Einleitung

[1]

Ende Januar 2026 listete die „Forbes Real Time Billionaires List“ Elon Musk mit einem geschätzten Vermögen von fast 750 Milliarden US-Dollar als reichsten Mann der Welt.1 Für eine Einordnung dieser Größe mag es hilfreich sein zu wissen, dass der deutsche Bundeshaushalt im Jahr 2025 bei 502,5 Milliarden Euro (circa 585 Milliarden US-Dollar) lag. Bemerkenswert ist weiterhin die Relation zu Musks Reichtum wenige Jahre zuvor: 2020 besaß er erst 24,6 Milliarden US-Dollar.2 Der schwindelerregende Anstieg seines Vermögens erstaunt gehörig angesichts der zeitgleichen Wachstumsraten des US-amerikanischen Bruttoinlandsprodukts: Dieses lag im Jahr 2020 im negativen Bereich, 2021 betrug der Anstieg 6,1 Prozent und seither pendelt das Wachstum rund um die 2-Prozent-Marke.3 Musks Vermögen indessen ist in dem Zeitraum (unbereinigt) um knapp 3.050 Prozent angestiegen.

[2]

Die Immobilien-, Finanz- und Schuldenkrise ab 2007, die folgende Austeritätspolitik in zahlreichen Ländern mit teilweise extrem einschneidenden Folgen für die Mehrheit der Bevölkerung – zuvorderst in dem von der Krise besonders hart getroffenen Griechenland – sowie ein gleichzeitiges, historisch beispielloses Wachstum des Vermögens Einzelner haben in den letzten 15 Jahren eine umfangreiche intellektuelle Suchbewegung nach einem Verständnis der gegenwärtigen Konfiguration des Kapitalismus hervorgebracht.4 Zum internationalen Verkaufsschlager entwickelte sich Thomas Pikettys „Das Kapital im 21. Jahrhundert“.5 Mit zahlreichen historischen Zahlen versucht Piketty zu belegen, dass eine über dem Wirtschaftswachstum liegende Kapitalrendite (r>g) eine zunehmende und demokratiegefährdende Ungleichheit zwischen Arbeits- und Kapitaleinkommen provoziert, und daher mit einer progressiven globalen Vermögenssteuer und sehr hohen Steuersätzen für Spitzenverdiener korrigiert werden sollte.

Zentrale Thesen der Forschung Martijn Konings

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Während Piketty fortwirkende kapitalistische Grundsätze einmal mehr bestätigt sieht und das Fehlen institutioneller Regelungen kritisiert, steht im Zentrum von Martijn Konings Beiträgen zur Internationalen Politischen Ökonomie die Suche nach den historischen Ursprüngen und institutionellen Stellschrauben, mit denen staatliche Politik gerade im vermeintlich regulierungsarmen Neoliberalismus zu einem Komplizen der (wenigen) Vermögenden und Gegner der (vielen) Unvermögenden wurde. Anders als Piketty sieht Konings in dieser Bewegung weder eine Rückkehr in die Zeiten von Hochfinanz und Geldaristokratie noch einen Mangel an staatlichen Interventionen. Vielmehr postuliert er, dass die Ausweitung spezifischer, staatlicher Geld-, Finanz- und Subventionspolitiken sowohl zu einer engen Verquickung von Staaten – insbesondere der USA – mit internationalen Finanzstrukturen als auch zu einer „strukturellen Neukonfiguration von Ungleichheitsmustern“6 führt. Es scheint dieser Zusammenhang zu sein, der Konings in seinen Arbeiten vor allem umtreibt: Zu verstehen und zu erklären, wie Politik – teilweise durchaus ungewollt – an einer kontinuierlichen Umverteilung von unten nach oben mitwirkt, sich dadurch den Vermögenden immer neue Chancen auftun, während sich das historische Fenster immer weiter schließt, das den Mittel- und unteren Klassen kurzzeitig einen Zugang zu Besitz und Lebenschancen ermöglichte. In „The Bailout State. Why Governments Rescue Banks, Not People“7 beschreibt und erklärt Konings diese Dynamik in Bezug auf die Evolution des US-amerikanischen Staates als finanzstarken Ausfallbürgen für Banken und Vermögende, die als too big to fail eingeschätzt, zeitgleich hingegen vergleichsweise preiswerte Unterstützungsleistungen für breite Bevölkerungsschichten als „zu teuer“ gestrichen werden.

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Das Buch reiht sich als jüngstes seiner Werke in eine ganze Reihe ähnlicher Texte des Verfassers zum Verständnis kapitalistischer Transformationsdynamiken ein, die, mit unterschiedlichem Fokus, folgende zentrale Theoreme ausbuchstabieren:

  • 1. Man kann nur und muss daher die Finanzstrukturen moderner Staaten und auch den Bailout State aus ihrer historischen Genese verstehen.
  • 2. Institutionelle Strukturen, die staatlicherseits in diesem Prozess geschaffen wurden, sind elementar für das Verständnis des gegenwärtigen Kapitalismus und seiner Bedeutung für die Herausbildung einer neuen Struktur der Ungleichheit.
  • 3. Neoliberale Strategien haben den Bailout State nie beschnitten, im Gegenteil.
  • 4. Weil die Linke aber so sehr an die Erzählung glaubte, der Neoliberalismus fordere und protegiere den freien Markt, hat sie den kontinuierlichen Interventionismus des neoliberalen Staates zugunsten der Vermögenden weder gesehen noch verstanden. Der massive Ausbau staatlicher Schutzmechanismen und Subventionen unter der Fahne des Neoliberalismus wurde damit ebenso wie die eigentlichen Triebkräfte der Inflation zum blinden Fleck progressiver Kräfte und zu einem Haupthindernis für eine Gegensteuerung oder, wie Konings es nennt, für eine „Demokratisierung der Ökonomie“.
  • 5. Die Blindheit der Progressiven hat einen wesentlichen Ursprung in einer Erkenntnisschwäche von John Maynard Keynes: Denn weder er noch die Keynesianer haben das eigentliche Funktionieren von Geld je verstanden, weil sie es ausschließlich als Transmissionsriemen für (lokalen) Warentausch interpretierten. Diese lokale Marktperspektive lässt sich aber nicht auf nationales oder gar globales Wirtschaften übertragen, denn das Marktgeschehen ändert seinen grundlegenden Charakter eines zeitlich verzögerten und über Geld vermittelten Warenaustausches, wenn es über die lokalen Märkte hinaustritt. Bei diesem Übertritt verändert Geld seine Funktion und wird Teil eines komplexen Geflechts von Interessen und Transaktionen, das ein ebenso komplexes Netz institutioneller Regelungen erfordert, um die seit den 1970er Jahren bestehende moderne Asset-Ökonomie aufrechtzuerhalten.
  • 6. Unter Assets sind dabei Eigentumstitel zu verstehen, die mit einer oft kreditfinanzierten Anfangsinvestition erworben werden, um zu einem späteren Zeitpunkt Erträge zu erbringen. Die Asset-Ökonomie hat das tradierte Einkommensverhältnis von Renditen und Löhnen in sein Gegenteil verkehrt: Während Lohnsteigerungen bis in die 1970er Jahre weiten Einkommensklassen sozialen Aufstieg und Eigentum ermöglichten, ist dies heute nur noch denen möglich, die Zugriff auf Assets haben. Dieser Zugang wird aber strukturell für diejenigen immer schwieriger, die sich mit ihren nominell stagnierenden, daher faktisch sinkenden Löhnen Vermögenswerte erkaufen wollen, deren Ertrag sich erst im Laufe der Zeit manifestiert. Die Umkehr von Lohnsteigerungen/sinkende Vermögenswerte zu Lohnstagnation/Asset-Inflation treibt deswegen eine wachsende soziale Ungleichheit an, in denen auch Strukturen des Rassismus (hier hat Konings insbesondere die USA im Blick) verfestigt werden.
  • 7. Paradoxerweise sind sowohl die Umkehr der Renditen von Kapital und Löhnen als auch der Bailout State das Werk wohlmeinender Keynesianer und Demokraten, die eigentlich die Mittelklasse schützen wollten, aber aufgrund des vorher geschilderten Unverständnisses für die fiskalischen Zusammenhänge genau das Gegenteil erreicht haben. Ein Hebel hierfür sind nicht zuletzt Maßnahmen wie die Subvention kreditgünstiger Finanzierung von Immobilienerwerb, die letztlich zur Finanzkrise 2007 führte und, wenn auch auf unglückliche Weise, auch die Mittelschicht in die Asset-Ökonomie integrierte.
  • 8. Wissentlich oder unwissentlich, absichtlich oder nicht, arbeiten moderner Kapitalismus und Staat somit alles in allem Hand in Hand zugunsten einer Verschiebung von Vermögenszugängen und Lebenschancen zulasten der überwiegenden Mehrheit.

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Vor einer Antwort auf die Frage, wie genau Konings dieses Panorama entfaltet, lohnt sich ein kurzer Blick auf seine theoretischen Bezugspunkte. Diese machen deutlich, dass Konings weit entfernt von neoklassischen Träumen eines natürlichen Gleichgewichts ist, das sich einstellen wird, wenn man den freien Kräften des Marktes nur ausreichend Spiel lässt. Seine wohl wichtigste wirtschaftswissenschaftliche Quelle ist der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Hyman P. Minsky, von dem Konings selbst schreibt, dass er sein Denken über den Bailout State tief geprägt habe (S. 13). Minsky entwickelte seine Krisentheorie ab den 1950er Jahren und fasste die Resultate 1982 in einer Aufsatzsammlung zusammen.8 Erst im Zuge der amerikanischen Bankenkrise 2007 fanden diese Überlegungen jedoch eine breitere Rezeption. Im Gegensatz zu den Gleichgewichtstheorien der Klassik und Neoklassik geht Minsky von einer fortschreitenden Spirale finanzieller Destabilisierung aus, weil Kredite nicht nur für Investitionen aufgenommen werden, aus deren Erträgen sie dann zurückgezahlt werden, sondern bei stabilem Wachstum auch dazu verleiten, spekulative Finanzierungsmodelle für rentabel zu halten. Sukzessive werden deshalb neue Kredite aufgenommen, um die Kredite selbst oder schlussendlich auch die Zinsen für die Kredite zu bedienen, was früher oder später zu einer Spekulationsblase führt. Genau das schien sich in der Finanzkrise 2007 zu bestätigen und machte Minsky zu einem prominenten Bezugspunkt für ökonomische Erklärungsversuche dieser Krise. Auch Konings schließt hier an, teilt aber darüber hinaus auch Minskys Kritik an Keynes’ Geldverständnis: Minsky wirft Keynes vor, seine Vorstellungen über die Funktionen von Geld nur in Bezug auf das sogenannte Village-Fair-Modell zu entwickeln, in dem Geld primär als technisches Mittel für die Abwicklung eines Warenaustauschs in Erscheinung tritt. Konings greift darauf zurück, wenn er festhält, Geld allein als Transaktionstechnik zu betrachten,

loses plausibility when we are dealing with economic interactions taking place on a society-wide scale. Economic transactions often occur for the purpose not of consumption but for investment, involving long timelines and requiring debt finance. The resulting degree of complexity and interdependency is such that it rules out tidy, one-off solutions. Instead, it requires the ongoing management of an intricate, evolving web of financial promises and obligations. Money is an infrastructure that requires constant upkeep, and neo-Keynesian models made it invisible. (S. 32)

[4]

Konings zeigt zudem eine Affinität für die Modern Money (auch: Monetary) Theory, kurz MMT: Hierbei handelt es sich um eine „gesamtwirtschaftliche Theorie, die die Funktionsweise des Geldsystems in den Mittelpunkt ihrer Analyse stellt und [wie auch Minsky und der später noch zu nennende Abba P. Lerner, PD] postkeynesianische Wurzeln hat.“9 Kernthese der MMT ist, dass der Staat als eine selbst geldschaffende Instanz keine Insolvenz befürchten muss und daher – unabhängig von Schuldverschreibungen und Steuern – ausreichende finanzielle Mittel zur Verfügung hat, um politisch gestaltend zu agieren. Die MMT richtet sich damit gegen die Dogmen der Austeritätspolitik, „die bereits nach 2010 zu einem verlorenen Jahrzehnt im Euroraum geführt hat und auch nach der Pandemie einer wirtschaftlichen Erholung im Wege stehen wird. Zudem lenkt die MMT den Fokus weg von der Finanzierungsfrage der sozial-ökologischen Transformation und diskutiert stattdessen, ob genügend Kapazitäten für deren Umsetzung zur Verfügung stehen.“10 Die MMT wiederum – wie auch Konings – bezieht sich unter anderem auf den US-amerikanischen Ökonomen Abba P. Lerner, dessen Konzept der functional finance für eine antizyklische Wirtschaftsteuerung durch den Staat plädiert, um gesellschaftlich relevante Ziele wie die Vollbeschäftigung zu erreichen. Konings selbst ordnet das Feld seiner wirtschaftswissenschaftlichen Inspirationen so:

Minsky, not Lerner, is the best guide to capitalism’s financial terrain – banks, not governments, are in the driver’s seat. That suggests a notion of ‚modern money‘ that is indebted to but does not align seamlessly with how that idea has come to prominence in recent years, and I will leave it to others to decide whether my position is consistent with the MMT framework. But what summary dismissals of MMT by many on the left certainly fail to acknowledge is that the straightforwardness of its proposals is born not from naivety but precisely from a clear-eyed perception that money holds no secret. There exist no hidden, quasi-natural economic laws, known only to self-styled experts, that prevent us from making the economy more democratic. (S. 184)

[5]

Wichtig für das Verständnis von Konings ist zudem, dass er nicht nur Ökonom ist, sondern auch Sozialwissenschaftler: Sein polit-ökonomisches Denken ist daher zugleich verbunden mit einem genuin sozialtheoretischen Interesse, und dieses wiederum greift affirmativ oder kritisch auf eine Anzahl sozialwissenschaftlicher Theoretiker wie Michel Callon, Michel Foucault, Jürgen Habermas, Bruno Latour oder auch Niklas Luhmann, um nur einige zu nennen, zurück.

Veröffentlichungen des Autors

[1]

Vor dem Hintergrund dieses weit aufgespannten theoretischen Hintergrunds entwickelt Konings nun sein Programm einer kritischen Einordnung monetär-fiskalischer Zusammenhänge, Triebkräfte und sozialer Auswirkungen. 2009 erschien zunächst ein gemeinsam mit Leo Panitch herausgegebenes Buch über „American Empire and the Political Economy of Global Finance“.11 Die Herausgeber folgen hierin dem Anliegen „to uncover the concrete institutional mechanisms and historical sources of what often appears to be a mysterious, ungrounded ability of the US state to manipulate and benefit from the operation of global financial markets. To that end, it recasts the problematic as one of American empire – a concept that serves to emphasize that the relations between financial globalization and the US state are internal and mutually constitutive.“12 Konings eigener Aufsatz in diesem Band behandelt die historische Entwicklung des amerikanischen Finanzwesens und dessen Beziehungen beziehungsweise Einflüsse auf das internationale Finanzsystem (und er elaboriert diese Zusammenhänge zwei Jahre später auch in einer Monografie13). Nicht nur biografisch, sondern auch historisch sind diese beiden Texte, die die Genese des amerikanischen Finanzsystems vor dem Zweiten Weltkrieg behandeln, als eine Vorarbeit zum hier vor allem diskutierten Bailout State zu verstehen, der ab den 1970er Jahren Fahrt aufnimmt. Das amerikanische Finanzsystem müsse, so Konings, vor folgendem Hintergrund verstanden werden:14

[F]or most of its history, American finance was a purely domestic and highly politicized affair. The prevalence of republican and populist sentiments among the American lower classes prevented the formation of a coherent, integrated system of financial markets and intermediaries. This sparked the development of strategies and techniques for the creation of credit and debt relations that were much more flexible and expansionary in nature than those that had prevailed under British financial hegemony. Until well into the twentieth century, American finance was characterized by an inwardly oriented dynamic of expansion that resulted in the rapid growth of domestic government, corporate, personal and mortgage debt. It was only after the Second World War that this system began to assume substantial international dimensions, resulting in the growth of US global financial power. (S. 28)

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Es lag vermutlich nahe, zwischen diesen beiden Arbeiten über die Entwicklung des amerikanischen Finanzwesens ein Buch über den „Great Credit Crash“ von 2007/2008 herauszugeben. Dieser begann in den USA als sogenannte subprime crisis, dem Zusammenbruch eines Systems der Kreditvergabe für Immobilien an finanzschwache Kreditnehmer, und provozierte mit seinen globalen Auswirkungen eine erhebliche internationale Aufmerksamkeit und mit seiner strikten Austeritätspolitik massiven politischen Widerstand. Anspruch des Werks von 2010 ist es, die Krise und ihre Folgen – ganz auf der Linie der vorherigen Arbeiten zum amerikanischen Finanzsystem – „not just as a result of misguided policies but, more fundamentally, as a product of the social dynamics and economics institutions constructed over the course of many decades and consolidated in the neoliberal era“15 zu analysieren.

[3]

Mit dem Buch „The Emotional Logic of Capitalism“ (2015) verschiebt Konings das Zentrum seiner immer historisierend, wirtschafts-, institutionen- und sozialtheoretisch argumentierenden Arbeiten in eine vor allem konzeptionelle und gewissermaßen erkenntnistheoretische Richtung, indem er sich kritisch der seinerzeit neu aufflammenden Aktualität von Karl Polanyis „Great Transformation“16 widmet. Polanyi (miss-)verstehe Ökonomie als „tendency to disarticulate itself from social life and to undermine the distinctive qualities of human association. If markets and money are social institutions created by human hands and minds, they are seen to be special, contradictory institutions, driven by an expansionary logic of possessive individualism that negates these social origins.“17 Unter Rückgriff auf Bruno Latours Agent-Netzwerk-Theorie (ANT) hält Konings dieses Verständnis für problematisch: „Far from being characterized by a growing externality of economy and sociality, capitalism operates through their imbrication: morality, faith, power, and emotion, the distinctive qualities of human association, are interiorized into the logic of the economy.“18 Das Argument läuft letztlich auf eine Erklärung für den Erfolg neoliberaler Adressierungen der Subjekte hinaus: Der Neoliberalismus habe die

tremendous ability to portray the faithful engagement of economic signs as the road to the realization of an authentic, republican self. Financial instability has never failed to trigger popular anger, and neoliberal discourses have evinced far more of a capacity to connect to such popular discontent than have progressive discourses. Whereas the latter talk of improved regulation and prudent oversight, the former promise to cut degenerate elements out of the social fabric and to restore a republican ethos of redemptive self-reliance and austerity. 19

[4]

Die konzeptionelle Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus ist in der Folge auch Gegenstand eines mit Damien Cahill verfassten gleichnamigen Buches.20

[5]

Gemeinsam mit Lisa Adkins und Melinda Cooper folgte im Jahr 2020 ein Buch über die „Asset-Economy“.21 Auch wenn Assets grundsätzlich in allen möglichen Formen existieren und sich auf materielle wie immaterielle Güter beziehen können, halten die Autor_innen Immobilien für zentral. Sie schließen damit einmal mehr an Piketty an, der den Stellenwert von Immobilien durchaus hervorhob, was jedoch in der Rezeption eher unterbelichtet blieb. Dabei liege die „Bedeutung seiner Ergebnisse […] genau darin [Hervorh. im Orig.], dass ein so hoher Anteil am Wohlstandszuwachs der Verteuerung von Immobilien geschuldet ist.“22 Während Immobilien sich für die Wohlhabenden als gute Einnahmequelle erweisen, wird aufgrund der schon genannten Verschiebung von steigenden Kapitalrenditen und stagnierenden Löhnen weiten Mehrheiten der Zugang zunehmend versperrt. Asset-Besitz und vor allem Wohneigentum gilt den Autor_innen daher als „entscheidender Verteiler und Treiber der Lebenschancen“23 und der Zugang zu ihnen wird durch „die spezifischen institutionellen Mechanismen der Politikgestaltung“24 hergestellt oder, weit häufiger, verwehrt.

„The Bailout State“

[1]

Der „Bailout State“ schließlich erscheint im Jahr 2024 mit einer Analyse historischer Dynamiken, theoretischer und institutioneller Fehler sowie verfehlter Politiken in Bezug auf die Entwicklung des amerikanischen Staates, der als Nanny Banken und großen Unternehmen immer dann mit öffentlichem Geld zur Seite springt, wenn das Abenteuer ihres spekulativen Geldverdienens zum Fiasko zu werden droht. Schon im Vorwort verweist Konings auf zentrale Treiber dieses sich als historisches Drama (oder ungeheures Glück, wenn man die Seite der Unternehmen als Standpunkt wählen will) darstellenden jahrzehntelangen Prozesses, in dem unter diversen Präsidentschaften – demokratischen wie republikanischen – ein Sicherheitsnetz unter den als systemrelevant verstandenen Banken und Industrien gespannt wird, das aus den Geldern einer verarmenden Öffentlichkeit finanziert wird. Und gleich zu Anfang wird den Progressiven (Keynesianer, Demokraten, Linke) attestiert, ihren Beitrag dazu geleistet zu haben, weil sie von der Effektivität des neoliberalen Staates überzeugt waren: „In that picture, the growth of a bailout state just had no real place“ (S. 10). Ein blinder Fleck sei entstanden, der nicht nur ein theoretisches Defizit markiert, sondern auch eine aktive Beteiligung daran bewirkte, dass Programme in Kraft gesetzt wurden, „that benefit primarily business and the affluent“ (ebd.). Zudem – hier wird der Vorwurf an Keynes aufgegriffen – hatten sie kein Verständnis der Funktionen des Geldes und haben daher auch das Wesen der Inflation nicht verstanden:

This book considers why it has been such a challenge for progressives – specifically, why it was so easy for Keynes to miss its [inflation, PD] full significance and how it went on to bedevil the Keynesian tradition. Keynes and many of his followers never fully broke with traditional theories of money, which tend to think of it as a freely available infrastructure for private commerce, with any malfunctioning the result of external forces. Such a perspective makes it difficult to recognize inflation when it becomes a chronic affliction, as it would during the twentieth century, not generated by policy mistakes but embedded in the most basic operations of economic life. (S. 11)

[2]

Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert: Das erste, „How did we get there“, unternimmt eine Art Parforce-Ritt durch Themen der dann folgenden Kapitel und verweist auf kontroverse theoretische Streitpunkte und ihnen folgende zentrale politische Dynamiken, die letztlich in einen umfassenden Bailout führten. Zu den Streitpunkten zählt insbesondere der Zielkonflikt von Inflationsbekämpfung und Vollbeschäftigung, der die ökonomische Debatte über Jahrzehnte befeuerte und durch die sogenannte Phillips-Kurve veranschaulicht wird: Zumindest kurzfristig führen Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu einer steigenden Inflation.

[3]

Konings setzt zunächst in der Zeit nach der Covid-Pandemie ein, in der die Inflation hoch war und der gewerkschaftliche Organisationsgrad gering. Die Federal Reserve, die US-amerikanische Zentralbank, begegnete der wachsenden Inflation mit dem einzigen ihr zur Verfügung stehenden Steuerungsinstrument, einer Steigerung der Zinsrate, in dem Fall von null auf fünf Prozent:

As is so often the case, the consequences have fallen disproportionately on those who have least to fall back on. There is, however, something unique about the current crisis: its effects have gone right to the heart of middle-class life. We are in the midst of what has been dubbed a ‚cost of living crisis.‘ Amidst declining real incomes, rising energy prices, and increased mortgage payments, it is only the most affluent who escape the pocketbook squeeze altogether. (S. 2)

[4]

Interessant ist hier das Argument, mit dem sich die Zentralbank gegen früher übliche Maßnahmen, wie eine Stärkung der Kaufkraft, sträubte: Nicht die eigentlichen Treiber der Inflation seien ausschlaggebend – etwa steigende Lebenshaltungskosten –, sondern lediglich die Tatsache, dass die wirkliche Gefahr in der Erwartung bestünde, die Inflation könne wachsen. Die Position der Federal Reserve an dieser Stelle ist klar und kompromisslos: Wenn man zwischen Inflation und Beschäftigung abwägen müsse, dann müsse man zwangläufig die Beschäftigungsrate senken, um die Inflation niedrig zu halten. Anschließend liefert Konings die Hintergründe dieser Bewegung: In einer zunehmend von Finanzmarktprodukten getriebenen ökonomischen Wirtschaft muss um jeden Preis verhindert werden, dass schon aus reiner Sorge vor fallenden Kursen ein Sturm auf die Banken erfolgt. Und, traditionelle Theorien, die sich – etwas krude – auf Marx’ Vorstellungen der industriellen Reservearmee beziehen – lassen den Schluss naheliegen: „Without an oversupply of labor, wages are likely to increase, workers will not be as productive, and prices will be higher“ (S. 5). Zu berücksichtigen ist auch ein weiterer Aspekt: Keynesianer, so Konings, waren lange auf der Suche nach einer Formel für „non-inflationary growth“ (S. 11), einer Versöhnung also zwischen den unvereinbar scheinenden Größen von steigendem Wachstum mit höheren Löhnen und niedriger Inflation. Die Antwort der 1930er und 1940er Jahre lag in der Subvention von Krediten für Immobilien, die es ermöglichen sollten, „from wage earner to property ownership“ (S. 12) zu gelangen. Dieses Instrument wurde über Jahrzehnte immer dann eingesetzt, wenn es Ungleichgewichte zwischen Beschäftigung und Inflation auszutarieren galt. Was aber in der Anfangsphase wie ein Erfolgsmodell aussah, fiel in den 1970er Jahren mit steigenden Inflationsraten ebenfalls in die Krise. Man kann die Geschichte nun abkürzen: Schwache Gewerkschaften gerieten ebenso in die Defensive wie der Keynesianismus, die einen mussten sich dem Kapital, der andere dem Neoliberalismus geschlagen geben. Und der Staat übte sich im dilatorischen Formelkompromiss mit einer Gesetzgebung aus dem Jahr 1978, die die Federal Reserve erneut verpflichtete (und so steht es auch heute noch auf der Website der Fed), Beschäftigung und Inflation zu versöhnen, zeigte aber keinen Weg auf, wie dieser immer noch virulente Widerspruch gelöst werden könnte. Mit keynesianischer Blindheit geschlagen, mussten die Progressiven die Entstehung eines Erwartungsmanagements der Federal Reserve für Banken übersehen, das sich auf umfangreiche Subventionen und Bürgschaften stützte, und so entwickelte sich ein umfassender Bailout State.

[5]

Ein zweites Kapitel, „What Keynes missed“, schließt hier an und erneuert die schon oben dargelegte Argumentation, dass Keynes die Rolle des Geldes falsch einschätzte und damit die Differenz zwischen Geld und fiskalischen Instrumenten, insbesondere in einer weitgehend finanzialisierten Wirtschaft, und schlussendlich auch die treibenden Faktoren der grassierenden Inflation nicht erkennen konnte.

[6]

In den Kapiteln 3 bis 8 wird diese hier kurz zusammengefasste Geschichtsentwicklung chronologisch ausgeführt. Kapitel 3 rekapituliert die Phase des welfare capitalism, die in Reaktion auf die Great Depression durch den New Deal einsetzte. Vorrangiges Ziel war es, die am Boden liegende amerikanische Wirtschaft wieder zum Leben zu erwecken und dabei eine zu große Nähe zu denjenigen zu vermeiden, die als Ursache des Übels angesehen wurden: Die Banker. Legislativ gestärkt wurden daher zunächst die Arbeiter, deren Organisationsfreiheit im sogenannten Wagner Act von 1935 garantiert wurde. Ein weiteres Element liegt jedoch in einer umfassenden Ausweitung der Staatstätigkeit: „Libraries have been filled with volumes about the specific areas where the American state expanded its administrative and regulatory reach during the New Deal. For our purposes, three areas hold special interest: planning, public spending, and credit programs“ (S. 53). Ein wichtiger Schlüssel für die spätere Entwicklung ist dabei erstens die Erfahrung, dass eine massive Ausweitung öffentlicher Ausgaben vor und während des Zweiten Weltkrieges tatsächlich zu einem ökonomischen Wachstum führte, und dass zweitens die Entscheidung der Federal Reserve mit billigen Krediten den Ankauf von Staatsschulden zu fördern und über ein repurchase agreement (repo) auch Nicht-Banken den Zugang zu den Schulden ermöglichte:

The arrangement was highly effective in improving the tradability of Treasury securities and in increasing their uptake outside the formal banking system. But what was not clearly on policymakers’ radar was the likelihood that this formally non-bank area of the financial system would develop its own banking mechanisms. […] The market for Treasury debt became the basis of a ‚shadow‘ banking system, where non-bank financial institutions created liquidity in much the same way regular banks did. Their short-term commitments were not money in the sense of official currency of course, and for some time these systems operated in parallel. But before too long, commercial banks found ways to access the shadow liquidity, using it to boost their capacity to produce real dollars. (S. 60)

[7]

Kapitel 4 – „The Promise of Growth“ – zeichnet diese Entwicklung der 1960er Jahre nach: Getrieben wird sie durch John F. Kennedys Bestreben, den Zugang zu Wohlstand auf diejenigen Klassen zu erweitern, die bislang ausgeschlossen waren: „Central to that ambition was economic growth. Without growth, the pursuit of social justice was entirely dependent on redistribution, taking away something from one family to give it to another. That was to be avoided at all cost“ (S. 67). Die Antwort lag erneut in der Ausweitung des Kreditwesens, der Unterstützung von Immobilienkäufen durch billige Kredite und in neuen finanziellen Arrangements, die es letztlich Banken ermöglichten, ihre Fähigkeit, Schulden zu machen, weit über ihre eigentlichen finanziellen Möglichkeiten hinaus auszudehnen.

[8]

Im fünften Kapitel – „The Inflation Decade“ – schildert Konings die Kämpfe der 1970er Jahre zur Eindämmung der grassierenden Inflation, bei denen der welfare capitalism letztlich – und das schon vor dem ersten Sieg von Ronald Reagan 1981 – von einer Programmatik der Deregulierung, Steuersenkungen und einer Reduktion öffentlicher Ausgaben abgelöst wird.

[9]

„Building the Bailout State“ (Kapitel 6) verdeutlicht die zunehmende Abhängigkeit des US-amerikanischen Staates von Banken und Institutionen, die erstmals als too big to fail (S. 110) verstanden werden. Paul Volcker, US-Notenbankchef von 1979 bis 1987, unternahm angesichts des verfallenden Dollarkurses zu Beginn seiner Amtszeit mit einer erheblichen Erhöhung der Leitzinsen und einer Geldmengenbegrenzung den Versuch, die Inflation zu bekämpfen. Das gelang zwar, resultierte jedoch in einem der schwersten Wirtschaftsrückgänge seit der Great Depression, dem sogenannten „Volcker-Schock“, infolgedessen sich der Staat immer mehr in der Pflicht zu Bailouts sah:

The policy turn had a devastating impact on the American economy and its financial infrastructure. Volcker’s objective, however, was not to let the economic system go into freefall, but to stabilize it by enforcing a more selective approach to risk socialization. Financial authorities began to bail out positions that they considered too systemically important to fail, and by the end of the decade an informal regime had been consolidated whereby the American state guaranteed the balance sheets of too-big-to-fail banks. (S. 26)

[10]

Die 1990er Jahre – beschrieben im siebten Kapitel, „Asset-Driven Growth“ – zeigen die Ausweitung der Asset-Ökonomie in weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung, die letztlich eine Folge von steigenden Renditen auf Vermögenswerte ist: „The middle-class Americans who benefitted from strong growth of their home values and stock portfolios tended to reinvest their earnings, so further driving up the prices of assets rather than consumer goods. […] By the end of the century, half of the American population had money in the stock market“ (S. 125).

[11]

Die verbleibenden Kapitel 8 bis 10 überdenken die Dynamik von Bailout und Austerity: Angesichts der gesellschaftsweiten Verstrickung in die Asset-Ökonomie wird es immer unmöglicher, aus dem Arrangement von Bailout für als systemrelevant erachtete Akteure auszusteigen:

Cognizant that it had become trapped in an unhealthy relationship, the Federal Reserve began trying to extricate itself from the arrangement. But every time it tried to do so, the financial markets threw a massive tantrum that forced the American central bank to sound the retreat. Held hostage by too-big-to-fail interests, American financial authorities were stuck in a financial position that they were unable to exit without doing severe damage to America’s financial system. (S. 27)

[12]

Martijn Konings Werk ist eine scharfsinnige, theoriestarke und durchaus originelle Auseinandersetzung mit dem finanzialisierten Kapitalismus, seinen politisch-institutionellen Voraussetzungen und sozialen Folgen – in den USA, aber auch in weiteren Ländern des Anglokapitalismus. Aus dieser positiven Gesamtbilanz folgt jedoch keineswegs eine Lektüreempfehlung, jedenfalls dann nicht, wenn man a) nicht sehr gut vertraut ist mit den theoretischen Suchbewegungen von Keynes, den Post-, Neo- oder Finanzkeynesianern, ihren wirtschaftswissenschaftlichen Gegenspielern – Neoklassik, Neoliberalismus, Monetarismus – und der MMT, b) keine tiefere Einsicht in das finanzpolitische Institutionengefüge der Vereinigten Staaten von Amerika, ihrer Akteure und programmatischen Überzeugungen seit den 1970er Jahren hat, und c) die wirtschaftspolitischen Folgen für die USA und darüber hinaus nicht zumindest rudimentär einordnen kann. Nicht nur setzt Konings ein recht umfassendes Wissen voraus, er versäumt es auch, seine eigenen Erkenntnisse unmissverständlich auf den Punkt zu bringen und bringt sich so potenziell um den Erfolg seiner eigenen Arbeit.

[13]

So erwidert Konings etwa auf der allerersten Seite des Buches einen Artikel des durchaus verachteten „Economist“: „‚We are all bankers now,‘ The Economist lamented, as if the democratization of that profession were a self-evidently bad idea“ (S. 9). Demokratisierung der Banken ist offenkundig, das wird auch an anderen Stellen des Buches deutlich, eine positive Vision, ein Gegengewicht gegen die erdrückende Übermacht der Banken und ihrer Geiselnahme des Staates, die Konings hegt. Gleichwohl, mir erschließt sich bis zum Ende nicht, welche praktische Vorstellung Konings diesbezüglich hat – was genau ist mit einer Demokratisierung der Banken gemeint?

[14]

Die Verwirrung betrifft weiterhin eine zentrale Argumentation des Buches: Wie geschildert, habe Keynes nie (und eigentlich niemand) den „monetary-fiscal divide“ begriffen. Diese Kombination taucht zunächst im Vorwort auf: „Conservatives have typically advocated fighting inflation with monetary contraction and fiscal austerity, but such policies posed a threat to key parts of the progressive agenda“ (S. 11). Etwas später folgt in Auseinandersetzung mit Abba P. Lerner folgende Einordnung:

The General Theory, by contrast, took a more narrow approach, respecting the distinction between monetary and fiscal policy that had emerged since the start of the twentieth century and limiting its prescriptions to how the government might use its budget to stabilize capitalism. Lerner, starting to see that this had given conservative political forces room for maneuver and a set of arguments that they eagerly exploited, insisted on spelling out what he considered the logical implication: real Keynesianism implied a rejection of the fiscal/monetary distinction. The government’s budget and the nation’s money were one and the same. (S. 22)

[15]

Eine klare definitorische Trennung von fiscal und monetary sowie später auch financial findet an keiner Stelle des Buches statt. Nun könnte man argumentieren, dass man das eben wissen muss – doch das führt unweigerlich zu der Frage: Wenn der vermutlich weltberühmteste und einflussreichste Ökonom des 20. Jahrhundert den Unterschied nicht glasklar verstanden hat, wer dann?

[16]

Wie gezeigt, unterstreicht Konings zu Recht die zentrale Bedeutung von Institutionen. Im Kontext der USA sind dies vor allem die Federal Reserve und das U.S. Department of the Treasury, die, teilweise in Konkurrenz zueinander, monetäre/fiskalische/finanzielle Entscheidungen des Landes treffen. Die Federal Reserve wird erstmals am Beginn des ersten Kapitels genannt: „They [‚hawkish‘ commentators, PD] urged the Federal Reserve, as well as other central banks around the world, to act decisively and to slow down economic growth by raising interest rates“ (S. 1). Etwas weiter unten heißt es dann: „The Federal Reserve is legally responsible for ensuring price stability, and it has only one instrument to do so. In March of 2022, it started raising interest rates, rapidly increasing the federal funds rate from its historic low of zero to over 5 percent. In essence, the Federal Reserve tried to engineer an economic recession“ (S. 2). Die Treasury wird eingeführt mit folgendem Zitat: „So, when Summers was Treasury Secretary in the first Obama administration, the game plan was clear. That administration came into office at the height of the Global Financial Crisis, and it stabilized the financial system by bailing out the banks“ (S. 8 f.). Für eine Argumentation, die die Bedeutung von Institutionen so ins Zentrum stellt wie Konings, wäre eine strukturierte Einordnung der zentralen Institutionen, ihrer Aufgaben und Gestaltungsmöglichkeiten, geradezu zwingend, sie fehlt jedoch hier wie auch später im Buch.

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Weniger relevant für die Argumentation, aber nicht weniger irritierend sind Zeitsprünge sowie die erklärungsarme Einführung zahlreicher Personen und anderer Bezüge. So springt Konings im Vorwort innerhalb weniger Zeilen von den 1970ern in die 1990er Jahre, zurück in die 1950er, dann in die Jahre der Finanzkrise 2007 und folgende. Etliche Personen werden maximal basal oder auch gar nicht eingeführt – so etwa die amerikanischen Präsidenten, die allesamt aus dem Nichts auftauchen, ohne eine auch nur rudimentäre Einführung etwa des Zeitraums ihrer Präsidentschaft oder Parteizugehörigkeit. Von den Jim Crow Laws schreibt Konings schlicht: „Tolerating Jim Crow laws in Southern states had always been a key condition for the ability of the Democratic Party to gain electoral power. But the war and the full employment objective had militated against long-standing racial divisions in the labor movement. This was now rapidly being undone“ (S. 8 f.). Man kann all das nachschlagen, natürlich, aber die zahlreichen Voraussetzungen, die das Buch setzt, machen die Lektüre mühsam bis frustrierend, wenn man sich nicht wie im Schlaf mit den Gegebenheiten amerikanischer Institutionen, Personen und Entwicklungen des letzten Jahrhunderts auskennt.

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Während Konings einerseits die Spezifika des amerikanischen Finanzsystems als selbstverständliche Wissensbasis einer internationalen Community voraussetzt, bleibt er andererseits eine Erklärung seines Untertitels weitgehend schuldig: „Why Governments Rescue Banks, Not People“. Der Erklärungsanspruch geht folglich weit über die USA hinaus, was Konings eingangs eher lapidar erläutert: „The story told in this book concentrates on the United States. […] Just as the dollar is the world’s money, the US government manages the world’s bailout state“(S. 14). Das mag sein, aber eine seriöse Begründung des Verallgemeinerungsanspruchs ist es nicht.

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Um es zusammenzufassen: Konings liefert theoretisch kluge und politisch relevante Einsichten in die Struktur des amerikanischen Finanzsystems. Aufgrund handwerklicher Darstellungsfehler sperrt sich die Lektüre aber für diejenigen hartnäckig, die nicht mit den Feinheiten ökonomischer Theorien und amerikanischer Finanzinstitutionen so ausreichend vertraut sind, dass sie getrost darüber hinweglesen können. Ironischerweise hat Konings, der nicht müde wird, seine Leistung als Aufhellung diverser Blindheiten seiner gegenwärtigen und früheren Kolleg_innen zu preisen, hier selbst einen blinden Fleck: Er sieht offenbar schlicht nicht, was einer willigen, aber nicht in seinem Feld gleichermaßen beheimateten Leserschaft vernünftigerweise abverlangt werden kann. Das ist vor allem deshalb problematisch, weil Konings durchaus den Anspruch hegt, die politischen Verstrickungen mit dem Finanzsystem offenzulegen, also nebst seinen Kolleg_innen aus der Ökonomie auch in den Sozialwissenschaften rezipiert werden möchte. Eigentlich sollte er das auch, denn sein wie auch immer vages Anliegen einer Demokratisierung des Finanzsystems und Umkehr der strukturellen Ungleichverteilung könnte durchaus offene Türen in den (progressiven) Sozialwissenschaften einrennen. Am Ende aber trifft Konings Buch dasselbe Urteil wie das von Piketty: Ein wichtiges Buch, aber kein Lesevergnügen.25

Besprochene Literatur

  • Konings, Martijn: The Bailout State. Why Governments Rescue Banks, Not People , 272 S., Polity, Cambridge u. a. 2024.

Endnotes

  1. Forbes: The World’s Real Time Billionaires List, URL: https://www.forbes.com/real-time-billionaires/ [Zugriff: 31.01.2026] .
  2. Forbes: Real-Time Billionaires. Profile. Elon Musk, URL: https://www.forbes.com/profile/elon-musk/?list=rtb&ctpv=rtb [Zugriff: 03.12.2025].
  3. Muschter, René: USA: Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1980 bis 2024 und Prognosen bis zum Jahr 2030, in: Statista, 22. Oktober 2025, URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/14558/umfrage/wachstum-des-bruttoinlandsprodukts-in-den-usa/ [Zugriff: 28.11.2025].
  4. Vgl. z.B. Graeber, David: Schulden. Die ersten 5000 Jahre, übers. v. Ursel Schäfer/Hans Freundl/Stephan Gebauer, Klett-Cotta, Stuttgart 2012; Stiglitz, Joseph E.: Der Preis der Ungleichheit. Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht, übers. v. Thorsten Schmidt, Siedler, München 2012; Atkinson, Anthony B.: Ungleichheit. Was wir dagegen tun können, übers. v. Hainer Kober, Klett-Cotta, Stuttgart 2018; Herrmann, Ulrike: Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022; Brand, Ulrich/Wissen, Markus: Kapitalismus am Limit. Öko-imperiale Spannungen, umkämpfte Krisenpolitik und solidarische Perspektiven, oekom, München 2024; Sahner, Simon/Stähr, Daniel: Die Sprache des Kapitalismus, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2024.
  5. Piketty, Thomas: Das Kapital im 21. Jahrhundert, übers. v. Ilse Utz/Stefan Lorenzer, Beck, München 2 2014.
  6. Adkins, Lisa/Cooper, Melinda/Konings, Martijn: Die Asset-Ökonomie. Eigentum und die neue Logik der Ungleichheit, Hamburger Edition, Hamburg 2024, S. 16.
  7. Konings, Martijn: The Bailout State. Why Governments Rescue Banks, Not People, 272 S., Polity, Cambridge u. a. 2024.
  8. Minsky, Hyman P.: Can It Happen Again? Essays on Instability and Finance, M.E. Sharpe, Armonk, N.Y. 1982.
  9. Paetz, Michael: Modern Monetary Theory. Rückkehr des gesamtwirtschaftlichen Denkens, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 72 (2022), H. 18–19, S. 46–50, hier S. 46.
  10. Ebd.
  11. Panitch, Leo/Konings, Martijn (Hrsg.): American Empire and the Political Economy of Global Finance, Palgrave Macmillan, Basingstoke 2009.
  12. Dies.: Demystifying Imperial Finance, in: ebd., S. 1–13, hier S. 2.
  13. Konings, Martijn: The Development of American Finance, Cambridge UP, Cambridge 2011.
  14. Ders.: American Finance and Empire in Historical Perspective, in: Panitch/Konings: American Empire (wie Anm. 11), S. 48–68.
  15. Ders. (Hrsg.): The Great Credit Crash, Verso, London/New York 2010, S. xii.
  16. Polanyi, Karl: The Great Transformation, Farrar & Rinehart, New York/Toronto 1944.
  17. Konings, Martijn: The Emotional Logic of Capitalism. What Progressives Have Missed, Stanford UP, Stanford, CA 2015, S. 1.
  18. Ebd., S. 2.
  19. Ebd., S. 11 f.
  20. Cahill, Damien/Konings, Martijn: Neoliberalism, Polity, Cambridge u. a. 2017.
  21. Adkins, Lisa/Cooper, Melinda/Konings, Martijn: The Asset Economy. Property Ownership and the New Logic of Inequality, Polity, Cambridge u. a. 2020 . Die deutsche Ausgabe folgte 2024; vgl. dies: Asset-Ökonomie (wie Anm. 6).
  22. Dies.: Asset-Ökonomie (wie Anm. 6), S. 46 f.
  23. Ebd., S. 94.
  24. Ebd., S. 44.
  25. Fromm, Thomas: “Das Kapital im 21. Jahrhundert”. Piketty, der Popstar der Wirtschaftswissenschaften, in: Deutschlandfunk, 13. Oktober 2014, URL: https://www.deutschlandfunk.de/das-kapital-im-21-jahrhundert-piketty-der-popstar-der-100.html [Zugriff: 04.12.2025].