Liebe Leserinnen und Leser,
dieses Heft markiert einen Umbruch und auch einen Aufbruch für die Neue Politische Literatur. Sie halten die letzte gedruckte Ausgabe der NPL in den Händen. Aber die NPL verschwindet nicht, sie ändert ihre Erscheinungsweise.
Wir sind weiterhin davon überzeugt, dass Einzel- genauso wie Sammelrezensionen wichtige Beiträge zur wissenschaftlichen Qualitätssicherung darstellen und die NPL gebraucht wird. Die pointierte, qualifizierte und sachkundige Einordnung und Bewertung von Literatur bleibt gerade in der aktuellen Zeit zentral. Wir brauchen redaktionell begleitete Expertise in einem Umfeld, in dem paper mills, KI-Anwendungen und andere Herausforderungen das wissenschaftliche Publizieren verändern.
Allerdings wandeln sich die Medien, in denen wissenschaftliche Diskussionen geführt werden. Spätestens mit dem Einschnitt der Corona-Pandemie hat das digitale Lesen und Debattieren auch in unseren Fächern seinen Siegeszug angetreten. Auch die NPL wird zunehmend digital rezipiert; es werden gezielt einzelne Beiträge gesucht, gefunden und gelesen. Die Nachfrage nach Printausgaben von Zeitschriften geht stark zurück.
Darum haben wir uns entschlossen, den bereits eingeschlagenen Open-Access-Weg konsequent zu Ende zu gehen und ab dem kommenden Jahrgang zu einer Diamond-Open-Access-Zeitschrift (DOA) zu werden.
Mit dem Jahrgang 2026 wird die NPL also ihre Publikationsart ändern: Künftig erscheint sie in gewohnter Qualität und Frequenz (publish online first mit drei Heften pro Jahr) als reines Digitalmagazin – und ohne Kosten für Leser_innen und Autor_innen. Sie finden uns künftig nach wie vor in Ihren Bibliothekskatalogen, aber auch unter www.neue-politische-literatur.de.
Sollten Sie – so wie wir – die haptische Sensation des Fingers-über-die-Seite-Streifen schätzen, so genießen Sie dies mit dieser Ausgabe nochmals. Uns fällt der Abschied auch nicht leicht.
Aktuell steht die Publikations- und Forschungslandschaft vor zahlreichen Herausforderungen. Die Diamond-Open-Access-Bewegung wird auch in den Geisteswissenschaften zunehmend lauter. Sie mahnt an, mit öffentlichen Mitteln geförderte Forschungserkenntnisse der Allgemeinheit kostenlos zur Verfügung zu stellen. Auch wir stimmen dem Grundgedanken dahinter zu: In Zeiten knapper Kassen und kostengünstiger digitaler Plattformen wird es immer schwieriger, hohe finanzielle Aufwendungen für die reine Drucklegung und Verbreitung wissenschaftlicher Inhalte durch private Unternehmen zu rechtfertigen.
Unser Herausgeber Dirk Jörke hat gemeinsam mit Michael Czolkoß-Hettwer von der Universitätsbibliothek Bremen vor kurzem einen wichtigen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dazu veröffentlicht.1 Diesen wollen wir Ihnen an dieser Stelle gerne ans Herz legen.
Zu der genannten Entwicklung trug sicher auch die DEAL-Vereinbarung einen wesentlichen Teil bei. Sie machte Open Access für viele Wissenschaftler_innen in Deutschland möglich und veränderte damit die Erwartungshaltung an die kostenfreie Zugänglichkeit von wissenschaftlichen Aufsätzen.
Auch die NPL profitierte zunächst von DEAL. Seit ihrem Wechsel zu Springer im Jahr 2019 erschien die Zeitschrift hybrid, mit der Möglichkeit zur herkömmlichen, subskriptionsbasierten Veröffentlichung und der gebührenpflichtigen Open-Access-Publikation für Autor_innen. 2020 wurde die NPL Teil des DEAL-Paketes. Nun konnten Autor_innen von teilnehmenden Institutionen gegen eine in der Regel von ihren Bibliotheken übernommenen Gebühr ihre Texte Open Access publizieren. Alle teilnehmenden Institutionen hatten zudem automatisch Zugriff auf alle NPL-Artikel. Parallel dazu war die subskriptionsbasierte Publikation für Autor_innen weiterhin möglich.
Unser gedrucktes Heft blieb unter diesen Bedingungen erhalten. Gleichzeitig mussten wir mit unseren Publikationen nicht mehr bis zur Heftveröffentlichung warten und konnten Beiträge zeitnah, voll zitierfähig und in Deutschland quasi kostenlos online zur Verfügung stellen. Wir wurden schneller, leichter zugänglich und behielten gleichzeitig unsere Stärken im Print.
Warum also entscheiden wir uns nun dafür, dieses Schlaraffenland zu verlassen? Nun: Es ist keines mehr. Insbesondere drei Punkte ließen uns die konkrete Situation der NPL neu bewerten.
Erstens haben wir auf unsere Autorenschaft gehört, die uns in zunehmendem Maße ihr Unverständnis mit den Modalitäten des DEAL-Vertrags rückspiegelte. Kosten für Open-Access-Publikationen werden vermehrt von Bibliotheken und Universitäten voll oder teilweise auf die Autor_innen umgelegt – ein durchaus problematischer Zustand, der der Wissenschaftslandschaft nicht unbekannt ist, aber hier eine neue Qualität erreichte. So liegt der geringe Umfang des vorliegenden Heftes auch darin begründet, dass mehrere Autor_innen unter diesen Bedingungen nicht publizieren wollten. Wir konnten sie allerdings überzeugen, nicht abzuspringen, sondern ihren Beitrag im nächsten Jahrgang unter den geänderten Bedingungen zu veröffentlichen. Die Texte sind also für Sie als Leser_in nicht verloren.
Ein zweiter Aspekt, der unsere Rezensent_innen beschäftigte, war der steigende administrative Aufwand rund um die Veröffentlichung. Besprechungen stehen nicht im Fokus von DEAL und tauchen in den Rechteeinräumungsfragebögen oftmals nicht explizit auf, was Dinge verkomplizierte. Spätestens mit der zweiten Runde der DEAL-Verhandlungen belegte das Rezensionswesen einen nicht näher definierten Raum innerhalb der vertraglich festgelegten Publikationskriterien. Das führte zu sehr komplexen Freigabe- und Zahlungsmodalitäten. Man muss es so klar sagen: Unter den gegenwärtigen Bedingungen verlor die NPL dramatisch an Attraktivität für unsere Autor_innen.
Drittens sehen wir die NPL in einer Tradition der Demokratisierung von Wissen. Wir stehen hinter dem Ideal, akademische Wissensproduktion möglichst allen zugänglich zu machen, und zwar ohne versteckte Kosten. Damit stellen wir uns auf die Schultern unserer Vorgänger_innen in Redaktion und Herausgeberschaft, die eine sich ständig entwickelnde, der Aufklärung und Verbreitung von Wissen verpflichtete NPL geprägt haben. Wie Christof Dipper in seiner Retrospektive in diesem Heft schreibt, ist die nun anstehende Digitalisierung und Öffnung der Zeitschrift nur eine von vielen „Häutungen“ der NPL, aber vielleicht diejenige, die am stärksten als kontinuierliche Entwicklung zu sehen ist. Sie baut auf einer Digitalisierungsstrategie auf, die seit den späten 1990er Jahren von aufeinanderfolgenden Redakteur_innen und gemeinsam mit zwei Verlagen entwickelt wurde, uns in Kooperation mit verschiedenen Partnern, unter anderem recensio.net, zunehmend digital präsent machte und auch seit über zehn Jahren ein online für Autor_innen zugängliches Content Management System (CMS) beinhaltet.
Aus den genannten Punkten war es für uns schließlich zwangsläufig, den eingangs erwähnten Schritt zu gehen, zumal wir hier in Darmstadt einen kompetenten Partner vorfinden:
Seit Mai 2025 gibt es eine von der DFG geförderte Servicestelle Diamond Open Access (SeDOA). Dabei handelt es sich um ein Konsortium aus 15 Einrichtungen, welches das DOA-Publizieren in Deutschland effizienter und sichtbarer machen soll. Zu dieser Servicestelle gehört unter anderem die Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) Darmstadt. Wir können also bei der Publikationsinfrastruktur auf professionelle Unterstützung im Hause und auf kurze Dienstwege bauen. Die ULB Darmstadt wird ab dem neuen Jahrgang unser Publisher. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit.
Wir nutzen die Gelegenheit, uns herzlich bei unserem bisherigen Publisher, Springer Nature, für die gemeinsame Heftproduktion der letzten sechs Jahre zu bedanken. Wir werden die professionelle, zuverlässige und auch immer von gegenseitiger Wertschätzung geprägte Zusammenarbeit vermissen. Insbesondere Jessica Fäcks und Anna Lisa Pfeiffer sowie Natalia Christoforou, Elizaveta Ilves, Isabell Schneider und Christiane Winter-Todorov hatten stets ein offenes Ohr für unsere besonderen Anliegen, und sie setzten sich mit viel Herzblut für die Belange der NPL ein. Auch deshalb verlassen wir den Verlag mit einem weinenden Auge, blicken mit dem anderen Auge jedoch optimistisch in die Zukunft.
Zunächst wünschen wir Ihnen viel Vergnügen mit den Beiträgen in diesem Heft. Riechen und fühlen Sie noch einmal die gedruckten Seiten und begleiten Sie uns dann in die digitale Zukunft.
Mit den besten Grüßen aus Darmstadt
Jens Ivo Engels und Volker Köhler
Funding
Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL.
Notes
- Jörke, Dirk/Czolkoß-Hettwer, Michael: Diamond-Open-Access gehört die Zukunft, in: FAZ vom 25.06.2025. ⮭
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.