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Metaphern wie „Geldschleier“ oder „Neutralität des Geldes“ sind feste Bestandteile des öffentlichen Nachdenkens über Währung. Sie entspringen dem neoklassischen Denkstil, der die Wirtschaftswissenschaft in den letzten Jahrzehnten dominierte. Insbesondere dank dieses Denkstils verlor Währung ihre politische Dimension und wurde als „entpolitisiertes Medium der Knappheit“ (S. 15) verstanden.

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Diese Beobachtung bildet den Ausgangspunkt für Stefan Eichs Monografie. Der Autor möchte in seinem Buch zeigen, dass Geld als „eine grundlegende Institution demokratischer Selbstregierung“ (S. 16) zu verstehen ist, es aber derzeit selten schafft, als eine politische Währung wahrgenommen und behandelt zu werden. Eine gewisse Sprachlosigkeit über die politische Dimension des Geldes habe sich herausgebildet, zumal in politiktheoretischen Debatten, die es nun zu beheben gelte. Der Autor möchte dazu einen Beitrag leisten, indem er die politische Dimension des Geldes anhand vergangener Auseinandersetzungen diskutiert und damit die Vorstellung einer Geldneutralität als historisches Artefakt dekonstruiert.

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Diesen Versuch unternimmt er anhand von sechs ideenhistorischen Fallbeispielen, die dem Buch als jeweilige Kapitel seine Struktur geben und einer ausführlichen Einleitung folgen: Zunächst stellt er Aristoteles‘ Überlegungen zur politischen Institution der Währung in der griechischen Polis vor. Der Autor hebt dessen Verständnis von Geld als einer politischen Einrichtung der Reziprozität und Gerechtigkeit hervor. Er verdeutlicht, dass die antike Politiktheorie, auch bei Sokrates und Platon, Geld als zentrale politische Kategorie begriff. Darauf aufbauend zeigt er am nachfolgenden Beispiel John Locke, wie die Entpolitisierung des Geldes in der Frühen Neuzeit ihren theoretischen Anfang nahm. Beeindruckt von den Münzkrisen im England des späten 17. Jahrhunderts, argumentierte Locke für die Politik eines „harten Geldes“, die später auch von Adam Smith aufgegriffen wurde. Geld war hier wesentlicher Pfeiler des gesellschaftlichen Vertrauens, das stabilisierend wirkte. Die gegensätzlichen Ausführungen Johann Gottlieb Fichtes um 1800 fungieren als drittes Fallbeispiel. Unter dem Eindruck der britischen Papiergeldpolitik argumentierte Fichte für den Einsatz einer Fiatwährung in einem geschlossenen Staatswesen, mit dem Ziel, die Autonomie der Staatsbürger zu fördern und damit den Gesellschaftsvertrag zu vollenden.

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Das vierte Kapitel handelt sodann von den geldpolitischen Überlegungen von Karl Marx. Nach dessen Auffassung war Geld mit dem kapitalistischen Produktionssystem aufs engste verbunden, weshalb etwa eine Reform des Geldwesens ohne eine Abschaffung dieses Produktionssystems schlichtweg unmöglich war. Der Autor räumt hier unter Heranziehung der jüngeren Literatur mit dem Vorurteil auf, Marx sei Metallist gewesen. Vielmehr hätte auch Marx gesehen, dass Geld keinen intrinsischen Wert besaß, sondern seinen Wert erst durch seine gesellschaftliche Deutung als Ausdruck von Reichtum erhalten habe. Im fünften Kapitel geht es um die Ausführungen von John Maynard Keynes zur internationalen Währungsordnung, insbesondere gegen den seinerzeit geltenden Goldstandard. Keynes argumentierte dafür, Geld einer bewussten und legitimen Kontrolle zu unterwerfen. Er forderte eine Neudefinition der staatlichen Verantwortlichkeiten im monetären Bereich. Die geldpolitischen Überlegungen seit den 1970er Jahren bilden dann das letzte Fallbeispiel und gewissermaßen den Ausgangspunkt für die These des Autors, Geld und Geldpolitik hätten sich entpolitisiert. Im Mittelpunkt steht die stabilitätsorientierte Geldpolitik Friedrich August von Hayeks und der bundesdeutschen Ordoliberalen, aber auch die politische Philosophie, etwa um Jürgen Habermas, die die Geldpolitik ausklammerte. Beides, so der Autor, habe entscheidend zur Entpolitisierung des Geldes beigetragen. In einem abschließenden Epilog diskutiert er dann, ausgehend von der Finanzkrise 2007/2008, die Zukunft des Geldes und die „Demokratisierung“ desselben.

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Stefan Eichs Werk ist eine spannende Rundreise durch die politische Ideengeschichte des Geldes, in der die verschiedenen Traditionslinien der Geldpolitik vorgestellt werden. Das Buch zeigt auf, welche geldpolitischen Vorstellungen die Entpolitisierung begründeten und welche Alternativerzählungen sich in der reichen Ideengeschichte der Geldpolitik finden lassen. Die einzelnen Fallbeispiele sind sehr gut in den jeweiligen ideen- und politikhistorischen Kontext eingebettet: Sie verbleiben nicht bei den Einzelautoren, die als Ensemble – mit Ausnahme Fichtes – letztlich den ideengeschichtlichen Höhenkamm präsentieren. Vielmehr geben sie einen Einblick in die zeitgenössischen Debatten und binden damit ein breites Spektrum an Autoren ein. Eichs Ausgangsbeobachtung der Entpolitisierung des Geldes ist für das Fachpublikum nicht überraschend, womöglich aber für ein breiteres interessiertes Publikum, dem die Lektüre des Buches zu wünschen ist. Etwas unklar bleibt allerdings, was der Autor mit „Demokratisierung“ denn konkret meint. Seinen Begriff von „Demokratie“ legt er nicht offen. Dies kann jedoch einen Ausgangspunkt bilden, um die Überlegungen dieses lesenswerten Buchs produktiv weiterzudenken.