Michael Grüttner legt mit „Talar und Hakenkreuz“ eine längst überfällige Gesamtdarstellung der deutschen Universitäten im ‚Dritten Reich‘ vor. Sie kann auf zahllosen Einzeluntersuchungen aufbauen, die besonders seit den 1990er Jahren zur Zeitgeschichte der Hochschulen veröffentlicht wurden. Grundlegend sind die vom Verfasser herangezogenen Akten des Amts Wissenschaft im Reichserziehungsministerium, daneben die Überlieferung einiger Kultusministerien (für Baden, Hamburg, Preußen und Thüringen). Über die Tätigkeit nationalsozialistischer Einrichtungen, die mit Hochschulpolitik befasst waren, sind dem Autor zufolge nur in geringem Umfang Akten „erhalten geblieben“ (S. 14). Überdies hat Grüttner exemplarisch einschlägige Bestände in drei Universitätsarchiven (in Berlin, Hamburg und Jena) durchgesehen. Wichtig sind zudem die besonders in Tagebüchern und Briefen von Beteiligten greifbaren unmittelbar zeitgenössischen Aussagen.
Seine Gesamtschau hat Grüttner nach einführenden Bemerkungen in sechs Hauptkapitel, seine Schlussbetrachtung und einen Ausblick gegliedert. Eingangs beleuchtet er die Lage von Juden im akademischen Milieu vor dem Hintergrund des Antisemitismus an den Hochschulen der Weimarer Republik. An deren Ende hatte die Staatskrise auch die Universitäten ergriffen. Das zweite Kapitel schildert die – in aller Regel von Zustimmung bis Willfährigkeit des Lehrkörpers geprägte – nationalsozialistische Machtübernahme an den Universitäten. Im folgenden, mit fast 100 Seiten längsten Abschnitt des Buchs steht die nationalsozialistische Hochschulpolitik – ihre Institutionen und Organe, Zielsetzungen und maßgeblichen Akteure, bis hin zum Einfluss der SS – im Vordergrund. Im vierten Kapitel wendet sich Grüttner dem Wandel der von ihm untersuchten Institution „im Kraftfeld der Politik“ (S. 212) zu: der Umsetzung des ‚Führerprinzips‘, den politisch motivierten Berufungen, der Neugründung von Reichsuniversitäten in Posen und Straßburg sowie den kriegsbedingten Veränderungen. Im nächsten Abschnitt steht das Lehrpersonal im Mittelpunkt, also die Situation des Universitätsprofessors im ‚Dritten Reich‘. Grüttner entwirft dazu eine Einteilung nach Typen, ehe er das Scheitern der Vordenker feststellt. Unter ihnen war etwa Ernst Krieck, dessen Karriere dank seines frühen Bekenntnisses zum Nationalsozialismus einen kometenhaften Aufstieg nahm. 1933 verkündend, Geist, Kultur und Bildung müssten „im Dienste der Selbstvollendung des deutschen Volkes“ stehen und allein „von da aus ihren Sinn“ (S. 381) empfangen, trat er 1938 verbittert aus der SS aus, ohne sich freilich vom Nationalsozialismus abzuwenden. In Verbindung mit weiteren politischen Lebensläufen – darunter jenen Martin Heideggers und Carl Schmitts – ergibt sich ein Bild von „enttäuscht[en] Ambitionen und verloren[en] Illusionen“ (S. 375). Denn der Universitätswissenschaftler wandelte sich vom Gelehrten, der noch in den 1920er Jahren die „geistigen Maßstäbe der Nation“ mitgestaltet hatte, zum bloßen Experten, der den Machthabern schlicht von Nutzen sein sollte (S. 376).
Im letzten Abschnitt beschäftigt sich Grüttner mit „Wissenschaft im NS-Staat“ (S. 377). Die NS-Hochschulpolitik schuf neue Lehrstühle und beseitigte bislang bestehende. Zwar stiegen die Staatsausgaben für die Wissenschaft ab 1933 steil an, doch kam dies ganz überwiegend außeruniversitären Forschungseinrichtungen zugute; die Universitäten boten „ein Bild der Stagnation“ (S. 378 f.). Der schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu bemerkende relative Niedergang der wissenschaftlichen Forschung im Land wurde nun durch die Vertreibung Missliebiger und die Berufung nationalsozialistisch Ambitionierter „forciert“ (S. 391). Letztere besetzten aus ideologischem Antrieb geschaffene Lehrstühle für Vorgeschichte, Volkskunde, Wehr‑, Agrar- und Auslandswissenschaften sowie vor allem für ‚Rassenhygiene‘ und dergleichen. Das bis 1932 bei einem Fünftel der Studierenden beliebte Jura-Studium zog 1943/44 nurmehr fünf Prozent der Studierenden an, was auch mit der Kritik des Regimes an den tradierte Rechtsgrundsätze verteidigenden Juristen zu tun hatte (S. 434).
Die Deformierungen des Lehre und Forschung verpflichteten Universitätspersonals, das den Schwerpunkt von Grüttners Darstellung bildet, fasst dieser in dem Befund zusammen, dass „nahezu alle Geisteswissenschaftler dem Regime […] zugearbeitet haben“; gleichwohl erschien deren Annäherung an die NS-Ideologie aus nationalsozialistischer Sicht „völlig unzureichend“ (S. 497). Mediziner beteiligten sich an in KZs durchgeführten Menschenversuchen, während die NS-Euthanasie an den Fakultäten „schnell bekannt“ wurde und die Unikliniken dennoch mit dazu beitrugen, indem sie ‚ihre‘ Patienten in Heilanstalten überwiesen, von wo aus „unproduktive ‚Ballastexistenzen‘“ dann an die Tötungseinrichtungen abgegeben wurden (S. 463). Die mathematisch-naturwissenschaftliche Forschung litt an der Einmischung ‚von oben‘, wie im Fall der Förderung einer sogenannten Deutschen Physik, an der Einberufung von Naturwissenschaftlern zur Kriegsteilnahme, ehe es nach der Kriegswende 1941/42 zur „Aufwertung ihres Faches“ kam (S. 475).
Gab es bei der Mehrheit der Professorenschaft keine „vorbehaltlose Identifikation“ mit dem Nationalsozialismus, so bewirkte der Kriegsverlauf „erhebliche Schwankungen“ (S. 329) und mit Stalingrad einen heftigen, „grundlegenden Meinungsumschwung“ (S. 324). Schon im Oktober 1941 vertraute der als Kriegspfarrer eingesetzte Breslauer katholische Theologe Johannes Stelzenberger, der den massenhaften Tod sowjetischer Kriegsgefangener und die Ermordung der Wilnaer Juden mitbekommen hatte, seinem Tagebuch an: „Man schämt sich für solches Tun deutscher Menschen“ (S. 325). Der 1942 von der Universität Wien in die Ukraine abgeordnete Militärrichter Erich Schwinge schrieb, nachdem ihm der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung klargeworden war, im November 1942 an einen Briefpartner: „Diesen Krieg dürfen wir nicht verlieren, sonst geht es uns schlecht!“ (S. 326). Ein Zwiespalt wird auch bei dem Vorgeschichtler Carl Engel in Greifswald sichtbar, der Mitte 1941 zum Leiter der Vorgeschichtlichen Forschungen im Reichskommissariat Ostland ernannt wurde und ein Jahr später als Rektor nach außen das Regime repräsentierte, nach innen aber scharfe Kritik übte und „Weimar“ nachtrauerte (S. 338 f.). 1942/43 nahmen die „Absetzbewegungen“ zu (S. 327).
Sind schon die Zweifel an der „effizienten Forschungspolitik“ des Regimes groß, so kann – wie Grüttner schließt – von einer „effiziente[n] Wissenschaftspolitik“ an den Universitäten im ‚Dritten Reich‘ insgesamt keine Rede sein (S. 504). Im Ergebnis waren 1945 von den 23 Unis 15 mindestens zur Hälfte zerstört, neun – darunter die größten – „kaum noch funktionsfähig“ (S. 292).
Die in jeder Beziehung verheerenden Kriegsfolgen machten 1945 einen Neuanfang erforderlich, auch unter den Professoren. Doch gleich nach dem Ende von Krieg und NS-Herrschaft nahmen sich die Hochschullehrer „als Opfer des Nationalsozialismus“ wahr, wobei sie „die eigene Beteiligung an der Politik des Regimes“ verdrängten (S. 506).
Die im Anhang aufgelistete Forschungsliteratur ist bis zum Erscheinungsjahr 2020 berücksichtigt. 17 hilfreiche Tabellen sind im Text zu finden; weitere, mit meist übergreifenden statistischen Angaben, enthält der Anhang. Die wissenschaftlich fundierte, Quellen und Literatur sorgfältig auswertende Synthese wird durch ein Personen- und ein Ortsregister erschlossen. Verdienstvoll ist sie auch deswegen, weil Michael Grüttner nachvollziehbar argumentiert, allgemeinverständlich bleibt und sein Buch gut lesbar verfasst hat.
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