Unbeeindruckt davon, dass es in Deutschland bis in die tiefste Provinz Hunderttausende von vereinsartigen Gruppierungen gibt, hat sich die sozialwissenschaftliche Forschung hierzulande über Jahrzehnte eine bemerkenswerte Ignoranz gegenüber dem Vereinswesen geleistet, ja geradezu eine Verweigerungshaltung, Vereine als seriöses Objekt der Forschung zu betrachten. Kam dann noch das Attribut „gesellig“ ins Spiel, fixierte ein klischeehafter Blick die Kernzone sogenannter ‚Vereinsmeierei‘, die aufgrund ihrer vermeintlich kleinlichen und selbstbezogenen Organisationspraxis kaum das Erkenntnisinteresse des Sozialwissenschaftlers ansprach. Erst mit der Wiederentdeckung des französischen Staatstheoretikers Alexis de Tocqueville in den 1990er Jahren ist das Vereinswesen als Zwillingsbruder des vielbeschworenen zivilbürgerlichen Engagements zu neuen Ehren gekommen. Daran knüpft Arnd Kluges Gesamtdarstellung der deutschen Vereinsgeschichte an. Er führt eine beeindruckende Vielfalt von Vereinen auf – ein Panorama zumeist freiwilliger sozialer Gruppenbildung, das unvoreingenommenen Beobachtern bereits beim ersten Hinsehen den Eindruck vermittelt, es hier mit robusten gesellschaftlichen Bindekräften und Beziehungsstrukturen an der Basis der Gesellschaft zu tun zu haben. Unter Vereinen versteht der Autor nicht nur „eingetragene Vereine“ im engeren juristischen Sinn, sondern umfassend staatsunabhängige Gruppierungen auf Basis freiwilliger Selbstorganisierung, die einen mehr oder minder klar fixierten Hauptzweck verfolgen. Auch clubartige Gebilde und geschlossene Gesellschaften wie Logen zählen dazu, sofern sie auf organisatorische Kontinuität ausgerichtet sind; ebenso Verbände als vereinsübergreifende Zusammenschlüsse. Ein denkbar breites Aufgabenfeld gerät dabei ins Blickfeld: Zwecksetzungen wirtschaftlicher, politischer, kultureller, sportlicher, karitativer oder geselliger Art. Der Untertitel des Buches ist leider etwas irreführend, da eine Schwerpunktsetzung im dort angegebenen Sinn nicht erkennbar ist.
Auch aus der Perspektive einer Politikwissenschaft, die die Wechselbeziehungen zwischen politischer Handlungssphäre und Lebensalltag ernst nimmt, leuchtet ein, dass die Vermittlungsprozesse zwischen Ökonomie und privaten Rückzugsräumen auf der einen und politischer Herrschaftsausübung auf der anderen Seite in freiheitlichen Gesellschaften einer in die Breite gehenden kommunikativen Praxis bedürfen, in der es eine organisierte und institutionalisierte Verstetigung von kommunikativen Austauschprozessen gibt. Dies stellen an erster Stelle Vereine, Verbände und die Medienwelt sicher.
Kluges Überblick weist mit lexikografischer Sorgfalt für fast alle gesellschaftlichen Sphären Zusammenschlüsse auf der Basis freiwilliger Selbstorganisierung nach, die zum einen ein denkbar breites Spektrum menschlicher Bedürfnisse abdecken, zum anderen aber auch verständlich machen, dass politisches Handeln in freiheitlichen Gesellschaften in fast allen gesellschaftlichen Sektoren Ansprechpartner und Lobbytätigkeit vorfindet, die in komplexen Austauschprozessen über die Akzeptanz, Wirksamkeit und inhaltliche Ausrichtung der Politik mitentscheiden. Der Umstand nun, dass vereinsartige Zusammenschlüsse ein jahrhundertealtes Phänomen sind und nicht erst das Produkt der Vereinsrevolution des 19. Jahrhunderts, verdeutlicht laut Kluges Einschätzung eindringlich, dass eine realistische Gesellschaftsanalyse und Politikwissenschaft am Vereinswesen nicht vorbeikommt. Diesem Anspruch gerecht zu werden, fällt dem Politikanalytiker vor allem dann schwer, wenn es sich um politikferne, das heißt um scheinbar politikneutrale Vereinszwecke handelt. Damit aber fällt der Blick auf millionenfache Mitgliedschaften, die im 19. Jahrhundert zu einem allpräsenten städtischen Massenphänomen wurden.
Nicht zuletzt aus diesem Grund ist für jede Politikanalyse die Grundthese des Autors essentiell, dass Vereine bis auf den heutigen Tag mehrheitlich unabhängig von ihrem satzungsmäßigen Hauptzweck multifunktionale Organisationen gewesen sind und sich in der Regel hinter der Satzungsfassade und öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten im Binnenraum ein robustes geselliges Leben entwickeln konnte – und damit eine Sphäre der Beziehungspflege, Netzwerkbildung und strategischen Geselligkeitspolitik, die zusammengenommen zu komplexen, wirkungsmächtigen Wechselverhältnissen zwischen gesellschaftlicher Basis und Politik führten. Lange Zeit sind die informellen satzungsfernen Zwecke und Aufgabensetzungen unterschätzt worden, im deutschsprachigen Kulturraum vor allem die Musik‑, Kunst- und Sportvereine, in deren Verbandsstrukturen sich auch die Vielfalt der politischen Richtungen und Lagerstrukturen abbildete. Der Autor zeigt auf, dass es hier in den letzten Jahrzehnten zu Strukturveränderungen in den Beziehungen zwischen Vereinskultur und Politik gekommen ist. Gab es früher deutlichere Zuordnungen von Parteilagern und milieupsychologisch unterfütternden Vorfeldorganisationen, so hat sich in den letzten Jahrzehnten eine fundamentale Lockerung zwischen Vereinswesen und parteipolitischer Zugehörigkeit und Bindung ergeben. Prozesse der Vereinzelung spielen dabei eine große Rolle und damit einhergehend Identifikationsverluste, die populistischen Bewegungen und Strömungen Auftrieb gegeben haben.
Bleibt man Tocquevilles Diktum treu, dass eine lebendige freiheitliche Demokratie der freiwilligen politischen Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers bedarf und damit der staatsunabhängigen Selbstorganisierung in Vereinen, dann lässt sich die große Vielzahl parteipolitisch neutraler, politisch minderprofilierter Vereinigungen als wertvolles Basiselement der modernen Bürgergesellschaft bewerten, weil hier unersetzliche Betätigungsfelder zivilbürgerlicher Erfahrung und Lernfelder für Verantwortungsübernahme und politisch-kommunikativen Kompetenzerwerb bereitgestellt werden – Kompetenzen, die sich nicht auf Beruf und familiäre Privatheit beschränken. Einigkeit besteht mittlerweile darin, dass die Vereine im 19. Jahrhundert entscheidende Vorreiter und Träger einer bürgerlich-liberalen Öffentlichkeit waren, die überkommene geburtsständische und klerikale Autokratien in ihre Schranken verwiesen haben. Über diese bunte Vielfalt von Vereinigungen verschafft die Darstellung von Arnd Kluge einen guten, anschaulichen Überblick, der vor allem anregende Problemstellungen und Besorgnisse bereithält, wenn man angesichts einer übermächtig anmutenden Internet-Revolution über die Zukunft demokratischer Partizipationsbereitschaft auf den vielfältigen Ebenen des demokratischen Politikbetriebs nachdenkt.
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