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Einzelrezension

Köster, Manuel/Thünemann, Holger (Hrsg.): Geschichtskulturelle Transformationen. Kontroversen – Akteure – Zeitpraktiken, 504 S., Böhlau, Köln 2024.


How to Cite:

Grabarits, M., (2024) “Köster, Manuel/Thünemann, Holger (Hrsg.): Geschichtskulturelle Transformationen. Kontroversen – Akteure – Zeitpraktiken, 504 S., Böhlau, Köln 2024.”, Neue Politische Literatur 69(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00626-7

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-12-12

Bereits das Cover des rund 500 Seiten starken Sammelbandes visualisiert einen Transformationsprozess: Drei von links nach rechts aufeinanderfolgende Fotografien des Sommers 2020 zeigen chronologisch (1) die zentral auf einem Sockel in Bristol im Jahr 1895 aufgestellte Bronzeskulptur zu Ehren von Edward Colston (1636–1721), der im transatlantischen Sklavenhandel aktiv war und damit koloniales Denken (Schlutow S. 456) und Handeln repräsentiert; (2) den infolge des Denkmalsturzes durch die Bewegung Black Lives Matter (BLM) am 7. Juni 2020 verwaisten Sockel, gesäumt von einer Vielzahl an Protestplakaten; sowie (3) die gut einen Monat später, am 15. Juli 2020, als künstlerische Intervention neu postierte Statue „A Surge of Power“, die die BLM-Aktivistin Jen Reid darstellt. „Transformation“ bezeichnet dabei einen in den letzten Jahren vermehrt aufgegriffenen Schlüsselbegriff für tiefgreifende Veränderungen jeglicher Art, die nach Lutz Bergemanns Definition von 2011 „als komplexe Wandlungsprozesse zu verstehen“ seien und von den Herausgebern des Bandes, Manuel Köster und Holger Thünemann, in ihrer Einleitung sowohl auf „unterschiedliche Bereiche der Gesellschaft, in denen Geschichtskultur konstruiert und verhandelt wird […], als auch auf Praktiken geschichtskultureller Produktion und Rezeption“ (S. 12) bezogen werden. Transformation ist damit – nicht nur begrifflich – überall, auch in der Geschichtskultur. Um beim konkreten Beispiel zu bleiben: Denkmalstürze oder ähnliche ikonoklastische Praktiken sind keine neuartigen Phänomene, sondern bereits aus der Antike und als epochenübergreifendes Phänomen bekannt. Dennoch biete sich gerade anhand postkolonialer Denkmalstürze die Möglichkeit, gesellschaftliche Transformationsprozesse konkret greifbar zu machen (Schlutow S. 451 und S. 469). Köster und Thünemann sehen im Sturz der Colston-Statue gar einen „Katalysator geschichtskulturellen Wandels“ (S. 14). Gerade hier zeige sich deutlich, dass sich verschiedene „Faktoren dieses umfassenden Transformationsprozesses“ (S. 12) zwar theoretisch getrennt voneinander beschreiben lassen, „praktisch aber zusammenwirken“ (S. 14). Als Faktoren führen sie erstens konkrete realhistorische Entwicklungen und Ereignisse, zweitens demografische Entwicklungen zu einem diverseren Publikum, drittens Digitalisierung und soziale Medien, viertens geschichtsbezogene Kontroversen mit breiterer (digitaler) Partizipation der Öffentlichkeit und fünftens die materialen Objekte der Geschichtskultur selbst – wie eben jene Statue Edward Colstons – auf.

Jedoch: Wo beginnt Transformation, wo hört sie auf? Was bringt die Wahl dieses Begriffes für ein tiefergehendes Verständnis dessen, was die Geschichtskultur und deren diverse Akteure gegenwärtig vor Herausforderungen stellt? Wie wird er analytisch produktiv? Mitunter werden divergierende Transformations-Verständnisse innerhalb der Beiträge deutlich. Martin Schlutow bemerkt konkret, dass er den Begriff der Transformation „allerdings nicht auf Geschichtskultur, sondern auf ihre gesellschaftlichen Rahmenbedingungen“ (S. 451) beziehe. In den Beiträgen von Simone Mergen (S. 351 f.) und Jens-Christian Wagner wird als Transformationsprozess vor allem die Weiterentwicklung der eigenen Wirkungsstätten (Haus der Geschichte in Bonn und Gedenkstätte Buchenwald/Mittelbau-Dora) sowie der dortigen Vermittlungspraktiken verstanden, wobei Wagner die Herausforderungen des Transformationsprozesses für die Erinnerungskultur insgesamt beschreibt (S. 375 f.). Christoph Dartmann schränkt sogar zu Beginn seines Beitrages, in dem er das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ (NW) und dessen politische Implikationen untersucht, ein, das NW könne im Kontext „geschichtskultureller Transformationen […] keine unmittelbar herausragende Rolle spielen, weil es sich allenfalls partiell oder indirekt auf Fragen des politisch-gesellschaftlichen Umgangs mit Vergangenem“ (S. 223) beziehe. Der Begriff „(geschichtskulturelle) Transformation“ kommt überhaupt nur in weniger als der Hälfte der Aufsätze vor – hier scheinen die Autor_innen bisweilen andere Schwerpunkte zu setzen. Gleichzeitig fungiert diese Vagheit als offener Rahmen für die vielfältigen Beiträge, auch wenn hier etwas an analytischer Schärfe verloren geht.

Ebenso lässt sich Kritik an der gewählten Systematisierung des Bandes äußern, der sich dem Untertitel folgend in drei große Teilstränge gliedert: Kontroversen, Akteure (gemeint sind nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Institutionen) und Zeitpraktiken, womit auch die Schwerpunkte der zweisemestrigen Ringvorlesung an der Universität Münster (Sommersemester 2022 und Wintersemester 2022/23) aufgegriffen wurden, die den Ausgangspunkt des Sammelbandes darstellt. Im Rahmen dieser Rezension ist es nicht möglich, alle Einzelbeiträge gesondert zu besprechen. Für einen Über- und Einblick sei die Lektüre der Einleitung empfohlen, in der die Beiträge ausführlich und informativ vorgestellt werden (S. 14–23). Zahlenmäßig überwiegen die elf Beiträge über Kontroversen die jeweils vier Beiträge zu Akteuren und Zeitpraktiken. Kritisch zu sehen ist hierbei vor allem, dass sich nicht immer erschließt, warum die jeweiligen Beiträge im entsprechenden Teilstrang verortet wurden – eine andere oder parallele Sortierung wäre teilweise möglich, was auf eine mangelnde Trennschärfe der Kategorien hindeutet. Doch scheint die Gliederung der Beiträge für die Herausgeber selbst eine Herausforderung gewesen zu sein, wenn sie in der Einleitung schreiben, sie haben eine Systematisierung mithilfe dieser drei Leitbegriffe „versucht“ (S. 14). Außerdem heben sie bereits die vielfältigen Bezüge innerhalb der Beiträge aufeinander sowie fließende Übergänge zwischen den Kapiteln hervor (ebd.), was durchaus als Stärke des Bandes gewertet werden kann. Die Entscheidung für die gewählten Leitbegriffe begründen die Herausgeber mit spezifischen theoretischen und methodischen Zugriffen (ebd.), was für die Beitragenden konkret praxis- und systemtheoretische Ansätze, aber auch Perspektiven aus Geschichtspolitik und Erinnerungskultur sowie Museums- und Gedenkstättenarbeit zulässt. Dass es herausfordernd ist, all die unterschiedlichen Ansätze und ‚Geschichten‘, die sich unter dem „umbrella term“ (S. 10) Geschichtskultur versammeln lassen, ins Trockene zu bringen, ist nachvollziehbar. Inhaltlich entfaltet sich ein beeindruckendes Kompendium aktueller gesellschaftlich wirksamer (Forschungs‑)Kontroversen, so sind die Beiträge zur Frage der „Nation“ im Kontext von Krieg und Frieden in Europa oder dem Nahen Osten (Assmann, Traba, Zimmermann) eine hilfreiche Lektüre zur Einordnung gegenwärtiger Ereignisse. Die Kaiserreich-Debatte 2021 (Metzler) ist ebenso wie die Restitutionsdebatte (Sandkühler) und die Kontroverse um das Verhältnis von Holocaust und Kolonialismus (Knoch) zu finden. Cancel Culture (Dartmann), Klimageschichte (Huebner) und Dekolonialisierungsprozesse der classics (Beck) ergänzen das breite Spektrum der Kontroversen. Für die Rezensentin allerdings etwas unterbelichtet ist überraschenderweise das Feld der Digitalisierung und vor allem der Fokus auf die Rolle von Social Media für die gegenwärtige Geschichtskultur, obwohl die Herausgeber darin ja einen der fünf Transformationsfaktoren ausgemacht haben (S. 13). Zwar verweisen zahlreiche Beiträge auf einen spürbaren Bedeutungszuwachs – dies gilt erneut exemplarisch für den Bristoler Denkmalsturz (Schlutow S. 461, 464) –, eine separate und tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem Feld fehlt allerdings, dabei zeigt der Blick in die Ausführungen Jens-Christian Wagners (S. 390–392) markant auf, welche Herausforderungen (und Möglichkeiten!) nicht nur für Gedenkstätten bestünden. Verwiesen sei dabei beispielhaft auf die Kontroverse rund um den Instagram-Account „Ich bin Sophie Scholl“ des Bayerischen und des Südwestrundfunks (Gundermann/Hanke/Schlutow, „Digital Public History“ 2024; Berg/Kuchler „@ichbinsophiescholl“ 2023).

Da der Teufel bekanntlich im Detail steckt, sei abschließend noch einmal auf die eingangs erwähnte Beschreibung des Covers zurückgekommen, da die „Geschichte“, die mithilfe dieser drei Fotografien erzählt wird – Colston-Statue, leerer Sockel sowie die Statue von Jen Reid, durch die „eine Fortschreibung des symbolischen Dekolonialisierungsprozesses im städtischen Raum“ (Schlutow S. 459, Fußnote 35) erfolge – keineswegs ihr Happy End gefunden hat. Mindestens ein viertes Bild müsste ergänzt werden: vom aktuellen empty colston plinth als aussagekräftiger Leerstelle. Die Statue Reids verblieb nur knappe 24 Stunden auf dem Sockel und ihre Aufstellung rief durchaus kontroverse Reaktionen hervor, die zumindest etwas Unbehagen angesichts der Einschätzung Schlutows auslöst – im Gegenteil stellt die Statue dem Schwarzen Künstler Thomas J. Price zufolge sogar ein weiteres Beispiel von „white privilege in action“ dar, indem der etablierte weiße Künstler Marc Quinn den Moment des Wandels „kaperte“ (original: „hijacked“). Bei der Bedeutung, die die Herausgeber diesem Denkmalsturz – inklusive der Wahl als Cover-Gestaltung – zuschreiben, wäre es wünschenswert gewesen, auch diese Seite der Kontroverse um die Statue Reids aufzuzeigen. Dennoch bleibt zuletzt ein grundsätzlich sehr positiver Leseeindruck des abwechslungs- und facettenreichen Sammelbandes zurück, der mit Sicherheit für alle etwas bereithält, die das stattliche Buch zur Hand nehmen.

Und für die, die sich jetzt noch fragen: Was ist eigentlich mit der Colston-Statue passiert? – Die wurde, nachdem sie von den Demonstrierenden symbolisch bestraft und anschließend im Hafen von Bristol versenkt wurde, geborgen und wird inzwischen liegend – inklusive roter Farbreste – im Bristoler Museum M Shed ausgestellt.

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