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Einzelrezension

Burbank, Jane/Cooper, Frederick: Post-Imperial Possibilities. Eurasia, Eurafrica, Afroasia, 320 S., Princeton UP, Oxford 2023.


Keywords: Review, Burbank, Jane/Cooper, Frederick, 2023, Postimperialismus, Verflechtungsgeschichte, Europa, Asien, Afrika, 20. Jahrhundert

How to Cite:

Wendt, H., (2024) “Burbank, Jane/Cooper, Frederick: Post-Imperial Possibilities. Eurasia, Eurafrica, Afroasia, 320 S., Princeton UP, Oxford 2023.”, Neue Politische Literatur 69(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00628-5

Rights:

© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2024-12-19

Alternative Räume politischer Gestaltung können, wie Jane Burbank und Frederick Cooper meinen, eine Möglichkeit darstellen oder, wie Laurent Warlouzet im Jahr 2022 befindet, eine „Schimäre“ sein. Sind Eurasien, Eurafrika und Afroasien, die in der vorliegenden Studie von Burbank und Cooper jeweils gesondert betrachtet werden, keine postimperialen Figurationen, sondern stehen vielmehr in der kolonialen Tradition Europas? Insbesondere in der Bundesrepublik haben geopolitische Imaginationen jenseits von Europäischer Union, Westbindung und transatlantischer Partnerschaft keinen übergroßen Diskursraum. Anders als in Frankreich mit seinen aus der Kolonialzeit überkommenen – und politisch lange Zeit genutzten – Verbindungen nach Afrika oder in den Ländern Mittel- und Osteuropas mit der Erfahrung des Kalten Kriegs, haben sich besonders im öffentlichen Bewusstsein Westdeutschlands in der Nachkriegszeit keine Alternativen herausgebildet. Die beiden Historiker der kolonialen und nachkolonialen Geschichte Afrikas und Russlands haben nun gemeinsam ein Buch vorgelegt, in dem sie drei alternative politische Räume als postimperiale Optionen des 20. Jahrhunderts vorstellen. Diese geopolitischen Imaginationen und Refigurationen betrafen das Verhältnis Europas zu Afrika und Asien sowie die Beziehung zwischen Afrika und Asien.

Der postimperiale Charakter dieser Räume erklärt sich den beiden Autoren zufolge daraus, dass sie seit den 1920er Jahren insbesondere von Intellektuellen und Politikern konzipiert und gestaltet wurden, die einerseits an bestehende historische, kulturelle und politische Verbindungen anknüpfen, andererseits auch Gegenentwürfe zu bisherigen Überlegenheitsdiskursen aufzeigen wollten. Neben diesen Aspekten spielten zudem die schon in der spätimperialen Zeit wichtigen Fragen der Rohstoffausbeute eine wichtige Rolle.

Florian Wagner legt in seinem 2022 erschienenen Buch über Eurafrika, „Colonial Internationalism and the Governmentality of Empire, 1893–1982“, die Anfänge der transkontinentalen Verbindung auf der Suche nach einer nachkolonialen Ordnung bereits in den 1890er Jahren an. Burbank und Cooper setzen zwei zeitliche Schwerpunkte: In der Zwischenkriegszeit, in der die internationalen Beziehungen neu geknüpft wurden und Europa den Versuch einer politischen Neuordnung unternahm, sehen sie eine erste Hochzeit neuer geopolitischer Konzeptionen. Die zweite Konjunktur folgte nach dem Zweiten Weltkrieg, als vor allem die eurasischen politischen Beziehungen unter der Hegemonie der Sowjetunion neu geordnet wurden, durchaus in Kontinuität zu den früheren Entwürfen. Jane Burbank hat die Kapitel zu Russland und zur Sowjetunion verfasst, die deutliche Bezüge zur aktuellen politischen Lage aufweisen. Sie verweist mehrfach auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und betont, dass der russische Machtanspruch auch im asiatischen Raum als eine Kontinuität der vor über hundert Jahren von politischen Aktivisten formulierten Ansprüche zu sehen sei.

Hier liegt vielleicht der große Unterschied zu einem politischen Konzept wie Eurafrika. Während Burbank immer wieder die imperialen Implikationen des Eurasia-Konzepts herausstreicht, versucht Cooper das Eurafrika-Konzept hauptsächlich als Gegenentwurf zu europäischer Abschottung oder neoimperialer europäischer Dominanz darzustellen. Während Eurasia also im Geiste des imperialen Sendungsbewusstseins russischer Intellektueller geschrieben wurde, stellt Cooper Eurafrika als eine verpasste Chance dar, die mehrheitlich von frankophonen Intellektuellen an das sich neu formierende politische Westeuropa herangetragen wurde. Die Möglichkeit, dass sich in einer solchen transkontinentalen Verbindung koloniale, besonders in der frankophonen Staatenwelt ererbte Machtasymmetrien fortsetzen könnten, kommt in Coopers Analyse vielleicht zu kurz.

„Post-Imperial Possibilities“ ist ein wirklich lesenswertes Buch, weil es drei geopolitische Konstellationen darstellt. Es ist ein hervorragendes Beispiel für politischer Verflechtungsgeschichte von alternativen Räumen, die trotz der Unterschiedlichkeiten in ihrer Realisierung einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Es zeigt zudem auf, dass nicht-nationale politische Imaginationen nicht per se weniger paternalistisch oder machtkonzentriert sein müssen. Das Buch öffnet teilweise die Grenze zwischen Zeitgeschichte und politischer Analyse, wenn die aktuellen Fragen einer von Russland erzwungenen Neuordnung Osteuropas erwähnt werden. In jedem Fall regt das Buch dazu an, die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als eine Übergangsphase alternativer räumlicher Weltordnungen zu verstehen, in denen der Ost-West-Konflikt oder die Bildung der Europäischen Gemeinschaften nur eine von mehreren Möglichkeiten waren.

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