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Einzelrezension

Schaub, Felizitas: Stadtnomaden. Mobilität und die Ordnung der Stadt. Berlin und Prag (1867–1914) (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 249), 267 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2023.


Keywords: Review, Schaub, Felizitas, 2023, Stadtgeschichte, Migration, 19. Jahrhundert, Preußen, Böhmen

How to Cite:

Schott, D., (2025) “Schaub, Felizitas: Stadtnomaden. Mobilität und die Ordnung der Stadt. Berlin und Prag (1867–1914) (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 249), 267 S., Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2023.”, Neue Politische Literatur 70(1). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-025-00630-5

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© The Author(s) 2025 under CC BY International 4.0

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2025-01-28

„Stadtnomaden“ zeigt in bemerkenswerter Weise Parallelen und Unterschiede zwischen aktuellen Migrationsdebatten in Deutschland und historischen städtischen Migrationsprozessen auf. Die Dissertation von Felizitas Schaub, an der Humboldt-Universität unter Betreuung von Thomas Mergel entstanden, widmet sich dem ‚Erleben‘ städtischer Mobilität in der Hochphase der Urbanisierung. Die Verfasserin nimmt einerseits das reale Wanderungsgeschehen und die kaum vorstellbaren Ausmaße der Mobilität in den Blick, spürt den Migrationspraktiken nach und zeigt, wie die Mobilen versuchten, die Regulierungsversuche der Behörden ins Leere laufen zu lassen. Zum anderen zeichnet sie nach, wie Behörden, politische Akteure, aber auch Hausbesitzer, Händler und dergleichen mit dem Phänomen der Mobilität umgingen, diese bewerteten und versuchten, sie in ‚geordnete‘ Bahnen zu lenken. Ihre Fallbeispiele sind die preußisch-deutsche Hauptstadt Berlin sowie Prag, die größte Stadt im Kronland Böhmen der K.-u.-k.-Monarchie. Der Untersuchungszeitraum 1867 bis 1914 wird als „Zeit der Freizügigkeit“ bezeichnet; mit dem Verzicht auf jegliche Passkontrollen und Visapflichten innerhalb des Norddeutschen Bundes setzte eine neue „Zeit der verdichteten Mobilität“ (S. 15) ein. Ungeachtet der erheblichen Größenunterschiede zwischen Berlin und Prag argumentiert Schaub mit dem Potenzial einer vergleichenden Geschichte, die auch die unterschiedlichen Rollen der Hauptstadt Berlin und der Hauptstadt eines Kronlands Österreich-Ungarns im Sinne eines perspektivischen, nicht systematischen Vergleichs reflektiert.

Schaub möchte untersuchen, „wie gesellschaftliche Ordnung unter den Bedingungen dieser Fluktuation (obrigkeitlich) angestrebt wurde bzw. wie Vergemeinschaftung angesichts des eng getakteten Wechselspiels von Zu- und Wegzug im Alltag funktionierte“ (S. 13). Sie argumentiert, „dass in den unübersichtlich erscheinenden städtischen Gebilden vor und um 1900 Strukturen entstanden, die stabilisierend auf Gemeinschaften und individuelle Lebenswelten wirkten“ (S. 19). Damit widerspricht Schaub der zeitgenössischen Darstellung des Mobilitätsgeschehens als unverbindlich und amorph und erkennt auch in kurzfristigen Migrationen Sinn und Struktur, ein Standpunkt, den bereits die sozialgeschichtliche Forschung der 1970er und 1980er Jahre vertrat (z. B. Lutz Niethammer, Franz-Josef Brüggemeier, Stephan Bleek und andere). Den Titelbegriff „Stadtnomaden“ befreit sie von kulturkritischer Konnotation. Schaub meint damit einmal Hochmobile innerhalb einer Stadt, zum anderen Migranten, die vorübergehend nach Berlin oder Prag kamen, dann aber relativ bald weiterwanderten. Konzeptionell orientiert sich Schaub an älteren stadtanthropologischen Arbeiten wie William F. Whytes „Street Corner Society“ und an dem relationalen Raumbegriff nach Martina Löw.

Die thematisch organisierte Gliederung nimmt jeweils unterschiedliche Perspektiven auf Mobilität in den Blick. Auf die Einleitung folgt das quantitativ-demografisch ausgerichtete Kapitel 2, „Mobilität (er)leben“, in dem Berlin und Prag als Migrationsziele vorgestellt werden und die Frage der Internationalität/Nationalität diskutiert wird. Wohnmobilität wird anhand der Umzugszahlen als „Politikum und soziale Praxis“ (S. 49) in beiden Städten beleuchtet und die Veränderung von Nachbarschaften dargestellt, wobei es Schaub überzeugend gelingt, durch Herausgreifen einzelner administrativer Fragen wie der Einschulungspraxis in Berlin die mit der hohen Mobilität verbundenen Herausforderungen für die Verwaltung zu verdeutlichen. In Kapitel 3, „Mobilität erforschen“, rekonstruiert die Autorin den Blick der Verwaltungen auf die Mobilität; hier wird die Entwicklung der städtischen Statistik zur Migration und die ‚Entdeckung‘ des „Stadtnomaden“ dargestellt. Kommunale Strategien zur Kontrolle der Mobilität stehen im Zentrum von Kapitel 4, in dem Schaub die Entstehung der ersten Asyle in den beiden Städten, die Revision des Meldewesens in Berlin und die Vereinheitlichung der Umzugstermine in Prag als Ordnungsversuche nachzeichnet. Das schärfste Schwert der Verwaltung war die in Prag gelegentlich ergriffene Maßnahme der Abschiebung. Weil in der K.-u.-k.-Monarchie im Unterschied zum Deutschen Reich noch das „Heimatprinzip“ galt, also die Geburtsgemeinde zuständig für die Armenfürsorge war, konnten in Prag wohnende Bedürftige ohne Heimatrecht abgeschoben werden. Dies wurde auch häufiger praktiziert, allerdings nur mit begrenztem Erfolg, da es in Prag – im Unterschied zu Berlin – keine Meldepflicht gab, der Wiederzuzug also behördlich nicht registriert wurde. Eine weitere Ordnungsstrategie war die Etablierung und Regulierung von Arbeitsnachweisen, wobei Schaub auch zeigt, wie private Arbeitsvermittlung, vor allem im Zusammenhang mit dem Gastgewerbe, in die Prostitution führen konnte.

In Kapitel 5 wechselt die Perspektive von der Verwaltung zu den Migranten und die Autorin erläutert, wie durch den Aufbau von Netzwerken Migration ermöglicht wurde. Dies wird an zwei informellen Netzwerken in Berlin veranschaulicht, einmal an dem der chinesischen Händler von Gipsfiguren, zum andern an dem längerfristig stabilen, aber für die Behörden praktisch unsichtbaren Netzwerk der italienischen Gipsfigurenmacher. Für die sich meist nur kurzfristig in Berlin aufhaltenden Chinesen diente das Netzwerk von Wohnungsvermietern und Lokalen um den Schlesischen Bahnhof sowie von Informanten der Ermöglichung ihres Aufenthalts. Das italienische Netzwerk war demgegenüber dauerhaft angelegt; die Italiener – meist aus der Region um Lucca – legten großen Wert darauf, nicht der Fürsorge zur Last zu fallen. Anhand von Ehe‑, Geburts- und Taufregistern kann Schaub nachweisen, wie diese Italiener sich mit deutschen Frauen verheirateten und mit der Wahl der Taufpaten ihrer Kinder ein soziales Netzwerk aufbauten, das ihnen im Notfall half. Dieser Teil der Arbeit scheint mir der innovativste, da solche Quellen von der klassischen Migrationsforschung selten systematisch ausgewertet wurden. Kapitel 6 mit dem Titel „Mobilität aushandeln“ beleuchtet die Interaktion zwischen stationären Händlern, Straßenhändlern und den Behörden. Die Berliner Behörden leisteten im Zeichen der Gewerbefreiheit lange Widerstand gegen die Versuche der stationären Händler, die Straßenhändler mit Argumenten der Störung des Straßenverkehrs und ähnlichem zu vertreiben. Erst ab etwa 1890 setzte im Zeichen der Politik für den Mittelstand eine stärkere Beschränkung des Straßenhandels ein, wobei zunächst vor allem Ausländer von diesen Restriktionen betroffen waren.

Insgesamt kann die Verfasserin überzeugend belegen, dass „Stadtnomaden“ „in historischer Perspektive untrennbar zur damaligen Zeit gehörten“ (S. 221). Sie erläutert die Lernprozesse der Verwaltungen, die sich seit den 1870er Jahren auf die neue Herausforderung der Massenmobilität einstellten und versuchten, die Migration zu ordnen. Zwar ähnelten sich die Reaktionen der Stadtverwaltungen in Berlin und Prag auf die administrativen Herausforderungen, doch produzierte die ethnische Veränderung durch Zuwanderung von Tschechen in Prag erhebliche Nationalitätskonflikte, die so in Berlin nicht in den Quellen zu finden waren. Deutliche Unterschiede sieht Schaub hinsichtlich des Handlungsspielraums der Verwaltungen: Die Prager Verwaltung war wesentlich eingeschränkter im Entwickeln neuer Strategien – wohl auch, weil die Wiener Zentralregierung die Prager Probleme, verglichen mit Wien, als deutlich weniger schwerwiegend einschätzte. Schaub formuliert die These, dass Prag und sein Großraum bei Praktizierung eines liberaleren Niederlassungsrechts wie in Berlin stärker gewachsen wären, die restriktive Handhabung des Heimatrechts also eine Urbanisierungsbremse darstellte. Noch spannender ist Schaubs Darstellung der Selbstorganisation der Migranten, die – ungeachtet ihrer oft kurzen Verweildauer – meist klare Ziele verfolgten und strategisch Netzwerke zur Absicherung ihrer Existenz entwickelten. So kann die Autorin auch zeigen, dass längerfristige Stabilität mit hoher kleinräumiger Mobilität, häufigen Umzügen innerhalb Berlins, einhergehen konnte.

Ohne dass Schaub diese Vergleiche explizit macht, erkennt der aufmerksame Leser doch zahlreiche ähnliche Muster im heutigen Umgang unserer Behörden mit Migranten sowie deren Versuche, trotz behördlicher Kontrolle ihren Aufenthalt in Europa zu sichern.

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