiner Überlegungen ist im Gegenteil die Bekräftigung der reflexiv gewordenen Einsicht der klassischen Aufklärung.“55

[14]

Habermas wirkt in dem Gesprächsband eher als ein von den Zeitläuften belehrter Skeptiker als ein zum Pessimisten Verwandelter. Dieser Eindruck deckt sich mit dem Schlusskapitel des zweiten Bandes von „Auch eine Geschichte der Philosophie“, wo er nicht müde wird, darauf hinzuweisen, wie „voraussetzungsvoll“, „fragil“ und „in besonderem Maße störanfällig“56 das Modell des demokratischen Verfassungsstaats grundsätzlich ist. Insofern ist die Feststellung am Ende des Buches von Felsch, Habermas habe sich neuerdings zu einem „hartgesottenen Realisten“ (S. 185) gemausert, lediglich halb zutreffend. Dass er ein Realist ist, würde Habermas nicht bestreiten; er würde allerdings bestreiten, dass es erst der neueren politischen Entwicklungen bedurft hat, um ihn zu einem Realisten zu machen.

Das Jubiläum in Frankfurt

[1]

Die Vorbereitungen zu den in Frankfurt ausgiebig begangenen Feierlichkeiten zum 100-Jahr-Jubiläum des IfS fielen mit einem Wechsel an ihrer Spitze zusammen. Seit 2021 ist der zuvor in Jena und München lehrende Soziologe Stephan Lessenich neuer Institutsdirektor. Sozialforschung, so erklärte er sogleich zu Beginn seiner neuen Tätigkeit, sei die in kritisch-theoretischer Absicht betriebene „wissenschaftliche Parteinahme gegen die Unerträglichkeit der gesellschaftlichen Verhältnisse“.57 Den beiden bisher bekannten Etikettierungen „Grand Hotel Abgrund“ und „Café Marx“ fügte er eine dritte hinzu: die „Petite Auberge Aufbruch“.58

[2]

Das IfS feierte sein 100-jähriges Bestehen mit zwei großen Events: einer „Zweiten Marxistischen Arbeitswoche“ zu Pfingsten und einer internationalen wissenschaftlichen Tagung mit dem Titel „Kritische Theorie heute“ im Herbst 2023. Im Zusammenhang der Jubiläumsaktivitäten publizierte das Institut unter der Federführung des neuen Direktors eine Broschüre mit dem Titel „100 Jahre IfS. Perspektiven“59, in der die Programmatik der zukünftigen Arbeit skizziert wird. Der Ausgangspunkt der Überlegungen ist, dass eine programmatische Neuausrichtung des IfS nötig sei. Als historische Referenz beziehen sie sich auf die aktivistische Anfangsphase des Instituts während der Wirren des Krisenjahres 1923. Die Gründung sei in eine Zeit sozialer Umwälzungen und Kämpfe gefallen, die „für einen kurzen historischen Moment vieles möglich erschienen ließen“, einschließlich einer „von der Arbeiterklasse durchgesetzten Revolutionierung der Produktions- und Eigentumsverhältnisse“ (S. 3). Die Gründungsfiguren des Instituts hätten sich als die „intellektuelle[n] Begleiter“, wenn nicht gar als „aktiver Teil einer politischen Emanzipationsbewegung“ (ebd.) verstanden. Da es „zwischenzeitlich so scheinen mochte“, als habe sich das IfS „teilweise von den sozialen Kämpfen um eine radikale Veränderung der Gesellschaft entfernt“ (ebd.), so müsse heute wieder an den damaligen radikalen und aktivistischen Geist Anschluss gesucht werden. Die Gegenwart sei eine mit 1923 ähnliche Krisensituation, denn erneut stehe die Institutsarbeit „im Zeichen unverkennbarer Erschütterungen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung“ (ebd.). Deswegen bedürfe die Institutsarbeit einer neuen Programmatik, welche „den Kategorien der Krise und des Widerspruchs neues Gewicht verleiht“ (S. 4). Die gesellschaftlichen Krisenphänomene hätten einen derart existentiellen Charakter angenommen, dass es heute um nicht mehr oder weniger als die „Systemfrage“ (ebd.) gehe. Die Welt, so Lessenich, steht „in ihrer globalkapitalistischen Verfasstheit am Abgrund“ (S. 120).60

[3]

Die legitimatorische Funktion dieser doch sehr selektiven wissenschaftshistorischen Rückschau auf das Jahr 1923, mit der sich die zukünftige Arbeit am Institut auf eine gesellschaftspolitische Fundamentalopposition festzulegen scheint, ist unverkennbar. Aus historischer Sicht ist der emphatische Bezug auf 1923 freilich nicht unproblematisch. Die krisengeschüttelte junge Weimarer Republik stand in diesem Jahr ja keineswegs im Begriff, sich im Sinne der Institutsgründer positiv in eine sozialistische oder kommunistische Richtung zu entwickeln. Die von der KPD in Thüringen und Sachsen (ganz im Sinne von Lukács und vermutlich auch Korsch) propagierte Bildung von bewaffneten „Proletarischen Hundertschaften“ hatte als Reaktion das bald darauf erfolgende rechtsautoritäre Umkippen regelrecht provoziert.

[4]

Nun ist der neue Institutsdirektor Lessenich Profi und Realist genug, um einzuräumen, dass das Institut trotz aller Systemoppositionsprogrammatik auch künftig Wege finden muss, finanzielle Forschungsmittel aus den „etablierten Mechanismen des Wissenschaftsbetriebes“ (S. 117) loszueisen. Die strukturellen Hürden, die vor der erfolgreichen Beantragung von Drittmitteln für Forschungsprojekte in der interdisziplinär angelegten Tradition Max Horkheimers aufgestellt sind, hat Honneth in seinem Rückblick auf seine ersten Jahre als Direktor des IfS jüngst pointiert benannt.61 Immerhin ist es dem Institut gelungen, erstmals seit Langem vom Land Hessen und der Stadt Frankfurt nicht nur für den Betrieb des Hauses, sondern auch für die Forschung eine kleine Grundfinanzierung zu erhalten. Unter „Petite Auberge Aufbruch“ versteht Lessenich die Vision eines IfS, das nach dem Vorbild des Wissenschaftskollektivs um Pierre Bourdieu arbeitet. Es solle ein „offenes Haus“ (S. 123) sein, das für all diejenigen in der Frankfurter Stadtgesellschaft bereitsteht, die gemeinsam mit den Institutsangehörigen am politischen Projekt einer Gesellschaft ohne die „Sinnlosigkeit des Leids“ (Horkheimer) arbeiten wollen.

Auswahlbibliografie

Adorno, Theodor W.: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, 86 S., Suhrkamp, Berlin 2019.
Adorno, Theodor W.: Nachgelassene Schriften. Abteilung IV: Vorlesungen, Bd. 12, Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft, 278 S., Suhrkamp, Berlin 2023.
Adorno, Theodor W.: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, 86 S., Suhrkamp, Berlin 2024.
Adorno, Theodor W./Friedeburg, Ludwig von: Briefwechsel 1950–1969, hrsg. v. Dirk Braunstein und Maischa Gelhard, 194 S., Suhrkamp, Berlin 2024.
Buckmiller, Michael (Hrsg.): Die Erneuerung des Marxismus. Karl Korsch 1886–1961. Ausstellung und Vorträge, 121 S., Offizin, Hannover 2022.
Demirović, Alex: Der nonkonformistische Intellektuelle. Von der kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, 800 S., mandelbaum, Wien/Berlin 2023.
Felsch, Philipp: Der Philosoph. Habermas und wir, 256 S., Suhrkamp, Berlin 2024.
Gordon, Peter E.: Prekäres Glück. Adorno und die Quellen der Normativität, 470 S., Suhrkamp, Berlin 2023.
Gerber, Meike/Kapfinger, Emanuel/Volz, Julian (Hrsg.): Für Hans-Jürgen Krahl. Beiträge zu seinem antiautoritären Marxismus, 304 S., mandelbaum, Wien/Berlin 2022.
Gruber, Hans-Peter: „Aus der Art geschlagen“. Eine politische Biografie von Felix Weil (1898–1975), 776 S., Campus, Frankfurt a. M. 2022.
Habermas, Jürgen: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, 108 S., Suhrkamp, Berlin 2022.
Habermas, Jürgen: „Es musste etwas besser werden…“. Gespräche mit Stefan Müller-Doohm und Roman Yos, 253 S., Suhrkamp, Berlin 2024.
Institut für Sozialforschung: 100 Jahre IfS. Perspektiven (IfS Working Paper 20), Institut für Sozialforschung, Frankfurt a. M. 2023.
Korsch, Karl: Recht, Geist und Kultur. Schriften 1908–1918. Gesamtausgabe, Bd. 1, Offizin, Hannover 2023.
Lenhard, Philipp: Friedrich Pollock. Die graue Eminenz der Frankfurter Schule, 382 S., Jüdischer Verlag, Berlin 2019.
Lenhard, Philipp: Café Marx. Das Institut für Sozialforschung von den Anfängen bis zur Frankfurter Schule, 624 S., Beck, München 2024.
Link, Fabian: Demokratisierung nach Auschwitz. Eine Geschichte der westdeutschen Sozialwissenschaft in der Nachkriegszeit, 640 S., Wallstein, Göttingen 2022.
Löwenthal, Leo: Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation, 253 S., Suhrkamp, Berlin 2021.
Lukács, Georg: Ästhetik, Marxismus, Ontologie. Ausgewählte Texte, hrsg. von Rüdiger Dannemann und Axel Honneth, 572 S., Suhrkamp, Berlin 2021.
Müller-Doohm, Stefan/Rapic, Smail/Wesche, Tilo (Hrsg.): Vernünftige Freiheit. Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas, 428 S., Suhrkamp, Berlin 2024.
Pollock, Friedrich: Marxistische Schriften. Gesammelte Schriften, Bd. 1, hrsg. von Philipp Lenhard, 362 S., ça ira, Freiburg/Wien 2018.
Pollock, Friedrich: Schriften zu Planwirtschaft und Krise. Gesammelte Schriften, Bd. 2, hrsg. von Philipp Lenhard und Johannes Gleixner, 640 S., ça ira, Freiburg/Wien, 2021.
Später, Jörg: Adornos Erben. Eine Geschichte aus der Bundesrepublik, 760 S., Suhrkamp, Berlin 2024.
Voller, Christian: In der Dämmerung. Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie, 414 S., Matthes & Seitz, Berlin 2022.
Wysocki, Gisela von: Wiesengrund, 264 S., Suhrkamp, Berlin 2019.

Endnotes

  1. Habermas, Jürgen: Drei Thesen zur Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, in: Honneth, Axel/Wellmer, Albrecht (Hrsg): Die Frankfurter Schule und die Folgen, de Gruyter, Berlin 1986, S. 8–12, hier S. 12.
  2. Erst nach Redaktionsschluss für diesen Aufsatz sind zwei weitere Bücher zur Geschichte der Frankfurter Schule erschienen, die leider nicht berücksichtigt werden konnten: Engelmann, Christina u. a. (Hrsg.): Im Schatten der Tradition. Eine Geschichte des IfS aus feministischer Perspektive (IfS Aus der Reihe, 5), Bertz+Fischer, Berlin 2025 sowie Rudolph, Moritz: Einheit und Zerfall. Internationale Politik in der älteren Kritischen Theorie, Matthes & Seitz, Berlin 2025.
  3. Lukács, Georg: Ästhetik, Marxismus, Ontologie. Ausgewählte Texte, hrsg. v. Rüdiger Dannemann und Axel Honneth, Suhrkamp, Berlin 2021.
  4. Dannemann, Rüdiger: Georg Lukács zur Einführung, Junius, Hamburg 1997.
  5. Lukács, Georg: Vorwort (1962) zu: ders., Theorie des Romans, dtv, München 1994 (orig. 1916), S. 13.
  6. Ebd.
  7. Korsch, Karl: Marxismus und Philosophie (1923), in: ders., Karl Korsch Gesamtausgabe, Bd. 3., Offizin, Hannover 2017, S. 367 und 366.
  8. Buckmiller, Michael (Hrsg.): Die Erneuerung des Marxismus. Karl Korsch 1886–1961. Ausstellung und Vorträge, Offizin, Hannover 2022.
  9. Buckmiller, Michael: Die „Marxistische Arbeitswoche“ 1923 und die Gründung des „Instituts für Sozialforschung“, in: Reijen, Willem van/Schmid Noerr, Gunzelin (Hrsg.): Grand Hotel Abgrund. Eine Photobiographie der Frankfurter Schule, Junius, Hannover 21990, S. 145–186.
  10. Korsch, Karl: Recht, Geist und Kultur. Schriften 1908–1918. Gesamtausgabe, Bd. 1., Offizin, Hannover 2024.
  11. Voller, Christian: In der Dämmerung. Studien zur Vor- und Frühgeschichte der Kritischen Theorie, Matthes & Seitz, Berlin 2022.
  12. Migdal, Ulrike: Die Frühgeschichte des Instituts für Sozialforschung, Campus, Frankfurt a. M./New York 1981.
  13. Lenhard, Philipp: Café Marx. Das Institut für Sozialforschung von den Anfängen bis zur Frankfurter Schule, Beck, München 2024.
  14. Gruber, Hans-Peter: „Aus der Art geschlagen“. Eine politische Biografie von Felix Weil (1898–1975), Campus, Frankfurt a. M./New York 2022.
  15. Heufelder Erazo, Jeanette: Der argentinische Krösus. Kleine Wirtschaftsgeschichte der Frankfurter Schule, Berenberg, Berlin 2017.
  16. Demirović, Alex: Der nonkonformistische Intellektuelle. Von der kritischen Theorie zur Frankfurter Schule, mandelbaum, Wien/Berlin 2023 (orig. 1999).
  17. Link, Fabian: Demokratisierung nach Auschwitz. Eine Geschichte der westdeutschen Sozialwissenschaften in der Nachkriegszeit, Wallstein, Göttingen 2022.
  18. Vgl. Albrecht, Clemens u. a.: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik. Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Campus, Frankfurt a. M./New York 1999.
  19. Löwenthal, Leo: Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation, Suhrkamp, Berlin 2021 (orig. 1949).
  20. Löwenthal, Leo: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1980, S. 190.
  21. Adorno, Theodor W.: Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, Suhrkamp, Berlin 2024.
  22. Adorno, Theodor W.: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus, Suhrkamp, Berlin 2019.
  23. Adorno, Theodor W./Friedeburg, Ludwig von: Briefwechsel 1950–1969, hrsg. v. Dirk Braunstein und Maischa Gelhard, Suhrkamp, Berlin 2024.
  24. Adorno, Theodor W.: Gesellschaft (1965), in: ders., Gesammelte Schriften, Bd. 8, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1972, S. 9–19.
  25. Adorno, Theodor W.: Nachgelassene Schriften. Abteilung IV: Vorlesungen, Bd. 12, Philosophische Elemente einer Theorie der Gesellschaft, Suhrkamp, Berlin 2023.
  26. Wysocki, Gisela von: Wiesengrund, Suhrkamp, Berlin 2019.
  27. Erklärung zum Tod von Theodor W. Adorno, in: Frankfurter Rundschau, 20. August 1969, S. 13.
  28. Krahl, Hans-Jürgen: Konstitution und Klassenkampf. Zur historischen Dialektik von bürgerlicher Emanzipation und proletarischer Revolution, Verlag Neue Kritik, Frankfurt 1971, S. 18.
  29. Maier, Andreas: Die Universität, Suhrkamp, Berlin 2018.
  30. Habermas, Jürgen: Eine Generation von Adorno getrennt, in: Früchtl, Josef/Calloni, Maria (Hrsg.): Geist gegen den Zeitgeist. Erinnern an Adorno, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1991, S. 51.
  31. Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1988, S. 130.
  32. Habermas, Jürgen: Urgeschichte der Subjektivität und verwilderte Selbstbehauptung, in: ders., Philosophisch-politische Profile, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1987, S. 175.
  33. Habermas, Diskurs (wie Anm. 31), S. 144.
  34. Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. 1, Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1981, S. 489.
  35. Habermas, Jürgen: Im Sog der Technokratie, Suhrkamp, Berlin 2013, S. 21.
  36. Gordon, Peter E.: Prekäres Glück. Adorno und die Quellen der Normativität, Suhrkamp, Berlin 2023.
  37. Krahl, Konstitution (wie Anm. 28), S. 284 und 288.
  38. Kirchheimer, Otto: Gesammelte Schriften, 6 Bde., hrsg. v. Hubertus Buchstein, Nomos, Baden-Baden 2017–2021; vgl. auch Buchstein, Hubertus: Enduring Enmity. The Story of Otto Kirchheimer und Carl Schmitt, transcript, Bielefeld 2024.
  39. Pollock, Friedrich: Marxistische Schriften. Gesammelte Schriften, Bd. 1, hrsg. v. Philipp Lenhard, ça ira, Freiburg/Wien 2018.
  40. Pollock, Friedrich: Schriften zu Planwirtschaft und Krise. Gesammelte Schriften, Bd. 2, hrsg. v. Johannes Gleixner und Philipp Lenhard, ça ira, Freiburg/Wien 2021.
  41. Lenhard, Philipp: Friedrich Pollock. Die graue Eminenz der Frankfurter Schule, Jüdischer Verlag, Berlin 2019.
  42. Später, Jörg: Adornos Erben. Eine Geschichte der Bundesrepublik, Suhrkamp, Berlin 2024.
  43. Später, Jörg: Siegfried Kracauer. Eine Biographie, Suhrkamp, Berlin 2016.
  44. Habermas, Jürgen: Die Scheinrevolution und ihre Kinder, in: ders.: Kleine Politische Schriften I–IV, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1981, S. 258.
  45. Gerber, Meike/Kapfinger, Emanuel/Volz, Julian (Hrsg.): Für Hans-Jürgen Krahl. Beiträge zu seinem antiautoritären Marxismus, mandelbaum, Wien/Berlin 2022.
  46. Haag, Karl Heinz: Der Fortschritt in der Philosophie, Humanities-Online, Frankfurt a. M. 2025. Zeitgleich ist ein gedruckter Sammelband mit Beiträgen über sein Lebenswerk erschienen: Kern, Peter (Hrsg.): Kritische Theorie als Metaphysik: Karl Heinz Haag. Studien und Kommentare, Humanities-Online, Frankfurt a. M. 2025.
  47. Habermas, Jürgen: Drei Thesen zur Wirkungsgeschichte der Kritischen Theorie, in: Honneth, Axel/Wellmer, Albrecht (Hrsg): Die Frankfurter Schule und die Folgen, de Gruyter, Berlin 1986, S. 8–12, hier S. 12.
  48. Später, Jörg: Adornos Flaschenpost. Was bleibt von der Kritischen Theorie?, in: Blätter für deutsche und internationale Politik (2024), H. 8, S. 51–59, hier S. 59.
  49. Habermas, Jürgen: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik, Suhrkamp, Berlin 2022.
  50. Vgl. Buchstein, Hubertus: Being a Master of Metaphors, in: Constellations 30 (2023), H. 1, S. 48–54.
  51. Felsch, Philipp: Der Philosoph. Habermas und wir, Propyläen, Berlin 2024.
  52. Felsch, Philipp: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, Beck, München 2015, S. 225.
  53. Habermas, Jürgen: „Es musste etwas besser werden…“. Gespräche mit Stefan Müller-Doohm und Roman Yos, Suhrkamp, Berlin 2024.
  54. Müller-Doohm, Stefan/Rapic, Smail/Wesche, Tilo (Hrsg.): Vernünftige Freiheit. Beiträge zum Spätwerk von Jürgen Habermas, Suhrkamp, Berlin 2024.
  55. Habermas, Jürgen: Was heißt Aufklärung?, in: Gross, Raphael/Weissberg, Liliane (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert, Hirmer, München 2024, S. 302.
  56. Habermas, Jürgen: Auch eine Geschichte der Philosophie, 2 Bde., Suhrkamp, Berlin 2019, S. 763 f., S. 766.
  57. Lessenich, Stephan: Kritische Theorie – in Differenz und Indifferenz, in: Mittelweg 36, 10 (2021), H. 3, S. 55.
  58. Lessenich, Stephan: Petite Auberge Aufbruch. Zu den Möglichkeiten kritischer Sozialforschung heute, in: Soziologie 51 (2022), H. 2, S. 125.
  59. Institut für Sozialforschung: 100 Jahre IfS. Perspektiven, Institut für Sozialforschung, Frankfurt a. M. 2023.
  60. Diese und die weiteren Seitenangaben beziehen sich auf: Lessenich, Petite Auberge Aufbruch (wie Anm. 58).
  61. Honneth, Axel: Frühes Glück und schnelles Leid. Meine ersten Jahre am Institut für Sozialforschung, in: Soziologie 51 (2022), H. 1, S. 7–19.