Liest man den Titel dieses neuen Buches von Gerd Krumeich, könnte man meinen, er habe die Biografie des selbsternannten ‚Führers‘ des Nationalsozialismus oder zumindest eine Darstellung seines Weges zur Macht bis zum Krieg gegen Frankreich 1940 geschrieben. Das ist jedoch nicht der Fall. Es handelt sich auch nicht um eine politik- oder militärgeschichtliche Darstellung Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Beginn des Zweiten. Im Grunde stellt das Buch eine Geschichte der nationalsozialistischen Propaganda unter einem bestimmten Aspekt dar, nämlich dem der populistischen Verwertung des deutschen Traumas von ‚Versailles‘. Es geht nicht um den Friedenschluss von Versailles selbst, sondern um dessen Verwertung für politische Zwecke durch Hitler und die Wiederaufnahme dieser Propaganda nach seiner Machtergreifung durch die Verschmelzung von Kriegserinnerung und NS-Gegenwart. Zentrale Elemente der nationalsozialistischen Propaganda wie Antisemitismus, ‚Lebensraum‘ oder ‚Rasse‘ kommen nur am Rande vor. Dafür hat Krumeich entdeckt, dass das Schlagwort ‚Versailles‘ mit der Konnotation des vermeintlich zu Unrecht verlorenen Ersten Weltkrieges eine zentrale Rolle in der NS-Propaganda spielte. Der Autor spricht durchaus einleuchtend von einer „strukturellen Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die ‚Machtergreifung‘ der Nationalsozialisten“ (S. 11).
Da er in seinem Urteil vorsichtig ist und keine totale Umdeutung des Nationalsozialismus verlangt, kann man ihm nicht vorwerfen, dass seine Argumentation generell zu monokausal strukturiert sei. Davor hütet er sich allein schon dadurch, dass er unter dem Titel „neue soldatische Kriegserzählung“ einen bemerkenswerten Ausflug in die literarische Mythenbildung nationalsozialistischer Schriftsteller über den Ersten Weltkrieg macht (S. 175–200). Der Krieg ist im ‚Dritten Reich‘ ohne Frage eines der größten literarischen Themen gewesen, man denke nur an Werner Beumelburg, Paul Coelestin Ettighoffer, Edwin Erich Dwinger oder Hans Zöberlein. Das soll nicht heißen, dass diese Schriftsteller im Entferntesten die literarische Qualität von Ernst Jünger oder im Gegenzug von Rainer Maria Remarque in der Weimarer Republik erreicht hätten. Für Krumeich ist in diesem Zusammenhang nur wichtig, dass sie die den Krieg heroisierende Tradition wieder aufnahmen.
Gleichwohl bleiben einige Fragen. Dass die erstmalige Verwendung des Schlagworts von der „Kriegsschuldlüge“ (S. 106 f.) durch Hitler den politischen Durchbruch der NSDAP schon 1928 erklären soll, ist wenig überzeugend, wenn man das Scheitern der Partei bei den Reichstagswahlen gerade in diesem Jahr berücksichtigt. Wenn auf dem Parteitag der NSDAP von 1929 der Erste Weltkrieg inszeniert wurde und dies für den Durchbruch der Partei bei den Reichstagswahlen von 1930 genügt haben soll, so wird man wohl die Weltwirtschaftskrise, die Arbeitslosigkeit und den vorausgehenden Kampf um die Reparationen nach wie vor gleichermaßen, wenn nicht vorrangig behandeln müssen. Dass die SA-Milizionäre von der nationalsozialistischen Propaganda als „Sachwalter der Ehre der Frontsoldaten“ (S. 159) ausgegeben wurden, ist zutreffend. Ihr Vorbild war aber, was Krumeich nicht erwähnt, eindeutig die faschistische Miliz Benito Mussolinis in Italien, die von den Nationalsozialisten bewusst bis in die Uniformen hinein nachgeahmt wurde. Auch die Wahrnehmung der Kriegsbeschädigten haben die Nationalsozialisten von Mussolini gelernt. Für den italienischen Ursprungsfaschismus spielte der Erste Weltkrieg (Versailles selbstverständlich ausgenommen) als ‚beschädigter Sieg‘ eine zentrale Rolle. Krumeichs Ansatz könnte insofern auch einen Beitrag zur vergleichenden Faschismustheorie leisten.
Besonders gelungen ist Krumeich das Kapitel über das Gedenken an die Toten im Weltkrieg. Zwar fehlt hier eine Auseinandersetzung mit den Veröffentlichungen von Reinhart Koselleck, der den nach beiden Weltkriegen entwickelten Totenkult bisher am intensivsten untersucht hat. Der Autor kann jedoch am Langemarck-Mythos und am Ausbau des Tannenberg-Denkmals überzeugend zeigen, wie die Nationalsozialisten das Weimarer Gedenken an die Weltkriegstoten propagandistisch überspielt haben. Er hätte hier auch noch Hitlers bis Kriegsbeginn jährlich stattfindendes bombastisches Münchener Gedenken an die gefallenen ‚Helden‘ des Putsches vom 9. November 1923 dazu nehmen können – sie wurden von Hitler mit den gefallenen Soldaten des Weltkriegs gleichgesetzt. Davon abgesehen ist es Krumeich aber gelungen, eine große Fülle von neuen Erkenntnissen zu generieren. Künftig wird man an dem Buch nicht vorbeikommen.
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