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Einzelrezension

Meghji, Ali: The Racialized Social System. Critical Race Theory as Social Theory, 182 S., Polity, Cambridge 2022.


Keywords: Review, Meghji, Ali, 2022, Rassismus, Critical Race Theory, Intersektionalität, Machtverhältnisse

How to Cite:

Kerner, I., (2025) “Meghji, Ali: The Racialized Social System. Critical Race Theory as Social Theory, 182 S., Polity, Cambridge 2022.”, Neue Politische Literatur 70(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-025-00637-y

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© The Author(s) 2025 under CC BY International 4.0

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Published on
2025-02-19

Rassismus ist ein gesellschaftspolitisches Problem mit langer Geschichte, gravierenden Effekten und deutlich unterschiedlichen Ausprägungen. Vor diesem Hintergrund könnte man sich darüber wundern, dass die Rassismustheorie und -forschung zumindest im deutschen Sprachraum eher ein Nischendasein fristet, statt fest im Zentrum der Sozialwissenschaften verankert zu sein. Nach der Lektüre von „The Racialized Social System“ des an der University of Cambridge lehrenden Soziologen Ali Meghji lässt sich diese Zurückhaltung als symptomatisch verstehen: als Machteffekt, als Element einer gesellschaftlich wirksamen Wissensformation, der wenig an der eigenen Kritik gelegen sein kann.

Das relativ kurze, nebst Einleitung und Schluss vier Kapitel umfassende Buch ist als Einführung konzipiert und entsprechend zugänglich geschrieben. Im Mittelpunkt stehen sozialwissenschaftliche Adaptionen der critical race theory (CRT) und dabei vor allem der auf den US-amerikanischen Soziologen Eduardo Bonilla-Silva zurückgehende Ansatz, Rassismus in einem weiten Sinne als racialized social system, als rassialisiertes Sozialsystem mit Makro‑, Meso- und Mikroebene zu fassen, anstatt das Phänomen beispielsweise auf individuelle Einstellungen oder auf diskriminierende Handlungen zu verengen. Diesen Ansatz situiert Meghji in seinem Buch im weiteren Kontext der CRT sowie bereits älterer sozialwissenschaftlicher Zugänge zur Rassismusforschung; er erläutert die zentralen Merkmale des Ansatzes und liefert illustrierende Fallbeispiele für seine verschiedenen Elemente.

In der ausführlichen Einleitung umreißt und erläutert Meghji zunächst die Anfänge der CRT in der US-amerikanischen Rechtswissenschaft der 1980er Jahre und ihre frühe Rezeption in der Erziehungswissenschaft in der darauffolgenden Dekade. Als zentrale Kennzeichen nennt er – im Anschluss an Richard Delgado und Jean Stefancic, die das Feld auch jenseits ihrer eigenen Disziplin, der Rechtswissenschaft, maßgeblich vorangebracht haben – fünf Aspekte: erstens ein Verständnis von Rassismus als strukturellem Machtverhältnis, das zweitens der Begründung und Reproduktion von Ungleichheit dient; drittens ein sozialkonstruktivistisches Verständnis von ‚Rasse‘ (mit Konstruktionsprozessen innerhalb und außerhalb der Sphäre des Juridischen), viertens die Wichtigkeit intersektionaler Zugänge, also einer Perspektive, die Rassismus im Zusammenhang unter anderem mit Formen von Geschlechterungleichheit in den Blick nimmt, und fünftens die standpunkttheoretische Grundeinsicht, dass autobiografische Narrationen von Personen mit Rassismuserfahrungen zentral sind für das Erkennen von strukturellem Rassismus (S. 9–13). Ferner verdeutlicht Meghji hier den theoretischen Anspruch der CRT. Er lokalisiert ihn in ihren Praxisambitionen, in ihrem potenziellen Beitrag zu gesellschaftlichen Veränderungsprozessen (S. 17 f.).

Kapitel 1 ist der Makroebene gewidmet. Meghji kontrastiert hier den Ansatz von Bonilla-Silva mit der marxistischen Rassismustheorie von Oliver Cox, dem gramscianischen Verständnis des ‚rassisch‘ formierten Staates von Michael Omi und Howard Winant und Ansätzen der US-amerikanischen ‚Rassen‘-Konfliktforschung. Ferner erläutert er das relationale Verständnis der Konstruktion menschlicher Differenzen, das dem racialized-social-system-Ansatz zugrunde liegt. In Kapitel 2 werden rassistische Ideologien und Emotionen behandelt – etwa die Idee, Ausländer_innen nähmen den Einheimischen Arbeitsplätze weg und seien daher die eigentlich Verantwortlichen sozialer Prekarisierung – und damit der Fokus auf die Mikrobene gelegt. Kapitel 3 schlägt den Bogen zwischen Makro- und Mikroebene, indem menschliche Interaktionen ins Zentrum gestellt werden. Hier geht es zunächst um strukturelle Vorkehrungen, die Interaktionen über Differenzen hinweg verhindern oder zumindest stark strukturieren: etwa das südafrikanische Apartheidsystem oder Rassentrennungsregelungen in den Südstaaten der USA. Dann gilt das Interesse Erfahrungen von Alltagsrassismus beziehungsweise rassistischen Mikro-Aggressionen sowie deren Gegenseite, rassistischen Stereotypen und einem weißen Habitus. In Kapitel 4 nimmt der Autor mit rassistisch strukturierten Organisationen – etwa jenen des Arbeitsmarktes oder des US-amerikanischen Gesundheitssystems – die Mesoebene und damit institutionalisierte Formen und Aspekte des Rassismus in den Blick. Im Fazit schließlich stellt Meghji unterschiedliche Arbeiten und Überlegungen zu aktuellen Grenzen und möglichen Erweiterungen der sozialwissenschaftlichen CRT vor. Hier geht es um globale Aspekte des strukturellen Rassismus sowie um spezifische Anwendungen namens „DesiCrit“ (über strukturellen Rassismus gegenüber US-Amerikaner_innen mit südasiatischem Familienhintergrund), „TribalCrit“ (mit Bezug auf internen Kolonialismus und die Lage der Indigenen in den USA) sowie die großbritannienbezogene „BritCrit“ (S. 118 ff.).

Sucht man einen knappen und gut lesbaren, unmittelbar eingängigen Überblickstext über den sozialwissenschaftlichen Zweig der englischsprachigen critical race theory, ist der Band von Meghji unbedingt zu empfehlen. Seine Stärke ist aber zugleich sein Manko. Denn die den Band prägende Konzentration auf den US-amerikanischen CRT-Diskurs suggeriert, dass sich die nennenswerte Forschungsliteratur über strukturelle Formen und Ausprägungen des Rassismus mit unterschiedlichen Ebenen vor allem aus dieser intellektuellen Quelle speist – dabei liegen zum Beispiel auch im französischen, spanischen, portugiesischen und deutschen Sprachraum entsprechende Arbeiten vor, und zwar zum Teil seit geraumer Zeit und nicht erst, seit die anglophonen Sozialwissenschaften die Impulse der critical race theory aufgreifen und produktiv machen.

Ferner fragt man sich als Leserin, warum Meghji so wenig aus dem vierten Aspekt der CRT-Merkmalsliste von Delgado und Stefancic macht: der Intersektionalität. Sein Buch erzeugt – vermutlich wider Willen – den Eindruck, die rassialisierten Sozialsysteme unserer Zeit seien weitgehend geschlechtsneutral. Dabei wurde der Begriff der Intersektionalität just im Kontext der damals entstehenden critical race theory erfunden. Sein Zweck war und ist zum einen, der feministischen Rechtswissenschaft und verwandten Zweigen der Geschlechterforschung ein Augenmerk auf strukturellen Rassismus anzuempfehlen; zum anderen diente der Intersektionalitätsbegriff immer auch dem Ziel, im Kontext der Rassismusforschung zu verdeutlichen, dass unsere Rechts- und Sozialsysteme vergeschlechtlicht sind und in diesem Sinne Geschlechterhierarchien stützen und reproduzieren. Vor diesem Hintergrund hätte ein weiteres Kapitel mit Fokus auf den komplexen intersektionalen Aspekten der racialized social systems nahegelegen. Platz wäre in Meghjis Buch vermutlich vorhanden gewesen.

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