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Einzelrezension

Fulbrook, Mary: Bystander Society. Conformity and Complicity in Nazi Germany and the Holocaust, 470 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2023.


Keywords: Review, Fulbrook, Mary, 2023, Nationalsozialismus, Mitläufertum, Rassismus, Gewaltgeschichte

How to Cite:

Friedrich, K., (2025) “Fulbrook, Mary: Bystander Society. Conformity and Complicity in Nazi Germany and the Holocaust, 470 S., Oxford UP, Oxford u. a. 2023.”, Neue Politische Literatur 70(2-3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-025-00657-8

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© The Author(s) 2025 under CC BY International 4.0

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2025-07-31

Wie so viele bedeutende Forschungsarbeiten ist Mary Fulbrooks Studie über Haltungen in der Mehrheitsgesellschaft unter dem NS-Regime aus einem Unbehagen heraus entstanden. Neue Modelle, die diese als „Tätergesellschaft“ in einer „Konsensdiktatur“ beschreiben, erscheinen ihr zu einseitig (S. viii, 394). Dem stellt die Verfasserin nun ihre Sicht gegenüber, wie die Masse der die Umbrüche Miterlebenden aus der „Gesellschaft der Danebenstehenden“ („bystander society“) die Entwicklungen in den 1930er Jahren wahrnahm, für sich deutete und darauf reagierte. Und wie sie damit immer Schlimmeres geschehen ließ.

Grundlage bildet eine sorgfältige Auswertung von Selbstzeugnissen der in verschiedenen Rollen Beteiligten. Fulbrook stützt sich vor allem auf schriftliche Aussagen von Flüchtlingen aus NS-Deutschland, die 1939/40 angefertigt wurden und die über deren Leben „vor und nach dem 30. Januar 1933“ Auskunft geben (S. 10). Die Berichte kamen im Rahmen eines 1939 ausgelobten Wettbewerbs zustande, mit dem drei Professoren der Harvard University herausfinden wollten, was in Deutschland vor sich ging. Der Großteil der 250 Einsendungen wurde von jüdischen Flüchtlingen verfasst. Es beteiligten sich aber auch Nichtjuden, darunter Personen, die unter dem Nationalsozialismus als christliche Partner_innen in ‚Mischehen‘ gelebt hatten und deren Nachkommen, die als ‚Mischlinge‘ galten, sowie weitere Deutsche mit jüdischen Vorfahren, die ebenfalls diskriminiert wurden, ohne dem Judentum anzugehören.

Den Marginalisierten fielen die Veränderungen in der sich neu formierenden NS-‚Volksgemeinschaft‘ am besten auf – und was die Masse aktiv dazu beitrug, dass sich auf rasante Weise ein anderes Verständnis davon herausbildete, „was deutsch sein bedeutete“ (S. 13). Eine Vielzahl individueller Erfahrungen, die sich in ausgewählten Berichten niedergeschlagen haben, setzt die Verfasserin gleich einem Mosaik zu einem weitgehend schlüssigen Bild der damaligen Zeitumstände zusammen.

Ausgangspunkt ist das zu Beginn der NS-Herrschaft beobachtete „konforme Verhalten“ („compliance“), woraus sich über soziale und psychologische Mechanismen eine zunehmende „Komplizenschaft mit den Verbrechen des NS-Regimes“ ergeben habe (S. 20). Die Einführung handelt von dem Beobachten kollektiver Gewalt. Im März 1933 sah eine der Berichterstattenden, wie ein jüdischer Deutscher, ein angeprangerter Jurist, von Nazis durch die Straßen von München getrieben wurde und niemand dagegen einschritt. Ihre nichtjüdischen Landsleute hatten „dies zugelassen“, beklagte sie zutiefst erschüttert; diese Erfahrung schmerzte sie ungemein und ließ sie bekennen: „Ich schäme mich für sie“ (S. 2).

Haltungen der solchen NS-Gewaltspektakeln beiwohnenden Masse der deutschen Bevölkerung sind unzureichend erforscht. Dabei kam der 1933 ausbleibenden Reaktion aus der Mitte der Gesellschaft entscheidende Bedeutung zu, denn sie öffnete den Weg für Klassifizierung, Brandmarkung und Entrechtung. Die soziale Segregation brachte die sich zur NS-‚Volksgemeinschaft‘ entwickelnde Gesellschaft auf eine „schiefe Ebene“. Dies schildert Fulbrook im ersten Teil mit seinen fünf Kapiteln, in denen sie auf einige Lebenswege vor 1933 eingeht und darauf, wie man sich im Frühjahr 1933 anzupassen versuchte. Das dritte Kapitel gilt dem 1933/34 feststellbaren sozialen Auseinanderbrechen, indem persönliche Identitäten der ‚Rassifizierung‘ unterlagen. Antisemitischen politischen Drucks bedurfte es dazu kaum, wie die große Zahl freiwilliger Anpassungsleistungen bei der Geltendmachung des ‚Arierparagrafen‘ zeigt. In den Augen der nun Diskriminierten waren ‚arische‘ Bekannte allzu schnell bereit, den Kontakt abzubrechen. Wie im folgenden Abschnitt deutlich wird, machten Gemeinschaftsgefühle einen abrupten Wandel durch. Mit den Nürnberger Gesetzen gingen diese Veränderungen in eine „Normalisierung der Rassendiskriminierung“ über (S. 148), die Ausgrenzung und schließlich den völligen sozialen Ausschluss derjenigen bedeutete, die zu ‚inneren‘ (Rasse‑)Feinden erklärt wurden.

Im zweiten Teil befasst sich Fulbrook mit der „Ausbreitung der Gewalt“ über die Landesgrenzen hinweg. Sie beschreibt „die explosionsartige Ausbreitung des Nazitums in Österreich“ (S. 189), die Lage in Danzig (S. 196) und in Kapitel 7 die „Schockwellen“ der Novemberpogrome 1938 (S. 202), die geteilte Reaktionen hervorriefen: vom Wunsch, mitzutun, bis zu Scham und Abscheu.

Im folgenden Abschnitt wendet sie sich den 1939 bis 1941 voneinander „getrennten Schicksalen“ („divided fates“) zu (S. 234). ‚Rasse‘ und Raum wurden im Krieg zu „eng zusammenhängenden Fragen“ (S. 249). Die folgenden Kapitel handeln von der Entwicklung in Litauen, wo im Fort Nr. 9 in Kaunas Ost und West aufeinandertrafen, als die ersten aus Deutschland Deportierten ankamen und umgehend ermordet wurden. Mitteilungen über die Massenmorde des Vernichtungskriegs sickerten durch. Während manche Deutsche, die fern der Front davon erfuhren, sie im Stillen verurteilten, spielt der Judenmord in Tagebüchern engagierter Nazis keine Rolle, oder er wurde ideologisch gerechtfertigt.

Zeitlich über das Kriegsende hinaus geht das vorletzte elfte Kapitel über das Randphänomen „Rettung, Überleben und Selbstrechtfertigungen“ (S. 340). Unerwartete Hilfe in der Not, das Untertauchen in der Großstadt (Berlin), die Flucht über die grüne Grenze in die Schweiz ermöglichten es nur ganz wenigen, ihr Leben zu retten.

In ihrer Schlussbetrachtung blickt Fulbrook auf „den Mythos der Danebenstehenden und die Reaktionen auf Gewalt“ (S. 371). Hier bringt sie den Prozess gegen die Sekretärin im KZ Stutthof Irmgard Furchner zur Sprache. Sie konnte nicht glaubhaft machen, von dem mörderischen Regime dort keine Kenntnis gehabt zu haben, sodass sie in Itzehoe wegen Beihilfe zum Mord in über 10.000 Fällen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Zugleich hebt die Verfasserin die Erfordernisse des Kriegszustands hervor und unterstreicht die Notwendigkeit, vergleichend auch die Reaktionen in Mehrheitsgesellschaften außerhalb Deutschlands genauer zu untersuchen.

Wie steht es um die Komplizenschaft der ‚gewöhnlichen‘ Deutschen, deren Beteiligung unverzichtbar war, um die Diskriminierungspraktiken mit Leben zu erfüllen und im Alltag durchzusetzen? Die Verfasserin betont, dass die Veränderungen in der Gesellschaft auf die Wahrnehmungen und Reaktionen der Deutschen einwirkten und eine am Rassismus ausgerichtete Umgestaltung herbeiführten: „Eine Gesellschaft der Danebenstehenden wurde in Nazideutschland aktiv geschaffen […]“ (S. 398). Es handele sich um ein Gemeinwesen, in dem „die sozialen Beziehungen und politischen Verhältnisse derart beschaffen“ waren, dass die meisten Menschen „sich entweder nicht für die Opfer einsetzen wollten oder es sich nicht trauten“ und sie „gelernt hatten, wegzusehen“ (S. 382). Erst damit lagen die Bedingungen vor, unter denen der Holocaust möglich war, wobei der Mord an der jüdischen Bevölkerung den überwiegenden Teil der Deutschen während des Kriegs als ein Gerücht erreichte, „das verhältnismäßig leicht verworfen oder so umgedeutet werden konnte, dass es weniger verstörend wirkte“ (S. 394).

Fulbrooks überragendes Verdienst ist es, durch ihre akribische Analyse sozialer Interaktionen aus den Jahren 1933 bis 1945 ausschlaggebende Umstände anschaulich und einleuchtend herauszuarbeiten, die unerlässliche Voraussetzungen für den NS-Judenmord waren. Voraussetzungen und Umstände, unter denen eine Gesellschaft auf ungeheuerliche Verbrechen bloß mit gleichgültigem und passivem Zu- und Wegschauen reagiert, sind erhellend nicht nur für die 1930er Jahre. Indem Mary Fulbrook um Differenzierung bemüht ist und auf schlagwortartige Etikettierungen verzichtet, kann sie zugleich dazu beitragen, heutige Fehlentwicklungen besser zu verstehen.

Interessenkonflikt

K. Friedrich gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.