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Einzelrezension

Trommler, Frank: Transatlantische Rivalitäten. Deutsche und amerikanische Einstellungen zu Technik, Kultur und Moderne, 216 S., Böhlau, Köln 2024.


Keywords: Review, Trommler, Frank, 2024, Technik, Kultur, Amerika, Deutschland

How to Cite:

Knatz, J., (2024) “Trommler, Frank: Transatlantische Rivalitäten. Deutsche und amerikanische Einstellungen zu Technik, Kultur und Moderne, 216 S., Böhlau, Köln 2024.”, Neue Politische Literatur 69(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00625-8

Rights:

© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2024-11-12

In seinem neuen Buch bringt Frank Trommler Forschungsstränge zusammen, zu denen er bereits seit mehreren Jahrzehnten erfolgreich publiziert: die Kulturgeschichte der Weimarer Republik und des Modernismus, die Historie der deutsch-amerikanischen Beziehungen, die Kulturdiplomatie und die nationalen Spezifika von Technikverständnissen. Für den Professor Emeritus für German Studies an der University of Pennsylvania, der bereits seit 1970 in den USA lebt und arbeitet, ist „Transatlantische Rivalitäten“ eine Korrektur der komparativen Forschung über die transatlantische Moderne, die Mitte der 2000er Jahre publiziert wurde. Im Unterschied etwa zu Sammelbänden wie Christof Mauchs und Klaus Kiran Patels „Wettlauf um die Moderne“ und Alberto Martinellis „Transatlantic Divide“, denen Trommler zwar wichtige Einsichten zu den verschiedenen und parallel verlaufenen Entwicklungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zugesteht, fokussiert sich sein Buch auf zwei Bereiche, die konstitutiv für die Herausbildung der Moderne waren, deren Historisierung Trommler aber vermisst: Technik und Kultur.

Das Argument, das Trommler über 15 thematisch sehr breit gefächerte Kapitel entwickelt, die auch immer wieder Seitenblicke auf die französische und britische Geschichte werfen, ist konzeptuell anspruchsvoll. Weil die Begriffe der Technik und Kultur in Deutschland im späten 19. Jahrhundert eine Verbindung eingingen, entwickelte das Land ein Verständnis von Moderne, das sich grundlegend unterschied vom Begriff des Fortschritts in den USA. Auch letzterer war eng mit der Technik verwoben, analysiert Trommler, war sogar identisch mit ihrer Weiterentwicklung, aber entbehrte der kulturellen und ästhetischen Komponenten, die grundlegend waren für die Herausbildung eines genuin „modernen“ Habitus in Europa. Diesen Habitus versteht Trommler als ein „aktivierendes Verhältnis zur Gegenwart, das Technik einschloss, aber weit darüber hinaus auf die Schaffung neuer Lebens- und Kunstformen abzielte“ (S. 24). Wie der Titel jedoch bereits deutlich macht, geht es Trommler in seinem Buch nicht um einen reinen Vergleich beider Nationen. Stattdessen sieht er Kultur und Technik als zentrale Bereiche, in denen die zwei Aufsteigernationen des frühen 20. Jahrhunderts gegeneinander konkurrierten. Diese Rivalität, die Trommler von 1880 bis in die zweite Hälfte der Weimarer Republik verfolgt, sei viel aufschlussreicher für das Verständnis der transatlantischen Moderne als andere, durch den Kalten Krieg geprägte Perspektiven auf spätere Zeiträume.

„Transatlantische Rivalitäten“ beginnt mit einem Bericht Franz Reuleaux’ über die Weltausstellung 1876 in Philadelphia, in dem der Berliner Professor die deutschen Ausstellungsstücke für das in seinen Augen rückständige Design und ihre minderwertige Qualität kritisiert. Reuleaux’ Kritik und die darauffolgende Debatte, so beschreibt Trommler, hätten dazu beigetragen, dass sich die deutsche Industrie, inspiriert von der englischen Arts-and-Crafts-Bewegung, zunehmend für ästhetische Überlegungen öffnete, die schlussendlich den Boden bereiteten für die Gründung des Deutschen Werkbundes im Jahr 1907. Immer wieder kehrt Trommler auf die Schriften und Erzeugnisse jenes Zusammenschlusses von Künstlern, Architekten und Unternehmen zurück, um herauszuarbeiten, wie das Zusammenfügen von Kultur und Technik den technologischen Aufstieg Deutschlands begleitete und schlussendlich zur Ausbildung des sachlichen Habitus’ führte, den Trommler als charakteristisch für die deutsche Moderne ansieht. Die Schriften Hermann Muthesius’ und Friedrich Naumanns, die beide den Werkbund mitgründeten, stehen sinnbildlich für diese Entwicklung: das Ende der kulturellen Verachtung der modernen Technik, die auch noch charakteristisch war für die Arts-and-Crafts-Bewegung, und die Erkenntnis, dass ein „[Abend] in einer Industrielandschaft eine ästhetische Befriedigung [produziere], die sich derjenigen beim Anblick eines gotischen Doms zur Seite stellen lasse“ (S. 99).

Reuleaux’ Bericht von der Weltausstellung in Philadelphia besitzt aber auch eine komparative Komponente. Die Mängel der deutschen Produkte in Philadelphia zeigen auch Amerikas Aufstieg als führende Techniknation in jenen Jahren und die Konkurrenz, die das auf dem alten Kontinent hervorrief. Dieser technische Wandel bleibt jedoch erstmal im Hintergrund von Trommlers Analyse. Stattdessen konzentriert sich das Buch auch in seiner Betrachtung der amerikanischen Geschichte auf die Konzepte, die der technische Wandel hervorbrachte und die diesen wiederum prägten. Während Technik und Kultur in Deutschland eine Symbiose eingingen, blieb technology, wie Trommler immer wieder auch anhand von Thorstein Veblens Schriften herausarbeitet, getrennt von Kultur und Ästhetik. Auch deshalb taugte es nur begrenzt zum Aufbau eines nationalen Selbstbilds. In den ersten Kapiteln beschreibt Trommler, wie die amerikanische Oberschicht diesen wahrgenommenen Mangel an Kultur und Bildung durch den Import europäischer Ästhetik und Studienaufenthalte in England, Frankreich oder Deutschland zu kompensieren suchte – mit ironischen Folgen. Anstatt zu den europäischen Nationen aufzuschließen, führte diese Aneignung eines ‚fremden‘ Geschmacks zu einer ästhetischen Retardierung in Amerika, die in dem Moment zu transatlantischen Überraschungen und Unverständnis führte, als der Modernismus eine neue Ästhetik in Europa begründete. Erst viel später, in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre, so schreibt Trommler, habe der Modernismus auch in Amerika Halt gefunden, aber auch dann nur als „eine weitere Version der Übernahme europäischer kultureller Ideen und Schöpfungen vonseiten der USA, jedoch nun in aktiver, teilweise stark polemischer Ausrichtung auf die Schaffung einer amerikanischen Moderne“ (S. 117). Wie bereits diese Beispiele zeigen, scheint der Begriff der Rivalität bisweilen zu eng, um alleine die Verbindung zwischen den einzelnen Kapiteln, die zum Teil auf in sich abgeschlossenen Vorarbeiten beruhen, herzustellen. Schon durch die Immigrationsgeschichte, die die USA und Deutschland in diesen Jahren verbindet, finden sich in Trommlers Buch vielfach Verflechtungen und transatlantische Ideentransfers, die vom Begriff der Rivalität nur unzureichend beschrieben werden.

„Transatlantische Rivalitäten“ ist keine klassische Technikgeschichte; die Rückbezüge zu den wichtigen Entwicklungen in Elektrizität, Luftfahrt, Waffensystemen, Industrie- oder Fernmeldetechnik um die Jahrhundertwende bleiben zumeist oberflächlich. Wie Trommler selbst nach der Hälfte des Buches schreibt, sei das Buch besser zu verstehen als „eine neuartige Kulturgeschichte auf dem Rücken der Technikgeschichte“ (S. 117). Dieser methodische Zugang erweist sich als fruchtbar. Trommlers Analysen von Architektur, Malerei, Literatur und Design in Europa und Amerika zeigen, dass der Fokus auf das spannungsreiche Verhältnis von Technik und Kultur neue Perspektiven auf das frühe 20. Jahrhundert ermöglicht, gerade auch in seinen transatlantischen Unterschieden und Verbindungen. Weil beide Begriffe in ihrer Interaktion analysiert werden, erfahren sie auch keine definitorische Versteinerung. Insbesondere Trommlers Analysen von Aufkommen, Untergang und Wiedergeburt der Sachlichkeit zeigen das eindrucksvoll. Die geringe Bindung an tatsächliche technische Entwicklungen und die Vielfalt an kulturellen Produktionen und Kontexten, denen sich Trommler in Europa und den USA auf den rund 200 Seiten widmet, schwächen aber bisweilen sein Argument über die Zentralität der Technik, insbesondere in den Momenten, in denen er praxeologisch argumentiert und die „Ursprünge des Sachlichkeitskonzepts im alltäglichen Umgang mit Technik“ (S. 87) identifiziert. Dennoch ist „Transatlantische Rivalitäten“ eine interessante und vielschichtige Analyse, die in ihrer innovativen Art, über das Zusammenspiel von Konzepten nachzudenken, hoffentlich weitere Arbeiten inspiriert.

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