Der Titel dieses Buches lässt in zweifacher Hinsicht aufhorchen: Er zitiert einen Klassiker und er scheint eine anstößige Behauptung aufzustellen. Der Klassiker ist Barrington Moores „Social Origins of Dictatorship and Democracy. Lord and Peasant in the Making of the Modern World“ (Boston 1966, dt. 1969), ein Buch, dessen Thesen heute niemand mehr in der ursprünglichen Form vertritt, das aber als Modell für großflächige Vergleiche in der historischen Soziologie die Aufmerksamkeit neuer Generationen von Historikerinnen und Sozialwissenschaftlern verdient. Moore stellte eine der ganz großen Fragen historischer Erklärung: Wie kam es, dass sich aus einer einförmig monarchischen Vormoderne heraus die Moderne zu divergierenden Entwicklungsphasen ausdifferenzierte? Mehr als die Hälfte seines Buches behandelt Asien und diskutiert die Frage, warum sich in den 1930er und 1940er Jahren in Japan ein militaristischer Faschismus, in China der Kommunismus und in Indien die Demokratie durchsetzte. Obwohl zumindest für den Fall Indien eine unmittelbare zeitliche Abfolge von Kolonialismus und demokratischer Ordnung auf der Hand liegt, beziehen sich Alexander Lee und Jack Paine, die an der University of Rochester und der Emory University in Atlanta Politikwissenschaft lehren, niemals ausdrücklich auf Barrington Moore. Warum nicht? Weil trotz der Spiegelung des Titels ihr methodischer Ansatz ein vollkommen anderer ist als der des 2005 verstorbenen marxistischen Soziologen.
Die anstößige Behauptung klingt wie eine Provokation des in der Kolonialismusforschung heute einflussreichen Postkolonialismus. Wer dessen Denkstil teilt, wird der im Buchtitel „Colonial Origins of Democracy and Dictatorship“ implizierten These, dass etwas grundsätzlich Verwerfliches wie der Kolonialismus zum Erfolg von etwas grundsätzlich Gutem wie der Demokratie beigetragen haben könnte, mit größtem Misstrauen begegnen. Die Autoren versichern denn auch, dass sie keinesfalls „a positive normative assessment of European colonialism overall“ (S. 3 f.) beabsichtigten, keine Apologie des Kolonialismus. Sie registrieren nur eine unbestreitbare historische Tatsache: Beginnend mit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika 1789 über die Unabhängigkeit der Republik Indien 1947 bis zur großen Dekolonisationswelle um 1960 gingen aus langjähriger Kolonialherrschaft in zahlreichen Fällen politische Wettbewerbssysteme hervor – in einer noch größeren Zahl von Fällen allerdings auch nicht, zumal dann nicht, wenn berücksichtigt wird, dass eine anfängliche demokratische Öffnung oft nach kurzer Zeit in autoritäre Militärherrschaft umschlug. Wie ist diese Divergenz der Entwicklungspfade zu erklären?
Barrington Moore hatte mit sechs Fällen (außer Japan, China und Indien auch England, Frankreich und USA) gearbeitet und war qualitativ und narrativ vorgegangen. Lee und Paine haben nach sorgfältiger Abwägung von Definitionen und Abgrenzungskriterien ein Sample zusammengestellt, das tendenziell auf globale Vollständigkeit zielt. Allein in der Geschichte des amerikanischen Kontinents einschließlich der insularen Karibik haben sie 78 Kolonien identifiziert. Bei einem Sample dieses Umfangs sind allein ein quantitatives Vorgehen und mit ihm eine radikale Reduktion der Variablen praktisch handhabbar. Als erstes musste der Begriff „Demokratie“ eng gefasst werden. Er wird rein institutionell verstanden und reduziert sich auf die Existenz politisch effektiver, also nicht bloß scheinhafter Wahlen. Mit Robert A. Dahls bekannter Definition wird angenommen, „that democracy requires competitive elections for the executive and legislature and a broad degree of participation among the populace“ (S. 12). In der Tat hat es in vielen Kolonien der europäischen Mächte in der letzten Phase vor der Unabhängigkeit Wahlen gegeben. Die Daten dazu werden in diesem Buch erstmals umfassend zusammengestellt. Zum Frauenwahlrecht in kolonialen Kontexten zum Beispiel kann man hier Informationen finden, die in solcher Breite bisher nicht nachzulesen waren.
In einem nächsten Schritt werden kodierbare Indikatoren eingeführt, mit denen die Eigenarten besonderer Kolonialsysteme beschrieben werden. Unter den europäischen Metropolen wird schlicht zwischen „pluralistischen“ und „autoritären“ Ordnungen unterschieden. Auch auf Kolonien wird der Begriff des Pluralismus angewandt, allerdings in einer tautologischen Weise: Pluralistisch waren solche Kolonien, in denen Wahlen zugelassen wurden, was wiederum nur in pluralistischen Kolonien geschehen konnte. Innerhalb der einzelnen Kolonien wird nach der Existenz und relativen Stärke von drei „policy-interested groups“ gefragt: Vertretern des kolonialen Staates, „white settlers“ und „non-white middle classes“ (S. 4–6). Von Anfang an wird die allgemeine Regel als gesichert betrachtet, dass die nicht-weiße Mittelschicht nur dort eine Chance auf (eingeschränkte) politische Repräsentation hatte, wo weiße Siedler fehlten oder keine Rolle spielten. Dieses Machtdreieck bildet das Grundmodell der Studie. Es wird nach Bedarf durch Zusatzfaktoren wie vorkolonialer Partizipationsgrad, kolonialer Arbeitszwang oder die Bedeutung indigener monarchischer Institutionen ergänzt. Eine feinere, regionale Besonderheiten erfassende Nuancierung ist bei dem gewählten methodischen Ansatz ausgeschlossen. Über nachkoloniale Diktaturen wird übrigens wenig gesagt, auch deshalb, weil Diktatur rein negativ als Abwesenheit von „Pluralismus“ verstanden wird.
Der rezensierende Historiker findet über dieses politikwissenschaftliche Buch verstreut wichtige Detailinformationen als Lesefrüchte aus der Sekundärliteratur. Im Übrigen sieht er sich in einem Dilemma. Einerseits begrüßt er es, in der Kolonialismusforschung quantitative Verfahren und umfangreiche Samples verwendet zu sehen. Auch sind angesichts der großen Erfolge und der außergewöhnlichen Beliebtheit mikrohistorischer Ansätze der interimperiale Vergleich und überhaupt the big picture in den letzten Jahren etwas zu kurz gekommen. Dem setzt das Buch den Willen zur großen Generalisierung entgegen. Andererseits erscheinen manche der allgemeinen Ergebnisse des enormen Forschungsaufwandes als zu unspezifisch oder gar als trivial. „European settlers were neither uniformly beneficial nor the only relevant colonial actor“ (S. 19). Was soll man mit einem solchen Satz anfangen? Oder – die Beispiele ließen sich multiplizieren – mit einer Aussage wie der folgenden, mit der das Buch schließt: „Under colonialism, Western powers were highly successful at introducing elections in their colonies, as nearly every colony experienced at least one election prior to gaining independence“ (S. 206)? Das Ganze ist hier weniger als die Summe seiner Teile.
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