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Sheilagh Ogilvies neuestes Werk hinterlässt bei dieser Rezensentin gemischte Eindrücke. Imponierend sind das Forschungsprogramm, der Anspruch der diskutierten Fragen, die empirische Breite und die fachliche Expertise der Autorin. Dass Argumentationsgang und einige Befunde dennoch Fragezeichen aufwerfen, liegt auch an den unterschiedlichen Perspektiven, aus denen die Autorin und die Rezensentin jeweils auf die Geschichte von Epidemien blicken. Ogilvie ist Wirtschaftshistorikerin und ausgewiesene Expertin zur Geschichte von Institutionen und deren Bedeutung für ökonomische Entwicklungen. In dem hier zu besprechenden Buch, erschienen in der renommierten Reihe „The Princeton Economic History of the Western World“, wendet sie sich dem historischen Umgang mit Epidemien und Pandemien zu. Ihr geht es um die Frage, „how different institutions channel our behaviour in times of mass disease, enabling us to respond collectively to natural challenges – for good or ill“ (S. 23).
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Im Mittelpunkt stehen Stärken und Schwächen von insgesamt sechs Institutionen bei der Seuchenbekämpfung, konkret dem Markt, dem Staat, lokalen Gemeinden, Religion, medizinischen (Berufs-)Vereinigungen und der Familie. Für sich genommen schon keine kleinen Untersuchungsgegenstände, ist auch die epochale und geografische Spreizung enorm: Sieben Jahrhunderte Seuchengeschichte, von der Pest des Mittelalters bis in die Covid-Gegenwart, werden in einer Fülle empirischer Beispiele aus allen Weltregionen vermessen, wobei einleitend ein starker Fokus auf Europa und den Mittleren Osten eingestanden wird. Bei einem derartigen Vorhaben ist es verständlich, dass die Einleitung und das Buch insgesamt die Medizingeschichte beschäftigende Probleme allenfalls andeuten – angefangen bei der rückwirkenden Diagnose, dem Identifizieren von Krankheiten in Zeiten vor labormedizinischen Nachweismöglichkeiten. Es überrascht allerdings, dass in einem Buch über Ansteckungskontrolle der Ansteckungsbegriff mit seinem historisch wandelbaren Inhalt und als zeitgenössisch lange umstrittene Kategorie nicht problematisiert wird. Angesichts jüngerer, ökologisch argumentierender Forschung, die Krankheiten in komplexen Wechselwirkungen verortet und Menschen wie Erreger als Faktoren neben anderen fasst, erscheint auch das Bild eines zeitlosen „war between man and microbe“ (S. 14), das den Problemrahmen der Studie spannt, eher traditionell. Ogilvie kennt die entsprechenden Debatten, Hinweise tauchen an verschiedenen Stellen auf. Systematisch in die Untersuchung einbezogen werden sie allerdings nicht.
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Die Analyse entfaltet sich im Hauptteil in sechs Kapiteln, in denen jeweils eine Institution über den gesamten Untersuchungszeitraum beleuchtet wird. Aufgebaut sind die Detailstudien dabei sehr ähnlich: Eingangs werden die Institution definiert, stets mit einem breiten Zugriff für den Vergleich über Epochen und geografische Räume hinweg, sowie Hypothesen zum Zusammenspiel von Institution und Epidemien aufgestellt. Daran schließt sich eine systematische Prüfung anhand beispielhafter Ausbrüche an, die infektionsverhütende und ansteckungstreibende Effekte hervorhebt. So thematisiert das Kapitel über den Markt ebenso die Verbreitung von Erregern durch Handel wie die positiven Folgen gesellschaftlichen Wohlstands für die öffentliche Gesundheit. Das Vorgehen erzeugt bei der Lektüre gewisse Wiederholungsgefühle, auch weil verschiedene Epidemien – besonders präsent sind der „Schwarze Tod“, die Cholera und die Pocken – immer wieder vorkommen. Zudem gestaltet sich, wie Ogilvie selbst betont, die analytische Zuspitzung auf einzelne Institutionen zuweilen schwierig, lässt sich deren Stellenwert im Ausbruchsgeschehen nur begrenzt unabhängig von anderen Faktoren bestimmen. So bleiben komplexere Zusammenhänge manchmal auf der Strecke. Fallbeispiele aus der kolonialen Welt werden zum Beispiel weitgehend ohne Berücksichtigung des spezifischen Kontexts der Fremdherrschaft und der vielfältigen Verbindungen zwischen Krankheit, Medizin und Kolonialismus gedeutet.
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Allerdings bietet ein derart breit angelegtes Werk naturgemäß viel Angriffsfläche. Die Frage nach der Rolle von Institutionen in Epidemien ist hochaktuell. Und auch darüber hinaus greift Ogilvie – implizit und explizit – große, (medizin-)historisch relevante Themen auf. Zum einen verweist ihr Zugang auf eine gewisse Überzeitlichkeit, die trotz aller historischen Situiertheit Praktiken wie die Quarantäne kennzeichnet und so untersuchungswürdig wie erklärungsbedürftig ist. Zum anderen diskutiert sie Möglichkeiten und Grenzen des Lernens aus der Geschichte. Das ausführliche Fazit fragt provokant: „Is There a Magic Pill?“ (S. 416) Wenig überraschend empfiehlt die Geschichte kein Allheilmittel. Für Ogilvie ist vielmehr das Zusammenspiel und die breitere Einbettung der untersuchten Institutionen entscheidend. Besonders zentral erscheinen ihr das Funktionieren von Markt und Staat sowie ein gewisser Grad an „institutional diversity“ (S. 437). Zudem identifiziert sie institutionelle Cluster, die sich historisch vergleichsweise bewährt hätten:
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[C]ommercialized and responsive markets; democratic and non-militaristic states; outward-looking and welfare-oriented local communities; moderate and philanthropic religions; liberal and open-minded medical associations; families that cooperated with the rest of the institutional framework […]; and variegated rather than monolithic institutional frameworks (S. 452).
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Nun halten 700 Jahre Seuchengeschichte natürlich (Gegen-)Beispiele für vieles bereit. Und es gibt, so schränkt Ogilvie selbst ein, Einflussfaktoren – etwa Umweltbedingungen –, die nicht von ihr untersucht wurden. Solche zusätzlichen ‚Variablen‘ verkomplizieren generalisierende Schlussfolgerungen. Insofern stimmt die Rezensentin, gerade mit Blick auf einen langen Untersuchungszeitraum und die Analyse so unterschiedlicher Gesellschaften und Krankheiten, einer der abschließenden Feststellungen Ogilvies vollumfänglich zu: „Comparing epidemic outcomes is complicated“ (ebd.).