Der von dem Kunsthistoriker Richard Němec herausgegebene Sammelband untersucht den Einsatz digitaler Methoden zur Erforschung von Raumdefinitionen, Stadtkonstruktionen und Architekturpraktiken im Nationalsozialismus. In dem Band wird hinterfragt, inwiefern digitale Werkzeuge helfen, NS-Planungsprozesse messbar zu machen. Er reflektiert methodische, ethische und erkenntnistheoretische Herausforderungen. Da der Rezensent in den Digital Humanities (DH) und nicht in der Architekturgeschichte verortet ist, liegt der Fokus dieser Rezension auf der Frage, wie Messbarkeit in den einzelnen Beiträgen operationalisiert wird.
In der Einleitung skizziert Němec den methodischen Rahmen und diskutiert Chancen und Risiken quantitativer Verfahren in den Geisteswissenschaften. Er betont, dass frühere Arbeiten zur NS-Architektur meist qualitativ ausgerichtet waren, während digitale Verfahren neue analytische Möglichkeiten eröffneten. Er warnt allerdings auch vor der unkritischen Übernahme quantitativer Maßstäbe für historisch und politisch komplexe Prozesse.
Karl Kegler zeigt in seinem Beitrag über die „Messbarkeit und Willkür in der NS-Siedlungsplanung“, dass quantitative Methoden im Nationalsozialismus nicht der objektiven Erfassung dienten, sondern zur Legitimation ideologischer Zielsetzungen eingesetzt wurden. Er argumentiert, dass Messbarkeit von den Begründungszusammenhängen abhängt, die für die Produktion von Kennzahlen genutzt werden. Diese Reflexion über historische Messpraktiken wirft auch die Frage auf, inwiefern heutige digitale Verfahren sich von diesen Missbräuchen abgrenzen lassen.
Frederike Buda, Julia Timpe und Christiane Weber untersuchen die Rolle digitaler Quellen in der NS-Forschung. Messbarkeit wird hier über die Erfassung, Kontextualisierung und Visualisierung historischer Daten hergestellt. Besonders hervorgehoben werden offene Metadatenstandards sowie GIS-gestützte Analysen. Gleichzeitig diskutieren die Autorinnen ethische Fragen, insbesondere den Umgang mit sensiblen Daten. Als Rezensent möchte ich anmerken, dass in dem Beitrag erwähnte Projekte wie „#75Befreiung“ und „@VerbrannteOrte“ auf Werkzeuge zurückgreifen, deren Entwicklung an meiner Einrichtung erfolgte (reTweety und autoChirp).
Stefan Heinz analysiert anschließend die NS-Stadtplanung in Luxemburg sowie deren digitale Aufarbeitung. Er zeigt, dass bereits NS-Planer Schwierigkeiten hatten, ihre Vorstellungen messbar zu machen, unter anderem durch unklare Planungsgrundlagen und Verzögerungen in der Stadtvermessung. Messbarkeit wird hier durch GIS-gestützte Analysen operationalisiert. Am Beispiel des Luxatlas-Projekts der Universität Luxemburg demonstriert Heinz die digitale Georeferenzierung historischer Karten und zeigt auf, dass bestimmte Elemente der NS-Stadtplanung in späteren Projekten weiterverwendet wurden. Einer der kritischen Punkte ist laut Heinz die Gefahr, dass nie realisierte NS-Baupläne unreflektiert in aktuelle digitale Stadtlexika integriert werden.
Miloš Hořejš untersucht in „Relics of Nazi Architecture in the Czech Republic“ die baulichen Spuren der NS-Herrschaft in den besetzten tschechischen Gebieten. Er fokussiert auf die digitale Erfassung von NS-Architektur, wobei insbesondere der Faktor Zeit (4D-GIS) berücksichtigt wird. Neben der Dokumentation legt der Autor des Beitrags Wert auf die kritische Reflexion digitaler Repräsentationen historischer Bauten und deren politische Bedeutung.
Katharina Steudtner analysiert in ihrem Beitrag mit dem Titel „Survey? Sondage? Grabung?“ die Digitalisierung eines fotografischen Bestandes der NS-Zeit. Sie verwendet eine archäologische Metapher, um den Prozess der digitalen Erschließung zu strukturieren: „Survey“ als Bestandsaufnahme, „Sondage“ als systematische Analyse und „Grabung“ für tiefergreifende Untersuchungen. Messbarkeit wird hier durch die digitale Strukturierung und Kontextualisierung historischer Fotografien operationalisiert. Steudtner reflektiert dabei methodische Grenzen und warnt vor der Illusion einer neutralen digitalen Visualisierung.
Im abschließenden Beitrag „Digital Humanities und ‚Messbarkeit‘ des NS-Regimes in der Raum- und Stadtplanung?“ unterzieht Katja Bernhardt den methodischen Ansatz des Bandes einer kritischen Reflexion. Sie problematisiert die Annahme, dass digitale Verfahren objektive Einsichten ermöglichen, und argumentiert, dass jede Messbarkeit eine qualitative Vorstrukturierung erfordert – sei es durch Kategorienbildung, Kontextualisierung oder Datenfilterung. Insbesondere warnt sie davor, dass digitale Methoden technische Prozesse mit analytischen Methoden gleichsetzen und so historiografische Probleme reproduzieren könnten.
Die Beiträge des Sammelbands illustrieren, dass Messbarkeit in der NS-Forschung auf sehr unterschiedliche Weise operationalisiert wird – von quantitativen GIS-Analysen bis hin zur digitalen Ordnung und Kontextualisierung historischer Daten. Während einige Beiträge sich explizit mit numerischer Quantifizierung auseinandersetzen, verstehen andere Messbarkeit als eine methodische Strukturierung. Anstelle einer homogenen Definition offenbart der Band eine Vielfalt an Ansätzen, was verdeutlicht, dass digitale Methoden zwar neue Zugänge eröffnen, aber kein einheitliches Paradigma erzwingen. Besonders die kritischen Beiträge von Kegler und Bernhardt zeigen, dass Messbarkeit nicht nur als technisches Werkzeug, sondern auch als erkenntnistheoretische Herausforderung betrachtet werden muss.
Damit leistet die Publikation einen wertvollen Beitrag zur Debatte über digitale Methoden in den Geisteswissenschaften und zeigt auf, dass der Begriff der Messbarkeit in diesem Umfeld ein wenig wie ein Oxymoron anmutet: Er suggeriert Präzision, entzieht sich in der Praxis aber einer scharfen Definition. Diese scheinbare Schwäche ist jedoch weniger dem Band als vielmehr den strukturellen Herausforderungen der Geisteswissenschaften geschuldet. Die Beiträge verdeutlichen daher überzeugend, dass Messbarkeit nicht als feste Größe, sondern als dynamisches und methodisch reflektiertes Konzept verstanden werden muss.
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