[1]
Benjamin Ziemanns 2024 bei Reclam veröffentlichtes Buch „Gesellschaft ohne Zentrum. Deutschland in der differenzierten Moderne“ verdient allein deshalb Aufmerksamkeit, weil man es auf mehrerlei Art lesen kann: Es ist erstens eine lohnende Auseinandersetzung mit aktuell in der Historiografie anzutreffenden Deutungsmustern zur neueren deutschen Geschichte seit dem Kaiserreich. Zweitens stellt es den nächsten Schritt im Rahmen des seit nunmehr zwei Jahrzehnten andauernden Bemühens des Autors dar, das Konzept der Gesellschaftsgeschichte auf neue theoretische Füße zu stellen und es damit analog zum fortschreitenden gesellschaftlichen Wandel in angemessener Weise weiterzuentwickeln. Indem der Band dabei drittens um den praktischen Nachweis bemüht ist, dass sich das bereits früher verschiedentlich formulierte Postulat der Dienstbarmachung der Systemtheorie Niklas Luhmanns für eine theoretisch und begrifflich erweiterte Gesellschaftsgeschichte tatsächlich forschungspraktisch operationalisieren lässt, kommt er zudem als Wanderer zwischen den disziplinären Welten von Soziologie und Geschichtswissenschaft daher; zweier Disziplinen also, deren wechselseitiges Bedingungsverhältnis regelmäßig Gegenstand von Debatten ist.1
[2]
Die folgenden Überlegungen bemühen sich insofern darum, den Band sowohl zur methodologisch-theoretischen Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft(en) in Beziehung zu setzen als auch die konkrete Tragfähigkeit des unterbreiteten Deutungsangebots zu hinterfragen. Damit einher gehen unvermeidbar auch Überlegungen zur gerade unter (deutschen) Zeithistorikerinnen und -historikern nicht eben neuen Frage nach den im Sinne des eigenen Wissenschaftsverständnisses korrekten Parametern für eine Inanspruchnahme sozialwissenschaftlicher Theorien und Methoden.2
[3]
Die historiografische Tradition, in die nach eigenem Bekunden auch Benjamin Ziemann einzuordnen ist und zu deren perspektivischer Weiterentwicklung der vorliegende Band einen Beitrag zu leisten beansprucht, ist die der Gesellschaftsgeschichte. Diese ist gewissermaßen das Ergebnis eines evolutionären Prozesses innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft nach 1945. Zunächst apostrophierte sie sich selbst als „Neue Sozialgeschichte“, um sich von einer älteren, auf die historische Schule der deutschen Nationalökonomie zurückgehende Traditionslinie, und einer nach dem Zweiten Weltkrieg zur „Strukturgeschichte“ gehäuteten, ursprünglich NS-kompatiblen „Volksgeschichte“ abzugrenzen. Davon ausgehend entwickelte sie sich von einer sektoralen Bindestrichdisziplin innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft weiter zur theoretisch reflektierten „Historischen Sozialwissenschaft“ und schließlich zur Gesellschaftsgeschichte mit einem nun auch dem Namen nach generellen, gewissermaßen allgemeinhistorischen Deutungsanspruch.3
[4]
Im Zuge der Bildungsreform der 1960er und 1970er Jahre gelang es der Gesellschaftsgeschichte bekanntlich beachtlich schnell, institutionell Fuß zu fassen und das disziplinäre Profil der deutschen Geschichtswissenschaft nach kaum mehr als einem Jahrzehnt maßgeblich mitzubestimmen. Zugleich sah sich die vermeintlich „neue Orthodoxie“ alsbald selbst methodologischer Kritik ausgesetzt.4 Weil die bewusste Fokussierung der Sozial- beziehungsweise Gesellschaftsgeschichte auf überindividuelle Prozesse und Strukturen als Gegenstände der historischen Analyse und Darstellung in Abgrenzung zum historistischen Individualismus, wie ihn der Historismus pflegte5, in mancher Hinsicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hatte, verlangten neue, zunächst ebenfalls sektoral angelegte historiografische Perspektiven wie die Geschlechter-, Alltags- und schließlich die Kulturgeschichte, dem Menschen wieder mehr Recht und vor allem „Eigen-Sinn“ (Alf Lüdtke) im Sinne von Handlungsmacht jenseits der vermeintlich „stahlharten Gehäuse“ (Max Weber) der sie umgebenden gesellschaftlichen Strukturen zuzubilligen.6
[5]
Während insbesondere Hans-Ulrich Wehler auf die gewiss absichtsvoll mehrdeutig so bezeichnete „Herausforderung der Kulturgeschichte“ mit massiver Gegenwehr reagierte7, schickte sich eine jüngere Generation von Sozialhistorikerinnen und -historikern an, die Gesellschaftsgeschichte perspektivisch und auch theoretisch zu öffnen und damit weiterzuentwickeln.8
[6]
Auch Benjamin Ziemann ist diesem Personenkreis zuzuordnen: In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten hat er sich in einer Reihe von Beiträgen mit den Potenzialen wie auch erkenntnistheoretischen Grenzen der Gesellschaftsgeschichte sowie der an ihrem Zugriff geübten Kritik auseinandergesetzt.9 Dabei hat er jeweils in unterschiedlichen Detailkontexten auf die konzeptionelle Plausibilität einer neuen theoretischen Grundierung der Gesellschaftsgeschichte vermittels der systemtheoretischen Überlegungen Niklas Luhmanns zum Phänomen der fortschreitenden sozialen Differenzierung moderner Gesellschaften hingewiesen.
[7]
Konkret sind es drei Argumente, die er dabei anführt: Erstens verweist er darauf, dass auch die klassische Bielefelder Gesellschaftsgeschichte im Falle ihres wohl gewichtigsten Anwendungsbeispiels, nämlich der fünfbändigen „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ Hans-Ulrich Wehlers10, auf einem Modell funktionaler Differenzierung gründet, welches allerdings an Max Weber beziehungsweise Talcott Parsons anknüpft und mit folgenden vier Kategorien arbeitet: Politik, Wirtschaft, Kultur und soziale Ungleichheit.11 Nun hinsichtlich des theoretischen Fundaments gewissermaßen von Weber auf Luhmann umzusatteln, begründet er – zweitens – mit der nicht hinreichenden Komplexität des ursprünglichen Ansatzes, der nicht geeignet scheint, „die vornehmlich aus der voranschreitenden sozialen Differenzierung resultierende Dynamik der modernen Gesellschaften“ allein aus „der Auffächerung von drei oder vier Untersuchungsebenen […] angemessen darzustellen.“12 Hier erweise sich die Theorie Luhmanns schlichtweg als leistungsfähiger, weil flexibler, da eine grundsätzliche „Offenheit für künftige Systembildungen“ bestehe, sodass das analytische Instrumentarium mit seinem Untersuchungsgegenstand mitwachsen und so den jeweils erforderlichen komplementären Komplexitätsgrad annehmen kann.13
[8]
Damit ermöglichte eine auf Luhmanns Konzept der funktionalen Differenzierung aufbauende, theoretisch-methodologisch erneuerte Gesellschaftsgeschichte drittens, den aus Ziemanns Sicht „zum Großteil berechtigten Einwänden aus Sicht des ‚cultural turn‘ […] Rechnung [zu tragen]“14, indem sie ausgehend von der Annahme, dass Gesellschaft sich aus einer nicht abschließend definierten Zahl unabhängiger und nach eigenen Funktionslogiken operierender, wenn auch über anschlussfähige Kommunikation strukturell gekoppelter (Teil-)Systeme konstituiert, die schlussendliche Einheit der Gesellschaft zumindest in Form einer „multi-kontexturale[n]“ Einheit in Vielheit schafft. Damit wäre das Problem der postmodernen Herausforderung der Gesellschaftsgeschichte in Gestalt der Methoden- und Perspektivenvarianz der neuen Bindestrichdisziplinen im Rahmen eines neuen und gemeinsamen theoretischen Bezugsrahmens argumentativ aufgelöst.15 Kurz gesagt: Wenn die moderne Gesellschaft kein einheitliches Zentrum (mehr) hat, von dem ausgehend sich ihre Wesenheit allgemeinverbindlich erschließen und erklären lässt, sorgt ein diese multi-kontexturale Realität begrifflich fassender theoretischer Zugriff zumindest (wieder) für einen gemeinsamen analytischen Nenner, indem sich die nebeneinander existierenden gesellschaftlichen Teilsysteme nach dem systemtheoretischen Prinzip der System-Umwelt-Beziehung beschreiben lassen.16
[9]
Ausgehend von diesen konzeptionellen Vorüberlegungen liegt mit der „Gesellschaft ohne Zentrum“ nun eine erste monografische Vermessung beziehungsweise Operationalisierung des Themas vor. Dass Ziemann den Band selbst als ein „Wagnis“ bezeichnet (S. 281), unterstreicht die auch beim Blick auf die Komposition des Bandes erkennbare Vorläufigkeit des Buchs. Denn es handelt sich nicht um eine klassische, in sich durchkomponierte Monografie. Vielmehr ist es gewissermaßen eine Art Anthologie, die teils andernorts bereits erschienene, jedoch durchweg überarbeitete, sowie eine Reihe von neuen Texten des an der University of Sheffield lehrenden Autors enthält. Damit sind am Ende zwar alle relevanten Zeitabschnitte der deutschen Geschichte seit dem letzten Quartal des 19. Jahrhunderts darstellerisch adressiert, aber zugleich wird klar, dass es sich jeweils (noch) um skizzenhafte, epochenspezifische Problemaufrisse handelt – und eben nicht um die definitive Ausarbeitung seiner Vorstellungen von einer erneuerten Gesellschaftsgeschichte an und für sich. Wäre dieses Unterfangen ein technisches Großvorhaben, würde man „Gesellschaft ohne Zentrum“ gerade auch in Relation zu den frühen konzeptionellen Überlegungen, die ihr vorausgegangen sind, wohl als eine erweiterte Machbarkeitsstudie, aber eben nicht als vollendete Projektumsetzung betrachten; der Autor selbst spricht folgerichtig von „Fallstudien“ (S. 16).
[10]
Da dieser vorläufige Charakter des Bandes für alle halbwegs in der Lektüre wissenschaftlicher Literatur geschulte Leserinnen und Leser mit Händen zu greifen ist, verwundern umso mehr der beckmesserische Ton und die teils entstellende Argumentation einer jüngst erschienenen Besprechung der Arbeit aus fachsoziologischer Perspektive.17 Der Rezensent bemängelt darin als zentralen Kritikpunkt, dass der „differenzierungstheoretische analytische Bezugsrahmen an keiner Stelle zusammenhängend eingeführt“ werde. Warum es zum besseren Verständnis von „Gesellschaft ohne Zentrum“ dennoch sinnvoll und hilfreich ist, diese an sich misslungene, weil sich dem Erkenntnisinteresse des Autors und der spezifischen Bedeutung des Buches im Kontext einer methodologischen Selbstvergewisserungsdebatte innerhalb der deutschen Sozialgeschichte nicht wirklich öffnende Rezension zu bemühen, zeigt der folgende Punkt sehr eindrücklich: Wenn der Rezensent die Grundthese des Buches, Deutschland sei „seit gut 150 Jahren eine funktional differenzierte ‚Gesellschaft ohne Zentrum‘“, für „wenig originell“ hält, übersieht er, dass es sich bei der vorliegenden Arbeit eben nicht um einen doxografischen Beitrag zur Genese einer soziologischen Großtheorie handelt, sondern um einen historiografischen Debattenbeitrag zur Frage der Operationalisierbarkeit jener Theorie in einem zwar benachbarten, aber letztlich doch anderen disziplinären Rahmen.18
[11]
Insofern tut der vermeintlich nicht sach- und fachgerechte Umgang des Historikers mit der soziologischen Theorie dem aus einem solchen Umgang resultierenden Erkenntnisfortschritt im Rahmen des historiografischen Diskurses keinen Abbruch, im Gegenteil, wie Jürgen Osterhammel an anderer Stelle schreibt: „Die Professionalisierungslücke, die sich im Umgang von Historikern und Historikerinnen mit soziologischer Theorie unvermeidlich auftut, birgt die Chance, bei reduzierter Theorieintensität Analysen durchzuführen, die nach strengsten theoretischen Maßstäben eigentlich nicht legitimierbar sind.“19 Mehr noch: Gerade weil der disziplinäre Dialog zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie „kein intellektueller Gabentausch auf Gegenseitigkeit, sondern dankbare Rezeption von Soziologischem durch eine in ihrem ‚positivistischen‘ Selbstbewusstsein erschüttert[e] Geschichtsschreibung“ war und ist, pflegen Historikerinnen und Historiker für gewöhnlich einen „Eklektizismus, der ein Privileg der systematisch, zeitlich und räumlich unendlich feindifferenzierten historischen Studien ist“; kurz: Seitens der Geschichtswissenschaft wurden quasi immer schon „soziologische Begriffe und Theoriestücke geborgt und dort verwendet, wo sie passten.“20
[12]
Verkürzt gesagt könnte man von der Übernahme spezifisch aufgeladener Begrifflichkeiten und Beschreibungsformeln sprechen21, die jedoch immer dann aus Perspektive historiografischer Sorgfaltspflicht einem besonders kritischen Blick zu unterziehen sind, wenn – gerade im Bereich der Zeitgeschichte – der Entstehungskontext einer sozialwissenschaftlichen Theorie und der historische Untersuchungsgegenstand zeitlich zusammenfallen.22
[13]
Dass ein solcher, aus soziologischer Perspektive unstreitig hemdsärmelig anmutender Theoriegebrauch irritieren kann, ist nachvollziehbar. Wie fruchtbar er im Hinblick auf die Stimulierung neuer historiografischer Erkenntnisgewinne dennoch sein kann, lässt sich daran ermessen, dass auch aktuelle historische Darstellungen etwa die Funktionsweise des NS-Staates noch mit wissentlich unterkomplexen, weil die Komplexität des Untersuchungsgegenstandes nicht annähernd erfassenden Analyseinstrumenten wie etwa einer leidlich modifizierten Weberianischen Charisma-Theorie23 oder schlicht mit dem Willen des „Führers“ begründen. Verglichen damit stellt insofern auch eine soziologische Binse wie die Feststellung der funktional differenzierten Wesenheit der deutschen Gesellschaft zumindest für Teile der historischen Zunft noch immer einen epistemologischen Quantensprung dar.
[14]
Ausgehend von den bei Luhmann entlehnten Grundannahmen24 legt Ziemann den Prozess der fortschreitenden funktionalen Differenzierung exemplarisch anhand einer Reihe ausgewählter gesellschaftlicher Teilsysteme dar: der Medien, des Gesundheitswesens, des Sports, der Kunst, des Bildungssystems, aber auch anhand des Wandels des Verhältnisses der (katholischen) Kirche zu ihrer gesellschaftlichen Umwelt seit dem Ende des Zweitens Weltkriegs. Indem er dabei schlüssig schildert, dass etwa die Entwicklung des Mediensystems mehr und mehr eigengesetzlichen, quasi binnenlogischen Prinzipien folgte, dabei aber gerade wegen seiner zunehmenden funktionalen Schließung gegenüber der gesellschaftlichen Umwelt relevante Folgerungen für andere Teilsysteme bereits des Kaiserreichs auszulösen vermochte25, gewinnt auch der auf den ersten Blick recht opak anmutende Titel der Arbeit rasch Plausibilität, ja, für sich selbst programmatische Erklärungskraft. Eine Gesellschaft, die aus verknüpften, aber ansonsten eigenen Handlungs- und Entscheidungslogiken folgenden, mehr oder minder gleichrangigen Teilsystemen besteht, deren Zentrum ist mindestens ebenso schwer zu bestimmen wie etwa der Mittelpunkt des Universums, denn so wie das Universum mutmaßlich stetig weiter wächst26, findet auch die funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften kein Ende. Folgerichtig muss eine moderne, eben funktional zunehmend differenzierte und mithin komplex organisierte Gesellschaft notwendig eine dezentrierte, kurz: eine „Gesellschaft ohne Zentrum“ sein. Was ihren Kern ausmacht, welche Funktionssysteme zu ihrem Arkanbereich gehören, ist also nicht a priori und allgemeinverbindlich festgelegt, sondern wäre – je nach Fragestellung und Betrachtungsweise – neu zu bestimmen. Kurz gesagt: Generalisierende Aussagen hinsichtlich eines spezifischen Primats etwa von Wirtschaft oder Politik erübrigen sich zumindest bei der Beschreibung moderner, da funktional differenzierter Gesellschaften, eben weil sich diese im systemtheoretischen Verständnis je nach Perspektive ganz verschieden, weil teilsystematisch organisiert, beschreiben ließen – und dies, ohne sich damit dem Vorwurf auszusetzen, einem konstruktivistischen, mithin postmodernen Relativismus anheimgefallen zu sein.27
[15]
Was auf den ersten Blick – zumal für Soziologinnen und Soziologen – banal und unspektakulär anmuten mag, hat bei entsprechender historiografischer Operationalisierung durchaus unmittelbar relevante und konkrete forschungspraktische Folgen: Wo einer Gesellschaft qua dezentrierter Wesenheit ein natürliches Zentrum fehlt, ist es folgerichtig müßig, um den Primat von Politik, Wirtschaft oder Recht zu streiten. Entsprechend knapp vermag Ziemann im ersten inhaltlichen Kapitel über Gesellschaft im Deutschen Kaiserreich die jüngst (neu) entflammte Debatte um den Ort des Kaiserreichs in einer vornehmlich modernisierungstheoretisch grundierten National- beziehungsweise Demokratiegeschichte ohne viel Federlesens abzuräumen.28 Im Sinne des an Luhmann geschulten dezentrierten Gesellschaftsverständnisses sind weder Verweise auf die vermeintliche Modernität einzelner Teilsysteme noch der Nachweis der Fortexistenz vordemokratischer Residualräume etwa im politischen System geeignet, ein abschließendes, die Gesamtgesellschaft des Kaiserreichs klassifizierendes Urteil zu treffen. Vielmehr kann die Frage nach der Modernität des Kaiserreichs nur jeweils auf Ebene der gesellschaftlichen Teilsysteme und nur für diese, aber eben nicht generalisierend beantwortet werden.
[16]
Dabei muss noch einmal explizit betont werden, dass eine differenzierte Betrachtung und entsprechend abgestufte Würdigung des Kaiserreichs aus dem Wissen um seine funktionale Differenziertheit dennoch weit mehr ist als etwa ein semantisch aufgehübschter neuer Wein in alten argumentativen Schläuchen im Sinne der von Ernst Bloch beschriebenen „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ in modernen Gesellschaften.29 Wo bei Bloch die Gleichzeitigkeit von unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungsständen als Anomalie einer im Grunde zielgerichteten und für eine Gesellschaft insgesamt vorausgesetzten entwicklungsgeschichtlichen Gleichförmigkeit daherkommt, markiert das mit Luhmann konstatierte Nebeneinander differenzierter Teilsysteme mit eigenständigen Funktions- und Operationslogiken eben keine Abweichung von einer wie auch immer gearteten Norm moderner Gesellschaft(en), sondern eine gewissermaßen plurale Normalität beziehungsweise normale Pluralität.
[17]
Am überzeugendsten kommt die von Ziemann mit Luhmann aufgemachte neue Perspektive auf die deutsche Gesellschaft in der differenzierten Moderne dort daher, wo sich der Autor trittsicher auf bekannten Pfaden bewegt; dies ist neben dem Kapitel über das Kaiserreich insbesondere dort der Fall, wo sich Benjamin Ziemann in exemplarischer Absicht dem Verhältnis von Kirche zu gesellschaftlicher Umwelt in der Nachkriegsmoderne widmet.30
[18]
Und dennoch entfaltet der Band gerade dort besondere argumentative Kraft, wo er sich zwar auf erste skizzenhaften Überlegungen zur funktionalen Differenzierung des NS-Staates beschränkt, damit aber zugleich gedanklich die Tür zu einer analytischen Neuvermessung der Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus weit aufstößt. Dazu bedarf es in seinen Ausführungen nicht einmal wegweisender empirischer Neuentdeckungen. Die Überzeugungskraft erwächst im Gegenteil gerade aus dem Umstand, dass Ziemann scheinbar sattsam Bekanntes mittels neuer semantisch-analytischer Instrumente neu beschreibt und zueinander in Beziehung setzt.31 Indem er auf diese Weise in einem ersten Schritt den Nachweis erbringt, dass auch der NS-Staat sich als funktional differenzierte Gesellschaft beschreiben und erfassen lässt, ist der Lackmustest für die prinzipielle Operationalisierbarkeit seines Ansatzes bereits erbracht.
[19]
So kann Ziemann, anknüpfend an ältere Forschungen zur Beschaffenheit des Erziehungssystems, aus der Funktionslogik des Luhmann‘schen Gesellschaftsmodells heraus erklären, warum es hier zu keiner Überformung durch Neu-Codierung der systemischen Leitdifferenz durch das Regime kam, sondern eine funktionale Weiterung des Gesellschaftssystems in Form einer über die Hitler-Jugend ins Werk gesetzten „Formationserziehung“ erfolgte. Weil das Regime gerade als funktional differenzierte Gesellschaft auf die Leistung des Erziehungssystems bei der Vermittlung fachlicher Kenntnisse und Fertigkeiten, die den Absolventinnen und Absolventen des Bildungssystems die Übernahme einer Funktionsrolle in einem der anderen gesellschaftlichen Teilsystemen ermöglichte, nicht verzichten konnte, differenzierte sie sich selbst weiter aus, indem sich ein im Wesentlichen von der Hitler-Jugend verantworteter Bereich etablierte. Diesem oblag, was Ziemann „Formationserziehung“ nennt: die Konditionierung der jungen Generation auf das Rollenbild eines ‚Volksgenossen‘ beziehungsweise einer ‚Volksgenossin‘ insbesondere mittels Lagererziehung – ein Ansatz, der auch bei einer Reihe von Berufsgruppen wie Juristinnen und Juristen oder Lehrerinnen und Lehrern und damit nicht nur bei Heranwachsenden praktiziert wurde.32
[20]
Dass sich Ziemann mit Luhmann im Übrigen schwertut, für das Erziehungssystem ein Erfolgsmedium und dementsprechend eine Leitcodierung zu definieren, ändert nichts daran, dass seine Überlegungen im Hinblick auf die funktionale Bedeutung insbesondere der schulischen Erziehung für die Gesamtgesellschaft überzeugen können.33 Zu überlegen wäre, ob eingedenk dieser Ergebnisse nicht der Aspekt der fachlichen Anschlussverwendung über die Vergabe von Bildungszertifikaten als Erfolgsmedium angenommen werden kann; verbunden mit der Codierung „versetzt/nicht versetzt“ oder auch „Schulabschluss/kein Schulabschluss“.
[21]
Ähnlich verhält es sich mit Blick auf das Rechtssystem. Hier geht Ziemann von der klassischen Analyse Ernst Fraenkels aus, der das NS-System als „Doppelstaat“ skizziert hat. Dieser habe sich aus je einem parallel existierenden Normen- und Maßnahmenstaat zusammengesetzt. Systemtheoretisch gewendet meint dies: Weil das Rechtssystem in seiner bewährten Form mit der Codierung Recht/Unrecht beziehungsweise legal/illegal im Hinblick auf seine Leistungserbringung für andere Teilsysteme unverzichtbar war, etablierte sich eine maßnahmenstaatliche, ohne strukturelle Kopplung mit dem klassischen Rechtssystem aus der staatlichen Exekutive heraus operierende Struktur, deren Wirkungsweise Ziemann anhand des von ihm schon an anderer Stelle eingehend analysierten Gerichtsverfahrens gegen Martin Niemöller illustriert.34 Nachdem Niemöller vom Rechtssystem aus Sicht des politischen Herrschaftssystems nicht hinreichend sanktioniert worden war, war sein Fall in rechtssystematischer Hinsicht zwar ausgeurteilt und Niemöller mithin dem Zugriff der Justiz entzogen, nicht aber den Sanktionsinstrumenten des Maßnahmenstaates, der ihn unmittelbar nach dem Verfahren in Haft nehmen und bis Kriegsende in ein Konzentrationslager verbringen ließ.
[22]
Und schließlich lässt sich, wie Ziemann nachweist, auch die Entwicklung des Mediensystems im Nationalsozialismus mit den begrifflichen Instrumenten der Theorie funktional differenzierter Gesellschaften stimmig erfassen und beschreiben. In diesem Sinne wird die weitgehende Entpolitisierung der medialen Inhalte und das entsprechende Umschwenken der Medien auf Unterhaltung während der Jahre der NS-Herrschaft als zwangsläufige Folge der eigengesetzlichen Spielregeln der Medien als operativ geschlossenes gesellschaftliches Teilsystem erklärbar. So war es dem Regime zwar grundsätzlich möglich, die medialen Inhalte zu beeinflussen, doch fehlte es – damals wie heute – an einer validen Möglichkeit, eine Rezeption der dargebotenen Inhalte zu erzwingen. Um dem erkennbar werdenden Rückgang des Publikumsinteresses zu begegnen, folgte eine neue inhaltliche Schwerpunktsetzung, die im Sinne eines konkreten Verständnisses des Prinzips struktureller Kopplung gemäß der Logik des Luhmann‘schen Gesellschaftsmodells noch plausibler erscheint, wenn man ergänzend mitbedenkt, dass sich die Institution, der im NS-Staats im Wesentlichen die Aufsicht der Medieninhalte oblag, aus den von der Hörerschaft zu bezahlenden Rundfunkgebühren finanzierte.35
[23]
Mit diesen jeweils kurzen, sektoral begrenzten Operationalisierungen einer Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus aus der Perspektive ihrer funktionalen Differenzierung wird deutlich, welchen Gewinn ein solcher Ansatz im Rahmen späterer Ausarbeitungen zu liefern verspricht. Erstens: Anders als bei Erklärungsmodellen, die jeweils vom impliziten Primat eines bestimmten gesellschaftlichen Teilsystems – sei es Politik, Wirtschaft oder Recht – ausgehen, lässt sich mit einer an Luhmann geschulten Gesellschaftstheorie funktionaler Differenzierung eine historische Gesellschaft auf Basis ihrer Teilsysteme zumindest im Grundsatz vollständig erfassen.
[24]
Zweitens gibt die Theorie funktionaler Differenzierung der Geschichtswissenschaft brauchbare Instrumente an die Hand, um die Wirkungsweisen insbesondere des politischen Systems, das heißt von Herrschaft mit ihrem Erfolgsmedium „Macht“ insofern angemessen zu beschreiben, als sich die Prozesse der strukturellen Kopplung, der versuchten Überformung von Teilsystemen oder deren systemisch-funktionale Ergänzungen, also die Bemühungen um politische Steuerung von Gesellschaft im NS, nun (endlich) jenseits eines im Grunde zirkelschlüssigen Verweises auf den diktatorischen Charakter dieser Maßnahmen erfassen lassen. Bisher beschränkte sich historische Forschung teils darauf, den empirischen Nachweis zu erbringen, dass eine offenkundige Diktatur ihre Ziele mit diktatorischen Mitteln zu erreichen suchte.
[25]
Drittens zeigt Ziemann auf, wie sich die vorrangig makrosoziologische Gesellschaftstheorie Luhmanns konzeptionell erweitern ließe, um den erwartbaren Vorwurf zu vermeiden, eine dezentrierte Gesellschaftsgeschichte bliebe ob ihres strukturfunktionalistischen Ansatzes notwendigerweise menschenleer: Konkret rekurriert er an mehreren Stellen in seiner Darstellung auf die soziologische Rollentheorie, die auf der komplementär zur Strukturebene differenzierter Gesellschaften im Grunde stets mitzudenkenden Handlungsebene angesiedelt ist. Indem der NS-Staat bestehende gesellschaftliche Teilsysteme hinsichtlich ihrer funktionalen Eigengesetzlichkeiten zu reprogrammieren versuchte, schuf er zugleich neue Anforderungen an den Modus Operandi von Individuen im Rahmen von Handlungs- oder Publikumsrollen in den jeweiligen Teilsystemen. Weil bestimmte Rollenbilder nicht nur entsprechend der Funktionserwartungen des jeweiligen Systems, mit dem die Rolle beziehungsweise ihre Inhaberin oder ihr Inhaber in Beziehung standen, ausgestaltet waren, sondern zudem gemäß den ideologischen Prämissen des NS-Regimes angelegt wurden, reproduzierte sich die auf die Selbstbeschreibungsformel von der ‚Volksgemeinschaft‘ gebrachte NS-Gesellschaft nicht nur auf der strukturellen Ebene ihrer Teilsysteme selbst, indem diese fortwährend für das Gesamtgefüge relevanten, weil kommunikativ anschlussfähigen Output produzierte, sondern auch auf der akteursbezogenen Handlungsebene, wo die Akzeptanz volksgemeinschaftlicher Werte und Normen gewissermaßen interaktiv eingeübt wurde.36 So erweitert, erweist sich die gewählte Perspektive auch in der Lage, die bisher oft beklagte Dichotomie von Struktur- und Handlungsebene in historischen Analysen insoweit aufzulösen, als beide konzeptionell zu ihrem Recht kämen.37 Das gilt ausdrücklich auch für den zwischenzeitlich insbesondere im Bereich der Frühen Neuzeit und teils auch in der Zeitgeschichte angewandten praxeologischen Ansatz, der für sich selbst zwar grundsätzlich postuliert, der Manifestation von Gesellschaftsordnungen durch die Untersuchung kleinräumiger, sozialer Interaktion nachzuspüren, dabei jedoch in der Regel vor allem der Exemplifizierung makrotheoretischer Grundannahmen dient.38 Im Übrigen bestehen gerade aus systemtheoretischer Perspektive letztlich keine operativen Inkompatibilitäten zwischen Handlungs- und Systemtheorie.39
[26]
Indem auf diese Weise epochenübergreifende begriffliche Instrumente bereitliegen, um eine integrierte Gesellschaftsgeschichte Deutschlands über die politischen Zäsuren der letzten 150 Jahre hinweg vorlegen zu können, ist mit Kritik zu rechnen, wonach mit einer stärkeren Reintegration des NS-Regimes in die deutsche Geschichte bewusst oder unbewusst eine Relativierung der negativen Singularität des NS einherginge. Dem wäre viertens – gewissermaßen präventiv – entgegenzuhalten, dass es eingedenk der Sicht der gegenwärtig nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen des ideologischen Westens mehr oder minder deutlich formulierten Herausforderung oder gar Infragestellung der liberal-demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung durchaus geboten ist40, die strukturelle Gleichförmigkeit von NS- und Gegenwartsgesellschaft herauszuarbeiten – und zwar nicht, um den NS zu relativieren, sondern um vielmehr dafür zu sensibilisieren, dass die demokratische Verfasstheit einer Gesellschaft nicht selbstverständlich oder gar irreversibel ist.41 Ihn aus seiner historiografischen Insellage herauszulösen, heißt insofern nicht, den Nationalsozialismus zu relativieren, sondern bedeutet im Gegenteil, das von ihm weiterhin – man könnte auch sagen: wieder – ausgehende Gefährdungspotenzial angemessen ernst zu nehmen.42
[27]
Zum Abschluss dieser Überlegungen gilt es bei aller grundsätzlichen Zustimmung zu dem von Benjamin Ziemann unterbreiteten Deutungsvorschlag jedoch auch eine Reihe kritischer Punkte anzumerken beziehungsweise Anforderungen für die noch zu schreibende deutsche Gesellschaftsgeschichte Luhmann‘scher Diktion zu definieren.
[28]
So müsste eine solche Ausarbeitung insbesondere auf den Aspekt der spezifischen Standortbindung der Luhmann‘schen Systemtheorie im Kontext der verbissen geführten Diskussion der 1970er Jahre eingehen, ob es sich bei den seinerzeit allgemein konzedierten politischen Steuerungsproblemen um einen Ausdruck von „Staatsversagen“ und „Unregierbarkeit“ oder aber um „Legitimitätsprobleme im Spätkapitalismus“ (Habermas) gehandelt habe.43
[29]
In diesem Zusammenhang wäre auch der Frage der Teleologie eines solchen Ansatzes vertiefter nachzugehen: So sah sich die in der Tradition Talcott Parsons stehende und daher modernisierungstheoretisch inspirierte klassische Gesellschaftsgeschichte ebenso mit dem Vorbehalt konfrontiert wie auch die Systemtheorie selbst. Dagegen mag man einwenden, dass die Modernisierungstheorie inzwischen nachhaltig als ideologisches Produkt des Kalten Kriegs delegitimiert wurde und auch für die Systemtheorie eine klare Zielgerichtetheit bestritten wird, weil die Art und Weise, mit welcher der stete Prozess der Autopoiesis der gesellschaftlichen Teilsysteme zwar grundsätzliche Anschlussfähigkeit in Richtung Zukunft garantiert, jedoch diese Entwicklung keine zielgerichtete ist.44
[30]
Allerdings kehrt das Problem der Teleologie aufgrund disziplinär-perspektivischer Umstände wieder auf die Tagesordnung zurück. Denn weil das Erkenntnisinteresse der Gesellschaftsgeschichte sich nicht zuletzt aus dem Ansinnen speist, die jeweilige Gegenwart im Modus ihrer historischen Gewordenheit zu verstehen45, bedarf es besonderer darstellerischer Sensibilität, um dem Eindruck einer gegebenenfalls auch nur unbeabsichtigt narrativ konstruierten planvollen oder gar determinierten Entwicklung entgegenzuwirken.
[31]
Ferner bleibt es eine dringend gebotene Aufgabe, den Begriff der Moderne im Kontext einer systemtheoretisch konzeptionell erweiterten Gesellschaftsgeschichte verbindlich zu definieren. Bisher scheint nicht abschließend klar zu sein, ob ihm eine normative Bedeutung zukommen soll oder ob es sich um einen reinen Epochenbegriff handelt. Zu viele Köche haben sich zwischenzeitlich an diesem Brei versucht, als dass sich darüber kommentarlos hinweggehen ließe in der Hoffnung, er sei noch nicht verdorben und insofern weiter unbefangen und unzureichend reflektiert zu genießen.46
[32]
Schlussendlich ist festzuhalten, dass zumindest Ziemanns Kapitel über die insbesondere bildsprachlich verstandene Codierung der neuen sozialen Bewegungen in der alten Bundesrepublik als soziale Systeme nicht durchgängig zu überzeugen vermag. Zwar ist dem Befund, dass sich die Zurechnung zum System etwa der Friedensbewegung beziehungsweise dessen Abgrenzung von seiner gesellschaftlichen Umwelt vermittels kommunikativer Topoi vollzog, durchaus zuzustimmen.47 Eine solche Perspektive führt jedoch dazu, wie Ziemann selbst zutreffend beschreibt, dass man das thematisch in sich ebenfalls deutlich differenzierte alternative Milieu48 mittels divergierender Codierungen etwa von Friedens-, Frauen-, Naturschutz- oder schließlich Anti-Atom-Bewegung zwar hinsichtlich seiner internen Funktionslogiken zu fassen bekommt, in diesem Fall jedoch die Schnittstellen zu anderen gesellschaftlichen Teilsystemen, also die strukturellen Kopplungen im Sinne der Systemtheorie, weniger gut beleuchtet worden sind.49
[33]
Hier erscheint für eine weitere Ausarbeitung einer systemtheoretisch inspirierten Gesellschaftsgeschichte etwa lohnend zu untersuchen, inwieweit die Resonanz der neuen sozialen Bewegungen im Mediensystem sowie in den Systemen von Verwaltung und Politik ausfiel beziehungsweise wie sich diese Systeme dazu gezwungen sahen, Anpassungsmaßnahmen vorzunehmen, um (wieder) kommunikative Anschlussfähigkeit herzustellen, also strukturelle Kopplung in systemtheoretischem Sinne zu ermöglichen. Allerdings kann diese eine, weniger schlüssig ausgearbeitete Passage den insgesamt absolut überzeugenden Gesamteindruck des Buchs nicht schmälern; insbesondere dann nicht, wenn man sich den Charakter des Bandes als Werkstattbericht nochmals vor Augen führt.
[34]
Zusammenfassend ist insofern festzustellen: Die Erfüllung der hier dargelegten Anforderungen und die Adressierung der Kritikpunkte vorausgesetzt, besteht die berechtigte Hoffnung, dass eine in der von Ziemann angeregten Form vollzogene Erweiterung der traditionellen Gesellschaftsgeschichte relevante neue Erkenntnisse und Perspektiven zum besseren Verständnis der Geschichte der deutschen Gesellschaft mindestens der vergangenen 150 Jahre beizusteuern vermag. Dass der klassische nationalgeschichtliche Analyserahmen hierbei gewissermaßen ungebrochen fortgeschrieben wird, ist dabei kein bewusster Ausdruck von Ignoranz gegenüber der zuletzt immer relevanter gewordenen globalhistorischen Perspektiverweiterung der Geschichtswissenschaft50, sondern es handelt sich vielmehr um eine Art Pfadabhängigkeit: Denn weil auch die klassische Gesellschaftsgeschichte dem Primat der Politik folgend bewusst im nationalstaatlichen Rahmen operierte, um die auf den Begriff des „Sonderwegs“ gebrachten Volten der deutschen Geschichte insbesondere des 20. Jahrhunderts zu erklären, liegt nahe, dass sich auch die systemtheoretisch transformierte Gesellschaftsgeschichte aus Gründen der Vergleichbarkeit ihrer Ergebnisse zunächst auf diesem Feld beweisen muss. Davon unbenommen ist, dass auch Luhmanns Systemtheorie – theoretisch – Bausteine für eine historische Theorie von Weltgesellschaft liefert.51
[35]
Doch selbst wenn am Ende nicht alle hier formulierten Erwartungen eingelöst würden, bleibt der von Ziemann gewählte Zugang insbesondere im direkten Vergleich mit anderen, mitunter auf den Begriff des Postkonstruktivismus gebrachten Anregungen für eine methodologisch-perspektivische Weiterung des Fachs ein maßgeblicher Fortschritt.52 Denn eine systemtheoretisch erweiterte Gesellschaftsgeschichte wäre – zumindest in der Theorie – in der Lage, die gemeinhin mit der Postmoderne assoziierte methodologisch-perspektivische Fraktionierung der Geschichte zu überwinden. Zwar hat auch Luhmann scheinbar Jean-François Lyotards Befund von der „Skepsis gegenüber den Metaerzählungen“53 ausdrücklich bestätigt: „Es gibt keinen métarécit, weil es keinen externen Beobachter gibt.“54 Doch dies geschah aufgrund der inhärenten Logik der Systemtheorie: Weil soziale Beziehungen in (modernen) Gesellschaften letztlich in – mal weniger, mal mehr – komplexen (Teil-)Systemen von Gesellschaft aufgehen, sind die Systemtheorie und ihre Prämissen zumindest gemäß dem eigenen Selbstverständnis gesellschaftstheoretisch unhintergehbar.55 Damit aber sind wenigstens in der Theorie alle perspektivischen Varianten gerade auch beim Blick auf gesellschaftliche Figurationen im Status ihrer Gewordenheit aus systemischen Entwicklungen ableitbar beziehungsweise theoretisch in diese integrierbar. Gemäß Luhmann handelt es sich dabei allerdings stets um Selbstbeobachtungen, eben weil es kein Beobachterpositionierung außerhalb von Gesellschaft geben kann. Man könnte insofern sagen, dass seine Systemtheorie den Anspruch epistemologischer Totalität erhebt, ohne im philosophischen Sinne ontologisch zu sein.56
[36]
Damit aber scheint aus Sicht der Geschichtswissenschaft (wieder) eine gemeinsame Klammer gefunden, die künftig ein weniger konflikthaftes, entspannteres Miteinander der disparaten historiografischen Perspektiven auf Vergangenheit ermöglichen könnte. Schließlich wäre so besehen einerseits die in den „postmodernen“ Selbstvergewisserungskonflikten der zurückliegenden bald mehr als vier Jahrzehnten stets implizit mitschwingende Frage der theoretisch-methodologischen Prärogative abgeräumt und somit eine wesentliche Konfliktursache beseitigt.57 Und andererseits ließen sich inhaltlich über eine gemeinsame systemtheoretische Referenz auch disparate Forschungsperspektiven und -ergebnisse leichter als bisher zueinander in Beziehung setzen.
[37]
Es bedarf keiner prophetischen Gabe, vorherzusagen, dass all dies in der Theorie einfacher klingt als es sich in der Praxis erweisen wird. Jedoch allein diesen Weg versuchsweise zu beschreiten, verspricht lohnende neue Erkenntnisse durch einen bewussten Ausbruch aus lange manifestierten disziplinarischen Konfliktstrukturen.
[38]
Offen bleibt ferner die Frage, ob eine solche historiografische Operationalisierung der Systemtheorie womöglich auch Impulse für die fachsoziologischen Debatten um deren Weiterentwicklung in der Spielart Luhmanns zu geben vermag: Was bislang als rezeptive Einbahnstraße beschrieben wurde, muss schließlich nicht zwingend auf Dauer eine solche bleiben.58
Besprochene Literatur:
| Ziemann, Benjamin: Gesellschaft ohne Zentrum. Deutschland in der differenzierten Moderne, 335 S., Reclam, Ditzingen 2024. |
Endnotes
- Exemplarisch Burke, Peter: Soziologie und Geschichte, Junius, Hamburg 1989; Mergel, Thomas: Geschichte und Soziologie, in: Goertz, Hans-Jürgen (Hrsg.): Geschichte. Ein Grundkurs, Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 32007, S. 688–717; Welskopp, Thomas: Irritating Flirtations. Reflections on the Relationship Between History and Sociology since the 1970s, in: InterDisciplines. Journal of History and Sociology 1 (2010), H. 1, S. 9–42 sowie jüngst aus soziologischer Perspektive: Knöbl, Wolfgang: Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Sozialtheorie, Suhrkamp, Berlin 2022. ⮭
- Vgl. Graf, Rüdiger/Priemel, Kim Christian: Zeitgeschichte in der Welt der Sozialwissenschaften. Legitimität und Originalität einer Disziplin, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 59 (2011), H. 4, S. 479–508, bes. S. 481: „ Da die sozialwissenschaftliche Theoriebildung des 20. Jahrhunderts eben jene Phänomene erfassen sollte, die in die Zuständigkeit der Zeitgeschichte fallen, sie zugleich aber noch immer in wesentlichen Teilen unsere eigene Weltaneignung prägt, nähert sich der Zeithistoriker seinem Untersuchungszeitraum oft mit den historisch kontingenten Methoden der Sozialwissenschaftler, ohne deren Bedingtheit ausreichend zu reflektieren.“ ⮭
- Vgl. die programmatischen Selbstbeschreibunge n der wohl namhaftesten Vertreter dieser Fachrichtung v. Wehler, Hans-Ulrich: Sozialgeschichte und Gesellschaftsgeschichte, in: Schieder, Wolfgang/Sellin, Volker (Hrs g.): Sozialgeschichte in Deutschland. Entwicklungen und Perspektiven im internationalen Zusammenhang. Bd. 1: Die Sozialgeschichte innerhalb der Geschichtswissenschaft, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1986, S. 33–52; Kocka, Jürgen: Sozialgeschichte. Begriff – Entwicklung – Probleme, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 21986, bes. S. 48–111; Kroll, Thomas: Sozialgeschichte, in: Cornelißen, Christoph (Hrsg.): Geschichtswissenschaften. Eine Einführung, Fischer, Frankfurt a. M. 2000, S. 149–161; Mooser, Josef: Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Historische Sozialwissenschaft, Gesellschaftsgeschichte, in: Goertz (Hrsg.): Geschichte (wie Anm. 1), S. 568–591; Welskopp, Thomas: Westbindung auf dem „Sonderweg“. Die deutsche Sozialgeschichte vom Appendix der Wirtschaftsgeschichte zur Historischen Sozialwissenschaft, in: Küttler, Wolfgang/Rüsen, Jörn/Schulin, Ernst (Hrsg.): Geschichtsdiskurs. Bd. 5: Globale Konflikte, Erinnerungsarbeit und Neuorientierungen seit 1945, Fischer, Frankfurt a. M. 1999, S. 191–237. ⮭
- Siehe Nathaus, Klaus, Sozialgeschichte und Historische Sozialwissenschaft, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 24.09.2012, DOI: https://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.268.v1 [Zugriff: 30.1.2025]. ⮭
- Jaeger, Friedrich/Rüsen, Jörn: Geschichte des Historismus. Eine Einführung, Beck, München 1992, S. 181–185, bes. S. 183. ⮭
- Dazu jüngst Brühlmeier, Daniel: Das „stahlharte Gehäuse“. Zwei Beobachtungen zu Max Webers berühmter Metapher, in: Berliner Journal für Soziologie 34 (2024), H. 1, S. 129–144. ⮭
- Wehler, Hans-Ulrich: Die Herausforderung der Kulturgeschichte, Beck, München 1998 sowie Nolte, Paul: Hans-Ulrich Wehler. Historiker und Zeitgenosse, Beck, München 2015, S. 132–148. Wehler: Sozialgeschichte (wie Anm. 3), S. 42 hatte schon mehr als ein Jahrzehnt zuvor apodiktisch konstatiert, dass allein ein an Max Weber anknüpfender sozialtheoretischer Zugriff geeignet sei. S. ferner die wesentliche Debatten dokumentierende Anthologie von Hitzer, Bettina/Welskopp, Thomas (Hrsg.): Die Bielefelder Sozialgeschichte. Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen, transcript, Bielefeld 2010. ⮭
- Vgl. die Beiträge in Mergel, Thomas/Welskopp, Thomas (Hrsg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriedebatte, Beck, München 1997 sowie Welskopp, Thomas: Die Sozialgeschichte der Väter. Grenzen und Perspektiven der Historischen Sozialwissenschaft, in: Geschichte und Gesellschaft 24 (1998), H. 2 , S. 173–198. ⮭
- Ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Ziemann, Benjamin: Sozialgeschichte jenseits des Produktionsparadigmas. Überlegungen zu Geschichte und Perspektiven eines Forschungsfeldes, in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen 28 (2003), S. 5–35; ders.: Überlegungen zur Form der Gesellschaftsgeschichte angesichts des „cultural turn“, in: Archiv für Sozialgeschichte 43 (2003), S. 600–616; ders.: Sozialgeschichte, Geschlechtergeschichte, Gesellschaftsgeschichte, in: Dülmen, Richard van (Hrsg.): Fischer Lexikon Geschichte, Fischer, Frankfurt a. M. 2003, S. 84–105; ders.: „Im Hexenkessel“ oder das Differenzierungsproblem der Gesellschaftsgeschichte, in: Zeithistorische Forschungen 1 (2004), H. 1, S. 106–110; ders.: Die Soziologie der Gesellschaft. Selbstverständnis, Traditionen und Wirkungen einer Disziplin, in: Neue Politische Literatur 50 (2005), H. 1, S. 43–67; ders.: The Theory of Functional Differentiation and the History of Modern Society. Reflections on the Reception of Systems Theory in Recent Historiography, in: Soziale Systeme 13 (2007), H. 1/2, S. 220–229; ders.: Das Kaiserreich als Epoche der Polykontexturalität, in: Müller, Sven Oliver/Torp, Cornelius (Hrsg.): Das Deutsche Kaiserreich in der Kontroverse, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, S. 51–65; ders.: Die Metaphorik des Sozialen. Soziologische Selbstbeschreibungen westeuropäischer Gesellschaften im 20. Jahrhundert, in: Raphael, Lutz (Hrsg.): Theorien und Experimente der Moderne. Europas Gesellschaften im 20. Jahrhundert, Böhlau, Köln u. a. 2012, S. 193–227; ders.: Sozialgeschichte und Empirische Sozialforschung. Überlegungen zum Kontext und zum Ende einer Romanze, in: Maeder, Pascal/Lüthi, Barbara/Mergel, Thomas (Hrsg.): Wozu noch Sozialgeschichte? Eine Disziplin im Umbruch, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, S. 131–149; ders.: Gesellschaftswandel und Modernisierung, 1800–2000. Zur Einführung, in: Archiv für Sozialgeschichte 57 (2017), S. 3–20. ⮭
- Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 1: Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära 1700–1815, Beck, München 3 1996; ders.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen Deutschen Doppelrevolution 1815–1845/49, Beck, München 31996; ders.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3: Von der Deutschen Doppelrevolution bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849–1914, Beck, München 1995; ders.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949, München 2003; ders.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 5: Bundesrepublik und DDR 1949–1990, München 2008 sowie Nolte: Wehler (wie Anm. 7), S. 87–104. ⮭
- Ziemann: Sozialgeschichte (wie Anm. 9), S. 95; ders.: Überlegungen (wie Anm. 9), S. 602. Zuletzt hat Jürgen Kocka: Kampf um die Moderne. Das lange 19. Jahrhundert in Deutschland, Klett-Cotta, Stuttgart 2021, S. 140 mit explizitem Verweis auf Luhmanns „Weiterentwicklung […] der strukturell-funktionalen Theorie“ diese vier Kategorien erneut bekräftigt: „Solche Ausdifferenzierung […] ist von Historikern […] immer wieder bemerkt und erörtert worden: als Ausdifferenzierung von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur“, wobei er in diesem Zusammenhang als fünfte Kategorie „die Schärfung der Unterscheidung von privat und öffentlich“ ergänzt hat. ⮭
- Ziemann : Überlegungen (wie Anm. 9), S. 602. ⮭
- Ebd., S. 606. ⮭
- Ebd., S. 615. ⮭
- Ebd., S. 616; Ziemann: Theory (wie Anm. 9), S. 226 sowie ders.: Kaiserreich (wie Anm. 9), passim. ⮭
- Damit ist gemeint, dass gesellschaftliche Bereiche, die für sich als eigenständiges Teilsystem organisiert sind, aus Sicht anderer Teilsysteme eben kein System an sich, sondern ganz unspezifisch Teil von deren systemischer Umwelt sind – und vice versa. Insofern gibt es durchaus enge Bande zwischen verschiedenen Teilsystemen der modernen Gesellschaft in Form kommunikativer Kopplung, doch die einzelnen Teilsysteme folgen dabei für sich jeweils eigenen Operationslogiken. Vgl. Luhmann, Niklas : Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1987, S. 242–285. ⮭
- Vgl. Schimank, Uwe: Gesellschaftsgeschichte à la Luhmann. Rezension zu „Gesellschaft ohne Zentrum. Deutschland in der differenzierten Moderne“ von Benjamin Ziemann v. 22.1.2025, URL:https://www.soziopolis.de/gesellschaftsgeschichte-a-la-luhmann.html [Zugriff: 1 7.11.2025]. ⮭
- Vgl. im Gegensatz dazu die geradezu euphorische Besprechung des Bandes von Pyta, Wolfram: Rezension zu: Benjamin Ziemann, Gesellschaft ohne Zentrum. Deutschland in der differenzierten Moderne. Ditzingen, Reclam 2024, in: Historische Zeitschrift 321 (2025), H. 2 , S. 509–511. ⮭
- So aus historiografischer Perspektive: Osterhammel, Jürgen: Trigger Warnings. Über Wolfgang Knöbels „Die Soziologie vor der Geschichte. Zur Kritik der Sozialtheorie“, in: Geschichte und Gesellschaft 49 (2023), H. 3, S. 498–512, hier S. 503. ⮭
- Ebd., S. 502. ⮭
- Ziemann: Überlegungen, (wie Anm. 9), S. 603: „Theorien sind als empirieferne Beschreibungssprachen zu verstehen […]“. Ferner Kieserling, André: Soziologische Fachsprache. Terminologie oder Jargon?, in: ders.: Selbstbeschreibung und Fremdbeschreibung. Beiträge zur Soziologie soziologischen Wissens, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2004, S. 291–299. ⮭
- Vgl. Graf/Priemel: Zeitgeschichte (wie Anm. 2). ⮭
- Kritisch dazu bereits Nippel, Wilfried: Charisma und Herrschaft, in: ders. (H rsg.): Virtuosen der Macht. Herrschaft und Charisma von Perikles bis Mao, Beck, München 2000, S. 7–22 sowie spezifisch auf den Kontext des NS bezogen Herbst, Ludolf: Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias, Fischer, Frankfurt a. M. 2011, bes. S. 15–44. Exemplarisch Hachtmann, Rüdiger: „Charismatische Herrschaft“ und der Nationalsozialismus, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 02.04.2019, DOI: https://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok-1351 [Zugriff: 29.01.2025 ]. Grundsätzlich zur Frage der Relationalität von Komplexität des Untersuchungsgegenstands und der zu seiner Erklärung herangezogenen Theorie auch Levi, Giovanni: The Origins of the Modern State and the Microhistorical Perspective, in: Schlumbohm, Jürgen (Hrsg.): Mikrogeschichte – Makrogeschichte. Komplementär oder inkommensurabel?, Wallstein, Göttingen 22000, S. 53–82: „Because reality is, by definition, more complex than any system devised to describe it, the question arises as to what the legitimate level of simplification is” (S. 53). ⮭
- Als Referenz Luhmann: Soziale Systeme (wie Anm. 16). ⮭
- Bezogen auf das konkrete Beispiel der Ausdifferenzierung des Mediensystems meint das eine Duplizierung der realen Welt durch ihre mediale Repräsentation in der Presse: Weil das Mediensystem aber zugleich ökonomischen Zwecken diente, orientierte sich die Art und Weise der medialen Selbstbeobachtung der Gesellschaft des Kaiserreichs eng an den Rezeptionserwartungen und den Geschmäckern der gesellschaftlichen Mehrheit. Indem deshalb etwa in zunehmender Breite vermeintliche und tatsächliche politische Skandale thematisiert wurden, sah sich wiederum das politische System genötigt, darauf zu reagieren – und sich als Politik zunehmend selbst im Spiegel der medialen Berichterstattung zu beobachten und den eigenen Modus Operandi daran auszurichten. Es entwickelte sich also sukzessive eine systemische Kopplung zweier nominell getrennter, weil in sich nach eigenen Operationslogiken handelnden gesellschaftlichen Teilsystemen. Vgl. Ziemann: Gesellschaft ohne Zentrum, S. 23–27. ⮭
- Vgl. dazu jüngst die konzise Zusammenfassung von Hasinger, Günther: Geschichte des Universums, Beck, München 2025, S. 56 ff. ⮭
- Vgl. Conrad, Christoph/Kessel, Martina: Geschichte ohne Zentrum, in: dies (Hrsg.): Geschichte schreiben in der Postmoderne. Beiträge zur aktuellen Diskussion, Reclam, Stuttgart 1994, S. 9–36, hier S. 10, die Postmoderne im historiografischen Sinne definieren als „Unmöglichkeit, geschlossene Aussagen über Gegenwart und Vergangenheit zu machen.“ Dass Conrad/Kessel und Ziemann sich im Übrigen der Metapher der De-Zentriertheit bedienen, bedeutet keinen argumentativen oder perspektivischen Gleichklang: Während die „Geschichte ohne Zentrum“ als Folge von Methoden-, Theorien- und Perspektivenpluralismus erscheint, ist die „Gesellschaft ohne Zentrum“ Ergebnis einer sozialtheoretisch grundierten Reflexion über die Wesenheit von Gesellschaft an sich. ⮭
- Als Bilanz der Debatte vgl. Aschmann, Birgit/Wienfort, Monika (Hrsg.): Zwischen Licht und Schatten. Das Kaiserreich (1871–1914) und seine neuen Kontroversen, Campus, Frankfurt a. M./New York 2022. ⮭
- Bloch, Ernst: Erbschaft dieser Zeit, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1985 (orig. 1935), S. 111–126. Zu Blochs „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ vgl. auch die Meta-Kritik von Knöbl: Soziologie (wie Anm. 1), S. 121 ff. ⮭
- Ziemann, Benjamin: Katholische Kirche und Sozialwissenschaften 1945–1975, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007. ⮭
- Zur instrumentellen Bedeutung wissenschaftlicher Begriffe vgl. Kieserling: Soziologische Fachsprache (wie Anm. 21) . ⮭
- Kraas, Andreas: Lehrerlager 1932–1945. Politische Funktion und politische Gestaltung, Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2004. ⮭
- Künftig dazu dann auch eine weitere Publikation aus Luhmanns Nachlass: Luhmann, Niklas: Erziehung. Funktion und System, hrsg. v. Christoph Gesigora/Johannes F. K. Schmidt/André Kieserling, Berlin 2026 (i. Ersch.). ⮭
- Vgl. Ziemann, Benjamin: Der Prozess gegen Martin Niemöller vor dem Berliner Sondergericht 1938, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 66 (2018), H. 4, S. 299–317; ders.: Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition, DVA, München 2019, S. 287–309. ⮭
- M ühlenfeld, Daniel: Joseph Goebbels und die Grundlagen der NS-Rundfunkpolitik, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 54 (2006), H. 5, S. 442–467. ⮭
- Mühlenfeld, Daniel: Die Vergesellschaftung von „Volksgemeinschaft “ in der sozialen Interaktion. Handlungs- und rollentheoretische Überlegungen zu einer Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61 (2013), H. 10, S. 826–846. ⮭
- Exemplarisch Welskopp, Thomas: Der Mensch und die Verhältnisse. „Handeln“ und „Struktur“ bei Max Weber und Anthony Giddens, in: ders./Mergel, Thomas (Hrsg.): Geschichte zwischen Kultur und Gesellschaft. Beiträge zur Theoriediskussion, Beck, München 1997, S. 39–70. ⮭
- So warfen zuletzt auch Mergel, Thomas/Reichardt, Sven: Praxeologie in der Geschichtswissenschaft. Eine Zwischenbetrachtung, in: Albert, Gleb J./Siemens, Daniel/Wolff, Frank (Hrsg.): Entbehrung und Erfüllung. Praktiken von Arbeit, Körper und Konsum in der Geschichte moderner Gesellschaften, Dietz Nachf., Bonn 2021, S. 79–102, die Frage auf, „ob und wie mit einer Analyse sozialer Praxen Geschichte als Gesellschaftsgeschichte geschrieben werden kann. Die zahlreichen Wirklichkeiten der Vielen sind eben vielschichtig und -fältig. Kommen wir durch die Untersuchung konkreter Alltagspraktiken, symbolisch geladener Erfahrungsdimensionen, durch das Studium von Performanzen und Materialitäten der Funktionsweise der Gesellschaft auf die Spur – und zwar durchaus auch im Sinne von Gesellschaft als Vergesellschaftung? Denn dann müsste man ja in anderen Gesellschaften empirisch auffindbare andere Praxen vermuten, mehr noch, man müsste argumentieren können, dass diese anderen Praxen gesellschaftskonstitutiv waren. Das scheint theoretisch schwierig, und es ist wohl kein Zufall, dass es wenig empirische Forschung gibt, die den Hiatus zwischen Praxis und ‚ganzer‘ Gesellschaft zu überwinden sucht“ (S. 100). ⮭
- Vgl. Luhmann, Niklas: Handlungstheorie und Systemtheorie, in: ders.: Soziologische Aufklärung. Bd. 3: Soziales System, Gesellschaft, Organisation, Westdeutscher Verlag, Opladen 31993, S. 50–66, der den scheinbaren Perspektiv- und Methodenkonflikt mit dem Hinweis aufhebt, dass Handlungs- und Systemtheorie im Grunde nicht unterscheidbar seien: „In der Soziologie geht es zunächst um die Frage, wie soziale Ordnung bei differenter Individualität der an ihr beteiligten Personen überhaupt möglich ist. Die Begriffe Handlung und System instrumentieren Antwortversuche. Dies kann gewiss nicht so geschehen, dass der Begriff Handlung das Individuum, der Begriff System die soziale Ordnung in der Theorie sozusagen vertritt: denn soziale Ordnung kann nicht handlungsfrei, Individualität nicht unsystematisch aufgefasst werden. Man kann also nur ein Theoriearrangement anbieten, das die Art, wie Handlung und System aufeinander bezogen werden, einsetzt, um das Problem der Möglichkeit sozialer Ordnung zu lösen. Und erst die Relation von Handlung und System vermag dann im Kontext der jeweiligen Theorie diese Begriffe zu erklären“ (S. 52). Vgl. ferner Pohlig, Matthias: Vom Besonderen zum Allgemeinen? Die Fallstudie als geschichtstheoretisches Problem, in: Historische Zeitschrift 297 (2013), H. 2, S. 297–319. ⮭
- Als bewusst international angelegter Überblick zuletzt Lewandowsky, Marcel: Die globale Rechte. Geschichte, Erfolgsbedingungen, Auswirkungen, Beck, München 2025. ⮭
- Für eine internationale Gegenwartsperspektive vgl. Applebaum, Anne: Die Verlockung des Autoritären. Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist, Siedler, München 2021 sowie jüngst mit noch stärkerer Zuspitzung Kaplan, Robert D.: Waste Land. A World in Permanent Crisis, Durnell MDL, London 2025, bes. Kap. 1: „Weimar Goes global“ ; zur entsprechenden Perspektive auf die Geschichte des NS in der Weimarer Republik vgl. Siemens, Daniel: Nationalsozialismus, in: Rossol, Nadine/Ziemann, Benjamin (Hrsg.): Aufbruch und Abgründe. Das Handbuch der Weimarer Republik, wbg, Darmstadt 2021, S. 441–464, hier S. 441: „Die Geschichte des Nationalsozialismus in der Weimarer Republik als paradigmatischer Fall einer Aushöhlung und letztlich Abschaffung der Demokratie ist in den letzten Jahren neu in den Blick geraten.“ ⮭
- Das Motiv der Insellage bzw. Verinselung findet sich bereits bei Broszat, Martin: Was heißt Historisierung des Nationalsozialismus?, in: Historische Zeitschrift 247 (1988), S. 1–14, hier S. 4 bzw. noch prominenter bei: ders.: Eine Insel in der Geschichte? Der Historiker in der Spannung zwischen Verstehen und Bewerten der Hitler-Zeit, in: ders.: Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte. Beiträge von Martin Broszat, hrsg. v. Hermann Graml/Klaus-Dietmar Henke, Oldenbourg, München 1987, S. 114–120. ⮭
- Zum Kontext: Metzler, Gabriele: Probleme politischen Handelns im Übergang zur Zweiten Moderne. Krisendiskurse und Neuausrichtung der Institutionen in den 1970er Jahren, in: Beck, Ulrich/Mulsow , Martin (Hrsg.): Vergangenheit und Zukunft der Moderne, Suhrkamp, Berlin 2014, S. 232–272. ⮭
- Zur Modernisierungstheorie vgl. Latham, Michael E.: Modernization as Ideology. American S ocial Science and „Nation B uilding“ in the Kennedy Era, North Carolina UP, Chapel Hill, NC 2000, S. 1–20; Ekbladh, David: The Great American Mission. Modernization and the C onstruction of an American W orld Order, Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2010, S. 153–189 sowie Knöbl, Wolfgang: Die Epoche, die es nicht gab. Wie die Sozialwissenschaften die Moderne erfanden, in: Mittelweg 36 29 (2020), H. 2, S. 47–79. Auf den Zufall als Triebfeder der funktionalen Differenzierung im Gegensatz zur Teleologie verweist ders.: Soziologie (wie Anm. 1), S. 173. ⮭
- Ziemann: Sozialgeschichte (wie Anm. 9 ), S. 105: „Das Projekt einer Gesellschaftsgeschichte hat angesichts des massiven gesellschaftlichen Wandels der Gegenwart jedoch nichts von seiner Relevanz verloren.“ Gleiches gilt mutatis mutandis für Zeitgeschichte – insbesondere für die besonders gegenwartsnah arbeitende; vgl. Graf/Priemel: Zeitgeschichte (wie Anm. 2), S. 488. ⮭
- Exemplarisch Dipper, Christof: Die deutsche Geschichtswissenschaft und die Moderne, in: Internationales Archiv für die Sozialgeschichte der deutschen Literatur 37 (2012), H.1, S. 37–62; ders: Die Epoche der Moderne. Konzeption und Kerngehalt, in: Beck/Mulsow, Vergangenheit (wie Anm. 43), S. 103–181. ⮭
- Vgl. Ziemann: Gesellschaft ohne Zentrum, S. 175. In ähnlicher Weise haben jüngst Amlinger, Carolin/Nachtwey, Oliver: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Suhrkamp, Berlin 2025, S. 278 f. mit Blick auf die im Vergleich mit den neuen sozialen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre weit weniger kohärente und konsolidierte Anhängerschaft des Rechtspopulismus konstatiert, dass ein Modus der performativen Einschreibung in diese Strukturen etwa in der Verwendung bestimmter, mit implizitem Sinn aufgeladener Emojis in der Social-Media-Kommunikation besteht. ⮭
- Als Überblick Reichardt, Sven: Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Suhrkamp, Berlin 22014, bes. S. 38–57. ⮭
- Ziemann: Gesellschaft ohne Zentrum, S. 194–198. ⮭
- Etwa Conrad, Sebastian: Globalgeschichte. Eine Einführung, Beck, München 2013, bes. S. 112–135; Bayly, Christopher A.: Geschichte und Weltgeschichte, in: Rublack, Ulinka (Hrsg.): Die Neue Geschichte. Eine Einführung in 16 Kapiteln, Fischer, Frankfurt a. M. 2013, S. 33–60. Ferner als Umsetzungsbeispiel Osterhammel, Jürgen: Hierarchien und Verknüpfungen. Aspekte einer globalen Sozialgeschichte, in: ders./Conrad, Sebastian (Hrsg.): Geschichte der Welt. Bd. 4: 1750–1870. Wege zur modernen Welt, Beck, München 2016, S. 627–836. ⮭
- Siehe Luhmann, Niklas: Globalization or World society: How to Conceive of Modern Society?, in: International Review of Sociology 7 (1997), H. 1, S. 67–79. Ferner ders.: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 2 Bde., Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1997, Bd. 1, S. 145–171. Zum Topos der Weltgesellschaft aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive vgl. Osterhammel: Hierarchien (wie Anm. 50), S. 688–734. ⮭
- Vgl. Hoeres, Peter: Perspektiven für eine postkonstruktivistische Geschichtswissenschaft, in: Historische Zeitschrift 316 (2023), H. 3, S. 603–628, bes. S. 611 f., dessen vorrangigste Sorge es zu sein scheint, einen nunmehr mittels scheinbar exakter naturwissenschaftlicher Methodologie vermeintlich plausibilisierten Volks- oder wenigstens doch Nationsbegriff durch die Hintertür einer „genetic history“ oder auch Archäogenetik in eine künftige, postkonstruktivistische Historiografie reimportieren zu können. Dabei ist dem euphorisierten Essenzialisten offenbar entgangen, dass die vermeintlich eindeutigen Befunde der Genom-Analysen letztlich auf ethnisch-kulturelle Kategorien verweisen, die für sich betrachtet wiederum Produkte gesellschaftlicher Setzung, vulgo konstruiert sind. ⮭
- Lyotard, Jean-François: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht, hrsg. v. Peter Engelmann, Passagen, Wien 102025: „Bei extremer Vereinfachung hält man die Skepsis gegenüber den Metaerzählungen für ‚postmodern‘“ (S. 24). Im Übrigen hat auch die philosophische Forschung den Relativismus als prägendes Charakteristikum postmodernen Denkens zwischenzeitlich relativiert; vgl. Zorn, Daniel-Pascal: Die Krise des Absoluten. Was die Postmoderne hätte sein können, Klett-Cotta, Stuttgart 2022, S. 555 ff. ⮭
- Luhmann, Niklas: Beobachtungen der Moderne, Westdeutscher Verlag, Opladen 1992, S. 8. ⮭
- Vgl. Luhmann: Soziale Systeme (wie Anm. 16), b es. S. 30–34. ⮭
- Denn auch die Systemtheorie findet im System statt; vgl. Luhmann, Niklas: Systemtheorie der Gesellschaft, hrsg. v. Johannes F. K. Schmidt/André Kieserling, Suhrkamp, Berlin 2017: „Die Klassifizierung eines wissenschaftlichen Unternehmens als Systemtheorie und die Charakterisierung ihrer Gegenstände als Systeme soll und kann nicht besagen, dass aus dem Begriff des Systems alles abgeleitet werden könne, was an der Realität wissenschaftlich […] bemerkenswert sei“ (S. 21). ⮭
- Dazu passt, dass für Luhmann die Postmoderne keine neue Gesellschaftstypologie, sondern allenfalls eine neue Selbstbeschreibungsperspektive moderner Gesellschaften war bzw. ist. Vgl. Luhmann: Gesellschaft der Gesellschaft (wie Anm. 51), Bd. 2, S. 1143. ⮭
- So k onstatierte schon Lenger, Friedrich: „Historische Sozialwissenschaft“: Aufbruch oder Sackgasse?, in: Cornelißen, Christoph (Hrsg.): Geschichtswissenschaft im Geist der Demokratie. Wolfgang J. Mommsen und seine Generation, Akademie, Berlin 2010, S. 115–132: „Es ist jedenfalls eine gute Zeit, um Sozialhistoriker zu sein, auch wenn es in Deutschland nur wenige historische Soziologen gibt, mit denen der nötige Dialog über eine Neufundierung der Sozialgeschichte geführt werden könnte“ (S. 132). ⮭