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Einzelrezension

Baumert, Martin: „Das Beste nach oben!“ Forschung und Praxis der Wiedernutzbarmachung von Braunkohlenfolgelandschaften in der DDR (Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Bd. 258), 359 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2023.


Keywords: Review, Baumert, Martin, 2023, DDR-Geschichte, Braunkohlebau, Bodennutzung, Umweltgeschichte

How to Cite:

Höss, L., (2025) “Baumert, Martin: „Das Beste nach oben!“ Forschung und Praxis der Wiedernutzbarmachung von Braunkohlenfolgelandschaften in der DDR (Veröffentlichungen aus dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, Bd. 258), 359 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2023.”, Neue Politische Literatur 70(2-3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-025-00651-0

Rights:

© The Author(s) 2025 under CC BY International 4.0

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2025-01-06

Der in Deutschland für das Jahr 2030 beschlossene Kohleausstieg birgt einige Herausforderungen. Eine der zentralen Transformationsaufgaben stellt die Nachnutzung ehemaliger Tagebaue in den Braunkohleregionen dar. Martin Baumert lenkt in seiner Studie den Blick auf die Anfänge der Landschaftsrekultivierung. Mit Fokus auf die beiden großen Braunkohleregionen Lausitz und Mitteldeutsches Revier zeichnet er die Entstehung, Professionalisierung und Ausdifferenzierung von Forschung und Praxis der Wiedernutzbarmachung ehemaliger Braunkohleabbaustätten von 1945 bis circa Mitte der 1970er Jahre nach. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Zeit der sowjetischen Besatzungszone und der frühen DDR, den Anfangs- und Konsolidierungsjahren der akademischen Wiedernutzbarmachungsforschung. Die Studie widmet sich damit einem bisher wenig beachteten Thema der Umwelt- und DDR-Geschichte, das auch für die Gegenwart von drängender Relevanz ist.

In der DDR stellte sich die Frage der Nachnutzung mit besonderer Dringlichkeit, denn hier standen Braunkohleabbau und landwirtschaftliche Nutzung oft in Konkurrenz zueinander. Das kleine Land benötigte jede noch so kleine fruchtbare Fläche als Agrarland. Deswegen konzentrierte sich der Großteil der Bemühungen auf die „Wiederurbarmachung“ – ein Teilbereich der Wiedernutzbarmachung, bei der die bodenbiologische, -chemische und -geologische Wiederbelebung der zerstörten Flächen im Vordergrund steht (S. 14). Erst an zweiter Stelle stand die Rekultivierung zu Freizeit- und Erholungsflächen.

Baumert argumentiert auf Basis einer umfassenden Quellengrundlage, für die er Verwaltungsunterlagen, Aufzeichnungen und Notizen der Forscher_innen, Pläne, Fotografien und wissenschaftliche Publikationen aus zehn Archiven untersucht und mit Zeitzeugeninterviews kombiniert hat. Die zentrale Fragestellung, „ob und wie der sozialistische Staat“ diese durch die Braunkohlenwirtschaft verursachten „Probleme anging und nach Lösungen suchte, um Ökologie und Ökonomie für diese flächenintensive Bergbauform zu versöhnen“ (S. 2), wird in zwei analytischen Kapiteln erörtert. Das erste nimmt die Genese der universitären Forschung zur Wiedernutzbarmachung sowie zentraler Methoden und die Herausbildung wissenschaftlicher Netzwerke in den Blick. Das zweite widmet sich der Praxis der Rekultivierung für die Erholungsnutzung anhand konkreter Projekte – wie dem Prestigeprojekt Senftenberger See – und deren Implementierungsgeschichte.

Die zentrale Argumentationslinie des Autors zu identifizieren, fällt nicht leicht. Die beiden Hauptkapitel sind von bemerkenswerter empirischer Dichte und zeichnen die Herausbildung und Entwicklung der Wiedernutzbarmachungsforschung und -praxis sowie ihrer prägenden Akteure und Institutionen detailliert und fast schon minutiös nach. Dies allein ist eine Würdigung wert, fällt es doch bei Forschungen zur DDR-Geschichte nicht immer leicht, konkrete Akteure zu benennen, da diese häufig hinter den Institutionen versteckt bleiben. Baumert gelingt es, ein komplexes Netzwerk an Forscher_innen zu rekonstruieren, das bis in die Bundesrepublik und die USA reichte und von einem intensiven Austausch und Wissenstransfer, nicht nur zwischen den zentralen Instituten an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Leipzig, geprägt war. Dabei treten jedoch die Einordnung und Interpretation der empirischen Erkenntnisse gegenüber den nacherzählenden Passagen in den Hintergrund.

An dieser Stelle sollen aus den zahlreichen empirischen Erkenntnissen einige prägnante Aspekte herausgegriffen werden: So wird bei der Lektüre deutlich, dass die Praxis der Wiedernutzbarmachung von Braunkohletagebauflächen und die Verbesserung der Methoden durch wissenschaftliche Erkenntnisse von Beginn an von zentraler, systemischer Relevanz für die DDR war. Man entwickelte auf diesem Gebiet umfassende Expertise und exportierte das Wissen in andere Länder des „Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) sowie in die Bundesrepublik. Diese Beobachtung widerlegt – zumindest für die Frühphase – das häufig vorgebrachte Argument einer fehlenden Innovationsfähigkeit des Sozialismus in der DDR.

Die Studie beschreibt außerdem eine parallele Entwicklung von Forschungsinstituten, ihrer Forschungspraxis, der Methodik und der Implementierung des Wissens in den Braunkohleregionen sowie des politischen sowie juristischen Rahmens. Baumert nennt diesen Prozess der Professionalisierung und Ausdifferenzierung der althergebrachten Methoden, die vor 1945 eher unsystematisch zur Anwendung kamen, einen „Verwissenschaftlichungsprozess“ (S. 105, 120).

Die Geschichte der Wiedernutzbarmachungsforschung teilt der Autor in drei Phasen ein, die von divergierenden Merkmalen sowie unterschiedlichen Akteuren, Themen und Herangehensweisen geprägt waren: eine Frühphase (bis Mitte der 1960er Jahre), eine mittlere Phase (bis 1975) und eine Endphase (bis zum Ende der DDR). In der ersten Phase konzentrierte man sich auf Grundlagenforschung, den Aufbau der Forschungsinstitute und die Etablierung der Disziplin. In der zweiten Phase stand die „Entwicklung von spezialisierten oder angepassten Geräten“ im Vordergrund (S. 230). Auch rückte ein neues Aufgabengebiet ins Zentrum: die Schaffung von Erholungsgebieten.

Baumerts informatives, ins Detail gehende Buch bietet interessante Einblicke in das wissenschaftliche System der DDR und erhellende Einsichten in das Zusammenspiel von Wissenschaft, Planung und Politik. Mit seinem Fokus auf die Akteure und Institutionen der Wissensproduktion ist die Studie jedoch mehr Wissens- und Institutionengeschichte als Umweltgeschichte. Einige relevante Themen bleiben dadurch auf der Strecke und sich aufdrängende Fragestellungen werden nicht beantwortet, wie beispielsweise die Wahrnehmung der Maßnahmen durch die Bevölkerung. Deren Perspektive wird in der Einleitung nur angerissen mit Bezug auf das Hier und Jetzt, dabei ließe sich doch gerade diese Perspektive anhand von Quellen wie Eingaben rekonstruieren. Auch potenzielle Konflikte, zum Beispiel aufgrund der Nichterfüllung der gesetzlichen Auflagen zur Wiedernutzbarmachung durch die Braunkohlenkombinate oder zwischen Bezirken und Kombinaten im Hinblick auf Flächenkonkurrenzen, bleiben im Dunkeln. Daran ließen sich jedoch Fragen nach den Macht- und Kräfteverhältnissen im Einheitsstaat, aber auch Kooperationen und Abhängigkeiten insbesondere auf der von der DDR-Geschichtsschreibung unterbelichteten lokalen Ebene analysieren.

Streckenweise liest sich das Buch etwas unstrukturiert, Zwischenzusammenfassungen fehlen, und das Resümee fällt sehr kurz aus, obgleich es interessante weiterführende Fragen aufwirft. Interpretierende Schlussfolgerungen werden im Text nur an wenigen Stellen vorgenommen und dann nicht zu Ende geführt. Ein Beispiel hierfür ist die Frage, ob die Herausbildung bestimmter neuer Anwendungen, Praktiken und Verfahren als „Learning by Doing“ (S. 300 ff.), als Zufallsentdeckungen oder als erfolgreiche Umsetzung von Modellprojekten im Sinne angewandter Forschung zu werten sind. Der Erkenntnisgewinn jenseits von Fakten bleibt dadurch hinter den Möglichkeiten zurück, auch weil die Einordnung in einen breiteren historischen Kontext weitestgehend ausbleibt.

Nichtsdestotrotz ist Baumerts Monografie lesenswert und die Lektüre erkenntnisreich. Sie bietet einen substanziellen Beitrag zur Wissens‑, Umwelt- und Institutionengeschichte der DDR, wenngleich sie eine sehr klare Top-down-Perspektive einnimmt, die nicht alle relevanten Fragen in diesem Kontext beantwortet. Gerade deshalb legt die Studie jedoch eine hervorragende Grundlage für künftige Forschungen zum Thema.

Funding

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