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Einzelrezension

Thöndl, Michael: Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi, die „Paneuropa-Union“ und der Faschismus 1923–1944, 238 S., Leipziger UV, Leipzig 2024.


Keywords: Review, Thöndl, Michael, Graf Coudenhove-Kalergi, Paneuropa-Union, Faschismus, Italien, Zwischenkriegszeit

How to Cite:

Schieder, W., (2024) “Thöndl, Michael: Richard Nikolaus Graf Coudenhove-Kalergi, die „Paneuropa-Union“ und der Faschismus 1923–1944, 238 S., Leipziger UV, Leipzig 2024.”, Neue Politische Literatur 69(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00619-6

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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2024-12-15

Im Grunde ist es erstaunlich, dass der Graf Coudenhove-Kalergi mit seiner Paneuropa-Union neuerdings wieder großes Interesse in der Geschichtswissenschaft findet, handelte es sich bei ihm doch um eine der für die Zwischenkriegszeit typischen Figuren wie Ernst Niekisch, Julius Evola, Klaus Mann oder Romain Rolland, die als ‚freischwebende Intellektuelle‘ zwischen den politischen Fronten agierten, aber nie richtig zum Zuge gekommen sind. Er findet wohl nur deshalb besonderes Interesse, weil er die europäische Einigungsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg ideologisch vorweggenommen zu haben scheint. Dass dies aber nicht der Fall ist, sondern der Graf eher eine politisch schillernde Person war, hat jetzt jedoch Michael Thöndl gezeigt. Er untersucht mit seinem Buch erstmals auch Coudenhove-Kalergis eigenartiges Verhältnis zum italienischen Faschismus und insbesondere Benito Mussolini.

Als Coudenhove-Kalergi 1922 in Wien die „Paneuropa-Union“ gründete, bemühte er sich sofort um die „Einbeziehung des faschistischen Italiens“ (S. 207), obwohl seine Vereinigung demokratisch verfasst war. Wie Thöndl sehr gut zeigen kann, blieb das auch weiterhin ein zentrales Anliegen für ihn. Er bemühte sich anhaltend darum, mit Mussolini ins Gespräch und zu Vereinbarungen zu kommen. Das war zwar anfangs weniger merkwürdig, als Thöndl annimmt, weil das faschistische Regime bis zu Mussolinis Staatsstreich vom 3. Januar 1925 noch keine wirkliche Diktatur war. Dass Coudenhove-Kalergi aber auch später unverdrossen weiter auf Mussolini setzte, war insofern widersinnig, weil er glaubte, Faschisten und Antifaschisten auf der Basis eines gemeinsamen Antibolschewismus zusammenbringen zu können. Nur vorübergehend konnte er von so etwas wie von einem „Faschistischen Paneuropa“ (S. 81) sprechen.

Damit aber schätzte Coudenhove-Kalergi Mussolini falsch ein. Dieser hatte entgegen mancher seiner Parteigänger, die Thöndl besonders vorstellt, bis 1930 immer behauptet, dass der Faschismus kein ‚Exportartikel‘ sei. Nach Hitlers Durchbruch bei den Reichstagswahlen von 1930 vertrat Mussolini jedoch einen faschistischen Universalismus, mit dem er Hitlers Nationalsozialisten den Rang ablaufen wollte. Das hatte mit Coudenhove-Kalergis Paneuropa wenig zu tun, was dieser aber erst spät merkte. Noch 1935/36 unterstützte er Mussolinis Überfall auf Abessinien. Erst 1937 wandte er sich vom italienischen Faschismus ab, in der nunmehr durchaus richtigen Erkenntnis, dass dieser mit der Ausrufung der Achse Berlin–Rom sich dem Nationalsozialismus weitgehend unterworfen hatte.

Der Graf sah seine Rolle seitdem als Vermittler zwischen dem demokratischen Frankreich und dem faschistischen Regime in Italien. Sein von Thöndl hervorgehobenes Buch „Totaler Staat – totaler Mensch“ (1937) sollte dazu dienen. Auch damit ist er gescheitert. Er wandte sich daraufhin wieder ganz dem demokratischen Europa zu, was ihn erst aus Wien und dann aus Europa in die Vereinigten Staaten vertreiben sollte.

Das sorgfältig recherchierte Buch Thöndls öffnet die Augen für einen neuen Blick auf Coudenhove-Kalergi. Er wird nicht mehr als lupenreiner demokratischer Europäer anzusehen sein. Man wird ihn vielmehr als einen politischen Aktivisten sehen müssen, der irrigerweise glaubte, Antifaschisten und Faschisten im Zeichen Europas politisch vereinigen zu können.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.