Pierre Rosanvallon kennt man als einen prominenten französischen Intellektuellen, der in rascher Folge scharfsinnige Gegenwartsanalysen vorlegt. Der Schwerpunkt seiner Betrachtungen liegt auf einer kritischen Auseinandersetzung mit demokratischen Regierungssystemen, wobei er gleichermaßen historische Entwicklungen einbezieht, Begriffsgeschichten aufarbeitet, soziologische Befunde verwertet sowie ökonomische und kulturelle Rahmenbedingungen berücksichtigt. Auf diese Weise kommt eine stets erhellende Auseinandersetzung mit aktuellen Problemstellungen zustande – in der Vergangenheit beispielsweise mit dem „Volk“, mit der „demokratischen Legitimität“, mit dem „guten Regieren“ oder mit den „Prüfungen des Lebens“, denen die Menschen aufgrund der zunehmenden Vereinzelung ihrer Lebensformen ausgesetzt sind.
In diesem Buch geht es um die Rolle von „unsichtbare Institutionen“, also mehr um soziale Grundkategorien, die sublim auf die Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens einwirken. Zu diesen Grundkategorien zählt er Vertrauen, Autorität und Legitimität. Rosanvallon will deren weitgehend verborgene Wirkungsweise sichtbar machen. Dazu bemüht er jeweils ihre historische und begriffsgeschichtliche Genese, er zeigt an ausgewählten Beispielen deren Funktionen auf, und er verdeutlicht, welchen aktuellen Hindernissen sie in ihrer Entfaltung ausgesetzt sind.
Die historischen Herleitungen dieser Kategorien, die Rosanvallon unter der Überschrift „Geschichte und Konzeptualisierung“ (S. 25 ff.) vollzieht, fördern aufschlussreiche Befunde zu den Entstehungsbedingungen, überraschenden Wandlungen, konzeptionellen Einengungen sowie Erweiterungen zutage. Rosanvallon betätigt sich hier einmal mehr als profund recherchierender, kritisch wertender Ideengeschichtler. Anschließend setzt er sich mit den gesellschaftlichen Dynamiken auseinander, aus denen die drei Kategorien hervorgehen, auf die sie aber zugleich einwirken. Dieses Großkapitel ist, etwas undeutlich, mit der Überschrift „Stützpfeiler und Grundlagen“ (S. 85 ff.) versehen. So identifiziert Rosanvallon verschiedene Faktoren, die in der Moderne als Triebfedern für die Wirkungsmächtigkeit der untersuchten Kategorien fungierten. Dazu zählt er die wachsenden Bedürfnisse nach Normierung, Standardisierung, Messung und Vereinheitlichung, das Erfordernis „geteilter Selbstverständlichkeiten“ (S. 113), wie den „Gemeinsinn“, die „Vernunftorientierung“ oder die „Deliberation“, sowie rituelle Formen der Pflege des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Dieses Großkapitel fällt allzu kursorisch und unspezifisch aus. Was Rosanvallon hier an Befunden zusammenträgt, ergibt eine grob gezeichnete Modernisierungsgeschichte auf der Basis soziologischer Klassifikationen. Vertrauen, Autorität und Legitimität bilden sich darin nicht profiliert ab, sondern verschwimmen im dargebotenen Konglomerat zahlreicher Faktoren, die üblicherweise als Triebkräfte der „Modernisierung“ identifiziert werden. Man hätte eine stärker fokussierte Auseinandersetzung mit den sich allmählich ausprägenden Funktionsbestimmungen der drei Grundkategorien erwartet, die das vermutete „Unsichtbare“ konturenschärfer ins helle Licht der gesellschaftstheoretischen Betrachtung gerückt hätten.
Schließlich ist das letzte Großkapitel dem Thema „Widerstände und Verblendungen“ gewidmet (S. 153 ff.). Die Ausgangsthese ist, dass die drei Grundkategorien in der „demokratischen Moderne zunehmend entwertet und in die zweite Reihe verwiesen“ worden sind (S. 155). Rosanvallon will verdeutlichen, dass Vertrauen, Autorität und Legitimität in der Gegenwart ihre Funktion eingebüßt haben – wobei sich dann die Frage stellt, ob sie gar nicht „unsichtbar“ geworden sind, sondern gänzlich bedeutungslos werden und verschwinden. Die Argumentation Rosanvallons lautet zunächst klar: Das Vertrauen wird dem Prinzip der Versicherung geopfert, die Autorität der Souveränität und die Legitimität der Legalität. Bei dieser Eindeutigkeit, die allzu überspitzt und grobschlächtig anmutet, bleibt es jedoch nicht. Denn Rosanvallon gesteht ein, dass es in Hinblick auf die Wirkung aller drei Kategorien nach wie vor eine lebhafte öffentliche und wissenschaftliche Debatte gibt, die auf fortbestehende, aber durchaus veränderte Verständnisse, Wirkungsbereiche und Funktionsbestimmungen hindeutet. Diese Beobachtung irritiert, denn damit lautet der letztendliche Befund, dass die drei Kategorien weder völlig unsichtbar sind noch komplett entwertet wurden. Im Schlusskapitel zeigt Rosanvallon sogar explizit Wege auf, wie und wo sowie unter welchen Bedingungen in der Gegenwart Vertrauen, Autorität und Legitimität wiederbelebt werden können.
Die sozialwissenschaftliche Präzision Rosanvallons bei der Analyse und Kritik gesellschaftlicher Dynamiken, kultureller Verhaltensmuster sowie politischer Ideologien und Entwicklungen ist sein beeindruckendes Markenzeichen. Davon zeugt erneut dieses Buch. Was in diesem Werk jedoch nicht stimmig erscheint, ist der argumentative Gesamtrahmen. Die untersuchten Grundkategorien erweisen sich nicht als so unsichtbar, wie es der Buchtitel nahelegt. Sie wirken durchaus sichtbar fort, unterstehen allerdings einem bemerkenswerten und spannenden Bedeutungswandel, dessen Aufarbeitung, Darstellung und Bewertung zu grob und kurz ausfällt, weil im Buch stets die historisch weitgreifende Auseinandersetzung mit den Entstehungsbedingungen sowie mit der Wirkungs- und Begriffsgeschichte im Mittelpunkt der Ausführungen steht. Damit kommt die um die drei Grundkategorien kreisende, kritische Gegenwartsanalyse in diesem Buch erheblich zu kurz.
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E. Richter gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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