Die Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen gehört zu den interessantesten und zugleich besonders kontroversen sowie politisch aufgeladenen Themen der Zeitgeschichte. Das Luxemburger Abkommen (1952), der Eichmann-Prozess in Jerusalem (1961), die Etablierung diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik (1965) sowie diverse Aspekte der wirtschaftlichen, politischen, kulturellen, wissenschaftlichen und sportlichen Zusammenarbeit sind inzwischen gut erforscht. Unter diesen Umständen erscheint eine weitere Studie über das deutsch-israelisches Verhältnis auf den ersten Blick überraschend. Kritische Leser_innen, die gerade das in Deutschland weitverbreitete apologetische Bild der deutsch-israelischen Versöhnung skeptisch betrachten, werden aber nicht enttäuscht.
Daniel Marweckis Doktorarbeit gliedert sich in vier Teile. Nach einer knappen Einführung setzt sich der Historiker zunächst mit dem Luxemburger Abkommen auseinander. Anschließend wird die westdeutsche Nahostpolitik der 1950er und der ersten Hälfte der 1960er Jahre beleuchtet. Im dritten Kapitel steht das deutsch-israelische Verhältnis nach der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen im Vordergrund. Abschließend widmet sich Marwecki der Zeit nach der Wiedervereinigung. In seiner Studie wertet der Autor sowohl Archivmaterial (beispielsweise aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes) als auch umfangreiche Sekundärliteratur aus.
Absolution beziehungsweise Rehabilitation, Normalisierung und Staatsräson bilden die zentralen Schlüsselbegriffe der Arbeit (S. 143). Marwecki unterscheidet in der Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen drei große Etappen: 1) Absolution/Rehabilitation (bis zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen). Bemüht, ihren internationalen Ruf nach der NS-Diktatur zu verbessern, schloss die Bundesrepublik das Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen 1952 in erster Linie aus pragmatischen Gründen und stieg in den folgenden Jahren zum wichtigsten Partner Israels auf. Sie leistete einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftlichen und militärischen Entwicklung des Jüdischen Staates und begünstigte dabei auch dessen militärische Erfolge. 2) Normalisierung (bis zum Ende des Kalten Krieges). In dieser Phase lösten die USA die Bundesrepublik als Israels wichtigsten Partner ab. Bonn sah vom „deutschen Sonderweg im Nahen Osten“ (S. 53) ab und setzte auf eine eher ausgewogene Nahostpolitik, wodurch es zu Konflikten und Spannungen zwischen Israel und der Bundesrepublik kam. An dieser Stelle kann etwa die berühmte Begin-Schmidt-Kontroverse aus den früheren 1980er Jahren erwähnt werden. 3) Die Zeit nach der Wiedervereinigung, in der die Existenz und Sicherheit des Staates Israel von der Bundesrepublik als Staatsräson wahrgenommen wurden und werden.
Die zentrale, zugespitzte These der Arbeit wird bereits im Vorwort formuliert: Die deutsch-israelischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg seien als pragmatisches Tauschgeschäft zu verstehen, „bei dem Deutschland Absolution erhielt, und Israel dafür all das, was es brauchte, um seinen Staat aufzubauen: Wirtschaftsgüter, Waffen, Finanzhilfe“ (S. 7). Die von deutscher Seite proklamierte Versöhnung und die von Israel geforderte Aufarbeitung der NS-Gräueltaten sowie die Bekämpfung des Antisemitismus spielten im deutsch-israelischen Verhältnis laut Marwecki hingegen eine zweitrangige Rolle. Während Bonn vor allem wirtschaftliche und politische Eigeninteressen verfolgte, war die israelische Führung aufgrund des permanenten Existenzkampfs und Mangels an Alternativen auf die Zusammenarbeit mit Westdeutschland angewiesen.
Zynismus, Intrigen, moralisch fragwürdige geheime Absprachen, antisemitische Vorurteile auf deutscher und antideutsche Ressentiments auf israelischer Seite prägten die Beziehungen zwischen beiden Staaten stärker als Versöhnungsbestrebungen und Sühnegefühle. Ein bezeichnendes Beispiel schildert der Autor anhand eines Vorfalls während der Israel-Reise des ehemaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer im Mai 1966. Der israelische Ministerpräsident Levi Eshkol mahnte eine intensivere Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik an und forderte zusätzliche Unterstützung für Israel. Der deutsche Gast reagierte darauf brüskiert und drohte mit einer sofortigen Abreise, woraufhin sich Eshkol entschuldigte (S. 116).
Mit seiner Studie verfolgte Daniel Marwecki laut eigener Aussage das Ziel, die deutsche Israelpolitik zu entmystifizieren (S. 7). Dies gelingt ihm durch eine präzise Analyse und eine klar formulierte Argumentation. Die provokant geschriebene pointierte Studie bietet neue Perspektiven und regt zu einer weiteren Beschäftigung mit dem brisanten deutsch-israelischen Verhältnis an.
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