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„Nun sag, wie hast Du‘s mit der multilateralen Kooperation?“ ist vielleicht eine der entscheidenden Fragen in den Herausforderungen seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Nicht zuletzt seit dem Amtsantritt von Donald Trump steht sie im Mittelpunkt vor allem der bangen Erwartungen der Europäer, auch vor dem Hintergrund der stärker werdenden Forderungen nach ‚Rückbesinnung‘ auf das nationale Eigene.
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Das Thema ist beileibe nicht neu, es gehört zum Grundbestand der entscheidenden Axiome insbesondere der NATO seit Anbeginn. Die Arbeit von Ina Kraft widmet sich der Genese aus westlicher Sicht. Sie gibt dazu einen historischen Überblick, entwickelt zur Einordnung in die Sozial- beziehungsweise Politikwissenschaft unterschiedliche methodische Blickwinkel, nimmt eine umfassende Bestandsaufnahme der verschiedenen Formate der letzten Dekaden vor, wertet schließlich die grundlegenden Features, Grundlagen und praktische Umsetzung kritisch-analytisch.
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Nach einem kurzen Überblick über multilaterale Kooperationen seit 1945 (mit kurzen Hinweisen auf historische Vorgänger, etwa die Kooperation der US-Amerikaner und Briten im Zweiten Weltkrieg – SHAEF, dem unmittelbaren Vorläufer von SHAPE) geht die Autorin schwerpunktmäßig auf die Zeit nach dem Kalten Krieg ein.
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Anders als vor 1945, in der multilaterale Kooperationen, etwa im Rahmen von Interventionen in Asien oder Afrika eher von nationalen beziehungsweise imperialen Interessen gesteuert wurden oder der Vorbereitung der Invasion des nationalsozialistisch besetzten Kontinentaleuropas dienten, gehörte das Thema nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu einer der wichtigen Überlebensfragen angesichts der als drückend empfundenen militärischen Stärke der Sowjetunion und später des Warschauer Paktes, auf den Kraft nur kurz eingeht. Die schwächelnden Westeuropäer waren allein keineswegs in der Lage, sich gegen einen Angriff zu wehren, brauchten dazu unbedingt die Amerikaner. Auch nach Eintritt der Bundesrepublik in die Allianz und dem Aufbau der Bundeswehr blieb die Lage prekär, wenn auch die Stärke der NATO dadurch erheblich gewann. Nach 1990 endete die Bedrohung dann, was aber auch zu substanziellen Reduktionen in allen westlichen Staaten führte.
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Vor diesem Hintergrund erschien die Bündelung der Kräfte in multinationalen Kooperationsprojekten nicht zuletzt militärisch sinnvoll. In der Tat wurden zahlreiche – mehr oder weniger erfolgreiche – Projekte ins Leben gerufen, darunter insbesondere Rüstungskooperationen.
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Kraft analysiert diese unterschiedlichen Perspektiven unter den Kategorien „Strukturen“, „Prozesse“ und „Aktivitäten“ und arbeitet sehr gut heraus, wie sich die vielen Anstrengungen seit dem Kalten Krieg entwickelten. Die Autorin gibt außerdem einen Überblick zur Geschichte der NATO und ihrer Einsätze im globalen Rahmen insbesondere seit Ende der 1990er Jahre, die unter anderem zu organisatorischer sowie operativer Neuausrichtung und Kräfteverlagerung führten, und verweist damit – trotz des Ukrainekrieges, auf den sie abschließend, gewissermaßen als Fazit eingeht – auf die grundlegende Agenda der Allianz. Die NATO ist und bleibt trotz aller lebensnotwendiger Konzentration auf die Verteidigung gegen Putin ein Bündnis mit globaler Perspektive. Diesem Aspekt kommt derzeit aus guten Gründen nachrangige Priorität zu, befindet sich jedoch immer noch auf der Agenda (z.B. NATO-Mission Irak).
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Sehr gut kommen die zumindest grundlegenden Kontinuitäten seit 1949 zum Ausdruck. Die NATO funktioniert trotz aller geänderten Rahmenbedingungen im Kern heute immer noch so wie bei ihrer Gründung. Die militärische Schwäche der Europäer gehört im Grunde hier dazu, auch und obwohl die EU seit der Wende erkannt hat, dass sie militärisch aufwachsen muss.
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Die entscheidenden Strukturelemente und -prinzipien sowie die damit verbundenen Probleme bei der Schaffung und der Umsetzung multilateraler Kooperationen werden sehr gut analysiert und benannt. Es sind dies vor allem die Spannung zwischen nationalen Egoismen und Bündnissolidarität, die unterschiedlichen Kräfteverhältnisse und Ressourcen sowie die – heute mehr denn je aktuelle – Frage nach der Abhängigkeit von den USA und deren Ressourcen, die auch durch multinationale Kooperationen nicht über Nacht verschwindet.
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Die zahlreichen Beispiele können an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden. Entscheidende Grundmuster sind klar erkennbar. Im Bereich der militärischen Kooperationen nach 1990 zeigt Kraft souverän auf, wie sich die Zusammenarbeit (z.B. multinationale Korps, Divisionen oder Brigaden wie das deutsch-niederländische oder deutsch-amerikanische Korps, dazu auch entsprechende Projekte in Osteuropa) insbesondere auf die höheren Stäbe erstreckte und vor allem in der Zeit der globalen Einsätze, in der man sich auf kleinere Verbände etwa für COIN in den Einsatzgebieten konzentrierte, immer weniger durch Kampfverbände in der Tiefe unterfüttert waren. Dabei wird klar, dass fast alle Verbände, etwa die deutsch-französische Brigade, in erster Linie der Demonstration des Willens zur Integration und der Abschreckung dienten, indes nur beschränkt einsatzfähig waren, besonders gegen einen hochgerüsteten Gegner.
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Vergleichbares kann Kraft zu den Rüstungskooperationen berichten. Diese waren in der Öffentlichkeit bekannt und führten zu markanten Erfolgen (z.B. Tornado, Eurofighter), wenn auch mit ziemlich langen Entwicklungszeiten. Die nationalen Eigeninteressen, hier nicht zuletzt der Schutz der eigenen Industrie, und die politischen Probleme, insbesondere die Prärogativen der nationalen Parlamente etwa bei der Finanzierung, verhinderten und verhindern bis heute eine tiefgehende und effiziente Rüstung.
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Der Leser kommt zu dem Schluss, dass genau hier das größte Probleme im Gegensatz zu den USA liegt, die diese Integration, wenn auch unter blutigen Kämpfen im 19. Jahrhundert, hergestellt haben und daher den Europäern hier weit überlegen sind. Letztere hinken trotz zahlreicher Absichtsbekundungen und Kooperationsprojekte (z.B. Battle Groups) militärisch weiterhin der NATO hinterher.
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Jedoch litten und leiden beide, EU und NATO, unter einem Mangel an Realisierung on the ground, was die multilaterale Kooperation angeht. Häufig führten die entsprechenden Projekte nur sehr begrenzt zur Erhöhung der militärischen Schlagkraft, sondern zogen die Schaffung von weiteren (Spitzen-)Strukturen, Dienstposten und letztlich mehr Bürokratie nach sich.
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Kraft entwickelt das methodische Instrumentarium, die Strukturierung des Themas unter den genannten drei Grundkategorien, vorbildlich und setzt es dann mit einer multiperspektivischen Analyse um. Indes muss das komplexe Forschungsfeld, etwa in Bezug auf die Diskrepanz zwischen Absichtserklärungen und realer Kampfkraft sowie die weiteren Fragen (etwa nach Integrationsniveau, -dichte, -umfang oder hinsichtlich der soziologischen Perspektive) noch praktisch mit Leben erfüllt und mit Ergebnissen angereichert werden.
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Mit der Studie liegt eine Pionierarbeit vor, die die Grundlagen für weiteres Forschen gelegt hat. Die Aufstellung der Kooperationsformate (Kap. 5.2.3.) ist eine umfassende Bestandsaufnahme und Pflichtlektüre für jeden Interessierten. In der verdienstvollen Übersicht zu den Militäreinsätzen europäischer Staaten von 1945 bis 2019 am Ende fehlt allerdings der Krieg des Empire in Malaya von 1948 bis 1960, der neben dem Mau-Mau-Krieg einen wichtigen historischen Markstein bildet.