Heute wecken Hungersstreiks vielleicht noch Erinnerungen an den Linksterrorismus der 1970er Jahre. Maximilian Buschmann lenkt den Blick jedoch auf deren Ursprünge in den Nahrungsverweigerungen auf Sklavenschiffen des 18. Jahrhunderts. Sein Buch ist die gekürzte Fassung einer 2021 an der Münchener LMU verteidigten Dissertation. Den Schwerpunkt der Darstellung bilden die USA zwischen 1880 und 1950. Die Studie argumentiert auf einer interdisziplinären Literaturgrundlage und auf einer sehr breiten Quellenbasis. Sechs weitgefasste ungewichtete Fragen sollen die Analyse strukturieren. Es geht um: die Bedeutung des Körpers (1), Selbstverhältnisse (2), räumliche Konstellationen und Routinen (3), Formen des Regierens, der Gouvernementalität, im Umgang mit den Nahrungsverweigerungen (4), Formen des Wissens über Hungerstreik und Zwangsernährung, fokussiert auf politische Bewegungen, Medizin und Psychiatrie, sowie auf die transnationale Zirkulation dieses Wissens (5) sowie um die Frage, wie Hungerstreiks zu Medienereignissen wurden (6). Interessanterweise thematisiert keine der Fragen explizit den Wandel im Zeitverlauf. Genannt wird nur das Ziel einer „Rekonstruktion des Geworden-Seins gesellschaftlicher Verhältnisse, politischer Praktiken, diskursiver Konstellationen und Subjektivierungen“ (S. 13). Inspiriert von Michel Foucault sowie von Körper- und Alltagsgeschichte beschreibt die Studie, wie der Hungerstreik erfunden, bis Mitte des 20. Jahrhunderts etabliert und getragen von transnationalem Austausch zu einer nahezu universellen Protestform wurde. Diese Geschichte des Hungerstreiks sieht sich als eine „politische Gesellschaftsgeschichte“ (S. 32) und untersucht diskursive Selbstbeschreibungen sowie die körperlichen Handlungen von Akteur_innen.
Neben einer Einleitung und einem Schlussteil bietet die Studie vier Hauptabschnitte mit einem Umfang von jeweils etwa 60 bis 80 Seiten. Der erste Hauptteil beschreibt, wie der Hungerstreik seit den 1880er Jahren als Begriff und Protestform in Russland entstand und dann durch transnationale Kommunikation auch im Vereinigten Königreich und in den USA genutzt wurde. Der folgende Hauptteil arbeitet heraus, wie Hungerstreiks zwischen 1909 und 1917 durch mediale Kommunikation von Anarchist_innen und Feminist_innen als Protestform etabliert wurden. Der dritte Hauptteil umfasst die Jahre 1917 bis 1920 mit den bislang kaum beachteten, oft religiös und spirituell grundierten Hungerstreiks von Kriegsdienstverweigernden. Der letzte Hauptteil skizziert einerseits verschiedene Hungerstreiks in den USA zwischen 1919 und 1945. Hier geht es unter anderem um die Hungerstreiks von radikalen Linken auf Ellis Island (1919) sowie um die Kampagne für die US-Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti (1920–1927). Andererseits bündelt das letzte Kapitel dieses Teils Überlegungen zur Rezeption Mahatma Gandhis in den USA zwischen 1918 und 1948.
Die Hauptargumente herauszupräparieren, sie zu gewichten und zu bündeln fällt nicht leicht. Die Kapitel zu den verschiedenen Hungerstreiks sind sehr informativ, aber argumentativ nur lose verbunden. Insgesamt präsentiert die Studie ungemein viel Wissen sowie verschiedene Forschungsansätze unterschiedlicher Disziplinen. Leider fehlt der Argumentation jedoch ein roter Faden. Die sechs eingangs formulierten Fragen tauchen zwar im etwas weitschweifigen Schlussteil wieder auf, werden aber nicht als explizite Gliederungselemente genutzt. Angesichts der vielschichtigen Argumentation ist es auch schade, dass das knappe Zwischenfazit am Ende jedes Hauptteils nicht im Inhaltsverzeichnis aufgelistet ist.
Aus der Vielzahl der klugen Einzelerkenntnisse möchte ich drei hervorheben. Erstens war Hungerstreik für das „rebellische Selbst“ (S. 10, 244) das letzte Mittel der Widersetzlichkeit, um als Eingeschlossene die „individuelle Souveränität eines handelnden Subjekts zu demonstrieren“ (S. 10). Hungerstreik war anders als Streiks eine „individualisierende politische Technik, die suggerierte, es sei das Individuum, das politische Wirkmächtigkeit erlangen könne“ (S. 180, s. auch S. 322). Die mehr und mehr verwissenschaftlichte Zwangsernährung war das wichtigste Gegenmittel. Mit Hungerstreiks wurde versucht, in der Zelle „Weltöffentlichkeit entstehen zu lassen“ (S. 322, wortgleich S. 328). Wie bereits zu Anfang der Studie deutlich wird, trugen der ahistorische und selbstreferenzielle Aktivismus weißer Akteur_innen wie der britischen Suffragetten oder von US-amerikanischen Anarchist_innen dazu bei, die Nahrungsverweigerungen der Versklavten des 18. Jahrhunderts unsichtbar zu machen, ihr Widerstand blieb ungenannt. Zweitens brachten die 1930er Jahre staatlicherseits einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Hungerstreiks. Eine professionalisierte Sicherheitsarchitektur, technische Ausstattung, qualifiziertes Personal mit guten Arbeitsbedingungen und faire Behandlungen der Insassen sollten die Ausbreitung von Gefahren minimieren. Hungerstreiks wurden begleitend erforscht. Für Linke verlor, drittens, der transnationale Bezug auf Hungerstreiks in Russland beziehungsweise der Sowjetunion nach dem Ersten, besonders aber nach dem Zweiten Weltkrieg sowohl durch die dort eingesperrten hungerstreikenden Regimegegner_innen als auch durch den Antikommunismus/Red Scare in den USA an Mobilisierungskraft. Die Rezeption des von Gandhi propagierten Fastens trug dazu bei, Hungerstreiks als Protestform weiter zu etablieren.
Insgesamt gesehen nimmt das Buch Hungerstreikende als historische Akteur_innen und als rebellische Subjekte ernst. Es beschreibt Ordnungen des Körpers und der Ernährung, des medizinisch-psychiatrisches Wissens, die Formierung von Öffentlichkeit sowie die Selbstopferung in politischen Bewegungen. Die Studie ist weniger eine Gesellschaftsgeschichte der USA als eine quellenmäßig dicht belegte Geschichte verschiedener Hungerstreiks zwischen 1880 und 1950 in ihren transnationalen Vernetzungen. Für diese Hungerstreiks ist das Buch eine unverzichtbare Informationsgrundlage.
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