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Einzelrezension

Dreidemy, Lucile u. a. (Hrsg.): Stimmen des Antikolonialismus. Eine globalhistorische Spurensammlung 1615–1915, 490 S., Mandelbaum, Wien 2025.


Keywords: Review, Dreidemy, Lucile, 2025, Quellenedition, Kolonialgeschichte, Antikolonialismus, Globalgeschichte, Mission

How to Cite:

van der Heyden, U., (2025) “Dreidemy, Lucile u. a. (Hrsg.): Stimmen des Antikolonialismus. Eine globalhistorische Spurensammlung 1615–1915, 490 S., Mandelbaum, Wien 2025.”, Neue Politische Literatur 70(2-3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-025-00659-6

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© The Author(s) 2025 under CC BY International 4.0

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Published on
2025-08-21

In der deutschsprachigen Fachliteratur zu den mannigfachen Themen der Globalgeschichte, die erfreulicherweise in den letzten Jahren exorbitant zugenommen hat, erleben Publikationen insbesondere zum Wesen, zu Akteuren, zu noch existierenden Spuren sowie zu den langfristigen Folgen des europäischen Kolonialismus eine gewisse Hochkonjunktur. Es kann wohl von bereits vorliegenden tausenden relevanten Publikationen gesprochen werden, die in den letzten Jahren mit den unterschiedlichsten Qualitätsmerkmalen auf dem Büchermarkt erschienen sind.

Dennoch fallen immer wieder zwei methodologische Vernachlässigungen in der Beantwortung und Bewertung von Forschungsfragen zur Kolonialgeschichte auf: Zum einen wird zwar viel publiziert, aber darunter befinden sich kaum Quelleneditionen. Das scheint einer der Gründe zu sein, warum in so manch innovativer Forschungsarbeit kaum auf Auswertungen von originären historischen Quellen Wert gelegt wird; viel lieber beruft man sich als Beleg von Aussagen und Schlussfolgerungen auf bereits vorliegende Sekundärliteratur – häufig jedoch nur auf diejenige, die in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten entstanden ist. Zum anderen fällt auf, dass zwar recht umfangreich über die verschiedenen Themenbereiche insbesondere des deutschen Kolonialismus – auch zu Biografien – gearbeitet worden ist, aber kaum über Vertreter des Antikolonialismus. Dabei gab es schon seit Beginn des Kolonialismus sowohl antikoloniale Haltungen von Persönlichkeiten aus den kolonisierten Gebieten als auch zum Teil großen Einfluss besitzende Einzelpersonen in den kolonisierenden europäischen Ländern (vgl. van der Heyden, „Wider den Kolonialismus“, 2018).

Das hier besprochene Buch kann als ein Schritt zur Behebung dieses Mankos gelten. Allerdings ist die Thematik nicht auf den deutschen Kolonialismus fokussiert, sondern erhebt einen breiten regionalen und temporären Anspruch, wie schon im Titel des Editionsbandes ersichtlich ist. So wird direkt deutlich, dass die Geschichte des Antikolonialismus so alt ist wie die Geschichte der kolonialen Expansion. Als Widerständler wird nicht nur derjenige verstanden, der gegen die militärische Unterwerfung und den Landraub gerichtet gewesen ist. Vertreter der Kolonisierten stemmten sich mithilfe europäischer Humanisten ebenso gegen die ideologischen Fundamente der Zwangsherrschaft, die die Grundlagen für den kolonialistisch geprägten Expansionismus gebildet haben.

Diese außerhalb der gewalttätigen Gegenwehr vorhandene spezielle Form antikolonialer Aktivitäten in einem wissenschaftlichen Editionsband zu finden, ist – zumindest mit einem ausgeprägten globalen Blick – bislang relativ selten. Diese, von den Herausgebern so bezeichneten „Gegendiskurse“ stehen im Mittelpunkt des Buches, in dem ein breiter historischer Bogen gespannt wird. Die Grundlage bilden gegen die Expansion westeuropäischer Länder gerichtete zeitgenössische Texte aus verschiedenen überseeischen Weltregionen.

Bei der Wiedergabe der Dokumente wird die unverfälschte Sprache der Originale weitgehend beibehalten, sodass ein unmittelbarer Einblick in die Ausdrucksformen und artikulierten Argumente für den Widerstandswillen ermöglicht wird. Diese stehen jedoch nicht für sich, sondern werden durch Kommentare von auf ihrem Gebiet ausgewiesenen Fachleuten ergänzt, was die Kontextualisierung der historischen Quellentexte wesentlich erleichtert und Interpretationsmöglichkeiten aufzeigt. Der kommentierende Editionsband ermöglicht darüber hinaus, wie es in dem einleitenden Kapitel heißt, einen „Blick auf eine verflochtene globale Ideengeschichte“, die „von einem großen Teil der westlichen Historiographie weiterhin stiefmütterlich behandelt“ werde (S. 40). Es wird verdeutlicht, dass das hierdurch bewahrte, nunmehr kumulativ zusammengefasste Vermächtnis antikolonialer Stimmen neben ihrer kolonialhistoriografischen Bedeutung auch einen zentralen Beitrag zur globalen Ideengeschichte der Moderne liefert.

Das vorgestellte Werk besteht aus 16 Kapiteln, von denen 15 jeweils einer Wortmeldung eines antikolonial agierenden Protagonisten gewidmet sind. Im ersten Kapitel wird dezidiert der Antikolonialismus der Kolonisierten in die Geschichte der kolonialen Eroberungen und deren Widerspiegelung in der Fachliteratur eingeordnet. Hier wird hervorgehoben, dass es bei der Dokumentation nicht in erster Linie um Auffassungen von europäischen Antikolonialisten geht, sondern vornehmlich um solche, die aus intellektuellen Vertretern der kolonisierten Gesellschaften stammen. Diese konnten sich jedoch nur Gehör verschaffen, wenn ihre Stimmen durch Vermittlung von humanistisch eingestellten Europäern in die Mutterländer des überseeischen Expansionismus transportiert und dort verbreitet werden konnten.

Zu den bekanntesten der hier dokumentierten antikolonialen Äußerungen gehören – um einige Beispiele herauszugreifen – José Martí, Sun Yat-sen, Mahatma Gandhi und W. E. B. Du Bois. Andere Namen sind, wie es die Herausgeber formulieren, bisher „in der europäischen Geschichtsschreibung und erst recht in den Lehrplänen kaum präsent“ (S. 8). Interessant ist der Hinweis auf die aktuellen Diskussionen um den Zusammenhang von christlicher Mission und Kolonialismus. Richtig wird festgestellt, dass der „gesellschaftspolitische Einfluss der Missionen und ihr zivilisationsmissionarischer Überlegenheitsanspruch“ (S. 25) von antikolonialen indigenen Vorkämpfern angeprangert worden ist. Die Kritik äußerte sich, so wird hervorgehoben, selten als totale Zurückweisung. Das wird in einigen der abgedruckten Texte sehr deutlich.

Diese und weitere die relevanten zukünftigen Forschungen inspirierenden Ausführungen in der Einleitung sowie in den Kommentaren sind nicht nur als wichtige Erläuterungen des damaligen historischen Umfeldes zu deuten, sondern greifen mit ihren Überlegungen in die gegenwärtig geführten Diskurse in mannigfachen Wissenschaftsdisziplinen ein, etwa in der Kolonialhistoriografie, Museologie, Ethnologie sowie Missions- und Religionswissenschaft, und können somit die dort geführten spezifischen Diskussionen zweifellos bereichern.

Wenn an dem Buch Kritik angebracht sein sollte, dann an der verlegerischen Qualität – die Seiten sind zu eng bedruckt, die Schrift ist zu klein und es wurden zu wenig Absätze eingefügt – sowie an der Tatsache, dass die im Anschluss an die Kommentare sowie am Ende des historiografischen Einführungskapitels platzierte weiterführende Fachliteratur durchaus noch hätte erweitert werden können.

Hinweis des Verlags

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