Sie haben es wieder getan: Die Bürger_innen in den USA haben Donald Trump zum nächsten Präsidenten gewählt, österreichische Wähler_innen machten bei den Nationalratswahlen die Freiheitliche Partei Österreich (FPÖ) zur stärksten Partei. Die Politische Theoretikerin Claudia Leeb will mit ihrem Buch die Gründe und Dynamiken der Wahlerfolge der extremen Rechten in den USA und in Österreich ergründen, also erklären, was Menschen bewegt, solche Parteien zu wählen oder Organisationen wie den „Alt-Right“ und den „Identitären“ zuzujubeln. Als aus Österreich stammende Professorin in den USA ist sie mit diesen Ländern vertraut.
Leeb entwickelt für ihre Analyse einen kritisch-psychoanalytischen Ansatz auf Basis der frühen Frankfurter Schule, vor allem Theodor W. Adornos, und der Texte von Sigmund Freud. Ihr Anspruch ist es, diese tendenziell individuellen Perspektiven mit ökonomischen Strukturen zu verbinden, mit dem, was sie „precarity capitalism“ nennt. Ihre These ist so einfach wie einleuchtend: Der Prekarisierungskapitalismus provoziere mit seinen Vorstellungen von Wettbewerb und Erfolg eine Kluft zwischen „Ich“ und „Über-Ich“, die die Menschen trotz aller Anstrengungen nicht zu schließen vermögen. Sie fühlten sich als unvollkommene Subjekte. An diesem Gefühl setze die Propagandatechnik rechter Akteur_innen an, indem sie einen Weg zur Ganzheit vorgaukele und insbesondere Männern erlaube, ihre Kastrationsängste zu bearbeiten. Allerdings blieben die materiellen Bedingungen, die das Leid und die Unvollkommenheitsgefühle hervorrufen, unverändert.
In Kapitel 1 entfaltet die Autorin ihre Vorstellungen von Kapitalismus und zeigt, dass diese Produktionsweise unmittelbar Kastrationsängste produziert – als ökonomische Unsicherheit, Entfremdung und Angst vor Deklassierung. Neben dem Prekarisierungskapitalismus löse in den USA die unbearbeitete Geschichte des Kolonialismus und der Sklaverei, in Österreich die verdrängte Erfahrung des Nationalsozialismus Ängste aus. Diese Unvollkommenheitsängste manifestierten sich in unterschiedlichem Ausmaß entlang der Linien Klasse, Geschlecht und Ethnizität (S. 15). Weiße Männer seien besonders herausgefordert (S. 24).
In Kapitel 2 und 3 legt Leeb ihren Theoriehintergrund dar. Die Freud’sche Terminologie soll den Zusammenhang von ökonomischen, interpersonellen und körperlichen Herausforderungen und dem narzisstischen Begehren der Menschen deutlich machen (S. 62 ff.). Mit dem Begriffsinstrumentarium Adornos hebt sie hervor, dass rechte Akteur_innen die Menschen in eine Art „Schlafzustand“ mit halluzinatorischen Repräsentationen versetzten, die sie die Leiden der Außenwelt – des Kapitalismus wie auch historischer Gräueltaten – vergessen machten und sie so vermeintlich den Ansprüchen des Über-Ichs genügen könnten (S. 87 ff.).
Mit diesem begrifflichen Instrumentarium analysiert Leeb in den Kapiteln 4 bis 7 die Strategien der Republikaner unter Donald Trump und der „Alt-Right“-Gruppierungen sowie der FPÖ und der österreichischen „Identitären“. Die Kapitel bieten wenig Überraschendes, werden doch die eingeführten Begriffe vergleichsweise starr abgearbeitet und oftmals sehr repetitiv präsentiert: Trump gelinge es, seiner Anhängerschaft „emotional highs“ zu verschaffen, so dass sie den „melancholischen Zustand“ verlassen und ihr Ego-Ideal durch Trump ersetzen könnten, dadurch in einen „manischen Zustand“ gerieten, in dem sie sich vollkommen, ja „great again“ fühlen könnten – ohne dass sie sich an die brutale Geschichte der Sklaverei erinnern müssten (S. 102 ff.).
Die „Alt-Right“-Gruppierungen wollten demgegenüber durch rassistische und sexistische Witze (die Trump im Übrigen auch reißt) Menschen von der Spannung zwischen Ich und Über-Ich entlasten und sie in einen Lust-Zustand versetzen. Es sei, so die Autorin, weniger der Inhalt des Witzes, als die Form, das Lachen, das ablenke und den Inhalt zum „bloßen Witz“ werden lasse, dessen Hintergründe allerdings Aggressivität und Gewalt seien (S. 130 ff.). Vor allem weiße Männer würden zu „Mit-Hassern“ der „Alt-Right“-Aktivisten (S. 136, 141).
Das Erstarken der FPÖ erklärt Leeb vor allem mit der fehlenden Auseinandersetzung Österreichs mit der nationalsozialistischen wie auch der kolonialen Vergangenheit. Anhand des Dokumentarfilms „Und in der Mitte, da sind wir“ über drei Teenager in einer Gemeinde, in der es zu einem gewaltvollen Überfall auf eine KZ-Gedenkstätte kam, zeigt die Autorin, wie das Verdrängen von Schuld an nachfolgende Generationen in autoritären Familienstrukturen „weitervererbt“ wird. Die Jugendlichen reagierten mit Ressentiment gegenüber Holocaust-Überlebenden (S. 163 ff.). Die kontroversen Debatten um ein österreichisches Haus der Geschichte (S. 184 ff.), gegen das die FPÖ aggressiv intervenierte, ist für die Autorin ein Beispiel der Erinnerungsvermeidung. Das Versagen bei der Aufarbeitung der gewaltvollen Geschichte bildet seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs den Bodensatz für die Mobilisierungsstrategie der FPÖ, erklärt aber nicht das erstmalige Erstarken mit Jörg Haider.
Die Analyse der „Identitären“ – ich würde nicht von einer ‚Bewegung‘ sprechen – beruht auf Martin Sellners Buch „Identitär. Geschichte eines Aufbruchs“. Demnach generierten die „Identitären“ eine künstliche Regression der Anhängerschaft in einen Schlaf- und Traumzustand, der aggressive Lust gegen vermeintliche Feinde erlaube. Das Verschwörungsnarrativ des „Großen Austauschs“ rechtfertige Aggression und tabuisiere zugleich die Nazi-Vergangenheit. Der „Bewegungstrick“ der „Identitären“ ermögliche, dem Fetisch der Jugendlichkeit zu frönen, verlange von jungen Männern aber auch, sich für die „Bewegung“ zu opfern (S. 192 ff.), um Zusammenhalt zu erfahren (S. 205 ff.) oder in der „Bewegung“ Frauen zu finden (S. 198). Dies füge sich in eine anti-feministische und rassistische Ideologie ein, die Sellner bewusst provoziere, um durch Maskulinität und Weißsein die Illusion von Vollkommenheit herzustellen (S. 220).
Insgesamt gelingt es der Autorin, die Konditionen der kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensweise mit einer psychoanalytischen Herangehensweise zu verknüpfen. Allerdings ist das so entstehende Bild sehr holzschnittartig, denn ‚den‘ Kapitalismus gibt es nicht. Um die unterschiedlichen Dynamiken extrem rechter Parteien und Organisationen zu verstehen, müssten die Spezifika kapitalistischer Akkumulation in unterschiedlichen Regionen und in verschiedenen zeitlichen Phasen in den Blick genommen werden. Dies könnte Unterschiede in den Kommunikations- und Mobilisierungsstrategien der extremen Rechten sowie die Differenzen in den Wählergruppen erklären. So finden etwa die Krisen des Neoliberalismus – allen voran die Covid-Pandemie – zu wenig Berücksichtigung, haben diese doch die Wut auf ‚die da oben‘ in Europa machtvoll katalysiert. Außerdem nimmt die Autorin kaum in den Blick, dass rechte Akteur_innen ‚kulturelle Kriege‘ vor allem um Migration anzetteln, um materielle Verluste umzudeuten. Insgesamt hätte sich die Rezensentin einen deutlicheren feministischen Zugriff – wie der Buchtitel verspricht – gewünscht.
Das letzte Kapitel geht über eine Zusammenfassung hinaus und schlägt Möglichkeiten des Infragestellens, des „Contesting“ extrem rechter Strategien vor. Ein „revolutionäres Proletariat“ soll laut Leeb den Prekarisierungskapitalismus beenden. Dieses könne in „Arbeitervereinigungen“ entstehen, die zum einen die Illusion, ganz beziehungsweise vollkommen zu sein oder zu werden, immer wieder entlarven und darauf hinweisen, dass Subjektivität nur im ständigen Entstehen denkbar ist. Zum zweiten gelte es, die gewaltvolle Geschichte immer wieder durchzuarbeiten. Doch wie kann dieses Durcharbeiten erfolgen? Um Gegenstrategien zu entwickeln, müssten die Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen des Prekarisierungskapitalismus deutlicher in den Fokus rücken: Konnte nicht auf Kosten des Klimas und großer Teile der Menschen im Globalen Süden der Konsum im Globalen Norden ‚demokratisiert‘ werden? Wurde nicht gut ausgebildeten Frauen durch Gleichstellungspolitiken ein selbstständiges Leben ermöglicht und wurden nicht Homosexuelle sichtbar und Trans*Geschlechtlichkeit anerkannt?
Ein Widerspruch geriet der Autorin leider völlig aus dem Blick: Auch der Prekarisierungskapitalismus wollte das Problem der Sorgearbeit nicht lösen. Um der extremen Rechten etwas entgegenzusetzen, braucht es meines Erachtens auch und vor allem eine „Care Revolution“.
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