In wenigen Jahren jährt sich Adolf Hitlers Machtübernahme zum hundertsten Mal. Man sollte daher annehmen, dass die Biografie des Diktators bereits hinlänglich erforscht ist. So wie jedoch bis heute ständig neue Bücher über Hitler erscheinen, wird es auch in Zukunft weitergehen. Sei es, dass mehr oder weniger umfangreiche Biografien über ihn veröffentlicht werden oder sei es, dass thematisch begrenzte Monografien über einzelne Abschnitte seines Lebens erscheinen. So wie bisher wird vor allem auch deshalb weiterhin über Hitler geschrieben werden, weil sich das Interesse an dem Diktator von Generation zu Generation verändert und sich neue Fragestellungen ergeben. Eine Frage dürfte aber zentral bleiben: Wie konnte ein im Grunde aus dem Nichts kommender Mensch ohne vollendete Schulbildung und mit einer gescheiterten Berufsausbildung einen Aufstieg als Politiker erleben, der ihn dazu befähigte, ein ganzes Volk in einen verlustreichen Weltkrieg zu führen und gleichzeitig Millionen europäischer Jüdinnen und Juden sowie anderer Minderheiten umbringen zu lassen?
Auch wenn heute die Holocaustforschung gegenüber der Hitlerforschung in der Zeitgeschichte den Vorrang hat und ausgehend von den USA und verspätet auch in Deutschland zur Einrichtung von speziellen Lehrstühlen an den Universitäten sowie ganzen Instituten und Museen geführt hat, wird die Hitlerforschung dadurch nicht überflüssig. Je mehr mit unterschiedlichen methodischen Zugriffen Hitlers Schreckensbiografie erforscht wird, desto mehr profitiert davon die Holocaustforschung. Ohne Hitlerforschung keine Holocaustforschung und ohne diese wiederum keine Hitlerforschung.
Auch wenn in der Hitlerforschung die angelsächsische Geschichtsforschung zunächst führend war und die ersten großen Biografien von Hitler von britischen Historikern vorgelegt wurden1, hat die deutsche Forschung inzwischen mit einer Reihe von großen Biografien aufgeholt.2 In unregelmäßiger Folge sind daneben zahlreiche biografische Einzelstudien erschienen, von denen im Folgenden einige der letzten Jahre vorgestellt werden. Es handelt sich zum Teil um Studien, in denen zentrale Themen der Hitlerforschung wiederaufgenommen werden. Teilweise handelt es sich um wiederaufgelegte zeitgenössische Publikationen, die seinerzeit besondere Beachtung fanden. Es sind aber auch Untersuchungen dabei, die Themen der Hitlerbiografie aufgreifen, welche bisher kaum von der Forschung berücksichtigt worden sind.
Hitler und der Journalismus
Erstaunlicherweise ist Hitlers Verhältnis zu den Medien, jedenfalls was seine Interviews mit Journalisten betrifft, bisher nicht systematisch untersucht worden. Das gilt sowohl für die Zeit der Weimarer Republik, in der sich Hitler auf dem Weg zur politischen Macht befand, als auch für die Zeit des ‚Dritten Reiches‘. Bekannt ist nur, wie er sich des Parteiblattes „Völkischer Beobachter“ für Interviews bediente, das von seinem Adlatus Joseph Goebbels herausgegeben wurde.
Der kürzlich verstorbene Publizist und Historiker Lutz Hachmeister, dem wir schon mehrere wissenschaftliche Arbeiten zur Mediengeschichte verdanken, hat erstmals „Hitlers Interviews“ mit ausländischen Journalisten systematisch untersucht.3 Er vertritt die These, dass sich „Hitlers Bierhallenreden, Volksansprachen, diplomatische Verhandlungen, ‚Tischgespräche‘ oder intimere Interviewsituationen im Grundsatz nicht unterscheiden“ (S. 15). Damit will er sagen, dass die Hitler interviewenden Journalisten ihm gegenüber nur wenig zu Wort kamen, weil er sie, wie er es auch sonst in seinen Reden und in Gesprächen tat, mit Monologen zudeckte. Dem widerspricht zwar seine Behauptung, dass Hitler ein „schlechter Redner“ (S. 8) gewesen sei, seine Beobachtung ist aber grundsätzlich zutreffend. Auf jeden Fall erschließt er mit seinem Buch wissenschaftliches Neuland.
Festzustellen ist zwar, dass in Hachmeisters Darstellung eigentlich nicht Hitler im Mittelpunkt steht, sondern die Journalisten zentral sind, die es geschafft haben, von ihm ein Interview zu erhalten. Der Untertitel des Buches könnte beinahe heißen „Die Journalisten und der Diktator“ und nicht umgekehrt. Da es in den Interviews aber selbstverständlich immer um Hitler geht, liefern diese über ihn durchweg wichtige Erkenntnisse.
Obwohl Hitler, wie der Autor betont, sich nur ungern interviewen ließ, hat Hachmeister insgesamt mehr als 100 Interviews aufgetan, die Hitler in der Zeit von 1922 bis 1944 Journalisten gegeben hat. Da Hitler es ablehnte, den großen liberalen Zeitungen der Weimarer Republik wie der „Frankfurter Zeitung“ oder dem „Berliner Tageblatt“, die er in seinem vorurteilsvollen Verdachtsdenken als ‚Judenblätter‘ diffamierte, Interviews zu geben, kamen für ihn vor 1933 fast nur ausländische Journalisten für ein Interview in Frage. Nach dem Verbot der freien Presse war dies nach seiner Machtergreifung erst recht der Fall, da er für Parteizeitungen fast nur noch einseitige Erklärungen abgab. Fast alle Interviews, die Hitler zwischen 1933 und 1944 gegeben hat, sind in ausländischen Zeitungen erschienen. Von den über 100 Interviews, die er insgesamt geführt hat, fanden fast zwei Drittel, nämlich 60, mit amerikanischen, 17 mit italienischen und acht mit französischen Journalisten statt.
Zunächst behandelt Hachmeister Hitlers Interviews mit amerikanischen Journalisten. Ein Großteil davon wurde mit ganz wenigen von ihnen durchgeführt. Wie Hachmeister nachweisen kann, waren dies fast ausnahmslos solche mit Namen deutscher Herkunft. Ganz offensichtlich glaubte Hitler auf diese Weise sicherzugehen, an keine jüdischen Journalisten zu geraten. Er ließ sich dabei von zwei nationalsozialistischen ‚Alten Kämpfern‘ beraten, die schon früh in der NSDAP Pressearbeit gemacht hatten: Kurt Wilhelm Lüdecke und Ernst („Putzi“) Hanfstaengl (S. 64–75).4 Hitler machte Hanfstaengl für die NSDAP zum Referenten für die Auslandspresse. Lüdecke benutzte er wegen seiner Sprachkenntnisse, wenn auch vergeblich, dazu, in Italien und in den USA für die Partei Geld zu sammeln. Beide wurden wegen ihrer Sonderrollen besonders von Goebbels bekämpft. Sie brachen daher am Ende mit dem Nationalsozialismus und wanderten in die USA aus.5
Von den zahlreichen amerikanischen Journalisten, die von Hachmeister erwähnt werden, sollen nur einige wenige genannt werden. Am bekanntesten von ihnen war in Deutschland zweifellos Hubert Knickerbocker, dessen Bücher „Deutschland so oder so“ und „Kommt Krieg in Europa?“ weit verbreitet waren.6 Er wurde in München zu einem Interview empfangen, das am 12. März 1932 veröffentlicht wurde.7 Knickerbocker pries Hitler so emphatisch wie kaum ein anderer Journalist. Er sprach davon, dass Millionen Deutsche „in einer Symphonie der nationalen Leidenschaft“ hinter Hitler stünden und prophezeite, dass „der Redner Hitler eine Revolution machen“ könne (S. 127).
Mehrmals wurden die vom amerikanischen Hearst-Konzern entsandten Journalisten Pierre John Huss und Karl von Wiegand von Hitler empfangen. Huss gelang es 1941 als einzigem aller Journalisten von Hitler in seinem Hauptquartier in der ostpreußischen „Wolfsschanze“ empfangen zu werden. Wiegand wurde von Hitler schon am 12./13. Februar 1922 als einer der allerersten Journalisten überhaupt empfangen. Das Interview, das er mit Hitler am 15. Juni 1940 geführt hat, wurde von der NS-Propaganda wie kein anderes verbreitet. Das lag daran, dass Wiegand dem Diktator wenige Tage vor der Kapitulation Frankreichs die Chance geboten hatte, sich schon siegesgewiss zu präsentieren: „Unsere Gegner werden diesen Krieg verlieren, nicht weil sie eine fünfte Kolonne, sondern weil sie korrupte, gewissenlose oder geistig beschränkte Politiker haben. Sie werden ihn verlieren, weil ihre militärische Organisation schlecht, ihre Kriegführung wahrhaft miserabel ist.“8
Da Hitler Frankreich als deutschen ‚Erbfeind‘ ansah, kann es nicht verwundern, dass er nur mit ganz wenigen französischen Journalisten ein Interview geführt hat. Vor 1933 war es fast nur der faschistische Aktivist Marcel Deát, mit dem er ein parteipolitisches Interesse hatte zu sprechen. Hachmeister erwähnt zudem noch Bertrand de Jouvenel, der am 21. Februar 1936 bei Hitler war und vergeblich versuchte, das Verständnis des ‚Führers‘ für Frankreich zu verbessern. Unter der deutschen Besatzung waren es seit 1940 ausschließlich Kollaborateure, mit denen Hitler sich einließ. Von gewisser politischer Bedeutung war unter diesen lediglich Bertrand de Brinon, der 1944 im württembergischen Sigmaringen als Botschafter der Vichy-Regierung fungierte. Hitler empfing ihn sogar fünf Mal, allerdings wohl weniger zum Interview als vielmehr zum Befehlsempfang. Der Überlieferung nach hat er sich jedes Mal vor Bewunderung Hitlers geradezu überschlagen.
Hachmeister zufolge waren es nur ganz wenige britische Journalisten, die Hitler vor Kriegsbeginn zum Interview empfangen hat. Das ist deshalb erstaunlich, weil er bekanntlich die Illusion hatte, außer mit Italien auch mit Großbritannien ein europäisches Bündnis schließen zu können. Offensichtlich hielt er es nicht für nötig, über seine ständigen Friedensbeteuerungen hinaus weitere publizistische Anstrengungen zu machen, um Großbritannien für sich zu gewinnen. Allerdings hatte er zu den wenigen britischen Journalisten, mit denen er umging, besonders enge Beziehungen. Nach Hachmeisters Darstellung galt dies im Grunde aber nur für zwei Briten. Der erste war der als Sohn eines australischen Anglistikprofessors in Berlin geborene Sefton Delmer. Er wurde von Hitler schon vor 1933 auf seinen Propagandaflügen im Flugzeug mitgenommen und durfte ihn im Februar 1933 zum brennenden Reichstag begleiten. Er spielte eine Rolle als ausgesprochener „Wanderer zwischen den Welten“ (S. 175). Neben ihm war George Ward Price wahrscheinlich nicht nur der britische Journalist mit dem größten Verständnis für Hitlers Ideologie, sondern er wurde von Hitler sogar als Mittelsmann zu Mussolini benutzt.9
Eine Ausnahme unter den britischen Journalisten, die Hitler interviewen konnten, stellte schließlich Dorothy Thompson dar. Sie wurde um die Jahreswende 1931/32 zwar nur ein einziges Mal von ihm empfangen, wobei nicht einmal das genaue Datum bekannt ist. Thompson verstand es jedoch, das Interview geschickt publizistisch zu verbreiten und sich damit bekannt zu machen. Schon bevor das Interview überhaupt stattgefunden hatte, vereinbarte sie mit einem Verlag, dass sie nach der journalistischen Erstveröffentlichung10 daraus ein kleines Buch machen könne, das sie 1932 auch veröffentlichte.11 Das Interview war zwar im Ergebnis nicht sehr inhaltsreich, da Thompson von Hitlers üblichem Redeschwall überwältigt wurde. Die Journalistin verstand es jedoch, nicht zuletzt wegen zahlreicher Fotos, ihr Buch so aufzubereiten, dass es zu einem großen publizistischen Erfolg wurde.
Wenn Hachmeister behauptet, dass Thompson in dem Interview und erst recht in dem Buch zwischen der Erkenntnis, einem Diktator begegnet zu sein, sowie der Ansicht seiner Bedeutungslosigkeit geschwankt habe, so ist das nicht zutreffend. Wie der Zufall es will, ist fast gleichzeitig mit Hachmeisters Buch erstmals eine deutsche Übersetzung von Thompsons Buch aus dem Jahr 1932 erschienen. Bei dieser handelt es sich um eine außerordentlich sorgfältige, sehr gut kommentierte Edition, die zudem noch reich bebildert ist.12 Wie aus dieser hervorgeht, stach Thompsons Buch gegenüber anderen Charakterisierungen Hitlers aus zwei Gründen hervor. Zum einen hat sie wohl als einzige Journalistin nicht nur über den Inhalt des Gesprächs mit Hitler berichtet, sondern sich auch über seine Persönlichkeit, seine Körpersprache und sein öffentliches Auftreten Gedanken gemacht: „Er ist formlos, fast gesichtslos, ein Mann, dessen Miene einer Karikatur gleicht, ein Mann, dessen Körperbau knorpelig wirkt, ohne Knochen. Er ist belanglos und redselig, von schlechter Haltung und unsicher. Er ist die Verkörperung des kleinen Mannes“ (S. 24). Außerdem hebt sie hervor, dass er kein sauberes Deutsch schreiben könne. „Mein Kampf“ sei „eine einzige lange Tirade“ (S. 42). Schließlich erkannte sie als eine der wenigen ausländischen Journalistinnen, dass Hitler den Faschismus Benito Mussolinis nicht nur bewundert, sondern deutlich nachgeahmt hat: „Viele von Hitlers Gesten sind abgeschaut vom Il Duce, den er grenzenlos bewundert“ (S. 94). Ihr zum Buch erweitertes Interview kann deshalb geradezu als ein „Anti-Interview“ bezeichnet werden.13 Es war kein Wunder, dass Thompson als erste ausländische Journalistin aus dem nationalsozialistischen Deutschland ausgewiesen wurde.
Eine besondere Rolle spielten als Interviewpartner Hitlers nach Hachmeisters Darstellung schließlich italienische Journalisten, wie schon ihre vergleichsweise große Zahl erkennen lässt. Hachmeister liefert dafür keine Erklärung. Dass Hitler jedoch gegenüber italienischen Journalisten besonders aufgeschlossen war, hing, ähnlich wie bei den britischen, mit seiner fixen Idee eines Dreierbündnisses mit England und Italien zusammen. Bei Italien kam hinzu, dass Hitler die Protektion des faschistischen Diktators Benito Mussolini suchte, um einen ähnlichen Putsch zu veranstalten wie den ‚Marsch auf Rom‘ am 28. Oktober 1922. Hitler sprach mehrfach davon, dass der faschistische Umsturz ein „Wendepunkt in der Geschichte“ gewesen sei. Weil er mit seinem Putsch vom 8./9. November 1923 gescheitert war, verweigerte ihm jedoch Mussolini jeglichen politischen Kontakt. Der ‚Duce‘ hielt ihn für einen bedeutungslosen Provinzpolitiker, bis Hitler ihm am 30. Januar 1933 das Gegenteil bewies. Da Hitler auf diplomatischem Wege keinen Zugang zu Mussolini fand, versuchte er stattdessen an faschistische Journalisten heranzukommen, die ihm Kontakt zu Mussolini herstellen sollten. Anders als in anderen Ländern war Hitler in Italien meist selbst die treibende Kraft bei der Verabredung von Interviews, nicht die Journalisten.14
Die Südtirolfrage
Während Hachmeisters Buch eine über die gesamte politische Aktivität von Hitler reichende Thematik besitzt, sind die Bücher, die in der Folge zu besprechen sind, einzelnen Epochen oder Ereignissen seines Lebens gewidmet. Zu beginnen ist mit einem Buch über die Südtirolfrage in der Zeit von 1920 bis 1928.15 Der Zeitraum scheint auf den ersten Blick seltsam gewählt zu sein. Die Verfasserin Sabine Viktoria Kofler begründet das jedoch einleuchtend damit, dass es sich um die Phase handelt, in der die Südtirolfrage für Hitler besondere Bedeutung hatte. Obwohl das Buch offenkundig aus der Abschlussarbeit eines Geschichtsstudiums hervorgegangen ist, ist es auf einem bemerkenswerten wissenschaftlichen Niveau geschrieben worden. Die Verfasserin wertet nicht nur die vorhandene geschichtswissenschaftliche Literatur aus, sondern vertritt eine eigenständige These. Kofler zufolge hat Hitler schon unmittelbar nach Mussolinis ‚Marsch auf Rom‘ überlegt, seinerseits mit einem Putsch an die politische Macht zu kommen. Um dafür Mussolinis Unterstützung zu erhalten, habe er sich entgegen der in Deutschland und Österreich vorherrschenden politischen Meinung schon früh für einen Verzicht auf das 1919 im Frieden von Saint-Germain von Österreich abgetrennte und Italien zugesprochene Südtirol ausgesprochen. Das wird in der Forschung als rein taktische Konzession verstanden, mit der Hitler später einmal den ‚Anschluss‘ Österreichs an Deutschland zu erreichen hoffte. Kofler geht darüber hinaus und versteht Hitlers Verzicht als tatsächlich. Allerdings hat sie den eigentlichen Grund dafür nicht erkannt. Hitler war, obwohl er ursprünglich anders dachte, kein völkischer, sonders ein imperialistischer Politiker. Wie schon aus „Mein Kampf“ und besonders aus seinem „Zweiten Buch“ hervorgeht, bezog sich seine Ideologie von der ‚Gewinnung neuen Lebensraums im Osten‘ nicht nur, wie bei den Völkischen, auf ehemals deutsches beziehungsweise österreichisches Staatsgebiet, das nach dem Ersten Weltkrieg verlorengegangen war, sondern ging weit über ehemalige nationale Grenzen hinaus. Hitler konnte ohne weiteres auf Südtirol verzichten, weil er im ‚Osten‘ einst neues Land gewinnen wollte.
Der Putsch vom November 1923
Schon immer war Hitlers missglückter Putsch vom 8./9. November 1923 ein Thema, das für die Geschichtswissenschaft von besonderem Interesse war. Das liegt einerseits daran, dass sich von diesem zur Machtergreifung vom 30. Januar 1933 eine Linie ziehen lässt, und andererseits daran, dass sich an ihm der Gewaltcharakter von Hitlers Politik erweisen lässt. Es gibt zahlreiche Monografien, in denen nach und nach neue Quellen über den Verlauf des Putsches erschlossen wurden, zuletzt durch die Öffnung der Akten des Prozesses, der 1924 gegen Hitler wegen des Putsches geführt wurde.16 Die erhaltenen Quellenbestände sind mittlerweile vollständig erschlossen, neue Darstellungen des Hitlerputsches können daher nur noch dadurch weiterführen, dass sie interpretatorisch neue Wege gehen. Diesen Anspruch erheben die beiden neuen Darstellungen des Putsches von Wolfgang Niess und Sven Felix Kellerhoff, die 2023 zum 100. Jahrestag erschienen sind.
Niess wendet sich einleitend dezidiert dagegen, überhaupt allein von einem Hitlerputsch zu sprechen.17 Er bezeichnet Hitlers Aktivitäten nur als „Spitze eines Eisbergs“ (S. 10) und ihn persönlich sogar als „Randfigur in diesem Geschehen“ (S. 12). Die eigentlichen Drahtzieher des Putsches seien das Triumvirat des von der bayerischen Regierung eingesetzten Generalstaatskommissars Gustav Ritter von Kahr, des Chefs der bayerischen Landespolizei Johann Ritter von Seißer und des Chefs des Bayerischen Wehrkreiskommandos der Reichswehr Otto von Lossow gewesen. Sie hätten ein Komplott gegen die parlamentarische Demokratie nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutschland geplant und die demokratische Republik durch eine nationale Diktatur ersetzen wollen. Hitler sei dieser Planung mit seinem und Ludendorffs Putsch nur in die Quere gekommen. Die konservativen Hochverräter hätten aber Hitler vorschieben können, um ihre eigenen Umsturzplanungen geheim zu halten.
Den Umsturzaktivitäten des Trios ist daher folgerichtig ein großer Teil des Buches gewidmet. Es ist nur konsequent, dass Niess diese nicht allein auf Bayern beschränkt sieht, sondern ihm eine nationale Dimension gibt. Die konservativen Putschvorbereitungen in Bayern hätten sich auch gegen die Regierung von Gustav Stresemann in Berlin gerichtet. Neben dem führenden Trio werden von ihm auch der Münchner Polizeipräsident Ernst Pöhner, der Führer der Brigade Ehrhardt, der Freikorpsführer Hermann Kriebel, der Chef der Vaterländischen Verbände Ernst Röhm sowie der Führer des Bundes Oberland Friedrich Weber als ursprüngliche Planer des Putsches angesehen. Niess weist damit ein Netzwerk antidemokratischer Verbände aus, die gegen die Weimarer Republik operierten. Ohne Frage erweitert er damit, über die bisherige wissenschaftliche Literatur hinausgehend, den Blick auf das Krisenjahr von 1923. Nicht ganz klar wird bei Niess, weshalb der national angelegte Putsch von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen sein soll. Er nimmt an, dass dies an Hitler gelegen habe, der nach seiner Ansicht „klare Vorstellungen von den Schritten“ zu einem Umsturz hatte (S. 148), die für einen Putsch unternommen werden mussten. Er wäre den konservativen Verschwörern damit offenbar zuvorgekommen.
Hitler war bekanntlich von dem konservativen Trio nicht zu der Versammlung am 8. September 1923 im Münchener Bürgerbräukeller eingeladen worden. Er schuf sich mit einer Horde von SA-Leuten, die auch das Brauhaus umstellten, gewaltsam Einlass. Trotz seines martialischen Auftretens gelang es ihm nicht, Kahr, Seißer und Lossow auf seine Seite zu ziehen. Sie gaben aber in Niess’ Augen im Grunde auf, bevor bei ihren Planungen von einem regelrechten Putsch die Rede sein konnte. Niess behauptet, dass Hitler daraufhin ohne ihre Rückendeckung „im Lauf der Nacht die Nerven zu verlieren“ begann (S. 201). Dagegen spricht jedoch, dass er am Morgen des 9. November die Idee zu einem Marsch vom Bürgerbräukeller in die Innenstadt Münchens hatte. Auch wenn Ludendorff später behauptete, dass er die Idee zu diesem Marsch gehabt hätte, spricht alles dafür, dass es Hitler gewesen ist. Er hatte auch schon in die Rufe nach einem ‚Marsch auf Berlin‘ eingestimmt, welche in den Wochen zuvor durch Bayern hallten. Vor allem aber hatte er Benito Mussolinis ‚Marsch auf Rom‘ vom 28. Oktober 1922 zu einem politischen Vorbild erhoben, dem er seit dessen Marsch zur Macht auch sonst nachfolgte. Niess erwähnt das, wie alle bisherigen Autoren, jedoch nur am Rande, womit er die Chance vergibt, eine wirklich neue Erklärung von Hitlers Putsch am 9. November 1923 zu geben.
Genau dies ist Sven Felix Kellerhoff mit seiner Darstellung des Putschgeschehens gelungen.18 Zum ersten Mal wird in einer monografischen Studie Hitlers Putschversuch von 1923 auf das politische Vorbild der Machtergreifung Benito Mussolinis durch den ‚Marsch auf Rom‘ zurückgeführt. Hitler sah Mussolini, kann man hinzufügen, seitdem dieser sich mit ihm seit 1936 in einer faschistischen ‚Achse Berlin–Rom‘ verbunden fühlte, sogar als seinen politischen Freund an. Nur mit ihm hat er sich 1937/38 jemals zu gegenseitigen Staatsbesuchen getroffen. Und ihn hat er, als Mussolini 1943 politisch gestürzt worden war, aus der Haft befreit und mit der „Faschistischen Sozialrepublik“ zu einer, allerdings von ihm abhängigen, kurzfristigen neuen Herrschaft verholfen.
Auch Kellerhoff hat selbstverständlich nicht übersehen, dass Hitler seine Putschplanungen in Konkurrenz zu den konservativen Planungen betrieb. Er weist jedoch nach, dass es Hitler gelang, einige der völkischen Gruppen, die zum Handeln entschlossen waren, auf seine Seite zu ziehen. Dazu gehörten Wilhelm Webers Bund Oberland und der Freikorpsführer Ernst Kriebel. Dass er mit Ernst Röhm und Hermann Göring rechnen konnte, verstand sich von selbst. Kellerhoff schätzt deshalb die politischen Gruppen, die Hitler für einen Putsch zur Verfügung standen, für größer ein als die der Konservativen: „Ende Oktober 1923 gab es über die Stimmung auf den Straßen der bayerischen Landeshauptstadt keine Zweifel. Die Anhänger Hitlers dominierten; Kahr und Lossow waren zumindest, was die öffentliche Präsenz anging, ins Hintertreffen geraten“ (S. 193). Der Autor folgert daraus, dass Hitler und die konservativen Rädelsführer um Gustav von Kahr in einem „Wettlauf zum Hochverrat“ (S. 217) standen, in dem letztere den Kürzeren gezogen haben. Wie Kellerhoff nach einer NSDAP-Chronik feststellt, fasste Hitler am 6. November den „Entschluss zur nationalen Erhebung“ (zit. S. 213). Die Entscheidung fiel am 8. November 1923 in der tumultuarischen Versammlung im Bürgerbräukeller. Das Ergebnis war der Marsch bis zur Feldherrnhalle, für Kellerhoff zu Recht nur eine „scheinbare Posse“ (S. 300).
Der Reichstagsbrand
Nur mit einer gewissen Verwunderung kann man feststellen, dass es ein Autor für nötig gehalten hat, nochmals ein Buch über den Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 zu schreiben. Das Buch wurde von Uwe Soukup unter dem Titel „Die Brandstiftung“ publiziert.19 Es nimmt eine schon immer sinnlose Diskussion wieder auf, die seit 1964 über die Täterschaft des Reichstagsbrandes geführt wurde. Man verrannte sich dabei in immer neuen Einzelheiten, obwohl es auf den positivistischen Zugriff auf den Brand überhaupt nicht ankam. Entscheidend war vielmehr die geschichtstheoretische Frage, ob der Reichstagsbrand von den Nationalsozialisten angelegt wurde, um ihn zum Aufbau eines totalitären Regime zu nutzen, oder ob sie nur improvisiert die Gelegenheit genutzt haben, über die „Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat“ und ein „Ermächtigungsgesetz“ dieses Ziel zu erreichen. In den ersten großen Darstellungen der Entstehung der NS-Diktatur, wie der von Karl Dietrich Bracher, spielte der Brand als solcher daher auch nur eine untergeordnete Rolle. Ob der Holländer Marinus van der Lubbe als Einzeltäter zu gelten hat oder ob der Brand durch die Nationalsozialisten angelegt worden ist, wurde als nicht so wichtig angesehen. Beide Annahmen führen zu dem Ergebnis, dass der Reichstagsbrand von den Nationalsozialisten politisch ausgenutzt wurde.
Auch Soukup ist sich darüber im Klaren, „dass der Reichstagsbrand von den Nazis sehr effektiv genutzt wurde, um ihre Diktatur und damit ihren Terror zu installieren“ (S. 10). Den Zusammenhang mit der Diskussion über die Entstehung des ‚Dritten Reiches‘ sucht man jedoch in seinem Buch vergeblich. Stattdessen wird die isolierte Behandlung des Reichstagsbrandes zum „Beginn der größten Katastrophe der deutschen Geschichte“ aufgebauscht20, als ob das nicht schon der 30. Januar 1933 gewesen wäre, vom späteren Holocaust ganz zu schweigen.
Dem Autor geht es in dem Buch allein darum, die These vom Alleintäter van der Lubbe zu widerlegen, um auf diese Weise die Täterschaft der Nationalsozialisten zu beweisen. Die These geht bekanntlich auf den niedersächsischen Hobbyhistoriker Fritz Tobias zurück, der sie 1959 mit einer elfteiligen Darstellung erstmals im „Spiegel“ vertrat (vgl. S. 131–144). Sie wurde 1964 durch den Zeithistoriker Hans Mommsen wissenschaftlich aufgewertet. Ihm gilt besonders Soukups Polemik, weil er sich gegenüber Tobias zunächst kritisch geäußert hatte. Soukup übersieht jedoch, dass Mommsen erst später bemerkte, dass die Alleintäterthese von Tobias in seine Interpretation vom improvisierten Charakter des ‚Dritten Reiches‘ passte. Er bestimmte mit dieser Interpretation über die positivistische Faktenhuberei hinaus zunehmend die Diskussion über den Reichstagsbrand. Der letzte Stand findet sich in einem Sammelband, den Soukup nicht widerlegen kann.21
„Führerhauptquartier Wolfsschanze“
Das wichtigste Buch, das in diesem Essay zu Hitler vorgestellt wird, ist zweifellos die Monografie von Felix Bohr über Hitlers ‚Führerhauptquartier‘ in der sogenannten Wolfsschanze in Ostpreußen.22 Obwohl Hitler während des Zweiten Weltkriegs in keinem seiner etwa 20 vorsorglich angelegten sogenannten Führerhauptquartiere längere Zeit verbrachte als in dem in der Nähe des ostpreußischen Rastenburg, ist bisher nicht untersucht worden, welche Bedeutung die dort verbrachte Zeit für seine Diktaturherrschaft hatte. Dabei stellte die „Wolfsschanze“ zwischen Juni 1941 und November 1944 zweifellos seinen zentralen Herrschaftssitz dar, den er nur mehrmals für kurze Zeit nach Berlin und den Obersalzberg sowie einmal nach Winnyzja in der sowjetischen Ukraine verließ. In der „Wolfsschanze“ musste Hitler die kriegsentscheidende militärische Niederlage der Wehrmacht von Stalingrad hinnehmen, hier verübte Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf ihn das zwar misslungene, aber seine Diktaturherrschaft stark verändernde Attentat. Und hier hat er, wahrscheinlich in Absprache mit Heinrich Himmler, den entsetzlichen Befehl zur Ermordung der europäischen Juden gegeben. Im Grunde waren es die zentralen Ereignisse in Hitlers totalitär-faschistischer Diktatur während des Zweiten Weltkriegs, die mit der „Wolfsschanze“ eng verbunden waren.
Bohr erhebt nicht den Anspruch, zum ersten Mal eine detaillierte Geschichte von Hitlers Bunkerzeit in der „Wolfsschanze“ zu schreiben. Er erschließt für sein Buch auch nicht im großen Stil bisher unbekannte Quellen. Und er ordnet Hitlers Zeit in der „Wolfsschanze“ auch nicht in eine Gesamtgeschichte des ‚Dritten Reiches‘ ein. Es geht Bohr vielmehr darum, einen „Blick hinter die Kulissen der Wolfsschanze“ zu werfen und damit eine wissenschaftliche Betrachtungsweise überhaupt erst zu ermöglichen (S. 24). Damit geht es Bohr auch nicht um eine Darstellung der militär- und kriegsgeschichtlichen Entscheidungen Hitlers. Der Kriegsverlauf als solcher ist in dem Buch nicht zentral, wenn man von Stalingrad absieht. Mit einem erfahrungsgeschichtlichen Ansatz untersucht Bohr vielmehr Hitlers Lebensweise und seinen Führungsstil, sowie den Alltag, die Lebensumstände, die personellen Abhängigkeiten und die Hierarchien innerhalb seiner Entourage. Das ist ihm sehr gut gelungen. Bohr kann zeigen, dass es sich bei der ostpreußischen Bunkergesellschaft um eine durchaus vielschichtige Gesellschaft handelte, deren Angehörige im Tagesablauf unterschiedlichen Tätigkeiten nachgingen, die aber jeweils auf Hitler bezogen waren. Hitler übte nach Bohrs Darstellung, jedenfalls bis zur Wende von Stalingrad, eine eigentümlich patriarchalische Herrschaft aus, die auch in private Beziehungen seiner Untergebenen hineinreichte. Diese scheinbare Normalität hatte jedoch einen dunklen Hintergrund. Bohr spricht davon, dass das Banale zugleich den bösen Hintergrund des Wissens um die Verbrechen des ‚Dritten Reiches‘ hatte, auch wenn in der „Wolfsschanze“ nur indirekt darüber geredet wurde (S. 28 f.).
Nur wenige in der Gesellschaft der „Wolfsschanze“ konnten sich dem Einfluss des durchweg von Hitler bestimmten Lebens entziehen. Das gilt selbstverständlich in erster Linie für den Grafen Stauffenberg, seinen Adlatus Werner von Haeften und den General Erich Fellgiebel, die zum inneren Kreis der Verschwörer des 20. Juli gehörten. Eine besondere Rolle spielte der junge Historiker Felix Hartlaub, der ganz zufällig an die „Wolfsschanze“ gekommen war. Er hatte zwar seinen Militärdienst geleistet, besaß aber sonst keinen militärischen Hintergrund, geschweige denn einen Dienstgrad. Stattdessen hatte er Geschichte studiert und war mit einem militärgeschichtlichen Thema promoviert worden. Obwohl er eigentlich pazifistisch orientiert war, nahm er über seinen Doktorvater im Mai 1942 das Angebot an, eine Stelle in der Kriegsgeschichtlichen Abteilung des Oberkommandos der Wehrmacht einzunehmen. Diese befand sich in der II. Sperrzone der „Wolfsschanze“. Hartlaub war hier bis zur Auflösung des ‚Führerhauptquartiers‘ mit der Abfassung des Kriegstagebuchs beschäftigt. Er machte auch die vorübergehende Verlagerung des Hauptquartiers nach Winnyzja und mehrere Aufenthalte in Berchtesgaden mit. Obwohl eigentlich wider Willen, erlebte er so Hitlers Kriegsgesellschaft fast die gesamte Zeit über.
Dem Zwiespalt seiner Existenz in der „Wolfsschanze“ hat Hartlaub dadurch entgegengearbeitet, dass er heimlich Texte von hohem literarischem Niveau schrieb.23 Diese enthalten natürlich aus Sicherheitsgründen keine offene Auseinandersetzung mit der Gesellschaft der „Wolfsschanze“, schon gar nicht mit Hitler; es gibt jedoch Stellen, an denen der ‚Führer‘ indirekt zu erkennen ist, so die folgende:
Natürlich ist es etwas Dämonisches um diesen Mann, etwas tief Befremdendes, ohne weiteres zugegeben. Aber wir dürfen ihn nicht mit unseren bürgerlichen Maßstäben messen, mit unserer bürgerlich-humanistischen Sensibilität aus dem 19. Jahrhundert, da müssen ganz neue Maßstäbe her, die aus diesem Jahrhundert gewonnen sind, dem Jahrhundert der großen, grausamen Weltanschauungskriege, das steht ja alles schon bei Nietzsche. (S. 64)
Das ist keine offene Auseinandersetzung mit Hitler, wohl aber eine Form seiner Historisierung, die den Einfluss der Bunkergesellschaft erkennen lässt, mit dieser aber nicht identisch ist.
Es ist verständlich, dass die Texte Hartlaubs die wichtigsten Quellen für die Darstellung Bohrs über die Jahre von Hitler in der „Wolfsschanze“ sind. Bohr hält Hartlaub zwar nicht zu Unrecht für eine „widersprüchliche Figur, die zwischen Kritik und Anpassung oszilliert“, er zählt seine Texte jedoch „zu den spektakulärsten der Wolfsschanze“. Kein anderer habe die „schwüle, dumpfe Atmosphäre des masurischen Paralleluniversums so unmittelbar und zugleich distanziert“ beschrieben wie er (S. 103).
Selbstverständlich hat Bohr neben gedruckten Akten und Dokumenten auch die Berichte anderer Zeitzeugen – von Generälen, Offizieren, Diplomaten, Ärzten und Sekretärinnen – für sein Buch benutzt. Von Hartlaub hat er jedoch bezeichnenderweise die Information, dass die Atmosphäre in der „Wolfsschanze“ „wesentlich geprägt von den Launen des Diktators“ war (S. 84). Die Überbringer schlechter Nachrichten mussten Hitlers Zorn fürchten. Die Wolfsschanzengesellschaft war deshalb erheblichem Druck ausgesetzt, was die Vorstellung vom Patriarchen Hitler zweifellos relativiert.
Sehr wichtig ist schließlich die Darstellung Bohrs, wonach sich die Stimmung in der „Wolfsschanze“ nach der Niederlage von Stalingrad erheblich verschlechtert habe. Wie er zeigen kann, kam das gesellige Leben mehr oder weniger zum Erliegen. Und Hitler verschanzte sich zunehmend in seinem Bunker. Eine noch größere Wirkung schreibt Bohr dem Attentat vom 20. Juli 1944 zu. Es hatte, wie er feststellt, „verheerende Wirkung auf Hitler und seine Leute“ und beendete in der ‚Wolfsschanze‘ das „trügerische Gefühl von Sicherheit“ (S. 237). Ob die engsten Mitarbeiter Hitlers gleichwohl zu einer „verschworenen Einheit“ geworden sind, wie Bohr abschließend meint, ohne welche auch die „selbstzerstörerische Dynamik“ im Bunker der Berliner Reichskanzlei nur zu verstehen sei, sei dahingestellt. (S. 238).
Bohr fordert zum Abschluss seiner Darstellung mit Recht, dass das ehemalige Hauptquartier Hitlers in der „Wolfsschanze“ künftig nicht mehr im Windschatten der deutschen Erinnerung an das ‚Dritte Reich‘ stehen sollte. Sieht man einmal von den politischen Rahmenbedingungen ab, bedürfte es dazu einer Intensivierung der Zusammenarbeit mit der polnischen Geschichtswissenschaft, die sich freilich bisher verständlicherweise nicht sonderlich für Hitlers ‚Hauptquartier Wolfsschanze‘ interessiert hat.24
Fazit
Die besprochenen Bücher sind eher zufällig zusammengekommen. Sie verbindet aber, dass sie alle mit Hitler zu tun haben und damit die Prognose des Rezensenten verstärken, dass zur Biografie des Diktators auch nach 100 Jahren nach seinem Tod weiterhin neue Studien erscheinen werden. Bei den Büchern von Dorothy Thompson und Felix Hartlaub handelt es sich um bemerkenswerte zeitgenössische Texte, die erstmals in einer kritischen Ausgabe auf Deutch erschienen sind. Sie enthalten beide persönliche Charakterisierungen Hitlers, wie sie nur von Zeitgenossen verfasst werden konnten.
Vier Bücher handeln von biografischen Schlüsselerlebnissen Hitlers, über die schon viel geschrieben worden ist. Zwei davon sind wiederum über den Putsch Hitlers vom 8./9. November 1923 erschienen. Die Monografie von Wolfgang Niess geht davon aus, dass Hitlers gescheiterter Putsch im Schatten einer nationalen Verschwörung von Konservativen stand, deren Wichtigkeit der Autor jedoch nicht unbedingt nachweisen kann. Sven Felix Kellerhoff geht demgegenüber in seinem ebenfalls dem Hitlerputsch gewidmeten Buch neue Wege, indem er Mussolinis ‚Marsch auf Rom‘ vom 28. Oktober 1922 überzeugend als maßgebliches Vorbild von Hitlers Putschversuch erweist. Sabine Viktoria Kofler beweist in ihrem Buch, dass Hitler in den 1920er Jahren auf eine Rückgabe Südtirols an Österreich nicht nur aus taktischen Gründen verzichtete, sondern weil er den von ihm bewunderten Mussolini als politischen Mentor gewinnen wollte.
Uwe Soukup behandelt in seinem Buch über die Brandstiftung im Reichstag vom 27. Februar 1934 ein Thema, über das nicht nur viel geschrieben worden ist, sondern zu dem es schon einen intensiven Historikerstreit gegeben hat. Soukup liefert einen nützlichen Bericht über die Forschung, nimmt in diesem aber recht einseitig Partei, so dass er verkennt, dass sein Standpunkt überholt ist.
Völlig neue Forschungen zu Hitlers Biografie legen schließlich Lutz Hachmeister und Felix Bohr vor. Hachmeister untersucht erstmals systematisch die Interviews, die Hitler mit nichtdeutschen Journalisten geführt hat. Er kann überzeugend nachweisen, dass Hitler vor und nach seiner Machtergreifung etwa 100 Presseinterviews geführt hat. Er privilegierte dabei jeweils einige amerikanische, französische und italienische Journalisten, die ihm ihrerseits unterschiedliche politische Dienste leisteten.
Felix Bohr greift in seinem Buch ein Thema auf, das von der Forschung bisher überhaupt nicht beachtet worden ist. Obwohl Hitler mit einer großen Entourage die Zeit vom 24. Juni 1941 bis zum 20. November 1944 in seinem Hauptquartier „Wolfsschanze“ in Ostpreußen verbracht hat, ist sein Aufenthalt dort bisher nicht dargestellt worden. Das ist umso erstaunlicher, als er dort die Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad und das Attentat am 20. Juli hinnehmen musste sowie den Befehl zur Vernichtung der europäischen Juden gab. Bohr stellt jedoch nicht diese Schlüsselereignisse von Hitlers Biografie dar, sondern er liefert eine erfahrungsgeschichtliche Analyse der Bunkergesellschaft in der „Wolfsschanze“. Sein Anliegen ist, die Abhängigkeit der engsten Mitarbeiter von Hitler und deren Verhalten im Verlauf von Krisen zu zeigen.
Besprochene Literatur
Hachmeister, Lutz: Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten, 384 S., Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024.
Thompson, Dorothy: Ich traf Hitler! Eine Bildreportage von 1932, 276 S., DVB, Wien 2023.
Kofler, Sabine Viktoria: Adolf Hitler entlarvt! Die Südtirolfrage im öffentlichen Diskurs 1920 bis 1928, 208 S., Raetia, Bozen 2023.
Niess, Wolfgang: Der Hitlerputsch 1923. Geschichte eines Hochverrats, 351 S., Beck, München 2023.
Kellerhoff, Sven Felix: Der Putsch. Hitlers erster Griff nach der Macht, 368 S., Klett-Cotta, Stuttgart 2023.
Soukup, Uwe: Die Brandstiftung. Mythos Reichstagsbrand – Was in der Nacht geschah, in der die Demokratie unterging, 208 S., Heyne, München 2023.
Bohr, Felix: Vor dem Untergang. Hitlers Jahre in der Wolfsschanze, 298 S., Suhrkamp, Berlin 2025.
Hartlaub, Felix: Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier, hrsg. und mit Anmerkungen versehen von Gabriele Lieselotte Ewenz, 192 S., Suhrkamp, Berlin 2022.
Notes
- Bullock, Alan: Hitler. A Study in Tyranny, Odhams, London 1952; Kershaw, Ian: Hitler 1889–1936, DVA, Stuttgart 1998; ders.: Hitler 1936–1945, DVA, Stuttgart 2000. ⮭
- Longerich, Peter: Hitler. Biographie, Siedler, München 2015; Pyta, Wolfram: Hitler. Der Künstler als Politiker und Feldherr. Eine Herrschaftsanalyse, Siedler, München 2015; Ullrich, Volker: Adolf Hitler. Biographie, Bd. 1: Die Jahre des Aufstiegs, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2013; ders.: Adolf Hitler. Biographie, Bd. 2: Die Jahre des Untergangs, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2018; Thamer, Hans-Ulrich: Adolf Hitler. Biographie eines Diktators, Beck, München 2018; Schieder, Wolfgang: Ein faschistischer Diktator. Adolf Hitler – Biografie, Theiss, Darmstadt 2023. ⮭
- Hachmeister, Lutz: Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2024. ⮭
- Das Buch von Kopperschmidt, Josef (Hrsg.): Hitler der Redner, Fink, Paderborn 2003, in dem das Gegenteil gezeigt wird, ist ihm offensichtlich entgangen. ⮭
- Vgl. die autobiografischen Bücher von Hanfstaengl, Ernst: Zwischen Weißem und Braunen Haus. Erinnerungen eines politischen Außenseiters, Piper, München 1970 und Lüdecke, Kurt G. W.: I Knew Hitler. The Story of a Nazi Who Escaped The Blood Purge, Scribner’s, London 1937. ⮭
- Knickerbocker, Hubert R.: Deutschland so oder so, Rowohlt, Berlin 1932; ders.: Kommt Krieg in Europa?, Rowohlt, Berlin 1934. ⮭
- New York Evening Post, 12.03.1932. ⮭
- Zit. nach Hachmeister, Interviews, S. 135: Unterredung des ‚Führers‘ mit dem amerikanischen Korrespondenten Karl von Wiegand am 15. April 1940. ⮭
- Vgl. sein nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Deutsch und Italienisch erschienenes Buch: Price, G. Ward: Führer und Duce, wie ich sie kenne, Holle & Co., Berlin 1939; vgl. auch: Schieder, Wolfgang: Adolf Hitler. Politischer Zauberlehrling Mussolinis, De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2017, S. 12. ⮭
- Thompson, Dorothy: I saw Hitler, in: Hearst’s International-Cosmopolitan 92 (1932), H. 3, S. 32, S. 162–164. ⮭
- Thompson, Dorothy: I saw Hitler!, Farrar & Rinehart, New York 1932. ⮭
- Thompson, Dorothy: Ich traf Hitler! Eine Bildreportage von 1932, DVB, Wien 2023. ⮭
- Aus dem Nachwort von Oliver Lubrich, in: Thompson, Hitler (wie Anm. 12), S. 182. ⮭
- Vgl. dazu die Ausführungen von Schieder, Hitler Zauberlehrling (wie Anm. 9), S. 42–63, die Hachmeister übernommen hat. ⮭
- Kofler, Sabine Viktoria: Adolf Hitler entlarvt! Die Südtirolfrage im öffentlichen Diskurs 1920 bis 1928, Raetia, Bozen 2023. ⮭
- Hofmann, Hanns Hubert: Der Hitlerputsch. Krisenjahre deutscher Geschichte 1920–1924, Nymphenburger, München 1961; Deuerlein, Ernst (Hrsg.): Der Hitler-Putsch. Bayerische Dokumente zum 8. und 9. November 1923, DVA, Stuttgart 1962; Gordon, Harold J. jr.: Hitlerputsch 1923. Machtkampf in Bayern 1923–1924, Bernard & Graefe, Frankfurt a. M. 1971; Riecker, Joachim: Hitlers 9. November. Wie der Erste Weltkrieg zum Holocaust führte, wjs, Berlin 2009; Franz-Willing, Georg: Putsch und Verbotszeit der Hitlerbewegung. November 1923–Februar 1925, K. W. Schütz, Preußisch-Oldendorf 1977. ⮭
- Niess, Wolfgang: Der Hitlerputsch 1923. Geschichte eines Hochverrats, Beck, München 2023. ⮭
- Kellerhoff, Sven Felix: Der Putsch. Hitlers erster Griff nach der Macht, Klett-Cotta, Stuttgart 2023. ⮭
- Soukup, Uwe: Die Brandstiftung. Mythos Reichstagsbrand – Was in der Nacht geschah, in der die Demokratie unterging, Heyne, München 2023. ⮭
- So die Überschrift auf dem Rückumschlag des Buches. ⮭
- Vgl. Mommsen, Hans u. a.: Reichstagsbrand. Aufklärung einer historischen Legende, Piper, München 1986. ⮭
- Bohr, Felix: Vor dem Untergang. Hitlers Jahre in der Wolfsschanze, Suhrkamp, Berlin 2025. ⮭
- Diese Texte sind jetzt ediert worden: Hartlaub, Felix: Aufzeichnungen aus dem Führerhauptquartier, hrsg. und mit Anmerkungen versehen von Gabriele Lieselotte Ewenz, Suhrkamp, Berlin 2022. ⮭
- Bohr zitiert nur zwei ins Deutsche übersetzte Bücher von polnischen Historikern, bei denen es sich, wie der Verfasser bei einem Besuch an der Wolfsschanze feststellte, um touristische Führer handelt: Szynkowski, Jerzy/Wünsche, Georg S.: Das Führerhauptquartier Wolfsschanze. Umfassende Darstellung, umfangreiches Bildmaterial, Erinnerungen von Zeitzeugen, Kengraf, Ketrzyn 2000; Zarzecki, Jaroslaw: Die Geschichte des Führerhauptquartiers „Wolfsschanze“, Gutgraf, Olsztyn 2017. ⮭
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