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Einzelrezension

The Research Team of the War/Women’s Human Rights Center (Hrsg.): Stories that Make History. The Experience and Memories of the Japanese Military „Comfort Girls-Women“, 334 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2020.


Keywords: Review, Dolinsek, Sonja, 2020, Zweiter Weltkrieg, Zwangsprostitution, sexuelle Gewalt, Japan, Korea, Zeitzeugeninterviews

How to Cite:

Dolinsek, S., (2024) “The Research Team of the War/Women’s Human Rights Center (Hrsg.): Stories that Make History. The Experience and Memories of the Japanese Military „Comfort Girls-Women“, 334 S., De Gruyter Oldenbourg, Berlin u. a. 2020.”, Neue Politische Literatur 69(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00624-9

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-12-15

Die im Jahr 2020 errichtete Friedensstatue „Ari“ in Berlin-Moabit steht als Symbol für den fortdauernden Kampf um das Erinnern und Anerkennen der „Trostfrauen“, die Opfer des japanischen Militärs während des Zweiten Weltkriegs gewesen waren. Die unmittelbare Reaktion der japanischen Regierung nach Enthüllung der Statue und die Forderung nach ihrer Entfernung im Jahr 2024 verdeutlichen, wie politisch umstritten die Erinnerung an diese Frauen weiterhin ist. Die „Trostfrauen“ – überwiegend junge asiatische, insbesondere chinesische und koreanische Frauen, denen das japanische Militär während des Zweiten Weltkriegs in den besetzen Gebieten in Militärbordellen, sogenannten „comfort stations“, massive sexuelle Gewalt zugefügt hat – sind zu einem Kristallisationspunkt transnationaler Konflikte geworden, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart, Schuld und Gedenken unauflöslich verknüpfen. Das Erinnern ist hier kein statischer Akt, sondern ein dynamischer Prozess der Generierung historischer Narrative und Wahrheiten, in dem lange vergessene Stimmen die etablierten historischen Narrative herausfordern. Die Herausgeberinnen betonen: „To recall their past means that they are protesting against the power of history, a history which the public at large currently perceives to be the truth“ (S. 14).

In diesem Kontext präsentiert die vorliegende Quellensammlung, die englische Übersetzung eines 2004 in Südkorea veröffentlichten Werks, die persönlichen Berichte von zwölf koreanischen Überlebenden sexueller Ausbeutung und militärischer ‚Sexsklaverei‘ im Zweiten Weltkrieg. Herausgegeben von einem Forschungsteam des „Koreanischen Rats für Frauen, die zur militärischen Sexsklaverei rekrutiert wurden“ (heute: „Korean Council for Justice and Remembrance for the Issues of Military Sexual Slavery by Japan“), bietet das Buch nicht nur Einblicke in individuelle Lebensgeschichten, sondern reflektiert auch ein kollektives Trauma, das bis in die Gegenwart fortwirkt. Es handelt sich um einen bewussten Akt der Geschichtsschreibung, der bislang überhörte Stimmen ins Zentrum rückt und transnationale Machtstrukturen der Erinnerungspolitik hinterfragt. Angestoßen durch die erste öffentliche Äußerung von Kim Hak-soon im Jahr 1991, sind in den folgenden Jahren zahlreiche Interviews mit noch lebenden Zeitzeuginnen geführt worden.

Für den vorliegenden Band, zum Zeitpunkt der Projektkonzeption im Jahr 2002 der sechste seiner Art, wurden Frauen befragt, die bis dahin nicht interviewt worden waren. Deren Auswahl erfolgte unter spezifischen praktischen und ethischen Gesichtspunkten.

Die Struktur des Buches rückt die Stimmen der Überlebenden in den Mittelpunkt, sodass ihre Aussagen den Großteil des Bandes ausmachen. Eingeleitet wird er durch eine Übersetzungsvorrede, Danksagungen und ein ausführliches Vorwort, das den Kontext des Projekts und die Intentionen der Herausgeberinnen beleuchtet. Die Einleitung hebt die Bedeutung der Geschichten dieser Frauen hervor und reflektiert die komplexen Herausforderungen des Erfassens, Erzählens und Redigierens mündlicher Überlieferungen. Die Autorinnen betonen dabei die für die Oral History typischen Schwierigkeiten, Erinnerungen präzise zu reproduzieren, und unterstreichen die ethische Verantwortung der Forschenden.

Im Hauptteil sind die Zeugnisse von zwölf Überlebenden abgedruckt, deren Lebenswege nachgezeichnet werden und die entscheidende Episoden aus dem Leben der Frauen schildern. Die grundlegende und einheitliche Struktur der Interviews umfasst zentrale biografische Informationen, die Umstände ihrer Verschleppung, ihr Leben in den „comfort stations“ sowie ihre Rückkehr und ihre Lebenssituation zum Zeitpunkt des Interviews. Die Kapitel schließen mit Kommentaren der Interviewerinnen, die die spezifischen Herausforderungen und Besonderheiten der jeweiligen Interviews beleuchten und so einen Einblick in den Prozess der Erinnerungsarbeit gewähren. Am Ende des Buches findet sich ein Abschnitt über „fehlgeschlagene Interviews“, der dokumentiert, warum manche Geschichten nicht vollständig erfasst werden konnten; dieser Teil verdeutlicht die Schwierigkeit, mit traumatischen Erfahrungen umzugehen, und unterstreicht die Notwendigkeit eines einfühlsamen und respektvollen Zugangs zu den Überlebenden, wobei er aufzeigt, dass das Schweigen selbst Teil der Geschichte ist und das Nicht-Erzählte ebenso bedeutsam sein kann wie das Gesagte.

Die Forschenden standen vor der Herausforderung, die subjektiven Erfahrungen der Frauen zu dokumentieren, ohne dabei ihre Komplexität durch zu rigide Vorgaben zu ersticken. Leitend war dabei folgende Erkenntnis: „[R]ather than noticing the complex emotional layers, social relationships, or contradictory understandings and interpretations of their lives […] we researchers were at risk of creating a thin description of each of the women’s lives in stereotyping each life and focusing only on their life at the comfort stations“ (S. XXI). Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, entschied sich das Forschungsteam für eine reflektierte Methodik, die dessen Interaktion mit den Frauen transparent macht und versucht, dem „stratified meaning and interpretation of the oral statements“ Rechnung zu tragen (S. XXII).

Wie auch in der Holocaust-Forschung zum Themenkomplex sexuelle Gewalt und Zwangsprostitution nimmt hier die Auseinandersetzung mit Begrifflichkeiten einen zentralen Stellenwert ein. So zeigen die Herausgeberinnen, dass die japanische Regierung den Begriff „Prostitution“ bewusst als Euphemismus eingesetzt hat, um die erzwungene Rekrutierung und Verschleppung der Frauen zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung zu verbrämen: „Japan had legalized and normalized prostitution and used the term ‚comforting‘ in place of prostitution that is executed voluntarily by women for economic gain“ (S. VIII). Dieser Versuch, die „Trostfrauen“ als Prostituierte darzustellen, verschleiert die Zwangslage und die Gewalt, denen diese Frauen ausgesetzt waren. Die Realität der „comfort stations“ lässt den Herausgeberinnen zufolge allerdings keine andere Deutung zu als die der „sexual slavery“, denn die dort herrschenden Bedingungen – Zwang, Gewalt, sexuelle Ausbeutung und völlige Entrechtung – entsprechen keiner freiwilligen Handlung. Dabei zeigen die Herausgeberinnen Sensibilität für die Tatsache, dass auch eine zuvor freiwillige Tätigkeit als Prostituierte die Erfahrung von Zwang, Gewalt und Versklavung in den „comfort stations“ nicht mindert: „Regardless of how they are recruited and transported to comfort stations, comfort girls-women [Hervorh. im Orig.] were sex slaves if the conditions at comfort stations warranted it so, conditions such as coerced sexual intercourse, harsh scrutiny, physical violence, an inability to leave, nominal or no compensation, hunger, constant exposure to sexually transmitted diseases, etc.“ (ebd.).

Auch der Begriff der „comfort women“ ist umkämpft und wird von den Herausgeberinnen bewusst kritisch beleuchtet, um seine strukturelle Gewalt sichtbar zu machen. Der im Buch genutzte alternative Ausdruck „comfort girls-women“ trägt dieser Komplexität Rechnung, indem er sowohl das junge Alter der Opfer als auch die lange Dauer ihrer Opferrolle betont: „The addition of the word ‚girl‘ underscores the young age of the victims […] and the word ‚women‘ reflects the long period – about three-quarters of a century – they endured without a satisfactory resolution to their situation“ (S. VII).

Der Band versteht sich nicht nur als Dokumentation, sondern als Teil eines politischen Prozesses, der die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet. Die Geschichten der „Trostfrauen“ sind nicht lediglich persönliche Zeugnisse, sondern stellen auch eine Anklage gegen das kollektive Versagen von Gesellschaften und Staaten dar, sich der sexuellen Gewalt in der eigenen Geschichte zuzuwenden. So seien die koreanischen Frauen nach dem Krieg nicht nur von der japanischen Besatzungsmacht, sondern auch von der eigenen südkoreanischen Gesellschaft im Stich gelassen worden. Auch jüngere Versuche, die Geschichte umzuschreiben oder zu marginalisieren, die Opfer erneut zum Schweigen bringen, indem das Thema aus Schulbüchern gestrichen oder als selbst gewählte Prostitution dargestellt wird, werden thematisiert. Die Tendenz, diese Frauen auf Symbole nationaler Schande und Ehre zu reduzieren, ohne ihre individuellen Erfahrungen und die Komplexität ihres Leidens anzuerkennen, stellt dabei ein anhaltendes Problem dar, das weit über die Grenzen Koreas und Japans hinausreicht.

Der Band bietet eine methodisch und theoretisch reflektierte und damit bedeutsame Quellensammlung in englischer Sprache, die damit nun auch des Koreanischen nicht mächtigen Forschenden wie Studierenden die Beschäftigung mit dem Thema erleichtert. Vorwort und Einleitung bieten einen bereichernden Beitrag zu konzeptionellen, ethischen wie erinnerungspolitischen Aspekten der Oral History. Begriffliche wie konzeptionelle Fragen sind dabei alles andere als endgültig geklärt, wie auch das jüngste Heft des „Journal of Holocaust Research“ zum Thema Geschlecht und sexuelle Gewalt vom Herbst 2024 zeigt.

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Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.