Man kann über dieses Buch zwei ganz unterschiedliche Rezensionen schreiben, je nachdem, ob man die spannenden Ansätze in den Mittelpunkt stellt oder die uneingelösten Versprechen. Das liegt wohl am Zuschnitt. Denn einerseits präsentiert sich der Band als eine Art politischer Essay zum Zustand der Demokratie in Deutschland im frühen 21. Jahrhundert. Andererseits enthält er faszinierende Mikrostudien zum Verständnis von Demokratie in den 1980er und 1990er Jahren in West- und Ostdeutschland.
Beginnen wir mit den offen gebliebenen Fragen. Die Autorin kündigt zu Beginn des Buches eine ganze Reihe interessanter Themen an, etwa indem sie versuche, „sich dem Paradigma von der Demokratiekrise ein Stück weit zu entziehen“ (S. 25). Doch tatsächlich beschäftigt sich das gesamte letzte Kapitel mit nichts anderem. Allerdings ohne großen historischen Tiefgang: Hier wird die „Ära Merkel“ weitgehend auf der Grundlage von Zeitungslektüre interpretiert, und zwar als eine Zeit mit erheblichem Repräsentationsdefizit der ostdeutschen Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum Merkel als Ostdeutsche nicht in der Lage oder willens war, trotz ihres biografischen Hintergrundes diese Perspektive zu vertreten.
Ein weiterer großer Unterabschnitt im letzten Teil ist den Gründen für den Aufstieg der AfD gewidmet, ebenfalls hauptsächlich in den Ländern zwischen Ostsee und Thüringer Wald. Selbst die aus westdeutschen Bundesländern stammenden Vordenker der Partei konnten erst nach ihrem Umzug in den Osten den Resonanzboden für das finden, was sich später als „völkischer Schwenk“ (S. 259) manifestierte. Das Problem liegt also wohl doch im Osten?, möchte man die Autorin fragen. Eigentlich will sie genau diese Einseitigkeit vermeiden und behandelt Ost und West in den stärkeren Passagen auch nahezu gleichgewichtig.
In den vorderen, viel aufschlussreicheren Kapiteln konzentriert sie sich gerade nicht auf das politische Spitzenpersonal oder die Programmatik der Parteien: Das Buch gelte „den demokratischen Vorstellungs- […] und Erfahrungswelten ‚ganz normaler‘ Bürgerinnen und Bürger“ (S. 13), und zwar jener, die keine politischen Ämter bekleideten (S. 17). Dieses Vorhaben scheint allerdings im Laufe des Schreibens in den Hintergrund geraten zu sein. Leider findet sich im Kapitel über die Merkel-Jahre kein Gedanke, der nicht auch von einem politischen Journalisten hätte formuliert werden können. Die historische Expertise bleibt ungenutzt, auch die Ergebnisse der vorderen Kapitel werden seltsamerweise kaum aufgegriffen.
Damit aber zu den Leistungen des Buches. Die Autorin kündigt eine „politische Kulturgeschichte ‚von unten‘“ an (S. 17), die symmetrisch die Demokratievorstellungen in Ost und West untersucht. Dazu konzentriert sie sich auf eine Quellengattung, die zumindest für diese Fragestellung noch wenig ausgewertet wurde: Eingaben und Zuschriften von Bürgerinnen und Bürgern an staatliche Stellen und Entscheidungsgremien in Ost und West, ergänzt um eine Sammlung von Flugschriften und Aufrufen aus der Wendezeit in Ostdeutschland. Der Zeitraum: 1980er bis Mitte der 1990er Jahre. Der Vorteil dieses Zugriffs liegt darin, unmittelbaren Zugang zur Sichtweise der Bevölkerung zu erlangen. Besonders spannend ist die Perspektive auf die Bürgerinnen und Bürger der DDR. Anstatt hier von vornherein die Brille der Unterdrückung und Verfolgung in der Diktatur aufzusetzen (die freilich an keiner Stelle geleugnet wird!), fahndet die Autorin nach diskursiven Situationen, in denen die Ostdeutschen das Regime des „demokratischen Sozialismus“ beim Wort nahmen und ihre Forderung nach Mitwirkung sowie die eigenen Vorstellungen von Demokratie artikulierten. Sie fasst diese Analyse unter dem Begriff der „Demokratieanspruchsgeschichte“ (S. 27). Dank dieser Operation besteht die Möglichkeit, Demokratievorstellungen in beiden Staaten miteinander zu vergleichen und zu kontrastieren (vgl. auch S. 128).
Die Auswertung führt zu interessanten, wenn auch nicht gänzlich unerwarteten Ergebnissen: Demografiebedingt nahm im Untersuchungszeitraum die Zahl derer ab, die sich in Westdeutschland auf die Nation und einen obrigkeitlich konzipierten Staat beriefen. Stattdessen stieg die Zahl derjenigen, die mit dem Bundespräsidenten auf Augenhöhe zu diskutieren versuchten (S. 59–61). Zwar gab es viel Kritik an einzelnen Maßnahmen, aber es handelte sich meist um konstruktive Kritik, in der die demokratische Grundordnung der Bonner Republik nicht infrage gestellt wurde (S. 45). Dagegen artikulierten die Bewohner der DDR ihre Unzufriedenheit damit, dass sie von den Obrigkeiten nicht ernst genommen wurden. Sie maßen das Regime an dessen selbst gestellten Ansprüchen (u. a. S. 62 f., 77 f.). Ein markanter Unterschied lässt sich in Bezug auf die NS-Vergangenheit feststellen, wie die Zuschriften zur Diskussion über den Regierungssitz nach 1990 zeigen: Während in der überwiegenden Zahl der westdeutschen Briefe die Geschichte des ‚Dritten Reichs‘ als Mahnung im politischen Handeln der Gegenwart begriffen wurde, war diese Perspektive für Ostdeutsche kaum der Erwähnung wert (S. 214 f.). Ein weiterer Unterschied zwischen Ost und West bestand darin, dass die Westdeutschen die demokratische Ordnung eher konkret weiterentwickeln wollten, während ostdeutsche Interventionen oft mit utopischem Überschuss angereichert waren – das gilt für die Zeit des Umbruchs und auch nach der Wiedervereinigung (S. 93, 163). Deutsche in Ost und West forderten um 1990 und danach unisono mehr direktdemokratische Elemente (u. a. S. 160). Allerdings war das „Grundmisstrauen“ gegenüber Parteien und Parlamenten, das darin zum Ausdruck kam, im Osten sehr viel stärker ausgeprägt (S. 336).
So interessant und gut belegt diese Befunde auch sind: Leider wird die spezifische Kommunikationssituation der Zuschriften nur selten analysiert und es bleiben methodische Fragen offen. Die Quellengattung ‚politische Zuschrift‘ wird nur in schemenhaften Zügen vorgestellt, die eigentlichen Motive der Schreibenden nur beispielhaft angesprochen. Welchen Effekt versprachen sie sich von ihren Eingaben? Gibt es einen typischen Aufbau solcher Zuschriften? Gelegentlich gibt es Hinweise auf Geschlecht, Alter und Herkunft der Verfasserinnen und Verfasser, aber dies wird an keiner Stelle systematisch ausgeführt. Außerdem kann diese sehr spezielle Quellengattung allein gewiss nicht den Anspruch begründen, ‚die‘ Demokratievorstellungen ‚der‘ Bevölkerung abzubilden. Die Autorin ist sich dieser Einschränkungen durchaus bewusst (z. B. S. 18). Daher zieht sie auch ein Konvolut mit Flugblättern, Aufrufen und internen Dokumenten von Bürgergruppen aus der späten DDR hinzu. Doch wirft das zugleich die Frage auf, warum sie ähnliche Dokumente für die Westperspektive nicht ausgewertet hat.
Insgesamt bleibt der Eindruck, dass die Autorin mit einem spannenden methodischen Ansatz erste interessante empirische Ergebnisse erzielte, dieses Projekt aber nicht mit der nötigen Konsequenz zu Ende führte. Hinzu kam wohl ein zweiter Ansatz mit dem Gedanken, eher essayistisch auf etwas viel Größeres zu zielen, nämlich eine Gesamterklärung für den Zustand der Demokratie in Deutschland heute. Dafür ist die empirische Grundlage aber zu schmal.
Grob formuliert lautet das Ergebnis der Studie so: In Ost und West gab es schon vor 1990 einen Anspruch auf demokratische Mitwirkung. Diesen sahen die Westdeutschen bereits um 1980 als realisiert an. Dagegen bewahrten die Ostdeutschen auch nach 1990 ihr Misstrauen gegenüber den Vertretern der politischen Ordnung, weil sie sich weiterhin nicht repräsentiert fühlten. Damit sind wir dann doch wieder bei einer Defizitgeschichte östlich der Elbe. Dabei berücksichtigt die Autorin nicht, dass es auch in den von Westdeutschen dominierten Medien spätestens seit den 1990er Jahren zumindest anlassbezogen zunehmend undifferenzierte Politikerschelte gab, die sich aus mindestens zwei Quellen speiste: aus einer neoliberal motivierten Skepsis gegenüber dem Staat einerseits und aus (oft) linksliberal motivierter Elitenkritik andererseits. Den möglichen Verknüpfungen solcher west- und ostdeutscher Diskurse detaillierter nachzugehen wäre lohnenswert gewesen. Das entwertet die spannenden Aspekte dieses Buches nicht. Man muss sie nur zu finden wissen.
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