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Einzelrezension

Bohne, Andreas: Studenten und Alte Herren im kolonialen Rausch. Burschenschaften und Kolonialismus vom Vormärz bis zur Gegenwart (Global- und Kolonialgeschichte, Bd. 19), 472 S., transcript, Bielefeld 2024.


Keywords: Review, Bohne, Andreas, 2024, Burschenschaften, Kolonialgeschichte, 19. Jahrhundert, 20. Jahrhundert, Universitätsgeschichte

How to Cite:

Dubois, A., (2025) “Bohne, Andreas: Studenten und Alte Herren im kolonialen Rausch. Burschenschaften und Kolonialismus vom Vormärz bis zur Gegenwart (Global- und Kolonialgeschichte, Bd. 19), 472 S., transcript, Bielefeld 2024.”, Neue Politische Literatur 70(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-025-00642-1

Rights:

© The Author(s) 2025 under CC BY International 4.0

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Published on
2025-04-24

Im vorliegenden Buch, der leicht überarbeiteten Fassung seiner Dissertation, untersucht Andreas Bohne das Verhältnis der deutschen Studentenverbindungen zum Kolonialismus. Er fokussiert einen bestimmten Typus studentischer Korporation, die Burschenschaften, die ab 1815 wichtige Akteure der deutschen Einheitsbewegung waren. Er zeigt, dass ihre nationalen Ziele und nationalistischen Haltungen auch eine imperial(istisch)e und koloniale Dimension besaßen, die sich in Diskursen, Aktionen sowie in den Lebensläufen zahlreicher Mitglieder widerspiegelte.

Der Fokus bisheriger historischer Forschung über die Verbindungen zwischen Kolonialismus und Hochschulwesen lag meistens auf dem wissenschaftlichen sowie auf dem Bildungsbereich, zum Beispiel den Kolonialwissenschaften oder dem Hamburger Kolonialinstitut. Die historische Literatur zu den Studentenverbindungen konzentriert sich auf ihr internes Leben, ihren Platz im akademischen Milieu, ihre politischen Ideologien. Der studentische Kolonialismus stieß bisher auf wenig Interesse bei den Historiker_innen. Es ist daher das Verdienst Bohnes, zum ersten Mal den Themenkomplex Studentenkorporationen und Kolonialismus tiefgreifend zu analysieren.

Ein großer Beitrag des Buchs besteht in seiner Behandlung des Themas über einen Zeitraum von zwei Jahrhunderten, von der Gründung der sogenannten Urburschenschaft 1815 bis heute, also von der Zeit vor der Errichtung des deutschen Kolonialreichs über die „formale Kolonialzeit“ zwischen 1884 und 1919 (in Teil V, der immerhin mehr als die Hälfte des Buchs einnimmt) bis hin zu den Jahrzehnten nach der Beschlagnahmung der deutschen Kolonien durch den Versailler Vertrag, die von revisionistischen Kämpfen und einer gewissen kolonialen Nostalgie geprägt sind. Zudem gelingt es dem Autor, die Geschichte der Burschenschaften wieder zu politisieren – gegen eine korporative sowie akademische Literatur, die insbesondere für die Zeit des Kaiserreichs die Studentenverbindungen zu häufig als zwar regimetreue, aber unpolitische und politisch desinteressierte Gruppen präsentiert.

Bohne erbringt den Beweis: Die Mitglieder der Burschenschaften sorgten sich um Deutschlands Platz in der Welt, unterstützten die Eroberung von Gebieten in Afrika und Asien, applaudierten der Weltpolitik Wilhelms II. und stellten sich für den Ausbau der Flotte zur Verfügung. In den Publikationen der einzelnen Burschenschaften wie auch der Dachverbände dominierten diese Auffassungen stark, kritische Betrachtungen finden sich nur in Ausnahmefällen. Bohne belegt dies mit Parlamentsreden, Artikeln sowie Aufenthaltsberichten in den Kolonien, die von burschenschaftlichen Politikern, Verwaltungsbeamten oder Journalisten stammen – bis hin zur Organisation von „Kolonialabenden“ durch Burschenschaften des frühen 21. Jahrhunderts.

Bei allen Verdiensten hat das Buch auch Schwächen. Zunächst ist es bedauerlich, dass Bohne sich bis auf wenige englischsprachige Titel nur auf die deutschsprachige Literatur stützt. Was zum Thema Studentenverbindungen nachvollziehbar ist, wird problematischer in Bezug auf die Ansätze der (Post‑)Kolonialgeschichte oder New Imperial History. Hier fällt die fehlende Rezeption angesichts der an sich (zu) langen und detaillierten Darstellung der Historiografie in Kapitel 2 besonders ins Auge. Der Autor konnte nur auf sehr wenige interne Dokumente der Burschenschaften und Dachverbände zugreifen (S. 28 ff.). Zweifellos sind die deutschen Studentenverbindungen der nichtkorporativen Forschung gegenüber wenig aufgeschlossen. Vielleicht hätte es sich trotzdem gelohnt, einzelne Burschenschaften nach ihren Akten zu fragen: So konnte der Rezensent die internen Bestände einiger Verbindungen für seine Dissertation bearbeiten.

Bohne schreibt: „Methodisch erfolgt die Annäherung überwiegend prosopografisch“ (S. 26). Dies trifft allerdings auf zwei Ebenen nicht zu. Erstens ist die Annäherung sowohl in der Struktur des Buchs als auch in der Schilderung der Argumente und Ergebnisse vielmehr ereignis- und themenorientiert, was auf die Fülle an Forschungsfragen und Subjekten, die nacheinander behandelt werden, zurückzuführen ist. Zweitens ist das Buch schlicht keine Prosopografie oder Kollektivbiografie. An keiner Stelle werden prosopografischen Untersuchungen üblicherweise zugrunde liegende sozialgeschichtliche Analysen angeboten, sei es in Form von quantitativen Daten oder eines (wechselnden) Gruppenporträts. Bohne beschränkt sich darauf, eine Reihe von als exemplarisch dargestellten Kurzbiografien von Burschenschaftern vorzustellen (vgl. u. a. Kap. 4.2 und 5.5 sowie die biografischen Skizzen im Laufe des Buchs). Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass kein Namensregister erstellt wurde. Zudem besteht immer Unbestimmtheit darüber, wer die Akteure dieser bewusst akteurszentrierten Studie eigentlich sind, zumal für eine mit der studentischen Korporationswelt unvertraute Leserschaft. Zwar heißt es im Buchtitel „Studenten und Alte Herren“ und zwar sind sie alle aufgrund des „Lebensbundprinzips“ Burschenschafter, aber fast ausschließlich letztere sind im Laufe des Bands genannt und zitiert, ohne dass es je vom Autor klar angesprochen wird. Studentische Burschenschafter als kolonialfördernde Akteure spielen nur eine untergeordnete Rolle in Bohnes Analysen. Dies hätte klarer diskutiert werden sollen.

Trotz dieser Einwände ist Bohnes Buch ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Studentenverbindungen und des kolonial-imperialen Gedankenguts in Deutschland vor, während und nach dem Bestehen des deutschen Kolonialreichs. Nun wäre zu wünschen, dass die Erforschung der Wechselbeziehungen zwischen Studierenden und Kolonialismus auf weitere Gruppen, auch auf die sogenannten nichtinkorporierten Studierenden, erweitert wird. Zudem sollten weitere Forschungslücken geschlossen werden, unter anderem diejenige zur Rezeption kolonialwissenschaftlicher Lehrveranstaltungen durch die Studierenden oder die Geschichte kolonialorientierter, aber nichtuniversitärer Anstalten, wie etwa der Deutschen Kolonialschule in Witzenhausen.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.