Die verlagsseitig ansprechend gestaltete, sogar mit einem Lesebändchen ausgestattete Wuppertaler Dissertation verfolgt zwei Ziele: Erstens, „die Lebensgeschichte“ des heute kaum noch bekannten, 1818 geborenen Leipziger Geschichtsordinarius, Publizisten und Politikers „zu erzählen“; zweitens dabei „den Fokus vom Individuum weg, hin zu den verschiedenen kontextgebundenen Handlungsmöglichkeiten, zu kollektiven Dispositionen, Verhandlungsweisen und Handlungskulturen“, also zur biografisch vorgegebenen „politischen Kultur der Bürgerwelt“ der späten 1830er Jahre bis 1876 zu wenden (S. 2 f.). Die Erkenntnisperspektive dieses Vorhabens ist, wie bereits die Einleitung erklärt, realistisch und kritisch. Es geht nicht um eine Bestätigung des herkömmlichen Bildes der (protestantischen) bürgerlichen Kultur als Ort „von bürgerlicher Selbstbestimmung, vernünftigem Diskurs und achtungsvoller Humanität […]. Vielmehr entfaltet sich ein lebhafter Eindruck von Überlegenheitsdünkel und Aggressivität, von Pathos und Ränkespiel, von Manipulation, Macht und – Ohnmacht“ (S. XII f.).
Als Sohn eines „idealtypischen Vertreter[s] des preußischen Provinzbürgertums“ (S. 9) zur Welt gekommen und in einem schlesischen Kleinstädtchen aufgewachsen, wurde der kränkliche und auch nach eigenem Empfinden äußerlich unansehnliche junge Mann zunächst am Breslauer Magdalenen-Gymnasium, dann an der Breslauer Universität ebenso typisch frühliberal-national geprägt, obwohl er die radikale Phase der Turner- und Burschenschaftspolitik verpasste. Als Philosophie- und Geschichtsstudent angeblich fleißig und diszipliniert, wurde er an der Jahreswende 1838/39 unter Betreuung des Historikers Gustav A. Stenzel promoviert, was ihn freilich nicht davon abhielt, provokativ ein von seinem Doktorvater als historische Quelle geschätztes, hohenzollernapologetisches angebliches Tagebuch öffentlich und letztlich erfolgreich als Fälschung zu entlarven. Sein damit auf nicht ungefährliche Weise erworbener Ruf als kritischer Historiker und Publizist half ihm in Berlin, wohin er anschließend umzog, allerdings nicht wirklich weiter, was auch er selbst auf mangelnde Befähigung zum „Aufbau eines sozialen und wissenschaftlichen Netzwerkes“ zurückführte (S. 61). Diesem Defizit konnte Wuttke an seiner nächsten und letzten Wirkungsstätte, in Leipzig, dank seiner auch finanziell bedingt intensivierten publizistisch-journalistischen Schreibtätigkeit und jetzt ausgeprägten Vereinsengagements, unterstützt von seiner gut vernetzten und ihre Rollenzuschreibung als Professorengattin brav erfüllenden Ehefrau, weitgehend abhelfen. Dennoch hatte es politischer Unterstützung bedurft, um im Revolutionsjahr das begehrte Ordinariat zu erlangen, blieb das wohl angestrebte Ministeramt aus und vollzog der Vereinsagitator, mehrfache Abgeordnete, scharfe Beobachter, Rhetoriker und Kritiker allerhand Wendungen, ohne schließlich seiner großdeutschen, zugleich dezidiert polenfeindlichen, monarchisch-konstitutionellen Vision Erfolg verschaffen zu können. Sein breit publizistisch angelegtes „politisch-strategisches Repertoire“, nämlich „hier kleinlich-formal mit Rechtsverhältnissen, dort pathetisch mit moralischer Pflicht zu argumentieren“ (S. 221), reichte nicht aus. Das zeigte sich auch in der Bundesreformdebatte, in der Wuttke gegen Julius Fröbel unterlag, sowie an der Universität und im eigenen Fach. Der Kampf gegen die borussianischen „Priester der Clio“, unter anderem Heinrich von Treitschke, ging verloren; „durch seine politische Positionierung, vielleicht auch durch sein herausforderndes Wesen, hatte er sich gleichsam selbst aus dem wissenschaftlichen Diskurs ausgegrenzt“, seine Werke wurden kaum durch Rezensionen bekannt gemacht oder gewürdigt (S. 288–292). Dabei hätten sich für das eigentliche politisch-kulturelle Ideal – oder besser: „die Ideologie“ – des zunehmend vereinsamten, offensichtlich ohne bedeutende akademische Schüler verbliebenen Gegners der Bismarck’schen Reichsgründung 1871 durchaus Sympathien finden lassen: die Herrschaft nicht einer publizistischen „Lügenliga“, sondern der vernünftigen und klugen Literaten nach dem Vorbild von „Platons Philosophenstaat“ (S. 347 ff.).
Der Erstlingsstudie kann ohne weiteres bescheinigt werden, dass sie ihre beiden selbstgesteckten Ziele erreicht hat. Ein vergessener Außenseiter des im Aufbau, dann in der Konsolidierung befindlichen geschichtswissenschaftlichen Establishments erhält ein persönlich wie professionell vertieftes Profil. Mit der Formierung der bürgerlichen Medienwelt des 19. Jahrhunderts trat auch der Gelehrte, der sich in dieser Medien- und in der mediengestützten Politikwelt engagierte und so seine akademische Karriere beförderte, auf den Plan. Zu einer fachlich akzeptablen und akzeptierten Umsetzung der dabei gemachten Erfahrungen in eine entsprechende geschichtswissenschaftliche Konzeption und deren Vermittlung an begabte akademische Schüler kam es jedoch nicht, so dass dieses Potenzial ungenutzt blieb. Dass es in Gestalt von Wuttkes „Die deutschen Zeitschriften und die Entstehung der öffentlichen Meinung“ (21875) vorhanden war, wird erst seit kurzem gewürdigt. Noch breiteres Interesse zumal angesichts heutiger Vorgänge dürfte das kritisch-realistische Bild finden, das die Verfasserin mittels der scharfen Beobachtungsgabe ihres Helden von der bürgerlich-parlamentarischen Kultur des 19. Jahrhunderts rekonstruieren kann. Vom Reich des Vernünftigen, Klugen, Anständigen und Sauberen etwa im Gefolge von Thomas Nipperdey bleibt in Übereinstimmung mit anderen aktuellen Analysen nicht mehr sonderlich viel übrig. Dass dafür und dabei vor allem die damaligen Medien in der Verantwortung standen, erfährt hier unmissverständliche Erhärtung.
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