[1]

Wie es den Verfolgten des NS-Regimes in der Bonner Republik erging, ist Thema der streitbaren Darstellung von Stefanie Schüler-Springorum. Den Ausgangspunkt bildet ihre Kritik an „Meistererzählungen“ der BRD-Geschichte, welche diese zu unkritisch als „Erfolgsgeschichte“ beschreiben (s. zuletzt: Friederichs/Barth: Deutschland 1946. Das Wunder beginnt, München 2025). Doch sei es angesichts der „in den letzten zehn Jahren um sich greifende[n] Anziehungskraft nationalistischer und rassistischer Positionen“ an der Zeit, dies infrage zu stellen (S. 17).

[2]

Anliegen der Verfasserin ist es, den Lebensweg jener zum Maßstab zu nehmen, „die ohne ihr Zutun, aufgrund ihrer bloßen Existenz, […] ihres sozial oder sexuell devianten Verhaltens, einer Krankheit oder einer als ,rassisch‘ definierten Zugehörigkeit verfolgt, versehrt, eingesperrt oder ausgebeutet wurden“; im Mittelpunkt stehen Menschen, die in Deutschland unerwünscht waren, doch ihre „geplante Ermordung durch Zufall überlebten“ (S. 22). Es geht also um eine „Umkehrung des Blicks von den Minderheiten hin auf die Mehrheit“ (S. 190).

[3]

Ausgehend von einer „gemeinsame[n] Erfahrungsgeschichte“ lässt Schüler-Springorum über sieben Kapitel „einige dieser Schwachen und Wehrlosen“ in aufeinanderfolgenden Phasen zu Wort kommen (S. 23, 25), und zwar aus der jüdischen Bevölkerung, dem Kreis der Sinti und Roma, der „Erbkranken“, „Euthanasie“-Opfer, „Asozialen“, Zwangsarbeiter und Homosexuellen. Hatte der NS-Staat „[i]mmer größere Personenkreise“ zu Feinden der ,Volksgemeinschaft‘ erklärt, blieben die Grenzen stets fließend und „die Orte der Verfolgung vielfältig“ (S. 36). Schon 1938 wurde die „Ausmerze unwerten Lebens“ vorbereitet, seit 1940 in einer Klinik „Menschen vergast“ (S. 40). Die Nationalsozialisten setzten eine monströse Maschinerie in Gang und konnten bei ihrem beispiellosen Vernichtungswerk erst Mitte 1945 gestoppt werden.

[4]

Noch lange nach 1945 zeigte sich indes „das ganze ,Ausmaß der Verschiebung gesellschaftlicher und moralischer Wertmaßstäbe‘“, denn sie wirkten sich auch auf jene aus, „die dessen Gegner gewesen waren“ (Susanne zur Nieden, S. 70). Homosexualität wurde nun schärfer verfolgt als zu Zeiten der Weimarer Republik. Das Leben der jüdischen Gemeinschaft erforderte zunächst alliierten Schutz, sodann Isolation und Anpassung. Die Jüdinnen und Juden, die hierblieben, mussten Einsamkeit und Enttäuschungen ertragen und aushalten können. Der Antisemitismus blieb. Doch wurde der Begriff „Jude“ durch andere, verschleiernde ersetzt für diejenigen, die beispielsweise schon 1945 für die „Ausländerkriminalität“ (S. 87) verantwortlich gemacht wurden. Dem Völkermord an den Sinti und Roma, dem Porajmos, versagte die wiedergewonnene Republik über vier Jahrzehnte die Anerkennung, mit der Folge, dass es die überlebenden Sinti und Roma und ebenso ihre Nachkommen sehr schwer hatten. Sie wurden sesshaft, bemühten sich um „[g]rößtmögliche Anpassung bei gleichzeitiger Wahrung von misstrauischer Distanz“ (S. 110). Die Urteile der „Erbgesundheitshöfe“ (S. 155) erklärte der Bundesgerichtshof unterdessen für rechtmäßig. Auch der Lebensweg von hiergebliebenen Zwangsarbeitern, deren schwierige Situation zu Alkoholismus, psychischen Krankheiten und zu frühem Tod bzw. Selbstmord führte, war eine der „vergessene[n] Spätfolgen des Krieges“ (S. 99).

[5]

Es war dann erst die Lokalgeschichtsschreibung ,von unten‘, welche in den 1980er Jahren die Wahrnehmung seitens der NS-Opfer mit einbezog. In Geschichtswerkstätten Tätige widmeten sich der Befragung von – in der Öffentlichkeit bislang unsichtbaren – Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und ihren Lebensgeschichten. Der Umgang der Behörden mit Entschädigungsberechtigten, bei dem sich Rachsucht, Ressentiment, Pedanterie und Ignoranz vermischten, wurde nun (erst) als „Kleinkrieg gegen die Opfer“ (Christian Pross) erkannt und zum Skandal erhoben (S. 177).

[6]

Zu erklären sei das Weiterwirken von Verhaltensmustern aus den Jahren vor 1945 nur damit, dass die Vorstellung der NS-Volksgemeinschaft das Regime überdauert habe: Weiterhin fühlte man sich anderen überlegen, war man stolz auf „das eigene ,Deutschsein‘“ (S. 179). Dieses gründete sich bis zum Jahr 2000 auf die biologische Herkunft. Gleich nach dem Krieg ermöglichte es die Aufnahme von – so die Angabe der Autorin – „12 Millionen Vertriebenen“ (S. 176). Die Zahl der tatsächlich aus ihren Wohnorten ausgewiesenen Deutschen liegt weitaus niedriger, und ein Teil davon ließ sich in der SBZ/DDR nieder.

[7]

Grundsätzlicher als die Kritik an der ungenauen Zahlenangabe ist der Einwand, dass es der Schilderung durchgängig an einem über Westdeutschland hinausreichenden Horizont mangelt. So bleibt außer Acht, dass (auch) seitens der westalliierten Sieger negative Zeichen gesetzt wurden, was nur zweimal beiläufig zur Sprache kommt: In den USA waren Zwangssterilisationen ebenfalls erlaubt und „anti-schwarzer Rassismus“ (S. 186) durchaus mit der Demokratie vereinbar. Mehr zur Positionierung westlicher Regierungsvertreter enthalten neuere (selbst-)kritische Forschungsarbeiten von Ruth Balint, Andrew H. Beattie, Thomas J. Kehoe und Samantha K. Knapton. Ein Vorgehen, bei dem die Entwicklungen in der DDR, Österreich und einem Land in West- und in Osteuropa wenigstens einige Male mit einem Seitenblick einbezogen worden wären, hätte die Befunde für Westdeutschland besser vergleichend einordnen können. Ebenso der stets sorgfältige Umgang mit Begriffen. So heißt es etwa in Bezug auf deutsche Sinti, die im Nationalsozialismus als „Asoziale“ verfolgt wurden, „die Deutschen“ hätten den Letzteren im KZ Helfersdienste „[a]ls Kapos oder Bockälteste“ übertragen und sie damit zum „verlängerten Arm der SS“ gemacht (S. 67 f.). Und über die tragische Lebensgeschichte des zunächst linksorientierten „jüdische[n] Jurist[en]“ Botho Laserstein, 1901 in Chemnitz geboren, teilt die Verfasserin mit, dessen Angehörige seien „von den Deutschen“ ermordet worden (S. 130). Aus heutiger Sicht sollte es unerheblich sein, dass der NS-Staat ihm 1936 die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannte, im Kontext wichtig erscheint jedoch, dass Laserstein 1939 im französischen Exil zum Katholizismus konvertierte. Weitere Details ließen sich ergänzen: Schüler-Springorum datiert den reichsweiten Angriff auf die Juden auf den 8. und 9. November 1938 (S. 39 f.) statt einen Tag später. Die Brüder Frankenthal im sauerländischen Schmallenberg ordnet sie wiederholt „Schmellenbach“ zu (S. 78, 146). Die Spier-Brüder aus Rauischholzhausen erscheinen mit dem Namen „Spiers“ (S. 78).

[8]

Die eindringlichen Schilderungen aus Lebenswegen NS-Verfolgter und dann weiterhin Angefeindeter und Benachteiligter sind mit den darin eingeflochtenen Zitaten freilich sehr gelungen. Hier geballt zusammengetragen, hinterlassen sie einen alles in allem niederschmetternden Eindruck und münden in der Feststellung, die übergroße Mehrheit der überlebenden NS-Opfer sei gestorben, „ohne je als solche anerkannt zu werden“. In den Augen Schüler-Springorums ist dies eine „zusätzliche Hypothek, mit der dieses Land leben muss“ (S. 195).

[9]

Die Rede von der Wiedergutmachung erweist sich so im Nachhinein als gelungener Propaganda-Coup der Adenauer’schen Regierungen und der sie tragenden Kreise. In Wirklichkeit ging man über das Allernötigste, das auf Druck der Alliierten an Entschädigung aufzubringen war, nicht hinaus, während ungezählte Anträge abschlägig beschieden wurden. Die erfolgreiche Westintegration ging später mit nachlassendem Eifer bei der Rücksichtnahme auf vergangenheitspolitische Belastungen einher (S. 174).

[10]

Somit vernachlässigt der gegenwärtige landläufige Rückblick auf die Bonner Republik den nach 1945 weiter grassierenden Nationalismus und Rassismus. Der Anspruch, anderen Nationen überlegen zu sein, ist bei vielen geblieben. Darin ein erinnerungspolitisches Problem zu sehen, das zu einer erweiterten kritischen Betrachtung Anlass gibt, ist anscheinend Stefanie Schüler-Springorums Reaktion auf den großen und von vielen nie für möglich gehaltenen Erfolg der Rechtsextremen bei den Wahlen hierzulande.