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Einzelrezension

Galaty, David: Modern European Intellectual History. Individuals, Groupings, and Technological Change, 1800–2000, 432 S., Bloomsbury Academic, London 2022.


Keywords: Review, Galaty, David, 2022, Europa, Ideengeschichte, intellectual history

How to Cite:

Köhler, V., (2025) “Galaty, David: Modern European Intellectual History. Individuals, Groupings, and Technological Change, 1800–2000, 432 S., Bloomsbury Academic, London 2022.”, Neue Politische Literatur 70(2-3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-025-00648-9

Rights:

© The Author(s) 2025 under CC BY International 4.0

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Published on
2025-03-05

David Galatys „Modern European Intellectual History“ ist ein eigentümliches Buch. Es erscheint im Deckmantel eines Handbuches, doch entsteht beim Lesen vielmehr der Eindruck, einem gelehrten Monolog zu lauschen, Teil eines „Salons“ zu sein, wie Ben Westervelt die Publikation auf dem Bucheinband in einem der für angelsächsische Bücher üblichen Testimonials charakterisiert.

Der emeritierte Professor für Philosophie Galaty weiß um die heterogenen Deutungsmöglichkeiten, die sein Haupttitel geradezu provoziert: „‚Intellectual History‘ is a term that means many things to different people“ (S. xix) schreibt er im preface und weiß auch um die Schwierigkeiten, die Ära der Moderne zu definieren und einen europäischen räumlichen Zuschnitt anzudeuten, dabei vor allem aber Großbritannien, Frankreich und Deutschland in den Blick zu nehmen. Er nimmt sich nicht viel Raum – eine Seite, um genau zu sein –, um die Begriffe für sich zu definieren.

Das ist vermutlich auch gar nicht nötig, denn was die Leserin auf den folgenden Seiten erwartet, ist eben keine konzise, stringente, analytisch innovative Erzählung einer intellectual history Europas. Vielmehr verstecken sich in den 14 folgenden Kapiteln und dem abschließenden Epilog unterhaltsame Vignetten und Anekdoten, Zitate und Zusammenhänge, die sich im Laufe eines Gelehrtenlebens wohl ansammeln.

Dem ersten Kapitel des Buches vorangestellt ist eine schematische Darstellung der intellektuellen Entwicklung Europas in Form eines Schaubildes, das die Zeitläufte in 50-Jahres-Schritten von 1800 bis 2000 einteilt und diesen zentrale Erfindungen, Theorien und Betonungen („Emphasizes“) von Gruppen oder Individuen mit Schlüsselbegriffen zuordnet (S. xxii).

Dieses visuelle Hilfskonstrukt wirkt zunächst sehr grobschlächtig und dogmatisch. Doch es illustriert den Zugang Galatys zu seinem Thema besser als dessen knappe theoretische Überlegungen im preface. Es geht ihm tatsächlich um die Kanonisierung von Wissen und Denkerinnen. Von Charles Darwin zu Max Weber, von Marie Curie zu Ada Lovelace werden hier bekannte Persönlichkeiten und bekannte Ideen dargestellt.

Eigentlich geht es Galaty in seinem Buch – so der Untertitel – um „Individuals, Groupings and Technological Change 1800–2000“. Der Rückgriff auf Individuen und Gruppen, auf soziale Netzwerke und die Eingebundenheit von Wissensgeneriung in materielle und soziale Kontexte bleibt jedoch durchgehend vage und erzählerisch. Der Autor setzt in den einzelnen Kapiteln oftmals Schwerpunkte lediglich auf einen der drei im Untertitel genannten Aspekte. Nur selten verknüpft er sie auf erhellende Weise, so etwa in Kapitel 2, „Individuals and Atoms: Individuals as Source of Wealth, Reason, and Morality“, in dem er die Denkbewegung, sowohl Natur als auch Gesellschaft in immer kleineren Einzelteilen (nämlich Individuen und Atomen) zu betrachten, auf beide Bereiche anwendet.

Die einzelnen Kapitel beziehen sich meist eher lose aufeinander. Hauptverbindung zwischen den vorgestellten Personen und Ideen ist vor allem die Bedeutung für den europäischen Intellektualismus, wie sie von Galaty gesehen wird. Insgesamt lässt sich wenig Überraschendes, Paradoxes oder Neues erfahren. So bietet das Buch mehr eine Tour d’Horizon der europäischen Ideengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung sozialer und technologischer Entwicklungen; wo nötig, werden zudem politische Entwicklungen dargestellt.

Dennoch besitzt diese Arbeit Kraft und Wirkung. Das erklärt sich durch einen flotten Schreibstil, der kritische Bewunderung für sein Subjekt ausstrahlt. Das wirkt ansteckend und man folgt den Erzählungen in den einzelnen Kapiteln gerne. Am Ende der Lektüre hat man fast unbemerkt einen zwar klassischen, aber doch überzeugenden Überblick über 200 Jahre (west-)europäischer Ideengeschichte gewonnen und dabei manche Aspekte en passant aktualisiert und aufgefrischt.

Galaty hat ein unterhaltsames Buch verfasst, das sich vor allem an interessierte ‚Laien‘ und Studierende in frühen Semestern richtet. Für diese Zielgruppe ist es in jedem Fall sehr empfehlenswert. Ohne großen theoretischen oder methodischen Ballast bekommt man hier, dicht kondensiert, zentrale Aspekte der europäischen Ideengeschichte kontextualisiert. Dabei entdeckt man selten Neues, aber Altbekanntes wird spannend präsentiert.

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