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Einzelrezension

Cabanel, Patrick: L’école du peuple? Histoire d’une hypocrisie sociale, 128 S., PUR, Rennes 2023.


Keywords: Review, Cabanel, Patrick, 2023, Schule, Frankreich, Staat, Religion, Demokratie

How to Cite:

Köhler, V., (2024) “Cabanel, Patrick: L’école du peuple? Histoire d’une hypocrisie sociale, 128 S., PUR, Rennes 2023.”, Neue Politische Literatur 69(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00616-9

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© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2024-12-13

Der französische Religionshistoriker Patrick Cabanel hat mit „L’Ecole du Peuple“ eine nur 128 Seiten starke Schrift vorgelegt, die es aber in sich hat. Der Untertitel des in der „Collection Épures“ bei PUR erschienenen Büchleins zeigt das bereits an: Cabanel möchte die „histoire d’une hypocrisie sociale“, also die Geschichte einer sozialen Heuchelei, schreiben.

Dazu gliedert Cabanel seine Argumentation in drei Abschnitte. Zunächst beschäftigt er sich mit den „Barrières dans l’école de Jules Ferry“ (S. 13–44), also den Hürden, die in den Schulen unter dem bekannten Schulreformer der Dritten Republik, Jules Ferry, bestanden; anschließend mit der „introuvable école unique“ (S. 34–66), der unauffindbaren einzigartigen Schule; und schließlich mit dem „Triomphe de la démocratisation … et de l’hypocrisie contemporaine“ (S. 67–107), also dem Siegeszug der Demokratisierung und der zeitgenössischen Heuchelei. Wie üblich wird dieser Dreischritt gerahmt von einem Vorwort sowie einer zehnseitigen „Conclusion“.

Die Ironie, die teilweise in diesen Kapitelüberschriften anklingt, motiviert Cabanel zu seiner scharfen Argumentation gegen das nur vermeintlich inklusive, meritokratische Schulsystem Frankreichs. Es geht ihm darum zu zeigen, dass die Schranken des Schulsystems seit den Reformen Jules Ferrys in den 1880er Jahren – und zum Teil bereits davor – fortbestehen (S. 11). Sie hätten sich gar verstetigt. Cabanel zeigt, dass eine lange Traditionslinie besteht, die ein demokratisches, offenes, leistungsbezogenes Schulideal kolportiert, und kontrastiert das immer wieder mit den unbarmherzigen Zahlen des Sozialhistorikers, die doch immer wieder nur konstatieren können, dass sich Schulkinder aus bürgerlichen Haushalten durchsetzen. Das liegt laut Cabanel an verschiedenen Faktoren, die von unterschiedlichen Zugängen zu Schultypen über die trotz aller laizistischen Rhetorik weiter bestehenden konfessionellen Bildungsträger bis hin zu exkludierend wirkenden Lehrplänen reichen. Pointiert zeigt Cabanel dies auf den Seiten 73 bis 76. Unter der Überschrift „Les mathématiques, un latin moderne?“ versucht er nachzuweisen, dass Mathematik als Schulfach die Rolle eingenommen hat, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert die alten Sprachen, insbesondere Latein, in der Sekundärbildung gespielt hatten – sowohl als Marker für Zugehörigkeit zu einer Bildungselite als auch als de facto-Zulassungsbeschränkung auf diesem Bildungsweg.

In seiner Conclusio versucht Cabanel knapp und skizzenhaft ein als utopisch gekennzeichnetes Szenario zu entwerfen, das doch noch eine „école du peuple“, eine Schule des Volkes und für das Volk, ermögliche. Während der Rezensent diese Ideen nicht mehr ganz überzeugend findet, kann er die historischen Ausführungen davor als eine polemische, aber immer der historischen Empirie abgetrotzte Kurzdarstellung des französischen Schulsystems nur wärmstens empfehlen. Die Lektüre ist im besten Sinne provokativ und besitzt über Frankreich hinaus das Potenzial, zum Nachdenken anzuregen.

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