Einleitung
In den vergangenen Jahren haben Forscher_innen aus gegenwartsorientierten Disziplinen wie den Sozial- und Kulturwissenschaften sowie der Geografie ländliche Räume als Forschungsgegenstand entdeckt. Oftmals ausgehend von gegenwartsbezogenen Krisendiagnosen wie einer sich vertiefenden Spaltung zwischen Stadt und Land erforschen sie sozialräumliche Unterschiede und Enttäuschungsprozesse, die Idealisierung und Abwertung ländlicher Räume in medialen und politischen Diskursen, ökonomische Netzwerke und vieles andere mehr.
Zeithistoriker_innen sind in diesem interdisziplinären Feld allerdings nur selten zu finden. Das ist aus zwei Gründen für den inner- wie interdisziplinären Austausch problematisch. Einerseits könnten zeithistorische Untersuchungen durch ihre spezifische Perspektive auf Transformationen längerer Dauer zu einer historischen Tiefenschärfe gegenwärtiger Diagnosen beitragen; andererseits könnten auch historiografische Konzepte, etwa zur gegenwartsnahen Zeitgeschichte seit den 1970er Jahren, durch Studien zu ländlichen Räumen und ihren Bewohner_innen an sozialer und räumlicher Komplexität gewinnen. Die Abwesenheit zeitgeschichtlicher Forschung über ländliche Räume betrifft dabei nicht nur den deutschsprachigen Raum.
Das Ziel des vorliegenden Textes1 ist es daher, die interdisziplinäre Ländlichkeitsforschung anhand einiger aktueller Beispiele zu rekapitulieren, Grundthesen vorzustellen und auf ihre Anschlussfähigkeit für zeithistorische Forschungen zu befragen. Welche Methoden stellen die Nachbardisziplinen bereit, um die Fixierung vieler zeithistorischer Forschungen auf urbane Verhältnisse aufzubrechen? Und welchen Beitrag können Zeithistoriker_innen umgekehrt leisten, um die sehr gegenwartsorientierte, um nicht zu sagen präsentistisch ausgerichtete Ländlichkeitsforschung historisch zu fundieren und zu erweitern?
Im Folgenden konzentriere ich mich auf deutsch- und englischsprachige Veröffentlichungen, die sich mit ländlichen Räumen in Deutschland, Europa und Nordamerika, in einigen Ausnahmefällen auch darüber hinaus, beschäftigen. Diese geografischen Schwerpunkte ergeben sich zum einen aus den empirischen Gegenständen der aufgrund ihrer Methodik ausgewählten Studien, zum anderen daraus, dass gerade die sozialräumlich disparaten USA als Blaupause für drohende ähnliche Prozesse in Europa und Deutschland genutzt werden. Die Basis des Rezensionsaufsatzes bilden Monografien und Sammelbände, was mit einer methodischen Beschränkung einhergeht: Da die meisten quantitativen Forschungen in Fachzeitschriften publiziert werden, arbeiten die Forschenden, deren Ergebnisse ich hier diskutiere, in der Regel qualitativ. Dennoch ist das Spektrum der Ansätze breit. Gemeinsam ist ihnen in der Regel zweierlei: Erstens werden Stadt und Land als gemacht und dynamisch verstanden, zweitens werden die Forschungen als gesellschaftlich höchst relevant betrachtet. Kaum eine Einleitung der besprochenen Bücher kommt ohne Bezug auf die politische Spaltung der Gegenwart, den Aufstieg des (Rechts‑)Populismus oder die Virulenz ländlicher Streik- und Protestbewegungen aus. Angesichts sich verschärfender Konflikte sei es an der Zeit, so argumentieren viele Autor_innen, nicht nur Städte, sondern auch ländliche Verhältnisse in den Blick zu nehmen.
Daher gehe ich zunächst auf diese Gegenwartsdiagnosen ein, die von den Spaltungen zwischen Stadt und Land erzählen (2). Im Anschluss skizziere ich die methodischen Grundannahmen und theoretischen Ausrichtungen der Ländlichkeitsforschung (3), um anschließend mehrere Erklärungsansätze für gegenwärtige Stadt-Land-Konflikte zu diskutieren: die Rolle von Zuschreibungen, Rhetoriken und Konstruktionen (4), wirtschaftliche Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Stadt und Land (5), den Einfluss von Staatlichkeit und Regierung (6) sowie Mikrodynamiken von Konflikt und Ungleichheit (7). Abschließend fasse ich die wichtigsten Anknüpfungspunkte für die Zeitgeschichte ländlicher Räume und eine historisch informierte Ländlichkeitsforschung zusammen (8).
Rural Resentment und die Destabilisierung postindustrieller Gesellschaften: Zeitdiagnosen und Befunde
Das Jahr 2024 begann in Deutschland mit aufsehenerregenden Aktionen protestierender Bauern und Bäuerinnen. Auch in anderen europäischen Ländern gingen Landwirt_innen auf die Straßen, blockierten Zufahrtswege mit ihren Traktoren, zündeten Misthaufen oder Reifen an. Es ging bei den Protesten nicht nur um die Streichung von Agrardiesel-Subventionen, nicht nur um den „Green Deal“ der Europäischen Union. Bei manchen Protestaktionen wurde vielmehr deutlich, dass es um einen allgemeinen Unwillen mit ‚der Politik‘ ging, und die extreme Rechte mischte mancherorts fröhlich mit.2
Diese sogenannten Bauernproteste im vergangenen Jahr fügten sich in eine breitere Bobachtung ein, die für viele europäische Länder ebenso wie für die USA große Plausibilität beansprucht: Weite Teile der ländlichen Bevölkerung erscheinen aufgebracht, als ob sie sich gar „rächen“ oder „zurückschlagen“ wollten.3 Ausgehend von peripheren ländlichen Räumen oder diese adressierend formierten sich im vergangenen Jahrzehnt in vielen Ländern rechtspopulistische oder rechtsextreme politische Bewegungen oder Parteien, die ‚das System‘ als Ganzes zu gefährden scheinen. Oftmals ist es gerade das Jahr 2016, das als „Annus horribilis“4 die in der Rückschau beinahe harmonische Zeit nach dem Ende der Blockkonfrontation zu beenden schien. Im Juni 2016 stimmte eine knappe Mehrheit der Brit_innen, viele von ihnen jenseits der großen Metropolen, für den sogenannten Brexit, den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union. Im November folgte die Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA, der ebenfalls einen erheblichen Teil seiner Unterstützer_innen in peripheren ländlichen Räumen fand. Ganz knapp ging das Präsidentschaftsrennen in Österreich aus, ein Wahlerfolg des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer kam nur um wenige Prozentpunkte nicht zustande. In drei deutschen Bundesländern zog die AfD mit zweistelligen Ergebnissen in die Landtage ein. Andere Erfolge der extremen Rechten an den dörflichen Wahlurnen gesellten sich dazu – 2015 war die PiS-Regierung in Polen an die Macht gekommen, 2017 zog die Parteivorsitzende des Front National (seit 2018: Rassemblement National) Marine Le Pen ohne Probleme in die Stichwahl um das Präsidentenamt in Frankreich ein; 2018 wurde der Populist Jair Bolsonaro in Brasilien zum Präsidenten gewählt und mit den „Gelbwesten“-Protesten gründete sich in Frankreich 2019 dezidiert eine Protestbewegung der (längst nicht nur ländlichen) Peripherie gegen das Zentrum in Paris. Auf den ersten Blick ähnelten sich all diese politischen Krisenphänomene: Rechtsextremismus und Rechtspopulismus formierten sich auf dem Land, um von dort aus die Gesellschaft als Ganze ins Chaos zu stürzen.5
Auch in Deutschland hat diese Gegenwartsdiagnose von der Spaltung zwischen Stadt und Land Verbreitung gefunden. Lukas Hafferts Essay „Stadt, Land, Frust. Eine politische Vermessung“ erschien nur wenige Monate nach der Bundestagswahl 2021 und ordnet den Erfolg der rechten Partei AfD in diesen allgemeinen Trend in westlichen Ländern ein.6 Im Gegensatz zu anderen hier besprochenen Büchern richtet es sich in erster Linie an eine politisch interessierte Öffentlichkeit, nicht an ein Fachpublikum. Der Politikwissenschaftler und Ökonom Haffert vertritt die These, dass es auch in Deutschland zu einer zunehmenden Polarisierung zwischen Stadt und Land gekommen sei, welche die AfD zu mobilisieren versuche. Er postuliert (und schließt sich damit eingeführten und populären Thesen an), dass die Polarisierung von Stadt und Land keine rein geografische oder ökonomische, sondern faktisch eine kulturelle sei: Die politischen Konfliktlinien, so Haffert, verliefen in unseren Gegenwartsgesellschaften „zwischen Gewinnern und Verlierern ökonomischer Modernisierungsprozesse“, und diese würden kulturell überlagert und orientierten sich auch an geografischen Ordnungen, sprich: an der Stadt-Land-Differenz. Während die Gewinner_innen der Transformationen der letzten Jahrzehnte in Städten lebten, bewohnten die Verlierer_innen eher ländliche Regionen und wollten dort „an Traditionen und Grenzen festhalten“ (S. 12 f.). Haffert orientiert sich dabei an überaus populären Modellen mit allerdings wackliger empirischer Basis, etwa der Unterscheidung zwischen den urbanen, hypermobilen „anywheres“ und den regional gebundenen „somewheres“, die auf den britischen Journalisten David Goodhart zurückgeht und auch in Deutschland vielfach aufgegriffen worden ist – von Wolfgang Merkel bis Sahra Wagenknecht.7
Dabei arbeitet Haffert – anders als etwa Goodhart – empirisch und quantitativ. Das Kernstück seines rund 150 Seiten starken Essays ist eine statistische Auswertung der Bundestags-Wahlergebnisse von 2021 entlang von Indikatoren, die auf urbane oder rurale Charakteristik von Wahlkreisen schließen lassen. Zunächst unterscheidet er die Wahlkreise nach Bevölkerungsdichte und macht hier bereits deutliche Unterschiede aus: „Die AfD […] erzielte nur 25 % ihrer Stimmen in den 100 urbansten Wahlkreisen, aber 44 % in den 100 ländlichsten Wahlkreisen“ (S. 48). Doch dann geht er noch einen Schritt weiter: Das Problem sei, dass sich die deutschen Wahlkreise nur sehr schlecht entlang der Achse Stadt/Land untersuchen ließen, weil sie oftmals gleichzeitig sehr dicht und sehr spärlich besiedelte Regionen einschlössen. Daher sucht er nach einem anderen Indikator für die Urbanität der Wahlkreise und findet sie in einem durchaus überraschenden Wert: nämlich der Anzahl der Versicherten in der Künstlersozialkasse (KSK). Diese Daten sind frei zugänglich und können mit den Wahlkreis-Abmessungen kombiniert werden. Damit will Haffert einen Indikator für die kulturellen Bedingungen der jeweiligen Räume gefunden haben:
„Der prototypische Stadtteil mit vielen Künstlern ist ein Innenstadtviertel mit hoher Verdichtung, großem Altbaubestand, gut ausgebautem ÖPNV und relativ wenig PKW-Besitz, Kulturinstitutionen wie Programmkinos und freien Theatern, vielen Bars und Cafés, inhabergeführtem Einzelhandel und einer von der akademischen Mittelschicht dominierten Sozialstruktur – kurz: das, was man sich gemeinhin unter dem Wort ‚urban‘ vorstellt“ (S. 50).
Was auf den ersten Blick wie eine gute Idee wirkt, ist auf den zweiten Blick schon problematischer. Denn die gerade zitierte Charakterisierung von „Künstlervierteln“ ist vor allem in (nicht nur) Hafferts Imagination verankert; empirische Belege führt er nicht an. Ist es möglicherweise ein Zirkelschluss, den er hier in seine Analyse einführt? Ist es vielleicht so, dass der Zusammenhang zwischen einem niedrigen Anteil von KSK-Versicherten und hohen Stimmenanteilen der AfD gar nichts mit urban/rural zu tun hat? Ein Stück weit gibt er es sogar selbst zu: „Insofern entwickelt sie [die AfD, AS] sich zunehmend zu einer Partei der Peripherie – der Dörfer, des Stadtrands und der Plattenbauviertel“ (S. 55).
Doch von dieser Differenzierung – dass es nämlich nicht die Siedlungsgeografie, sondern eher die Ökonomie und der Zugang zu (sozialen) Infrastrukturen ist, die den Unterschied machen – rückt der Autor immer wieder ab. Dabei greift er das politisierte Vokabular von ‚Stadt‘ versus ‚Land‘ auf und damit verbunden die Annahme, dass diese zwei Raumtypen von zwei verschiedenen Menschentypen bewohnt würden, die sich politisch unterschiedlich positionieren. Doch ‚Stadt‘ und ‚Land‘ sind eben keine neutralen oder analytischen Begriffe, mit denen sich Unterschiede im Wahlverhalten oder gar gesellschaftliche Gegensätze gut beschreiben ließe. Noch dazu gibt es erste Hinweise darauf, dass die Polarisierung zwischen gesellschaftlichen Gruppen, auch nach Wohnort unterschieden, gar nicht so groß ist wie mancherorts behauptet.8
Der Autor setzt die Unterscheidung zwischen Stadt und Land letztlich voraus, versteht weder das eine noch das andere als dynamisches und sozial hervorgebrachtes Phänomen. Zwar betont Haffert, dass ländliche Räume heterogen seien – nur um kurz darauf Stadt und Land als überzeichnete Idealtypen zu verwenden (S. 21), die noch dazu kaum auf tatsächliche geografische Räume Bezug nehmen, sondern auf kulturelle und politische Vorstellungen. Die Grundthese, die Haffert dabei vertritt, wirkt auf den ersten Blick historisch: Er postuliert, „dass mit dem Stadt-Land-Konflikt in vielen entwickelten Demokratien ein sehr alter Konflikt zurückkehrt, der in den Nachkriegsjahrzehnten zeitweilig in den Hintergrund getreten war“ (S. 23). Er betont also die lange Kontinuität eines ewiggleichen Konflikts zwischen Stadt und Land nicht nur in der Moderne. Bis zum „Turmbau zu Babel“ (S. 25) verfolgt er diese Konfliktlinie der Menschheit zurück.
Doch aus zeithistorischer Perspektive kann das nicht überzeugen, denn die These ist letztlich ahistorisch. Die Begriffe ‚Stadt‘ und ‚Land‘ sind gegenwärtig ganz andere räumliche, kulturelle und soziale Gebilde als noch vor 100 Jahren, sie sind in ganz andere Kontexte eingebunden (von mythischen Vorzeiten ganz abgesehen). Von einer einfachen Wiederkehr der Vergangenheit kann also nicht die Rede sein. Zunächst gilt es, genauer hinzuschauen, um zu differenzieren. Warum werden gegenwärtig so heterogene Phänomene wie die Stärke der FPÖ in Österreich oder die Gründung der französischen Gelbwestenbewegung miteinander parallelisiert, ohne die sehr unterschiedlichen Vorgeschichten und Ausrichtungen zu beachten? Zudem müssen nicht nur Zeithistoriker_innen beachten, dass es einen Unterschied zwischen Stadt-Land- und Zentrum-Peripherie-Konflikten gibt. Nicht jeder ländliche Raum ist peripher, und nicht jeder periphere Raum ist ländlich. Doch die Wahrnehmung als ein Konflikttypus, in dem die verschiedensten Problemlagen munter miteinander vermengt werden, muss auch historisch analysiert werden.
Jenseits dieser Differenzierungsreflexe tun sich hier jedoch vielfältige Forschungsfelder für die Zeitgeschichte als Fach auf. Wie können wir die sich wandelnden Verhältnisse von Stadt und Land historisch in angemessener Weise beschreiben und analysieren? Wie können wir die vielfältigen gesellschaftlichen Problem- und Konfliktlagen differenzieren, ohne Verknüpfungen und Bezugnahmen, Parallelen und Interdependenzen unsichtbar zu machen? Welche Methoden stehen uns zur Verfügung, um die Zeitgeschichte um ländliche Aspekte zu erweitern und mit historischen Argumenten zur Ländlichkeitsforschung beizutragen?
Ländliche Räume – was ist das eigentlich?
Bevor geklärt werden kann, warum gesellschaftliche Konflikte in den Gegenwartsgesellschaften als stark verräumlichte Spannungen zwischen Stadt und Land gelesen werden – nicht nur von Wissenschaftler_innen, sondern auch von anderen gesellschaftlichen Akteur_innen –, lohnt es sich, zunächst auf die verschiedenen Ansätze zu schauen, wie ländliche Räume analysiert werden.
Während es in der Geschichtswissenschaft, vor allem in der Zeitgeschichte, vergleichsweise wenig Beiträge zum besseren Verständnis ländlicher Räume gibt (Ausnahmen sind wie immer die Regel)9, tummeln sich im deutsch- und englischsprachigen Feld der Ländlichkeitsforschung Forschende aus der Soziologie und der Politikwissenschaft, der empirischen Kulturwissenschaft, der Literaturwissenschaft und Rhetorik und andere mehr.10 Die zentralen Anregungen für das Forschungsfeld kamen aber aus der Geografie, besonders der britischen Humangeografie. Bereits in den 1990er Jahren wurden hier zentrale Fragen diskutiert, etwa nach dem Erklärungswert von rein quantitativen Bestimmungen von Land (versus Stadt), nach der Rolle globaler Einflüsse und der Binnendifferenzierung von ländlichen Räumen.11
Nach Mark Shucksmith und David L. Brown kann man idealtypisch zwei Richtungen der Ländlichkeitsforschung unterscheiden. Während in den USA tendenziell stärker quantitativ, auf der Basis von administrativen Daten und entsprechend entlang einer raumordnerischen Unterscheidung von Stadt und Land geforscht werde, habe sich in Großbritannien eine mehr konstruktivistische Lesart von Ländlichkeit durchgesetzt.12 Diese ist es, die in den letzten Jahren die interdisziplinäre Forschung angeregt hat und die auch bei den hier diskutierten Beiträgen im Zentrum steht.
Ein vielzitierter und methodisch einflussreicher Text erschien 2006 im „Handbook of Rural Studies“. Mit der Idee einer an der Raumtheorie von Henri Lefebvre orientierten dreifachen Raumproduktion legte der britische Geograf Keith Halfacree einen kanonischen Text für die gegenwärtige Ländlichkeitsforschung vor. Er systematisiert die Produktion von Ländlichkeit mit Hilfe eines Dreiecks, dessen Ecken er „rural localities“, „representations of the rural“ und „lives of the rural“ nennt. „Localities“ sind bei Halfacree „relatively distinctive spatial practices linked to either production or consumption“, das sind also solche Raumprägungen, die eng mit wirtschaftlichen Praktiken verbunden sind – von Biogasanlagen über Monokulturen auf den Feldern bis hin zu weltweiten Handelsbeziehungen. Hier sollten wir vor allem an materielle Raumprägungen denken. „Representations of the rural“ sind hingegen ideelle Konstrukte, etwa alte oder neue Vorstellungen von Landromantik oder von ländlichen Räumen als abgehängten Regionen. Diese Repräsentationen prägen Vorstellungen und Handlungsweisen von Bürokratie, Politik und Unternehmen ebenso wie von Stadt- und Landbewohner_innen. „Lives of the rural“ verweisen auf die alltäglichen und lokalen Interpretations- und Aneignungspraktiken individueller und sozialer Natur, die nicht so stark homogenisiert sind wie die Repräsentationen, sondern durch die Vielzahl verschiedener Akteur_innen in ländlichen Räumen starke Unterschiede aufweisen. Die drei Aspekte liegen quer zu den verschiedenen Raumskalen, die aber alle zur Komplexität der Raumproduktion beitragen.13
Halfacree gab damit nicht eine neue Richtung vor, sondern bündelte Überlegungen, die in der britischen rural geography schon länger einflussreich waren. Deren grundlegende Vorannahme lautet (bis heute): Räume – auch: ländliche Räume – existieren nicht einfach, sondern werden gemacht. Sie sind das Produkt von vielfältigen gesellschaftlichen Praktiken und Institutionen, in sie schreiben sich alltägliche handlungs- und Aneignungsweisen ebenso ein wie die vielfältigsten Diskurse und gesellschaftliche Machtverhältnisse. Eine besondere Rolle spielt ‚der Kapitalismus‘, worauf ich gleich noch einmal gesondert zu sprechen kommen werde. Es handelt sich also um konstruktivistische Ansätze, wobei die Konstruktion von ‚Ländlichkeit‘ sowohl in ihren materiellen als auch in ihren machtdurchzogenen Aspekten behandelt wird. Ländlichkeit ist also viel mehr als nur eine Erfindung.
Die erste Ableitung aus dieser Vorannahme lautet: Es gibt nicht ‚den‘ ländlichen Raum. Ländliche Räume sind ungemein heterogen und sie sind nicht statisch, sondern stetem Wandel unterworfen. Entsprechend kann man sie nicht ein für alle Mal definieren, weder räumlich (etwa für ganz Europa, geschweige denn für die ganze Welt) noch zeitlich (etwa für die Neuzeit oder auch nur für die Zeit nach 1945), zum Beispiel mit Hilfe von statistischen Höchstwerten der Bevölkerungsdichte oder ähnlichem. Vielmehr geht es der hier betrachteten kritischen Landforschung darum, die Zuschreibungen, mittels derer Räume als ländlich konstituiert werden, zu re- und dekonstruieren.14 Für die Zeitgeschichte ist vor allem die diachrone Betrachtungsweise wichtig: Was als ländlich verstanden wurde und wie sich Ländlichkeit konkret realisierte, wandelt sich permanent und muss in dieser Dynamik untersucht werden.
Auch wenn ländliche Räume sehr unterschiedlich sind und nicht einmal innerhalb eines Landes klar definiert werden können15, stehen sie unter gemeinsamen Einflüssen. Weitgehend konzentriert sich die Ländlichkeitsforschung, zumal die, die ich in diesem Bericht bespreche, auf ländliche Räume im Globalen Norden der Gegenwart. Doch diese Räume werden als Produkte nicht nur lokaler oder nationaler, sondern auch globaler Prozesse verstanden. Trotz aller Heterogenität werden so auch Zusammenhänge und Ähnlichkeiten zwischen ländlichen Räumen im Globalen Norden und Süden erkennbar. Ähnlichkeiten und Unterschiede, Interdependenz und Kontingenz der Raumproduktion schließen sich nicht gegenseitig aus.16
Die zweite Ableitung aus den grundlegenden Vorannahmen lautet: Ländliche Räume lassen sich nicht fein säuberlich von urbanen abgrenzen. Die Produktion von Ländlichkeit findet nicht in klar abgezirkelten Räumen statt, sondern es handelt sich um gesamtgesellschaftliche Prozesse. Ländlichkeitsforschung trägt dadurch insgesamt zu unserem Verständnis gegenwärtiger und vergangener Gesellschaften bei. Ländlichkeiten sind keine überkommenen Sozialformen, die nur nostalgischen Wert haben, sondern höchst relevante soziale Phänomene. Hieran lassen sich nicht nur wichtige Aspekte der heutigen, sondern auch der vergangenen Welt untersuchen.
Daraus ergibt sich ein Verständnis von Ländlichkeit, das relational und dynamisch ist. Mit den Herausforderungen, die sich daraus ergeben, gehen die verschiedenen Disziplinen unterschiedlich um. Die folgenden Ausführungen werden jedoch zeigen, wie produktiv diese sehr vielfältigen Herangehensweisen an den Forschungsgegenstand Ländlichkeit sein können. Zudem hat die Ländlichkeitsforschung in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, so dass Konzepte und Ideen weiterentwickelt wurden und werden.
Für die Erforschung der Geschichte und Gegenwart einer (vermeintlichen) Spaltung zwischen ‚Stadt‘ und ‚Land‘ bietet die Ländlichkeitsforschung interessante Ansatzpunkte. Nimmt man nämlich die Anregungen zur Materialität und zur gesellschaftlichen Wirkungsmacht von Ländlichkeitsproduktionen ernst, kann man danach fragen, in welchen Kontexten und auf welchen Ebenen die Unterscheidung von Stadt und Land an Relevanz gewann. Wie produzierten politische Praktiken, Kommunikationen und Handlungsprogramme den Stadt-Land-Gegensatz mit? Wie wichtig waren dabei wirtschaftliche Zusammenhänge und ihre materiellen Auswirkungen? Welche Rolle spielte die Differenz zwischen Stadt und Land für alltägliche Praktiken unterschiedlicher sozialer Gruppen? Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten lassen sich zwischen verschiedenen Gruppen, Regionen, Ländern und Weltregionen sowie historischen Perioden erkennen? Welche gemeinsamen Auslöser, welche vergleichbaren Folgen zeitigten die vielfältigen Ländlichkeitsproduktionen – und wo lassen sich Unterschiede und Kontingenzen ausmachen? Allein diese ersten Fragen machen deutlich, dass eine von der Ländlichkeitsforschung inspirierte Zeitgeschichte dazu beitragen kann, allzu einfache Erklärungsmodelle für den – scheinbaren – Stadt-Land-Konflikt zurückzuweisen und zu komplexeren Problemen vorzudringen.
Aber die Ländlichkeitsforschung ist ein heterogenes Feld und lässt sich keineswegs auf eine Grundvorstellung und zwei Ableitungen reduzieren. Vor dem Hintergrund, dass die weitestgehend in englischer Sprache und in spezialisierten Journals geführten Diskussionen vielen Deutschen nicht vertraut sind, haben sich die drei Geograf_innen Lisa Maschke, Michael Mießner und Matthias Naumann in ihrem Band „Kritische Landforschung“ daran gemacht, zentrale Ansätze und Debatten zu rekonstruieren, die einer gesellschafts- (und kapitalismus-)kritischen Landforschung entstammen.17 Dass die Autor_innen dabei vorrangig an Gegenwartsfragen orientiert sind, macht das Buch nicht weniger wichtig für historisch Arbeitende, denn es dient als Kompendium und Einstieg in die vor allem humangeografische Forschung zu Ländlichkeit, und hier auch der Zeitschriftenpublikationen.
Die Autor_innen stellen nicht nur empirische Detailforschung vor, etwa zu Mensch-Umwelt-Beziehungen oder ländlichen Ökonomien, sondern sie geben auch einen (wenngleich überaus knappen) Überblick über die momentan einflussreichen methodischen Ansätze der kritischen Landforschung, die sie vor allem in der politischen Ökonomie, die politischen Ökologie und der Diskursivität von Ländlichkeit erblicken. Darüber hinaus entwickeln sie politische Ansätze und Perspektiven, welche die gegenwärtige gesellschaftliche Relevanz vieler Forschungsfelder der Landforschung unter Beweis stellen. Tatsächlich begegnet einem dieser Anwendungsbezug in vielen der hier besprochenen Bänden. Allerdings stellen sich die Autor_innen diesen Bezug sehr unterschiedlich vor: Wollen die einen vorrangig Wissen erzeugen, sowohl über Zuschreibungseffekte als auch über ländliche Lebenswelten, geht es zum Beispiel in den Kulturwissenschaften häufig auch um die Darstellbarkeit in Museen oder lokaler kultureller Arbeit. Und einige der hier besprochenen Studien sind explizit darum bemüht, emanzipatorische Potenziale für das Engagement in ländlichen Räumen sichtbar zu machen, um so eine andere Ländlichkeitspolitik zu ermöglichen. Diese Zielsetzungen wirken je unterschiedlich auf die Wissenserzeugung zurück.
Doch zurück zum Kompendium zur kritischen Landforschung. Als kritisch wird (Land‑)Forschung hier verstanden, wenn sie in der Lage ist, neue emanzipatorische Handlungsräume zu eröffnen. Eng damit verknüpft ist eine Orientierung an marxistischen und postmarxistischen Theorieangeboten; im Falle der kritischen Landforschung ist das insbesondere die auf Neil Smith und David Harvey zurückgehende Theoretisierung ungleicher räumlicher Entwicklung im entwickelten Kapitalismus (S. 25–29).18 Räumliche Ungleichheiten seien, knapp zusammengefasst, keine Fehlentwicklungen oder zeigten gar eine unvollständige Integration in das globale Wirtschaftssystem an, sondern seien unvermeidliche Effekte des Kapitalismus. Sie träten nicht nur auf der individuellen oder sozialen Ebene auf, sondern auch in räumlicher Hinsicht. Der Grund dafür liege darin, dass immer neue Räume kapitalistisch durchdrungen würden. Statt zu einer Homogenisierung der Räume führe diese Dynamik des Kapitalismus allerdings zu einer Heterogenisierung. Mit Verweis auf David Harvey wird argumentiert, dass Standorte kapitalistischer Produktion erschlossen und wieder aufgegeben werden könnten und auch tatsächlich würden – es handle sich also um eine Art „Wippe“ von Erschließung und Rückzug, wodurch einstmals florierende zu verlassenen Räumen werden können (und wieder zurück), ein Prozess, den Harvey als „schöpferische Zerstörung“ beschreibt. Der Mechanismus dahinter sei der Wettbewerb, in dem Räume miteinander um Investitionen, Standorte, Wertschöpfung konkurrieren. Dieses Modell kann gewinnbringend zur Analyse von Veränderungen in der Landwirtschaft, auch zur Untersuchung des Phänomens von „left behind places“19 eingesetzt werden, ebenso zum Verständnis von landgrabbing. Kombiniert man diesen Ansatz noch, wie Maschke, Mießner und Naumann im Band vorschlagen, mit der Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein und der machtvollen Bildung von Zentren auf Kosten der Peripherie, dann wird deutlich, dass die ökonomischen Bedingungen gegenwärtiger Gesellschaften eng gekoppelt sind an gesellschaftliche Machtverhältnisse.
Gerade hier bieten sich vielfältige Anschlussmöglichkeiten für die Geschichtswissenschaft, handelt es sich bei dem skizzierten Modell doch letztlich um eine historische Erzählung, die aber – aus der Perspektive der Gegenwartswissenschaften folgerichtig – lediglich vom Ende her betrachtet wird. Die Geschichte des Weges zur „schöpferischen Zerstörung“ ländlicher Räume in der Gegenwartsgeschichte ist eine historiografische Leerstelle, denn die Geschichte ländlicher Räume „nach dem Boom“20 muss noch geschrieben werden. Darauf komme ich später noch einmal zurück.
Ländlichkeit wird also hier nicht nur als Zuschreibung und Konstruktion verstanden, sondern konstituiert sich maßgeblich über ökonomische und politische Verhältnisse. Dabei schließen sich die Ansätze keineswegs aus, sie fokussieren eher unterschiedliche Ebenen. Während die Ansätze der politischen Ökonomie auf die globale Makroebene blicken und hier Erklärungsmodelle anbieten, ist es häufig eine nationale oder regionale Mesoebene, auf der Zuschreibungen rekonstruiert werden können. Mit den Praktiken und alltäglichen Aneignungen kommt zusätzlich auch die Mikroebene der Ländlichkeitskonstruktion vor Ort in den Blick. Alle drei Varianten können sich im Idealfall produktiv ergänzen, ohne dass sie immer gleichgewichtig im Rahmen eines einzelnen Forschungsprojekts adressiert werden können. Die Erforschung ländlicher Räume und ihrer Hervorbringung ist also notwendigerweise ein kollaboratives Unterfangen.
Zuschreibungen: Ich mach’ mir das Land, wie es mir gefällt?
Ein wichtiger Teil der Analyse von Ländlichkeitsproduktionen bezieht sich auf Wissen und kulturelle Vorannahmen darüber, was ländliche Räume eigentlich sind und welche Rolle sie in der Gesamtgesellschaft spielen. Oftmals bewegen sich diese Vorstellungen zwischen zwei Polen: dem ländlichen Idyll oder der Dorfromantik auf der einen, dem ländlichen Problem auf der anderen Seite. Diesen beiden Extremen ist gemeinsam, dass sie ländliche Räume als das ‚Andere‘ der Gesellschaft entwerfen.21 Aber zwischen diesen Polen ist eine Menge möglich, denn die diskursiven Konstruktionen von Ländlichkeit sind vielfältig und keineswegs immer eindeutig.
Diese Vielschichtigkeit wird in dem Werk von Gregory M. Fulkerson und Alexander R. Thomas, „Urbanormativity. Reality, Representation, and Everyday Life“, zugunsten der starken These zunächst zur Seite geschoben.22 Die beiden Soziologen, der eine spezialisiert auf Stadt-, der andere auf Landsoziologie, arbeiten an der State University of New York in Oneonta – mithin an einer ländlichen Universität in einem amerikanischen Bundesstaat, der wie kaum ein anderer durch sein metropolitanes Zentrum geprägt ist. Sie arbeiten heraus, wie stark die gegenwärtige – US-amerikanische, aber entsprechend auch globale – Kultur durch eine grundlegende „urbanormativity“, also eine normative Orientierung am Idealtypus Stadt, geprägt ist. Dieses grundlegende Muster, man könnte auch sagen: diese grundlegende Erkenntnis, ziehe sich, so die beiden Verfasser, durch unsere gegenwärtige und vergangene Realität, durch die kulturellen Vorstellungen und die alltäglichen Leben. Damit bieten die Autoren einen Deutungsrahmen an, der einerseits sehr breit ist (und damit auch an so mancher Stelle stark übergeneralisiert), es aber andererseits ermöglicht, sowohl idealisierende als auch problematisierende Vorstellungen von Ländlichkeit als Ausprägungen der gleichen, eben „urbanormativen“, Kultur zu verstehen. Die Norm der amerikanischen und europäischen Gesellschaften sei die Stadt, in der Gegenwart die Großstadt, während ländliche Räume als das ‚Andere‘, als abweichend von der Norm, interpretiert und wahrgenommen würden. Das kann zu einer Idealisierung von vermeintlich ursprünglichen Lebensweisen führen – das ist die Landromantik, wie sie in vielen populären Formaten von Fernsehserien bis Publikumszeitschriften präsent ist. Oder ländliche Räume erscheinen als archaisch oder gar angsteinflößend; in den USA gibt es mit rural horror sogar ein eigenes Filmgenre, das auch in Deutschland an Einfluss gewinnt.23
Doch Fulkerson und Thomas halten sich nicht nur mit diesen allgemeinen kulturellen Mustern auf; sie argumentieren, dass es sich bei urbanormativity um eine Ideologie handle, die letztlich dazu diene, eine reale Hierarchie zwischen Stadt und Land zu stabilisieren. Denn Städte seien schon immer auf ländliche Räume, vor allem auf die dort geleistete Arbeit in der Urproduktion, angewiesen. Die Normalisierung von Stadt habe von jeher diese Hierarchie naturalisiert und verschleiert; dadurch würden soziale Ungleichheiten erzeugt, die zur Aufrechterhaltung des Status Quo notwendig seien. Die Ungleichheiten aber führten in der Gegenwart zu sozialen Konflikten, zu einem Aufbegehren der Bewohner_innen ländlicher Räume. Die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten 2016 sei ein Effekt dieses Protests, letztlich also ein Effekt der räumlichen Ungerechtigkeit und der kulturellen urbanormativity (S. 10).
Auch wenn die beiden Autoren sehr stark auf die kulturellen Prägungen der urbanormativity eingehen, legen sie ihrer eigenen Definition von Stadt und Land gerade kein konstruktivistisches Modell zugrunde, sondern orientieren sich an verschiedenen Formen der Arbeit und der Produktion – mithin also an Materialitäten und Praktiken. Ländlich, so führen die beiden aus, seien Produktionsweisen, die aus Naturprodukten oder Rohstoffen „ländliche Produkte“ herstellten; die urbane Produktion verwandle diese ländlichen in einem zweiten Schritt in urbane Produkte. Somit seien Stadt und Land permanent miteinander verflochten und voneinander abhängig, wobei die Abhängigkeit eben keine symmetrische sei: „with urban populations extracting more from rural communities than they can ever be repaid“ (S. 7). Es handle sich also beim Verhältnis zwischen Stadt und Land um ein Ausbeutungsverhältnis, das durch die kulturelle Prägekraft der urbanormativity legitimiert werde. Um das auch sprachlich genauer zu markieren, unterscheiden die Autoren zwischen „rural“ und „urban“ auf der einen, „rustic“ und „urbane“ auf der anderen Seite. Erstere dienen zur Beschreibung sozioökonomischer Verhältnisse, letztere zur Markierung soziokultureller Zuschreibungen und Identitäten (ebd.).
Dieses gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnis, das sich nicht nur in kulturellen Zuschreibungen, sondern auch in der materiellen Welt manifestiere, habe sich in ein Ungerechtigkeitsverhältnis fortentwickelt. Vor allem in den letzten Jahren – Ausgangspunkt für das Argument ist wiederum die Wahl von Donald Trump im Jahr 2016 – führe dies zu einer politischen Spaltung zwischen Stadt und Land. Nur wenn die kulturelle Ordnung der urbanormativity überwunden werde, könne überhaupt eine Sprache gefunden werden, um diese gesellschaftlichen Ungleichheiten zu beschreiben; und erst dann könnten die Ungerechtigkeiten abgebaut werden. Die Analyse von urbanormativity sei also nicht nur ein akademisches Glasperlenspiel, sondern gleichzeitig die Voraussetzung für eine gerechtere Gesellschaft, in der „rural justice“ herrsche, argumentieren die beiden Soziologen: „A rural justice ethic would ensure that rural populations are given the same opportunities and capabilities as their urban counterparts“ (S. 150).
Das Buch ist erhellend, wenn es um die Wirkmacht der kulturellen Orientierung an der Stadt geht; der Begriff urbanormativity ermöglicht es, sehr unterschiedliche kulturelle Deutungsmuster zusammenzudenken und die jeweils eingebauten Machtmechanismen zu verstehen. Dennoch erzeugt das Buch bei der Historikerin auch ein gewisses Unbehagen. Denn wie schon bei Haffert wird hier ein ewiger Gegensatz zwischen Stadt und Land seit den frühen Hochkulturen konstruiert (S. 55–62). Der historischen Komplexität wird das nicht gerecht, denn es ist von einer sehr spezifischen Gegenwart aus gedacht. Die Unterschiede zu früheren Perioden, die eben nicht in diesem Ausmaß „urbanormativ“ waren, gilt es sichtbar zu machen – man denke nur an die ‚Besiedlung‘ des amerikanischen Kontinents durch die Europäer_innen. Erst recht gilt das mit Blick auf die Geschichte anderer Weltregionen. Für Historiker_innen bleibt genügend Arbeit; ein Ergebnis dessen könnte sein, dass der „urbanormative“ Charakter der (US-amerikanischen) Gegenwart deutlicher hervortritt.
Während die Diagnose der allumfassenden urbanormativity auf sehr globaler Ebene gestellt wird, argumentieren die Beiträge im von Manuel Trummer und Anja Decker 2020 herausgegebenen Sammelband „Das Ländliche als kulturelle Kategorie“ kleinteiliger.24 Es handelt sich um die Dokumentation der ersten Tagung der 2017 gegründeten Forschungskommission „Kulturanalysen des Ländlichen“ in der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft (DGEKW).25 Zwar wird auch in diesem Band die politische Spannung zwischen Stadt und Land betont, doch steht für die meisten Autor_innen im Vordergrund, wie Ländlichkeit gerade durch spezifische Beziehungen zwischen Stadt und Land hervorgebracht wird. Ländlichkeit existiert also nicht abgekoppelt von urbanen Räumen und Lebensweisen, sondern ist eng mit diesen verflochten. Auch Städter_innen haben ihren Anteil an der Konstruktion von Ländlichkeit – sei es durch die Produktion und Konsumption von Videospielen wie „Landwirtschafts-Simulator“ (Lena Möller, S. 79–97) oder durch das Auflegen von spezifischen Programmen ländlicher Entwicklung wie dem LEADER-Programm der Europäischen Union (Oliver Müller, S. 45–60). So wird deutlich, was der Herausgeber Manuel Trummer schon in seinem (hier vielzitierten) Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Ländlichkeitsforschung aus dem Jahr 2018 formuliert hat: Das Ländliche ist weniger ein besonderer Gegenstand, sondern eher eine Perspektive für die kulturwissenschaftliche (und historische) Forschung, denn die Praktiken und Bezugnahmen auf Ländlichkeiten können darüber Aufschluss geben, wie sich Akteur_innen „ihrer eigenen Position innerhalb der Raumkonstellationen einer sich beschleunigenden, globalisierenden Moderne“ versichern.26
Damit liefert der Band ein interessantes Mosaik aus einzelnen Ländlichkeitszuschreibungen und -praktiken, gibt aber eher einen Überblick über das Potenzial von kulturwissenschaftlicher Ländlichkeitsforschung als Antworten auf die Frage, welche Rolle solche Zuschreibungen für die gefühlten oder tatsächlichen gesellschaftlichen Spaltungen in Geschichte und Gegenwart spielen. Hier setzen zwei weitere Sammelbände an, die einen stärkeren thematischen Fokus haben und vor allem um die Frage kreisen, welche Rolle ländliche Räume in der gegenwärtigen politischen Kommunikation spielen.
Die Beitragenden des von Wendy Atkins-Sayre und Ashli Quesinberry Stokes herausgegebenen Sammelbandes „City Places, Country Spaces“ versuchen die Frage zu beantworten, wie die Kluft zwischen Stadt und Land rhetorisch hergestellt wird und welche Folgen sie zeitigt.27 Dafür fokussieren sie sehr sorgfältig auf die Verwendung bestimmter Begriffe oder Verbindungen zwischen ihnen. Sie rekurrieren besonders auf die Unterscheidung zwischen Raum (space) und Ort (place). Während ein Raum eher eine allgemeine Konnotation besitze, sei ein Ort stärker spezifiziert und partikular. In der Thematisierung von Städten und ländlichen Räumen könne man genau diese Unterschiede beobachten. Solange ländliche Räume bedeutungslos seien, würden sie eben nur als Räume adressiert; sobald ihnen eine Bedeutung zugeschrieben werde, handle es sich plötzlich um Orte (S. 8). Diese Aufmerksamkeit für die rhetorische Herstellung vom Generellen und Partikularen, vom Bedeutungsleeren und Bedeutungsvollen macht diesen Sammelband zu einer interessanten Anregung auch für Historiker_innen, die sich für die verschiedenen Modi von Zuschreibungen interessieren.
Im Fokus aller Beiträge stehen US-amerikanische Fallstudien. Entsprechend werden hier auch Themen diskutiert, die in Bezug auf europäische Räume weniger direkt ins Auge springen. Die Konstruktion von southern rurality beispielsweise funktioniert wegen der großen Bedeutung von race anders als die Hervorbringung von europäischen Ländlichkeiten (Christina L. Moss, S. 125–148). Damit gibt der Band viele Anregungen für neue Forschungen zu europäischen Räumen. Zudem betonen die Autor_innen des Bandes, dass der Bezug auf Ländlichkeit nicht nur von Rechtspopulisten gesucht werde, sondern auch von Progressiven. Es gehe also darum, auch demokratische Traditionen der Ländlichkeitskonstruktion sichtbar zu machen (Jennifer A. Jackson und Leland G. Spencer, S. 53–69). Das regt auch zeithistorische Forschungen an, die ebenso sichtbar machen können, dass die rhetorische Bezugnahme auf Ländlichkeit nicht nur ein Spezifikum der Rechten war und ist.
Der Sammelband von Pavel Pospĕch, Eirik Magnus Fuglestad und Elisabete Figueiredo, „Politics and Policies of Rural Authenticity“, versammelt vorrangig Beiträge von Forschenden aus Soziologie und Geografie und nimmt die Rolle von Ländlichkeit für den politischen Populismus in verschiedenen europäischen Ländern in den Blick.28 Die Herausgeber_innen stellen in der sehr lesenswerten Einleitung eine theoretische Rahmung des Phänomens des politischen Populismus mit Bezug auf Ländlichkeit vor (S. 1–12). Die Präsenz einer „rural authenticity“ in der europäischen Politik ist, so ihre These, eine Reaktion auf wachsende soziale und räumliche Ungleichheiten. Das große Versprechen der Zeit der Nationalstaatsgründungen, nationale Homogenität herzustellen, sei seit den 1980er Jahren in den Hintergrund gerückt, wenn nicht gar gebrochen worden. Die so entstandenen räumlichen Ungleichheiten würden in unterschiedlichen Kontexten thematisiert, produziert, konsumiert und durchaus auch „erfunden“. Dazu gehörten Formen des Tourismus oder populärkulturelle Repräsentationen von Ländlichkeit ebenso wie Auftritte von rechtspopulistischen Bewegungen in Social Media. Letztlich interessieren sich die Herausgeber_innen aber in erster Linie dafür, wie populistische politische Akteure diese Differenz aufgreifen und dadurch mitproduzieren.
Die Fallstudien im Buch reichen vom isländischen Kino über spätzaristische Konzepte ländlicher Entwicklung in Russland bis hin zu der Frage, welche Rolle die vermeintliche Authentizität von Ländlichkeit denn nun tatsächlich in den Debatten über den sogenannten Brexit gespielt habe. Gemeinsames Ziel der Beiträge in diesem Band ist es, der Produktion und Nutzung ländlicher Authentizität in der Gegenwart genauer auf den Grund zu gehen, herauszufinden, welche Rolle diese Denkfigur für den gegenwärtigen Populismus spielt und wie sich diese politischen oder politisierten Bilder von Ländlichkeit mit dem Leben der Menschen in ländlichen Räumen verknüpfen. Nicht alle Fragen können in gleichem Ausmaß von allen Beiträgen beantwortet werden.
Eine Fallstudie kommt aus den Niederlanden. Im Jahr 2019 protestierten dort Landwirt_innen gegen umweltpolitische Auflagen – die Proteste erinnern sehr stark an die eingangs erwähnten deutschen Demonstrationen zu Beginn des Jahres 2024. Die Bewegung setzte unter anderem auf die Konstruktion eines ‚authentischen‘ Landwirts, der hart und im Einklang mit sich selbst für die Ernährungssicherheit der nationalen Bevölkerung arbeite – auch wenn dies dem statistisch verfügbaren Wissen erheblich widersprach. Zudem wurde diese Identität vor allem in Abgrenzung zu den ‚unauthentischen‘ Berufspolitiker_innen konstruiert. Die beiden Autorinnen Anke Bosma und Esther Peeren zeigen nicht nur, welche Rolle Social Media bei der Konstruktion dieser Identität spielte, sondern auch, wie sowohl Männlichkeit als auch rassistische Vorannahmen Eingang in diese Identitätskonstruktion fanden (S. 113–128). Die Proteste flauten zwar wieder ab, doch die BoerBurgerBeweging (BBB, deutsch: Bauern-Bürger-Bewegung) hat sich als rechtspopulistische Partei in den Niederlanden bei den letzten Wahlen etablieren können. Auch wenn die Fallstudie mit ihrer starken Betonung der Social-Media-Komponente vor allem gegenwartsbezogen ist, regt sie zur genaueren Erforschung der Verschränkung von Raum und Geschlecht an. Ländliche Strukturwandlungen lassen sich möglicherweise auch in Hinblick auf die Konstruktion und Bezugnahme auf ‚authentische‘ Männlichkeit und Weiblichkeit noch einmal anders entschlüsseln – zu denken wäre hier auch an deutsch-deutsche Vergleiche und Verflechtungsgeschichten.
Die Konstruktion von Ländlichkeit ist zumindest für die Gegenwart ein gut erforschtes Themenfeld; allerdings zeigt sich, dass die Verknüpfung von Zuschreibungen mit strukturellen Bedingungen und vielfältigen Praktiken nicht immer mit in den Blick genommen wird. Daher ist es wichtig, auch solche Ansätze zu berücksichtigen, die diese Ebenen stärker mit einbeziehen.
It’s the economy, stupid! Ländlichkeit als spezifische Form der Ökonomie
Auch die Ländlichkeitsforschung hat zugunsten der medialen Konstruktionen von Ländlichkeit ökonomische Zusammenhänge häufig vernachlässigt. Das liegt mit daran, dass das Paradigma einer gegenwärtigen ‚post-produktivistischen‘ Ländlichkeit sehr einflussreich ist. Diese Bezeichnung rekurriert auf ökonomische, ökologische und politische Entwicklungen seit den 1980er Jahren. Seit dieser Zeit wurde die industrialisierte Landwirtschaft als produktivistisches Regime zunehmend kritisiert; ländlichen Räumen wurden neue Funktionen zugeschrieben, Naturschutz oder Erholung beispielsweise. Gerade in Europa führte das dazu, dass staatliche Förderpolitiken sich nicht mehr allein auf die Stützung der Landwirtschaft konzentrierten, sondern andere, eben post-produktivistische, Aspekte ländlicher Ökonomie wie Tourismus oder die Renaturierung bislang landwirtschaftlich genutzter Flächen förderten. Was als Modell sichtbar macht, wie sich Förderpolitiken verschoben haben, produziert als analytischer Begriff für Ländlichkeit insgesamt Probleme.29 Denn produktivistische Praktiken sind keineswegs aus ländlichen Räumen verschwunden, im Gegenteil. Zudem sind post-produktivistische Ländlichkeiten ebenfalls entlang von ökonomischen Rationalitäten organisiert, geht es doch letztlich auch um die Frage, welche Waren (und Dienstleistungen) verkauft werden können oder wo das Geld für die post-produktivistische Ordnung herkommt. Ignoriert man diese komplexen ökonomischen Ordnungen, ignoriert man nicht nur wichtige Prägungen ländlicher Räume und Quellen von Konflikten (etwa zwischen Umweltschutz und globaler Wertschöpfung), sondern auch Transformationen innerhalb des produktivistischen Systems.30 Und gerade mit dem Blick auf ökonomische Ungleichheiten lassen sich Faktoren ausmachen, die zu einer wahrgenommenen Spaltung von Stadt und Land beitragen können.
Doch zunächst zurück zu eher generellen Überlegungen. Stadt und Land waren und sind wirtschaftlich stark miteinander verwoben. Diese Verflechtungen, die schon im erläuterten Konzept der urbanormativity eine wichtige Rolle spielten, werden in den hier diskutierten Beiträgen oftmals nicht nur als Zirkulation, sondern auch als Abhängigkeit oder Ausbeutung analysiert.
Fulkerson und Thomas argumentieren in „Urbanormativity“, dass das Machtgefälle zwischen Stadt und Land einerseits gegenwärtig sei, weil die aktuelle globale Ökonomie die Städte zum Ort der Wertschöpfung gemacht habe, andererseits auch überzeitlich, weil alle urbanisierten Gesellschaften auf ländliche Urproduktion angewiesen seien. Entsprechend sei also die Ungleichheit zwischen Stadt und Land der Urbanität eingeschrieben (S. 31). Räumliche Ungleichheiten scheinen so einerseits auf Dauer gestellt, andererseits dem Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form eingeschrieben zu sein. Dies wird auch im Band „Kritische Landforschung“ von Maschke, Mießner und Naumann konstatiert (S. 48–51), genauso in dem von Bernd Belina und anderen herausgegebenen Sammelband „Ungleiche ländliche Räume“.31
In Letzterem untersuchen Sarah Ruth Sippel und Michaela Böhme die Frage nach Landbesitz, Landzugang und der ‚Finanzialisierung‘ von Agrarland, die medial auch unter Schlagwörtern wie land grabbing diskutiert wird, als wichtigen Ansatz für die Einbeziehung von ländlichen Ökonomien (S. 117–130). Dabei ist ein wichtiges Spezifikum dieser neueren Beschäftigung mit der Materialität von Land, dass dieses eben nicht nur als rein ökonomische Ressource betrachtet wird, sondern auch die Multidimensionalität und die Vielzahl von beteiligten Akteur_innen mitgedacht werden. Land ist gleichzeitig „gemeinschaftliches Gut, Nährboden menschlichen Daseins, nationales Territorium, Privateigentum oder Finanzanlageobjekt“ (S. 121) und lässt sich nur in dieser Komplexität erfassen. Veränderungen der Besitzstruktur in ländlichen Räumen führen zum Beispiel zu neuen sozialen Ungleichheiten und der Trennung von Grundeigentümer_innen und mehr oder weniger prekär Beschäftigten. Das Wegbrechen einer mittleren Einkommensklasse könne die Folge sein, wie auch Maschke, Mießner und Naumann in „Kritische Landforschung“ konstatieren (S. 45). Fragen von Landbesitz sind bislang gerade in der zeithistorischen Forschung stark unterbelichtet. Hier tut sich ein weites Feld zeithistorischer Forschungsmöglichkeiten auf. Flurbereinigungen, Pachtverhältnisse und Bodenmärkte sind einige wenige Stichworte. Immerhin wird nun ein erstes Projekt zur Besitzweitergabe durch Vererbung realisiert.32
Jenseits solch konkreter, wenn auch sehr umfassender Forschungsfelder ist aus zeithistorischer Perspektive noch ein anderer Punkt dieser eher ökonomiezentrierten Forschungen wichtig. Denn in aller Regel geht es um die Spezifik des gegenwärtigen, des Finanzkapitalismus. Doch lässt sich dieses Phänomen historisch genauer greifen? Immer wieder taucht in den Beiträgen die Chiffre der 1970er/1980er Jahre auf – doch für die Geschichte ländlicher Räume ist diese Zäsur bislang nicht besonders bearbeitet. Dabei bieten sich hier vielfältige Anschlussmöglichkeiten an die geschichtswissenschaftlichen Diskussionen zu Deutschland und Europa „nach dem Boom“, die allerdings bislang vorrangig in Bezug auf Industrie, industrielle Arbeit, urbane Konsummuster und städtische Lebensformen durchdekliniert wurden. Die hier diskutierten Veröffentlichungen weisen darauf hin, dass auch für ländliche Räume diese Jahrzehnte wichtige Veränderungen gebracht haben, ohne dass damit die Ergebnisse solcher zeithistorischen Forschungen vorweggenommen werden sollten.
Wirtschaftszentrierte Ansätze zeigen einerseits, wie sich in den letzten Jahrzehnten Polarisierungsprozesse verschärft haben. Andererseits können auch die stetig wachsenden Verflechtungen zwischen Stadt und Land, zwischen wirtschaftlich erfolgreichen und ökonomisch unterlegenen Regionen in den Blick genommen werden. Nadine Reis zeigt in dem von Michael Mießner und Matthias Naumann herausgegebenen Sammelband „Kritische Geographien ländlicher Entwicklung“33 am Beispiel der mexikanischen Landbevölkerung, wie ökonomische Strukturveränderungen auf globaler Ebene, vor allem die Finanzialisierung, die ländliche Wirtschaft auch in der Region und im Lokalen beeinflussten (S. 145–160). Dabei weist die Autorin besonders auf die gewandelten Handelsbeziehungen zwischen Nord- und Südhalbkugel hin. Die Produktion von Waren, die als cash crops nur für den Export in industrialisierte Weltregionen produziert würden, betteten lokale ländliche Räume in globale Zusammenhänge ein. Das wiederum verändere die ländlichen Überlebensstrategien der (oftmals ehemaligen) kleinbäuerlichen Produzent_innen. Mit der Diversifizierung von Einkommensstrategien34, die lokale, regionale und globale Mobilität erzwängen, versuchten die nicht am Agrobusiness teilhabenden Bevölkerungsgruppen, ihr Überleben unter prekären Bedingungen zu sichern. Damit verschwimme auch die Unterscheidung zwischen urbaner und ruraler Ökonomie, so Reis.
Forschungsprojekte, die die Ökonomie in den Vordergrund stellen, wenden sich zum Teil sehr stark gegen konstruktivistische Forschungsprogramme und weisen auf die Materialität von Ländlichkeit hin – „das Dorf [existiert] nicht nur ‚in den Köpfen‘“, wie Alexander Dobeson in seinem Beitrag für den Sammelband „Das Dorf. Soziale Prozesse und räumliche Arrangements“ von Annett Steinführer und anderen schreibt.35 Die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Verhältnissen sollten auch von Forschenden zum Globalen Norden stärker berücksichtigt werden, gerade in historischer Dimension.
Allerdings werden mit Blick auf die Ökonomie die sich vertiefenden Ungleichheiten zwischen ländlichen und urbanen Räumen, zwischen der nördlichen und der südlichen Hemisphäre, zwischen peripheren und begünstigten ländlichen Räumen letztlich mit dem größtmöglichen Explanans erklärt: mit dem Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form als globalem Finanzkapitalismus. Das ist nicht falsch, aber zum Teil unterkomplex. Die vielfältigen historischen Kontingenzen und Widersprüche zwischen verschiedenen räumlichen Ebenen und den vielfältigen beteiligten Akteur_innen werden so allzu leicht unsichtbar.
Zudem zeigt sich gerade bei vermeintlich ökonomiezentrierten Ansätzen, dass sich Politik und Wirtschaft nicht sauber trennen lassen. Denn der auch von Dobeson zitierte „neoliberale Zeitgeist“ (S. 193) war und ist nicht nur eine ökonomische Ordnung, sondern vorrangig ein politisches Projekt.36 Es waren politische Entscheidungen, die die Vermarktlichung nicht nur einmalig ermöglicht haben, sondern die weiterhin dieses Projekt stützen, kontrollieren und regulieren. Teil dieser Geschichte ist, dass spätestens seit den 1990er Jahren der politisch-gesellschaftliche Umgang mit räumlichen Ungleichheiten ein anderer geworden ist. Aber damit sind wir schon beim nächsten Punkt, dass es nämlich politische Prozesse sind, die zu Ungleichheiten zwischen Stadt und Land beitragen.
Das Land regieren – Ländlichkeit und Staatlichkeit
Strukturelle Probleme ländlicher Räume sind nicht erst in der Gegenwart zum Politikum geworden. Bereits im 19. Jahrhundert, zum Teil auch früher, haben sich staatliche Regulierungsmaßnahmen auf diese Räume gerichtet, die sich von Interventionen in städtische Agglomerationen meist stark unterschieden haben. Ländliche Räume galten (und gelten oftmals immer noch) als unterentwickelt, traditionalistisch, unerschlossen, modernisierungsbedürftig – oder aber als Orte unberührter Gemeinschaft und Idylle. Solche Entwicklungsvorstellungen und -diskurse haben zur Prägung ländlicher Räume beigetragen, und zwar in doppelter Weise.
Zum einen haben sie die Bilder, die kollektiven Repräsentationen von Ländlichkeit stark mitgeprägt.37 Vor allem die Vorstellung, dass Dörfer oder ländliche Räume, gemessen am vermeintlichen (urban geprägten) Normalzustand der Gesellschaft defizitär seien, gehört dazu. Schon im 19. Jahrhundert erschien die ländliche Bevölkerung als renitent und veränderungsunwillig – erinnert sei nur an den „Idiotismus des Landlebens“ bei Marx und Engels, wie auch Jörg Goldberg in dem Sammelband „Ungleiche ländliche Räume“ schreibt (S. 29). Dieser politische Diskurs über die Modernisierung ländlicher Räume war eng mit der Agrar- und Dorfsoziologie im 20. Jahrhundert verknüpft, nicht nur in Deutschland.38
Zum anderen haben die Diskurse über die Rückständigkeit ländlicher Räume handlungsleitend gewirkt. Sie haben viele Jahrzehnte ruraler Entwicklungspolitik geprägt, die wiederum ländliche Räume nachhaltig veränderten – durch Schulgründungen und Schulschließungen, Infrastrukturausbauten, Landwirtschafts- und Gewerbesubventionen, Flurbereinigung und Bodenreform, durch die Pendlerpauschale und vieles andere mehr. Doch die Auswirkungen beschränkten sich nicht auf materielle Gegebenheiten, sondern auch auf ein Verständnis von Dorf, das Steinführer und Kolleg_innen in ihrer Publikation „Projekt Dorf“ nennen und das sich scheinbar problemlos in Charles Maiers historiografisches Konzept des Interventionsstaates als „project state“ einfügt.39
Viele der nicht nur in Deutschland wichtigen Aspekte der Raum- und Agrarpolitik werden in den Beiträgen angesprochen: Es geht um Modernisierungsansätze und die Versuche, Dorfgemeinschaften zu stärken, um Infrastrukturen oder Daseinsvorsorge; um Transformationen der Verwaltung und den Einzug neuer governance-Praktiken. Dabei fallen aus historischer Perspektive zwei Dinge auf: Erstens werden vergangene Interventionen in ländliche Räume oftmals etwas glorifiziert – etwa, wenn Thomas und Fulkerson vom „New Deal“ als einem pro-ruralen Programm sprechen, ohne die zugrundeliegenden, ebenfalls „urbanormativen“ Vorstellungen von Dorf mit einzubeziehen. Erst mit einem Wandel der Steuerungsformen in den letzten drei oder vier Jahrzehnten sei das Versprechen des Staates, für die Daseinsvorsorge auch auf dem Land zu sorgen, gebrochen worden, so Laschewski und Kolleginnen in ihrer Einführung zu „Das Dorf“ (S. 32).40 Die Folge: Ländliche Räume würden „abgehängt“. Der Rückzug des Staates aus vormals staatlich garantierten Aufgabenfeldern trägt fraglos zur räumlich-sozialen Ungleichheit in der Gegenwart bei. Claudia Hefner weist in demselben Band unterdessen darauf hin, dass es nicht die materiellen Veränderungen allein seien, die zu dieser auch mentalen Spaltung führten. In einer Untersuchung lokaler politischer Akteure betont sie, die Erfahrung von Peripherisierung über einen längeren Zeitraum habe bei einigen der von ihr befragten lokalen Verantwortlichen ein Gefühl entstehen lassen, dass die Menschen auf dem Land gegen vermeintliche Eliten ankämpfen müssten (S. 112). Dieses Gefühl, das von (rechts-)populistischen Bewegungen aufgegriffen werde, öffne wiederum politischer Konfrontation Tür und Tor. Das ist eine wichtige Erkenntnis. Denn so wird gezeigt, dass es keineswegs ein ‚schon immer‘ existierender Konflikt zwischen Stadt und Land ist, der nun wieder sichtbar wird, sondern dass politische Polarisierungen komplexe, aber durchaus gemachte Phänomene der jüngsten Zeitgeschichte sind. Und dennoch bleibt hier noch viel Raum für historische Untersuchungen. Denn die Zeit des modernisierenden Interventionsstaates (und damit verbunden: der Entwicklungspolitik eben dieser Interventionsstaaten, die sich auf ländliche Räume im Globalen Süden richtete) erscheint in den gegenwartsorientierten Studien zu oft als Kontrastfolie, vor der die Ausdünnung öffentlicher Daseinsvorsorge nur noch greller erscheint. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die Versprechen und Zwänge, die kulturellen Leitbilder und ihre Veränderungen müssten von einer Zeitgeschichte aufgegriffen werden, die auch ländliche Räume in ihre Untersuchungen mit einbezieht.
Zweitens fällt auf, dass staatliche oder parastaatliche Entscheidungen, Förderprogramme oder andere politische Praktiken als externe Einflüsse auf ländliche Räume verstanden werden. Sie werden nicht als Teil (der Produktion) ländlicher Räume verstanden. Selbst wenn große geografische Distanzen, zum Beispiel zwischen einer solchen Gegend und dem zuständigen Ministerium oder gar dem Sitz einer internationalen Organisation, bestehen, gehören sie doch zusammen. Regierungspraktiken von Entwicklungsprogrammen der FAO über LEADER-Programme der Europäischen Union bis hin Körperschaften des regional planning sind Bestandteil von Ländlichkeit, denn sie sind permanent an deren (Re‑)Produktion beteiligt. Die Wandlungen dieser Institutionen und ihre sich verändernden Praktiken in ruralen Räumen sind also Teil ihrer Geschichte, nicht lediglich externe Bedingungsfaktoren. Versteht man diese vielfältigen Veränderungen, die zu unseren Gegenwartsgesellschaften führten, nur als Kräfte, die von außen einwirken, mag das auf den ersten Blick plausibel sein. Doch es führt dazu, dass auch ländliche Räume analytisch als passive Spielbälle fremder Kräfte erscheinen. Stattdessen sollten Zeithistoriker_innen die jeweils realen und lokal sehr unterschiedlichen Konkretisierungen, hier etwa von staatlicher Politik, ebenso wie das Geflecht ganz verschiedener Akteur_innen ins Auge fassen.41 So entgeht man auch der Versuchung, populistische Deutungsmuster von der Distanz zwischen ‚der Politik‘ und ländlichen Räumen einfach zu reproduzieren.
Alltägliche Aneignungen und Konflikte
Ländlichkeit erschöpft sich aber nicht in Repräsentationen, ökonomischen Verflechtungen oder Formen des Regierens. Denn all diese Faktoren kommen in lokalen Aushandlungen und Konfliktlagen zusammen. Mikrostudien nehmen daher für die Erforschung von ländlichen Räumen eine besondere Rolle ein – das ist nicht anders als in dezidierten urban studies. Hier zeigt sich, wie komplex sich soziale Strukturen, Beziehungen und Praktiken vor Ort gestalten. Neben kleineren Ausschnitten aus Mikrostudien spielt in dem Sample der hier besprochenen Bücher die Studie von Sam Hillyard, „Broadlands and the New Rurality. An Ethnography“, eine besondere Rolle, denn die Soziologin untersucht das (pseudonymisierte) Örtchen Broadlands in Norfolk auf ganz unterschiedlichen Ebenen und zeichnet nach, wie schwierig sich ländlicher Wandel im 20. und 21. Jahrhundert gestaltete – und wie herausfordernd es ist, selbst für ein kleines Dorf diesen Wandel analytisch zu beschreiben.42
Auf knapp 170 Seiten unternimmt die britische Soziologin die Ethnografie eines Ortes jenseits urbaner Strukturen. Broadlands ist peripher, größere Ballungsräume sind weit entfernt und infrastrukturell schlecht angebunden. In Broadlands ist das ländliche Idyll, das gerade in England eine so große Rolle für die Idee von ländlichen Räumen und nationaler Geschichte spielte und immer noch spielt43, oftmals nur von Ferne zu erkennen. Es ist kein malerisches Dorf. Zudem ist es durch starke soziale Ungleichheiten geprägt. Schon die räumliche Struktur entspricht nicht dem Idealbild eines englischen Dorfes. Denn im Grunde besteht der Ort aus drei verschiedenen Zonen, die sich als drei voneinander isolierte Nachbarschaften darstellen. So vieles, was auch in Deutschland als typisch dörflich gilt – die Fußläufigkeit, der Charakter als Face-to-face-Gesellschaft (oder gar -Gemeinschaft) – ist hier nicht gegeben, und Hillyard macht klar, dass Broadlands keine Ausnahme von der Regel ist. Stattdessen ist der Ort einer von vielen konkreten Einzelfällen.
Trotzdem spielt ein diskursives Element von Ländlichkeit für Broadlands (oder für Hillyards Analyse von Ländlichkeit) eine zentrale Rolle, und das ist inertia – Trägheit. Als Gegensatz zur omnipräsenten Beschleunigungsthese, die auch in der britischen Soziologie einflussreich ist, macht Hillyard mit diesem Topos deutlich, dass ländliche Räume durch die gesellschaftlichen Vorstellungen davon geprägt sind, dass es sich bei ihnen eben um die Antithese der ‚normalen‘ Gegenwart handelt (und diese, so würden Thomas und Fulkerson argumentieren, wird auf der Grundlage der urbanormativity mit städtischer Gegenwart gleichgesetzt). Die Bewohner_innen von Broadlands interpretieren ihre eigene Lebensumwelt als träge, als unbeschleunigt. Und damit wirken sie durch ihre alltäglichen Praktiken, durch ihre lokalen Sinnstiftungshandlungen, auf die Gemeinde, auf den Ort, auf den ländlichen Raum ein und machen ihn damit auch zu einem Gegensatz zur Moderne.
Dabei erwähnt Hillyard, wie stark sich Broadlands im 20. Jahrhundert gewandelt hat. Durch eine Art soziale Revolution, einen lokalen Putsch wurden die ‚alten‘ Mächtigen des Dorfes aus örtlichen Gremien und Institutionen vertrieben und verloren ihre gesellschaftlich tonangebende Stellung an Zugezogene. Ethnografisch beschreibt Hillyard das für die Gegenwart, wenn sie das Fortwirken dieses Ereignisses beschreibt und die Informant_innen die Veränderungen thematisieren. Für eine Erforschung dieses Elitenwechsels und der damit einhergehenden kulturellen Verwerfungen bräuchte es aber historisch Forschende, die mit anderen Methodiken und Quellen an das Problem herantreten – und das wäre ein lohnendes Forschungsfeld.
Eine Mikrostudie wie die von Hillyard kann Ländlichkeit nicht in ihrer Gesamtheit erklären oder gar die Auswirkungen aller allgemeinen Konstruktionen, Praktiken und Abgrenzungen sichtbar machen. Hillyard zeigt jedoch, wie komplex Gesellschaftstheorien werden, konfrontiert man sie mit manchmal kleinteiliger, manchmal widersprüchlicher sozialer Wirklichkeit. Gerade die Konfliktdimension, die jenseits von Mikrostudien oftmals nur als Konflikt zwischen Großentitäten – Kapital und Arbeit, Nord und Süd, Stadt und Land, Rechts und Links – erscheint, wird hier vielschichtiger. Und es wird eben auch deutlich, wie anders ländliche Lebenswelten manchmal sind, auch wenn es sich um ‚ganz normale‘ ländliche Räume handelt, nicht einmal um besonders herausgeforderte „left behind places“.
Mikrostudien spielen auch in der deutschsprachigen Soziologie und Empirischen Kulturwissenschaft eine wichtige Rolle, wenn es um Ländlichkeit geht. Sie weisen auf die Vielschichtigkeit von ländlichen Transformationsprozessen hin. Am Beispiel der Geschlechtsdimension zeigt beispielsweise Gesine Tuitjer in dem Sammelband „Das Dorf“, wie die beiden Kategorien Geschlecht und Raum miteinander verflochten sind (S. 91–104). Auf der Basis von Interviewmaterial skizziert sie, wie sich in verschiedenen Orten Weiblichkeit zwischen Fürsorge- und Erwerbstätigkeit nicht nur narrativ, sondern auch praktisch realisiert. Damit weist sie eine Konstanz eines ‚traditionellen‘ ländlichen Weiblichkeitsmodells zurück und illustriert, wie sich Weiblichkeit in alltäglichen Praktiken realisiert und auch materielle Folgen zeitigt. Das Eigenheim, so Tuitjer, sei ein eigenständiger Aktant im Geschlechtsarrangement ländlicher Räume. Besonders unterstreicht sie auch, dass die befragten Frauen ihren Weiblichkeitsentwurf nicht als traditionell, sondern als bewussten Gegenentwurf zu urbanen Lebensstilen verstehen, die sie mit Geldverdienen und Konsum verknüpfen – ein weiterer Hinweis auf die große Relevanz von Geschlechterarrangements auch für die Zeitgeschichte ländlicher Räume.
Beate Friedrich widmet sich in ihrer Studie in demselben Band zu umweltpolitischen Konflikten in ländlichen Räumen der Frage, wie Ländlichkeit zu einem Faktor in politischen Konflikten wird (dabei arbeitet sie mit historischen Beispielen, aber letztlich gegenwartsbezogen). Dafür untersucht sie zwei Beispiele: die Proteste gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Wyhl in Baden-Württemberg in den 1970er Jahren und die Konflikte um den Anbau genveränderter Maispflanzen in Kitzingen (Bayern) in den 2000er Jahren (S. 171–185). Sie stellt dabei heraus, wie sich Konflikte über das Verhältnis von Gesellschaft und Umwelt in konkreten Räumen entzündeten und wie Ländlichkeit von verschiedenen Gruppen als Ressource begriffen wurde. Einerseits, so zeigt sie, diente sie der Selbstvergewisserung der Protestierenden gegen die Entscheidungen von Planer_innen und Politiker_innen in den Städten; andererseits wurde die Kategorie auch in den ländlichen Räumen selbst umstritten, wenn zum Beispiel in Kitzingen landwirtschaftliche Produzent_innen protestierenden Zugezogenen die ländliche Identität abzusprechen versuchten. Damit weist Friedrich darauf hin, dass Ländlichkeit auch zur Abgrenzung von Anderen verwendet werden kann. Die Authentizität des Ländlichen wird damit sichtbar als etwas, das auch in Konflikten hergestellt wird. Womit wir (fast) ganz am Ende dieses Artikels wieder bei der Wirkmacht der Zuschreibungen und der konstruierten Identitäten angekommen wären.
Perspektiven der Zeitgeschichte
Ein knappes Resümee zu ziehen ist an dieser Stelle eine Herausforderung. Zu vielfältig sind die möglichen Anschlüsse für eine ländlich erweiterte Zeitgeschichte allein für die deutsche und europäische Historiografie – im Text habe ich auf einige davon aufmerksam gemacht. Damit kann sich die Zeitgeschichte auch in aktuelle Debatten über gegenwärtige Stadt-Land-Verhältnisse einschalten. Allerdings wäre es falsch, ländliche Räume nur mit Blick auf politische Unzufriedenheit oder gar Normabweichung in den Fokus zu rücken. Das führte lediglich dazu, dass populäre mediale Narrative über ländliche Räume als natürliches Habitat der extremen Rechten weiter verhärtet würden. Ländliche Räume waren und sind aber mehr als nur Orte der politischen Normabweichung. Sie sind ungemein vielfältige Forschungsgegenstände, über die sich ganz unterschiedliche Fragen einer breit verstandenen Gesellschaftsgeschichte erforschen lassen.
Für die Ländlichkeitsforschung ergeben sich vor allem zwei Perspektiven, die durch ein stärkeres Engagement der Zeitgeschichte integriert werden könnten:
Erstens erscheinen in der gegenwartsbezogenen Ländlichkeitsforschung einige Entwicklungen rezenter, als sie sind. Das gilt zum Beispiel für die Gegenwartsdiagnose einer post-produktivistischen Ländlichkeit. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert waren manche rurale Regionen bereits sehr stark geprägt durch Vorstellungen von Ländlichkeit, die sich nicht gut mit einer sich intensivierenden Landwirtschaft vereinbaren ließen. Gerade im Einzugsbereich größerer Städte oder in bestimmten Regionen (in Deutschland etwa der Lüneburger Heide, dem Schwarzwald oder den (Vor‑)Alpen) orientierten sich ländliche Gemeinden zunehmend an bürgerlichen Vorstellungen von Ländlichkeit, pflegten ihr romantisches Image oder wiesen Landwirtschaftsbetriebe in die Schranken.44 Auch Überlegungen zur Globalisierung von ländlichen Räumen sind als analytische Perspektiven ebenfalls auf das lange 20. Jahrhundert in seiner Gesamtheit übertragbar; erst dann werden auch Spezifika der letzten Jahre und Jahrzehnte klarer sichtbar.
Zweitens sind manche kulturellen oder gar anthropologischen Konstanten, die etwa in den Überlegungen zur urbanormativity aufgerufen werden, oder Großprozesse wie ‚der Kapitalismus‘ aus historischer Sicht viel volatiler einzuschätzen. Es ist also eine wichtige Aufgabe der Geschichtswissenschaft, die Verhältnisse von Stadt und Land zu historisieren und dabei das Verhältnis von Kontinuitäten und Diskontinuitäten sorgfältig zu differenzieren. Insbesondere Zeiträume beschleunigter Transformationen sollten von der Zeitgeschichte mit ländlichem Fokus genauer untersucht werden. Auf die Forschungslücke zu der Zeit nach dem (ländlichen) Boom ist bereits hingewiesen worden. Doch geht es nicht nur darum, dieses Interpretament nun auf ländliche Räume zu übertragen, sondern deren Untersuchung auch dazu zu nutzen, Gewissheiten und eingefahrene Forschungsthesen kritisch zu hinterfragen – das gilt in besonderer Weise für die These vom Strukturbruch in den 1970er Jahren.
Die Ansätze der Ländlichkeitsforschung mit ihrem starken Fokus auf Verflechtungen und die permanente Produktion ländlicher Räume legen auch für die Zeitgeschichte nahe, Stadt und Land nicht als zwei Pole zu deuten, sondern Gesellschaft in vielfältigen und miteinander verwobenen, möglicherweise auch hybridisierten Räumen zu verstehen und dafür eine größere Aufmerksamkeit zu entwickeln. Ein Teil dieser Forschung muss auch den Fragen gewidmet sein, die Silke Göttsch-Elten im Resümee zum Sammelband „Das Ländliche als kulturelle Kategorie“ stellt:
Wie und wann schreiben sich welche Imaginationen des Ländlichen mit welchen Interessen in das kulturelle Gedächtnis ein, wie werden sie tradiert und transformiert und warum erlangen sie gerade in jüngster Zeit wieder eine so große Wirkmacht? (S. 321)
Damit eröffnen sich nicht nur historische Perspektiven in die Vergangenheit, sondern ermöglichen auch eine Historisierung unserer Gegenwart.
Auswahlbibliografie
Atkins-Sayre, Wendy/Stokes, Ashli Quesinberry (Hrsg): City Places, Country Spaces. Rhetorical Explorations of the Urban/Rural Divide (Frontiers in Political Communication, Bd. 44), 306 S., Peter Lang, New York u. a. 2020.
Belina, Bernd u. a. (Hrsg.): Ungleiche ländliche Räume. Widersprüche, Konzepte und Perspektiven (Kritische Landforschung. Umkämpfte Ressourcen, Transformationen des Ländlichen und politische Alternativen, Bd. 2), 452 S., transcript, Bielefeld 2022.
Fulkerson, Gregory M./Thomas, Alexander R.: Urbanormativity. Reality, Representation, and Everyday Life, 306 S., Lexington, Lanham, MD u. a.22022.
Haffert, Lukas: Stadt, Land, Frust. Eine politische Vermessung, 190 S., Beck, München 2022.
Hillyard, Sam: Broadlands and the New Rurality. An Ethnography, 216 S., Emerald, Bingley 2020.
Maschke, Lisa/Mießner, Michael/Naumann, Matthias: Kritische Landforschung. Konzeptionelle Zugänge, empirische Problemlagen und politische Perspektiven (Kritische Landforschung. Umkämpfte Ressourcen, Transformationen des Ländlichen und politische Alternativen, Bd. 1), 150 S., transcript, Bielefeld 2020.
Mießner, Michael/Naumann, Matthias (Hrsg.): Kritische Geographien ländlicher Entwicklung. Globale Transformation und lokale Herausforderungen (Raumproduktionen: Theorie und gesellschaftliche Praxis, Bd. 33), 295 S., Westfälisches Dampfboot, Münster 2019.
Pospěch, Pavel/Fuglestad, Eirik Magnus/Figueiredo, Elisabete (Hrsg.): Politics and Policies of Rural Authenticity, 212 S., Routledge, London/New York 2021.
Steinführer Annett u. a. (Hrsg.): Das Dorf. Soziale Prozesse und räumliche Arrangements (Ländliche Räume: Beiträge zur lokalen und regionalen Entwicklung, Bd. 5), 224 S., LIT, Berlin u. a. 2019.
Trummer, Manuel/Decker, Anja (Hrsg.): Das Ländliche als kulturelle Kategorie. Aktuelle kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Stadt-Land-Beziehungen, 330 S., transcript, Bielefeld 2020.
Funding
Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL.
Notes
- Ich danke Ute Schneider (Universität Duisburg-Essen) für die Anregung, einen solchen Text zu schreiben, sowie dem/der anonymen Gutachter_in für wertvolle Hinweise. Weitgehend habe ich diesen Text während meiner Zeit als Richard von Weizsäcker Visiting Fellow am European Studies Centre in Oxford geschrieben. Ich danke der Volkswagen-Stiftung für die großzügige Finanzierung dieses Aufenthalts. ⮭
- Bauchmüller, Michael u. a.: Das Feld ist nicht genug, in: Süddeutsche Zeitung, 8. Januar 2024, URL: <https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/bauernproteste-deutschland-landwirte-rukwied-ampel-rechts-e542299/?reduced=true> [Zugriff: 14.05.2024]. ⮭
- Rodríguez-Pose, Andrés: The Revenge of the Places That Don’t Matter (and What to Do About it), in: Cambridge Journal of Regions, Economy and Society 11 (2018), H. 1, S. 189–209. ⮭
- Ther, Philipp: Das andere Ende der Geschichte. Über die Große Transformation, Suhrkamp, Berlin 2019, S. 10. ⮭
- Deutsch-Französisches Institut (Hrsg.): Frankreich Jahrbuch 2020. Soziale und territoriale Ungleichheiten vor dem Hintergrund der Gelbwestenkrise, Springer VS, Wiesbaden 2021; Dijkstra, Lewis/Poelman, Hugo/Rodríguez-Pose, Andrés: The Geography of EU Discontent, in: Regional Studies 54 (2020), H. 6, S. 737–753; Rodríguez-Pose, Revenge (wie Anm. 3); Schaupp, Simon: Das Ende des fossilen Klassenkompromisses. Die Gelbwestenbewegung als ökologischer Konflikt des „Hinterlands“, in: PROKLA 204, 52 (2021), S. 435–453; Ulrich-Schad, Jessica D./Duncan, Cynthia M.: People and Places Left Behind. Work, Culture and Politics in the Rural United States, in: The Journal of Peasant Studies 45 (2018), H. 1, S. 59–79. ⮭
- Haffert, Lukas: Stadt, Land, Frust. Eine politische Vermessung, Beck, München 2022. ⮭
- Goodhart, David: The Road to Somewhere. The Populist Revolt and the Future of Politics, Hurst, London 2017; Merkel, Wolfgang: Kosmopolitismus versus Kommunitarismus. Ein neuer Konflikt in der Demokratie, in: Harfst, Philipp/Kubbe, Ina/Poguntke, Thomas (Hrsg.): Parties, Governments and Elites. The Comparative Study of Democracy, Springer VS, Wiesbaden 2017, S. 9–23; Wagenknecht, Sahra: Die Selbstgerechten. Mein Gegenprogramm – für Gemeinsinn und Zusammenhalt, Campus, Frankfurt a. M./New York 2021. ⮭
- Mau, Steffen/Lux, Thomas/Westheuser, Linus: Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Suhrkamp, Berlin 2023, S. 301. ⮭
- Besonders wichtige Bücher, die sich in den letzten Jahren eingehender mit ländlichen Räumen befasst haben, sind beispielsweise Folgende – nicht immer stehen ländliche Räume prominent im Titel: Bivar, Venus: Organic Resistance. The Struggle over Industrial Farming in Postwar France, North Carolina UP, Chapel Hill, NC 2018; Conway, Martin: Western Europe’s Democratic Age. 1945–1968, Princeton UP, Princeton, NJ/Oxford 2020; Gammerl, Benno: Anders fühlen. Schwules und lesbisches Leben in der Bundesrepublik. Eine Emotionsgeschichte, Hanser, München 2021; Thomas, Marcel: Local Lives, Parallel Histories. Villagers and Everyday Life in the Divided Germany, Oxford UP, Oxford 2020. ⮭
- Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings keineswegs, dass diese Disziplinen besonders dominiert sind von Fragen ländlicher Räume. Weiterhin sind auch diese Fächer sehr stark an urbanen Lebenswelten und Zusammenhängen orientiert; Ländlichkeitsforschung findet zumeist in spezialisierten Kreisen der Fachgesellschaften oder gar in ganz eigenen Zusammenschlüssen statt und bleibt damit in den Disziplinen selbst weiter randständig. Das gilt für die Soziologie mit der DGS-Sektion Land‑, Agrar- und Ernährungssoziologie, für die Forschungskommission „Kulturanalyse des Ländlichen“ in der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft, die Gesellschaft für Agrargeschichte (mitsamt ihrer Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie) und viele andere mehr, auch auf europäischer und globaler Ebene. ⮭
- Hoggart, Keith: Let’s Do Away with Rural, in: Journal of Rural Studies 6 (1990), H. 3, S. 245–257; Murdoch, Jonathan u. a.: The Differentiated Countryside, Routledge, London 22005; Woods, Michael: Rural, Routledge, London 2010. ⮭
- Shucksmith, Mark/Brown, David L.: Framing Rural Studies in the Global North, in: dies. (Hrsg.): Routledge International Handbook of Rural Studies, Routledge, London 2016, S. 1–26, hier S. 2. ⮭
- Halfacree, Keith: Rural Space. Constructing a Three-Fold Architecture, in: Cloke, Paul/Marsden, Terry/Mooney, Patrick (Hrsg.): Handbook of Rural Studies, Sage, London 2006, S. 44–62. ⮭
- Decker, Anja/Trummer, Manuel: Perspektiven einer Kulturanalyse des Ländlichen. Eine thematische Hinführung, in: dies. (Hrsg.): Das Ländliche als kulturelle Kategorie. Aktuelle kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Stadt-Land-Beziehungen, transcript, Bielefeld 2020, S. 9–20, hier S. 11; Laschewski, Lutz u. a.: Das Dorf als Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung. Zur Einführung, in: Steinführer, Annett u. a. (Hrsg.): Das Dorf. Soziale Prozesse und räumliche Arrangements, LIT, Berlin u. a. 2019, S. 3–56, hier S. 41. ⮭
- Murdoch u. a.: Countryside (wie Anm. 11). ⮭
- Woods, Michael: Engaging the Global Countryside. Globalization, Hybridity and the Reconstitution of Rural Place, in: Progress in Human Geography 31 (2007), H. 4, S. 485–507. ⮭
- Maschke, Lisa/Mießner, Michael/Naumann, Matthias: Kritische Landforschung. Konzeptionelle Zugänge, empirische Problemlagen und politische Perspektiven, transcript, Bielefeld 2020. ⮭
- Vgl. auch den weiter unten besprochenen Band von Belina, Bernd u. a. (Hrsg.): Ungleiche ländliche Räume. Widersprüche, Konzepte und Perspektiven, transcript, Bielefeld 2022. ⮭
- Bei diesem Begriff handelt es sich um eine einflussreiche, wenn auch nicht ganz unproblematische Rahmung von peripheren Räumen – städtisch wie ländlich, vgl. Pike, Andy u. a.: „Left Behind Places“. A Geographical Etymology, in: Regional Studies 58 (2024), H. 6, S. 1167–1179. ⮭
- Doering-Manteuffel, Anselm/Raphael, Lutz: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008. ⮭
- Fuchs, Johannes: Ländliche Räume im Spannungsfeld zwischen Fremd- und Eigenwahrnehmung. Zwei Fallstudien aus Niedersachsen, LIT, Berlin u. a. 2022; Willett, Joanie/Lang, Thilo: Peripheralisation: A Politics of Place, Affect, Perception and Representation, in: Sociologia Ruralis 58 (2018), H. 2, S. 258–275. ⮭
- Fulkerson, Gregory M./Thomas, Alexander R.: Urbanormativity. Reality, Representation, and Everyday Life, Lexington, Lanham, MD u. a. 22022. ⮭
- Hingewiesen sei nur auf die gegenwärtig erfolgreiche Thriller-Serie „Oderbruch“ (D 2024, Regie Adolfo Kolmerer, Christian Alvart) mit starken Anleihen an die US-amerikanische Erfolgsserie „True Detective“ (USA 2014–2024; Nic Pizzolatto (Staffel 1–3); Issa López (Staffel 4)). Vgl. für Europa: Toft Hansen, Kim/Re, Valentina: Peripheral Locations in European TV Crime Series, Springer International, Cham 2024; zu den USA: Bell, David: Anti-Idyll, in: Little, Jo/Cloke, Paul J. (Hrsg.): Contested Countryside Cultures. Rurality and Socio-cultural Marginalisation, Routledge, London 1997, S. 94–108. ⮭
- Trummer, Manuel/Decker, Anja (Hrsg.): Das Ländliche als kulturelle Kategorie. Aktuelle kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Stadt-Land-Beziehungen, transcript, Bielefeld 2020. ⮭
- Die Forschungskommission hat eine eigene Webpräsenz unter <https://dgekw.de/netzwerk/kommissionen/kulturanalyse-des-laendlichen/> [Zugriff: 20.12.2024]. ⮭
- Trummer, Manuel: Das Land und die Ländlichkeit. Perspektiven einer Kulturanalyse des Ländlichen, in: Zeitschrift für Volkskunde 114 (2018), H. 2, S. 187–212, hier S. 204. ⮭
- Atkins-Sayre, Wendy/Stokes, Ashli Quesinberry (Hrsg): City Places, Country Spaces. Rhetorical Explorations of the Urban/Rural Divide, Peter Lang, New York u. a. 2020. ⮭
- Pospěch, Pavel/Fuglestad, Eirik Magnus/Figueiredo, Elisabete (Hrsg.): Politics and Policies of Rural Authenticity, Routledge, London/New York 2021. ⮭
- Woods, Rural (wie Anm. 11), S. 78–80. ⮭
- Laschewski u. a. (wie Anm. 14), S. 25. ⮭
- Belina, Räume (wie Anm. 18), S. 10–15. ⮭
- „Vermögen als familiale Ressource. Erbpraktiken in Bayern“, FAU Erlangen, Leitung: Simone Derix, im Rahmen des Forschungsverbundes „ForFamily“, URL: <https://forfamily-forschung-bayern.de/projekte/erben-und-familie/> [Zugriff:19.12.2024]. ⮭
- Mießner, Michael/Naumann, Matthias (Hrsg.): Kritische Geographien ländlicher Entwicklung. Globale Transformation und lokale Herausforderungen, Westfälisches Dampfboot, Münster 2019. ⮭
- Gerade Historiker_innen, die sich mit Epochen vor dem 20. Jahrhundert auseinandergesetzt haben, kennen diese Überlebensstrategien auch aus Europa. Olwen Hufton wies auf die Bedeutung des informellen Wirtschaftssektors, auf Kriminalität und Prostitution als Teil einer multifaktoriellen Überlebensstrategie nicht nur ländlicher Unterschichten hin: Hufton, Olwen H.: The Poor of Eighteenth-Century France 1750–1789, Clarendon, Oxford 1974. ⮭
- Dobeson, Alexander: Das Fischerdorf im liberalen Kapitalismus. Sozialräumliche Öffnungs- und Schließungsprozesse in der nordatlantischen Peripherie, in: Steinführer u. a., Dorf (wie Anm. 14), S. 187–202, hier S. 199. ⮭
- Cottier, Maurice: A Messy Affair: How Historians Should Approach the History of Neoliberalism, in: Journal of Modern European History 17 (2019), H. 4, S. 402–406, hier S. 403. ⮭
- Vgl. auch Halfacree, Space (wie Anm. 13). ⮭
- Ein Beispiel ist die seit den 1950er Jahren alle 20 Jahre durchgeführte Studie zu „Ländlichen Lebensverhältnissen im Wandel“, vgl. Becker, Heinrich/Tuitjer, Gesine: 60 Jahre „Ländliche Lebensverhältnisse im Wandel“. Wie eine Langzeitstudie entsteht, in: Steinführer u. a., Dorf (wie Anm. 14), S. 79–89. Während diese Studie in mehreren Beiträgen des genannten Sammelbandes im Zentrum steht, taucht sie in keinem anderen hier besprochenen Werk auch nur auf – was darauf hinweist, dass die Ländlichkeitsforschung weniger interdisziplinär ist, als sie sich gerne selbst darstellt. Gerade für historische Betrachtungsweisen bietet sich die Längsschnittstudie jedoch an. Nicht nur in wissensgeschichtlicher Hinsicht, um zu zeigen, wie sich das Interesse an ländlichen Lebensverhältnissen an unterschiedlichen politischen und wissenschaftlichen Konjunkturen ausgerichtet hat, sondern auch als Generator von Sozialdaten, die in der Geschichtswissenschaft gewinnbringend zweitverwertet werden könnten. Vgl. dazu Brückweh, Kerstin u. a.: Sozialdaten als Quellen der Zeitgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 48 (2022), H. 1, S. 5–27. ⮭
- Maier, Charles S.: The Project-State and Its Rivals. A New History of the Twentieth and Twenty-First Centuries, Harvard UP, Cambridge, MA/London 2023. ⮭
- Vgl. zur Bedeutung dieses Versprechens für die Stabilisierung der Demokratien im westlichen Europa nach 1945 auch Conway, Democratic Age (wie Anm. 9). ⮭
- So argumentiert auch Heinrich Hartmann in seiner Untersuchung über ländliche Entwicklungspolitiken in der Türkei im 20. Jahrhundert: Hartmann, Heinrich: Eigensinnige Musterschüler. Ländliche Entwicklung und internationales Expertenwissen in der Türkei (1947–1980), Campus, Frankfurt a. M./New York 2020, S. 117. ⮭
- Hillyard, Sam: Broadlands and the New Rurality. An Ethnography, Emerald, Bingley 2020. ⮭
- Burchardt, Jeremy: Paradise Lost. Rural Idyll and Social Change Since 1800, Bloomsbury Academic, London 2020; Etzemüller, Thomas: Landschaft und Nation. Rhein – Dalarna – England, transcript, Bielefeld 2022. ⮭
- Schlimm, Anette: Regieren in Dörfern. Ländlichkeit, Staat und Selbstverwaltung, 1850–1945, Böhlau, Köln u. a. 2023. ⮭
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.