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Einzelrezension

Vilardell, Laura: Books against Tyranny. Catalan Publishers under Franco, 214 S., Vanderbilt UP, Nashville, TN 2022.


Keywords: Review, Vilardell, Laura, 2022, Nationalismen, Spanien, Franco, Diktaturgeschichte, Veröffentlichungspraxis, Literatur

How to Cite:

Tosstorff, R., (2024) “Vilardell, Laura: Books against Tyranny. Catalan Publishers under Franco, 214 S., Vanderbilt UP, Nashville, TN 2022.”, Neue Politische Literatur 69(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00620-z

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-12-17

Es ist fast schon eine Binsenweisheit jeglicher Forschung über Nationalismus und speziell zu im Konflikt mit einem Zentralstaat stehenden Minderheiten, dass dieser fast immer mit einer ‚Sprachenfrage‘ verbunden ist. Ist doch Sprache oft genug der zentrale Identitätsmarker bei solchen Auseinandersetzungen, die ihre historischen Wurzeln in der Eingliederung ehedem unabhängiger Gebiete haben. Und so taucht dann mit der Bildung der modernen Einheitsstaaten die Forderung nach bestimmten Formen von sprachlicher Eigenständigkeit, nach der „linguistischen Selbstbestimmung“ auf. In den Augen des Zentralstaats war dies eine zentrifugale Tendenz, gegen die er – modifiziert vom Grad seiner Demokratisierung – zur Sicherung der gesellschaftlichen Homogenität und Stabilität die (mehr oder weniger) exklusive Durchsetzung der angeblich überlegenen Staatssprache als zentrales Mittel der Kommunikation setzte.

In der historisch-politischen Realität traf so etwas fast immer auf große Probleme, die je nach den Umständen trotz der geforderten Orientierung an der sprachlichen Vereinheitlichung vor allem in jenem Bereich, der unmittelbarem staatlichen Zugriff unterlag, eine gewisse Flexibilität erforderten. Dies galt auch im Spanien der aus dem Putsch vom Juli 1936 und dem anschließenden Bürgerkrieg hervorgegangenen Diktatur von General Francisco Franco. Das neue Regime hatte erklärtermaßen zwei Hauptfeinde: einerseits die Linke und zum anderen die „peripheren Nationalismen“ mit ihrem seit der Zweiten Republik bereits erreichten oder zumindest in Vorbereitung befindlichen Autonomiestatus. Neben dem Baskenland und in einem geringeren Ausmaß Galizien betraf das vor allem Katalonien. Zwar unterschied sich die Intensität der Repression aufgrund der jeweiligen konkreten Umstände, doch gemeinsam war überall, dass die jeweilige autochthone Sprache mit dem Einmarsch von Francos Putsch-Armee in der Öffentlichkeit – also bei der Verwendung gegenüber dem Staat, im Bildungssektor, in den zentralen Kommunikationsmitteln, allen voran im Radio und in den Tageszeitungen, bis hin zum Alltagsleben außerhalb der Wohnung – unterdrückt wurde.

Doch in Katalonien erforderten die Umstände schon nach einigen Jahren eine gewisse, wenn auch streng eingegrenzte Flexibilität. Dies widerspiegelte zum einen die starke umgangssprachliche Verbreitung insbesondere im konservativ-katholischen Milieu, mit Präsenz vor allem in der Provinz, aber auch in Teilen des städtischen Bürgertums. Bei strikter Aufrechterhaltung des Sprachverbots im öffentlichen Leben kam es so in Bereichen der katholischen Kirche bald zu Lockerungen, die schließlich auch die Verlagslandschaft erreichen sollten. Wie überhaupt die Verbreitung des Katalanischen in vergleichsweise bürgerlichen Schichten in der Sichtweise des Regimes eine gewisse Nachsicht erlaubte, da die katalanische Sprache kaum den großen Einwanderungsschub aus Südspanien seit den 1950er Jahren erreichte. Dafür sorgte das Sprachverbot im Schulsystem.

Die Studie der an der Northern Illinois University lehrenden katalanischen Sprach- und Übersetzungswissenschaftlerin Laura Vilardell geht nun einem wichtigen Aspekt dieser Maßnahmen des Regimes nach: Wie wirkte die Zensur der Diktatur auf die katalanischsprachigen Buchveröffentlichungen in Katalonien ab 1939 und trug damit zu dessen gewünschter Marginalisierung bei? Ausgangspunkt war dabei die Erschließung einiger Nachlässe von Verlegern wie Verlagshäusern, die im Verlauf der Diktatur erst die Veröffentlichungsmöglichkeit auf Katalanisch erkämpft und dann die sich mit den Jahren zumindest partiell verbessernden Gelegenheiten ausgenutzt hatten. Neben der inzwischen gar nicht so geringen Literatur, vor allem Erinnerungswerke in der einen oder anderen Weise, kamen die heute einsehbaren Akten der Zensur hinzu.

Zwei gesetzliche Rahmenbedingungen waren für die Zensur geschaffen worden. Bereits im April 1938, noch mitten im Bürgerkrieg, wurde ein striktes Regime der Vorzensur eingerichtet. Dieses wurde im März 1966 zwar abgeschafft, doch durch eine Art freiwillige Selbstzensur ersetzt, wobei auf jeden Fall eine Nachzensur drohte, falls der Diktatur missliebige Themen angesprochen worden waren. Die Folge konnte dann die Verhängung von Strafen sein.

Im Wesentlichen verfolgt die Autorin diese ganze Entwicklung entlang der Chronologie von den allerersten, noch mehr zufälligen Veröffentlichungen religiöser katalanischer Texte zu Beginn der 1940er Jahre bis hin zum Auftreten einer kleinen, aber sehr enthusiastischen Verlagslandschaft in den 1950er und dann vor allem 1960er Jahren mit immer zahlreicheren Veröffentlichungen. Dabei hatte allerdings das Exil in Frankreich und Lateinamerika (vor allem Mexiko) bereits eine gewisse Überbrückungsfunktion nach Francos Sieg 1939 und der dadurch hervorgerufenen Fluchtbewegung gespielt. Mit der jedoch ausschließlich ökonomischen Öffnung, zu der sich die Diktatur Ende der 1950er Jahre gezwungen sah, gab es dann auch wieder verstärkte, wenn auch nicht unbedingt öffentlich verhandelbare Austauschmöglichkeiten zwischen der iberischen Halbinsel und der katalanischen Emigration.

Ausführlich stellt Vilardell die institutionellen Methoden und Vorgehensweisen nach Einreichung eines Manuskripts durch einen Verlag und dessen anschließender ‚Begutachtung‘ dar. Auf drei Punkte hat die Autorin dabei besonders den Blick gerichtet: die direkte Stimme der Zensur ausgedrückt in den Stellungnahmen der Zensoren, die Reaktionen der Verleger sowie diejenigen der Autoren darauf. Die Strategien der Verleger zur Umgehung der Zensur zeigen sich auf verschiedenste Weise, von direkten Geschenken an die Zensoren bis hin zur ‚Verwechslung‘ eines ausländischen, ‚einschlägig bekannten‘ Autors mit dem Übersetzer. Für das Manuskript wurde ein Titel gewählt, der, wegen der Ähnlichkeit der Sprachen, mit dem spanischen identisch war und damit leichter ‚durchgehen‘ konnte. Die Fantasie kannte da keine Grenzen, auch wenn das nicht immer den gewünschten Erfolg hervorrief. Zudem wussten die Verleger auch, dass trotz aller Auflockerung über die Jahre gewisse Themen tabu blieben. Das betraf übrigens nicht nur politisch ‚Anstößiges‘ über die Diktatur, sondern ebenso auch, angesichts vieler religiöser Gutachter, als blasphemisch oder sexuell anstößig Geltendes. All dies hat die Autorin schließlich, soweit es geht, mit Primärquellen unterfüttert, was konkrete Eindrücke und Erfahrung der Beteiligten gut nachvollziehbar macht. Dabei verbindet sie ihren Blick auf die institutionelle Seite des Geschehens mit dem allgemeinen historischen Kontext und den sich in diesen Jahrzehnten ausdrückenden kulturellen wie soziologischen Wandlungen. Zahlreiche Übersichten und Tabellen zur Geschichte der katalanischen Verlagslandschaft wie der Veröffentlichungswege einer Reihe von Titeln ergänzen die Darstellung und machen die Vorgehensweisen der Zensur über die Jahrzehnte quantitativ wie qualitativ erfassbar.

Auf diese Weise wirft Vilardell einen Blick auf einen wichtigen kulturellen Aspekt, der ansonsten in der Historiografie der Diktatur gegenüber den ‚großen‘ politischen oder auch sozioökonomischen Themen eher marginal ist. Dazu passt auch gut die Umschlagillustration, die die Schwärzungen eines Zensors in einem Text nachempfindet. Zugleich ist diese Untersuchung auch ein Beleg dafür, wie sich in einem hartnäckigen Kampf zumindest ein Bereich von kultureller Wiederaneignung entwickeln konnte. Dass sie letztlich die – allerdings sehr verzögerte – Folge der sozioökonomischen Veränderungen im Rahmen der Diktatur war, war freilich vom Regime unbeabsichtigt. Dass dieses noch immer seine Schatten auf Katalonien wirft, deutet die Verfasserin in ihrer Einleitung mit dem Verweis auf die jüngsten Auseinandersetzungen seit dem versuchten Unabhängigkeitsreferendum kurz an, ohne das jedoch weiter auszuführen. Trotz ihres sehr speziellen Fokus’ ist diese Arbeit ein interessanter Beitrag zur Geschichtsschreibung der Franco-Diktatur und erlaubt einen Blick auf ihre kulturellen Kosten.

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