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Der Kern dieses Buches ist ein Paradox. Es handelt sich um die Tatsache, dass in unserer Gegenwart die Toleranz ein wesentliches Merkmal der Identität und Selbstbeschreibung der europäischen Kulturen darstellt, obwohl ihre Geschichte die meiste Zeit über von Intoleranz geprägt war. Heinrich Schmidingers Reaktion auf diesen Widerspruch ist der an Jürgen Habermas’ Spätwerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ (Suhrkamp, Berlin 2019) angelehnte Titel, dass Europa dennoch auch eine Geschichte der Toleranz zu bieten hat. In der Betonung dieses auch sieht Schmidinger den Ausgangspunkt für ein normatives Projekt, welches er mit diesem Buch historisch zu fundieren versucht.
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Schmidinger versteht Europa als historischen, durch politische und intellektuelle Auseinandersetzungen zusammengewachsenen „Kulturraum“ (S. 11). Für ihn bedeutet „Toleranz als Geschichte Europas“, dass die heute verwendete Begrifflichkeit, die auf Basis der Anerkennung des anderen die argumentative Vermittlung von Positionen und die Koexistenz differenter Lebensformen ermöglicht, eine europäische ist. Durch diese Entwicklung drängt sich für Schmidinger ein normativer Anspruch für die Gegenwart auf: Es sei die Aufgabe Europas in der heutigen Welt, die Toleranz vorbildhaft an sich selbst zu praktizieren. Dies gelte nicht nur, da die europäische Kultur Toleranz als Identitätsmerkmal herausgebildet hat, sondern auch, da die kulturelle, politische und intellektuelle Geschichte Europas etliche Instanzen extremer Intoleranz bereithält, vom Kolonialismus über den Imperialismus bis hin zum Totalitarismus. Um dieses normative Projekt zu plausibilisieren, legt Schmidinger mit seinem neuen Buch eine chronologisch angelegte Entwicklungsgeschichte des Toleranz-Gedankens in Europa vor, die von der Antike bis ins 21. Jahrhundert reicht.
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Das geschichtswissenschaftliche Fundament für diesen normativen Appell will Schmidinger durch die erzählerische Rekonstruktion des Toleranzdiskurses liefern. Die Erzählung als Form der Geschichtsschreibung soll dabei eine Verbindung zwischen den rational-wissenschaftlichen Diskursen, in denen Begriffe von Toleranz entstanden sind und diskutiert wurden, sowie der Bedeutung von Toleranz in den jeweiligen Lebenswelten der Menschen zu verschiedenen Zeiten herstellen. So soll ein vollständigeres Bild entstehen, als bei einer rein theoriegeschichtlichen Arbeit möglich wäre. Dazu will Schmidinger verschiedene Faktoren, die zur Toleranz als heutigem Identitätsmerkmal der europäischen Kultur und zur Forderung nach Menschenrechten beigetragen haben, in ihrer Entwicklung seit der Antike verfolgen.
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Zu diesen Faktoren zählen die Koexistenz verschiedener Kulturen auf engem Raum, wie etwa im maurischen Spanien, die Erfahrung von Intoleranz in den Lebenswelten der Menschen als Voraussetzung für ein Streben nach Toleranz, das aus Christentum und antikem Denken stammende Menschenbild, welches eine zunehmende Verrechtlichung erfuhr, sowie die Herausbildung von wissenschaftlichen Diskursen, in denen die jeweiligen Verhältnisse kritisch-argumentativ hinterfragt werden konnten. Ebenfalls identifiziert Schmidinger im Zeitalter der Aufklärung einen „Durchbruch“ (S. 42) in Form der amerikanischen und französischen Deklarationen der Menschenrechte. Durch die sie begleitenden Revolutionen wurde der durch Intoleranz und Ungleichheit gekennzeichneten Lebenswelt der Menschen, die für Schmidinger immer in Spannung zu den Aspirationen der rational-wissenschaftlichen Diskurse steht, erstmals politisch wirksam Toleranz abgerungen. Insgesamt soll der im Modus dieser Erzählung gebrachte Aufweis, dass sich in der Kulturgeschichte Europas die Toleranz „markant zum Ausdruck bringt“ (S. 11), den genannten, auf die Gegenwart gerichteten normativen Appell Schmidingers rechtfertigen.
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Der Modus der „wissenschaftlichen Erzählung“ (S. 9) stellt hier freilich keine stringente theoretische Perspektive dar, die nacheinander auf einzelne Stationen der europäischen Kulturgeschichte angewendet wird. Vielmehr identifiziert Schmidinger zentrale Ideen aus der Ideen-, Religions- und Rechtsgeschichte sowie politik- und sozialgeschichtliche Konstellationen und Ereignisse und webt diese in eine kohärente und stimmige Entwicklungsgeschichte ein, sodass sich über die einzelnen geschichtlichen Instanzen hinweg die oben genannten Faktoren als Bedingung des Toleranzdiskurses in Europa herauskristallisieren und so die Toleranz als Merkmal des europäischen Kulturraums herausgearbeitet wird. In diesem Sinne gelingt das erzählerische Vorgehen Schmidingers.
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Allein aufgrund der schieren Menge an ideen-, religions- und rechtsgeschichtlichem Material sowie des ausführlichen Fußnotenapparates lohnt die Lektüre dieses Buches. Für den Rezensenten neu und überraschend war insbesondere das Genre der Religionsgespräche im Christentum und Islam des Mittelalters, das verblüffende Momente der gegenseitigen Achtung – wenn auch nicht der gleichberechtigten Anerkennung – zuließ. Ebenfalls positiv ist zu vermerken, dass Schmidinger über die gesamte Chronologie hinweg die Widersprüchlichkeiten der Entwicklung des Toleranz-Gedankens herausarbeitet. Darunter sind etwa die Spannungen zwischen den intellektuellen Diskussionen über Toleranz und den oftmals viel folgenreicheren Wirkungen extremer Intoleranz in den Lebenswelten der Menschen, etwa im Dreißigjährigen Krieg.
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Interessant wäre gewesen zu erfahren, wie sich die Entwicklung des Toleranz-Gedankens in der jüdischen und islamischen Diskussion auch nach dem Mittelalter zugetragen hat und wie diese mit den (west)europäischen Diskursen zusammenhängt. Schmidinger behandelt die beiden anderen monotheistischen Traditionen kaum über das Mittelalter hinaus, was vermutlich dem Fokus auf die Herausbildung der Toleranz als dezidiert europäischem Identitätsmerkmal geschuldet ist und daher dem Autor kaum angelastet werden kann. Wer hierzu mehr wissen möchte, greife etwa zu dem 2022 bei Klostermann erschienenen Band „Toleranz“ aus der Reihe „Orient und Okzident“, der sich diesem Thema schwerpunktmäßig für den islamischen Kulturraum zuwendet.