Es gibt Bücher, die helfen, aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen und verborgene Muster hinter den Berichten in modernen Medien und der Presse zu entdecken. Das 2022 erschienene Buch von Stephen D. Morris, „The Corruption Dilemma“, ist eines dieser Bücher.
Morris analysiert das Phänomen der Korruption aus der Sicht eines Politikwissenschaftlers und macht (ungleiche) Machtverhältnisse zum Schlüsselkonzept, das korrupte Praktiken funktional erklärt. Korruption folgt demnach aus der Konsequenz, die Macht der Mächtigen nicht zu begrenzen. Korruption wird damit zu einem grundlegenden Element der Politik, das dann verschiedene Formen von Widersprüchen – Morris verwendet den Begriff synonym mit dem titelgebenden Begriff „Dilemma“ – hervorbringt. Zwar ist diese synonyme Verwendung im Buch zweifelhaft und unpräzise; wenn man sich jedoch darauf einlässt, dann erscheinen die Subsummierung der Inhalte unter diesen Buchtitel und die Aufgliederung in spezifische Dilemmata in den Kapiteltiteln verständlich, auch wenn sie weiterhin Unbehagen hervorrufen. Mehr noch: Das Buch ist nur auf die amerikanischen und mexikanischen Verhältnisse ausgerichtet, was man in dessen Erscheinungsjahr als thematische Verengung hätte verstehen können. Angesichts der aktuellen politischen Verhältnisse des Jahres 2025 gewinnt das Buch aber eine so unerhörte Aktualität, dass diese Eingrenzung geradezu willkommen erscheint.
Morris argumentiert, dass Mächtige ab einer gewissen Machtfülle durch ihre Handlungen ihre eigene Realität erschaffen können. Das gelte insbesondere für Korruption und ihre Praxisformen, denn was als korrupt verstanden werde, sei eine Macht- beziehungsweise Definitionsfrage. Relativ neu in der Korruptionsforschung ist dabei, dass Morris explizit Bezug auf die diskurstheoretische Bestimmung des Korruptionsbegriffes nimmt. In diesem Zusammenhang kommt es den Mächtigen zupass, dass keine einheitliche Definition von Korruption existiert – ein Umstand, den zwar auch der Autor nicht ändern kann, dessen negative Konsequenzen in Bezug auf alle möglichen Formen des politischen Missbrauchs er aber immerhin darstellt. Dabei ist es laut Morris bereits ein Missbrauch, aufgrund der Definitionsmacht die Inhalte von Korruption so festzulegen, wie es den Mächtigen zusagt. Eine solche Festlegung beinhaltet auch den Zielbereich bei deren Bekämpfung. Alle Versuche, Korruption einzudämmen, sind nach Morris auch Versuche, Macht zu begrenzen. Gesetze, die korrupte Praktiken bestimmter Interessengruppen unter Strafe stellen, schränken ihre Möglichkeiten beziehungsweise ihre Macht ein. In demokratischen Gesellschaften zeige sich das, wenn Machtbegrenzungen bestimmter (Lobbying‑)Gruppen wie zum Beispiel die der Pharmaindustrie zum Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Auseinandersetzungen werden. Dabei wird die Definitionsmacht als politisches Kampfmittel eingesetzt, etwa in der jüngsten amerikanischen Geschichte, als ein angeblicher Wahlbetrug als eine Form von Korruption dargestellt und behauptet wurde, die Wahl sei wegen korrupten Verhaltens der Siegerpartei ‚gestohlen‘ worden.
Nun könnten solche Definitionskämpfe ein Zeichen aktiver demokratischer Auseinandersetzungen sein. Allerdings ist das Verhältnis von Demokratie und meist gleichzeitig auftretendem Wirtschaftssystem – dem Kapitalismus – nach Morris ein widersprüchliches: Kapitalismus setze auf individuelle Werte wie Eigeninteresse und individuelle Freiheiten, Demokratie auf kollektive Werte, die üblicherweise sowohl die Macht des Staates als auch der Individuen beschränken. Aus diesem Spannungsverhältnis ergebe sich eine Reihe von Konsequenzen in Bezug auf Entstehung und Bekämpfung von Korruption: Die Grenzen zwischen legalen und illegalen Einflussmöglichkeiten auf politische Entscheidungen würden fließend, verstärkt durch ökonomisch mächtige Einflussnehmer, die gleichzeitig wiederum Definitionshoheit über Korruptionsinhalte bekämen und diese wirtschaftlich wie politisch ausnutzten. Hier nimmt das Buch Entwicklungen in den Vereinigten Staaten vorweg, die im Erscheinungsjahr so noch nicht sichtbar waren: die Überkreuzung der Ziele einiger US-amerikanischer Tech-Firmen mit den politischen Akteuren zu Beginn des Jahres 2025.
In diesem Zusammenhang ist eine These von Morris besonders bedenkenswert: Korruption – im weitesten Sinne auch Lobbying und dergleichen – stabilisiere das Demokratie-Kapitalismus-System. Sie erlaube dem Kapitalismus, Kontrolle über Demokratieprozesse auszuüben, ohne sie abzuschaffen. Gleichzeitig beschränkten Demokratien über Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung die wirtschaftlichen Machtmöglichkeiten in dem Ausmaß, in dem demokratische Prozesse durchsetzungsfähig bleiben.
Korrupte Praktiken im Sinne der Durchsetzung von Macht sind nach Morris nicht nur illegale Formen wie Bestechung, sondern auch institutionalisierte Verfahrensweisen wie Lobbyismus, Wahlkampffinanzierung oder das „Revolving-Door“-System, bei dem ehemalige Regierungsbeamte auf lukrative Posten in der Privatwirtschaft wechseln. Gerade der letzte Punkt eröffnet eine politische Dimension der Korruption, der für Staatsakteure zwei Fragen aufwirft: Wie lässt sich ihre Macht mit ihrem eigenen Interesse verbinden und wie kann die Gesellschaft veranlasst werden, ihre Macht möglichst wenig zu begrenzen? Diese Fragen hängen unmittelbar mit den rechtlichen Grundlagen zusammen, nach denen Staatsbedienstete agieren. Hier kommt ihnen zugute, dass sie sowohl bei Gesetzen zur Korruptionsbekämpfung mitwirken als auch ihre Um- und Durchsetzung kontrollieren. Das Ziel ist, die relevanten Staatsinstitutionen zu schwächen, beispielsweise durch politische Einflussnahme auf Strafverfolgungsbehörden oder Wahlkommissionen. So wird beispielsweise die US-amerikanische Federal Election Comission durch parteipolitische Blockaden handlungsunfähig gemacht, um eine effektive Kontrolle der Wahlkampffinanzierung zu verhindern. Damit werden Korruption und ihre vielfältigen, zum Teil legalen Unterstützungspraktiken ein strukturelles Problem, das weiter verstärkt wird, wenn die institutionellen Schlüsselpositionen wie hochrangige Richterstellen durch loyale Personen besetzt werden. Diese strukturelle Korruption schließt institutionalisierte Antikorruptionsmaßnahmen mit ein, so dass sie selbst zu einer Form von Korruption werden. Sie dient nicht nur dem eigenen Macherhalt, sondern auch der Verfolgung ökonomischer Ziele und ist besonders problematisch, weil Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung typischerweise als etwas Erstrebenswertes gelten und (eigentlich) zur Förderung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit angesehen werden. Entsprechend lassen sich Beispiele dafür finden, wie in den letzten Jahren in den USA Antikorruptionsrhetorik verwendet wurde, um das ‚korrupte Washingtoner Establishment‘ anzuklagen, was weniger zur Stabilisierung demokratischer Strukturen, sondern eher zu gesellschaftlicher Polarisierung führte.
Morris ist sich bewusst, dass es gerade für politische Korruption eine Reihe anderer Erklärungsfaktoren gibt als die von ihm vornehmlich behandelten Machtaspekte. Etwa Moralvorstellungen, die – abhängig von der Sozialisation – andere Sichtweisen auf ‚Entschuldigungen‘ für eigene und fremde korrupte Praktiken nahelegen. Einige dieser Faktoren behandelt er in einem eigenen Kapitel und zeigt dabei auf, wie auch diese mit Macht zusammenhängen. So konnte in der jüngsten amerikanischen Geschichte beobachtet werden, wie Mächtige enge Definitionen von Korruption verwenden, um ihr eigenes Verhalten zu rechtfertigen, während ähnliche Verhaltensweisen Anderer in einer weiter gefassten Verständnisweise von Korruption als korrupt angeklagt wurden.
Insgesamt schlüsselt das Buch die aktuellen politischen Verhältnisse in den USA (und Mexiko) so auf, dass es auch zu den aktuellen Diskussionen in der Korruptionsforschung, etwa zur „strategischen Korruption“ passt. Dabei sind Prognosen aufgrund solcher strukturellen Korruption in den USA äußerst düster und Morris’ Versuche im letzten Kapitel, auf Möglichkeiten der echten Korruptionsbekämpfung einzugehen, erscheinen weit hergeholt und wenig überzeugend. Aber das Erkennen von Mechanismen und Systematiken ist der erste Schritt, solche Missstände zu überwinden. Dazu liefert das Buch einen lesenswerten Beitrag.
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