Die Wehrverbände prägten die Geschichte der Weimarer Republik und speziell die politische Kultur dieser Zeit. Ihre Erforschung steht dabei vor dem Problem, dass die Quellenbestände der betreffenden Organisationen aus den 1920er und frühen 1930er Jahren nur zu einem kleinen Teil erhalten sind. Zwar waren Millionen von Männern in den Wehrverbänden aktiv und beteiligten sich an den unterschiedlichen Verbandsaktivitäten wie uniformierten Aufmärschen, paramilitärischen Übungen oder Gedenkfeierlichkeiten sowie gewaltsamen Auseinandersetzungen. Aber vergleichsweise wenig ist über ihr Innenleben oder die individuelle Motivation der Aktivisten bekannt. Teilweise lassen sich die quellenbedingten Einschränkungen über den Rückgriff auf regionale Archive sowie Aktenbestände der staatlichen Sicherheitsorgane ausgleichen, welche alle Wehrverbände systematisch beobachteten.
Die vorliegende Masterarbeit von Lennart Stolina entstand an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und befasst sich mit der Entwicklung des überparteilichen Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und des kommunistischen Rotfrontkämpferbundes (RFB). Dies waren die größten Wehrverbände aus dem Spektrum der Arbeiterparteien im heutigen Schleswig-Holstein, welches sich weitgehend mit der damaligen Provinz Schleswig-Holstein überschneidet. Einbezogen werden zudem Lübeck und heute in Hamburg eingemeindete Städte wie Altona. Der Quellenkorpus ist für eine Masterarbeit ungewöhnlich umfangreich, was auch damit zusammenhängt, dass die regionalen Bestände speziell zum Reichsbanner sehr aussagekräftig sind. Vergleichsweise viele Unterlagen des regionalen Reichsbannergaues sind erhalten, die zusammen mit Polizei- und nachrichtendienstlichen Akten den Hauptteil von Stolinas Quellenkorpus bilden.
Im Kern bietet Stolina eine knappe, aber solide gearbeitete Organisationsgeschichte der Landesverbände beider Organisationen, die stark um ein gemeinsames Milieu konkurrierten. Insofern ist die auch titelgebende Frage nach dem Verhältnis von Reichsbanner und RFB in Schleswig-Holstein zielführend. Es wird dabei schnell klar, dass die Organisationen sich zwar beide vorwiegend aus Arbeitern rekrutierten, aber das Größenverhältnis sehr ungleich war. Während im Reichsbanner bereits 1924 rund 15.000 Mitglieder organisiert waren und sich die Anzahl der Ortsgruppen bis 1929 um rund ein Drittel erhöhte (S. 53 f.), konnte der RFB nur einen Bruchteil dieser Mitgliederzahlen erreichen, nämlich wenige Hundert bis Tausend (S. 59). Den Erfolg des Reichsbanners in Schleswig-Holstein, welches in den 1920er Jahren der dominierende Wehrverband in der Region war, erklärt Stolina mit der geschickten Nutzung von sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsstrukturen. Im überparteilichen Reichsbanner waren im Norden zwar auch Liberale der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) aktiv, aber Mitglieder der katholischen Zentrumspartei gab es aus demografischen Gründen hier praktisch keine. Dieser sozialdemokratische Charakter des Reichsbanners in Schleswig-Holstein begünstigte die Abwerbungsversuche von kommunistischer Seite. Der RFB versuchte laut Stolina gezielt, die Mitglieder des Reichsbanners zu gewinnen, insbesondere auch, weil die eigenen Strukturen organisationsintern als höchst mangelhaft begriffen wurden und der Verband durchgehend nur ein „kleiner Bruder“ des Reichsbanners blieb (S. 72). Der RFB im Untersuchungsbereich verfügte weder über geordnete Finanzen oder gut geschulte Funktionäre noch über öffentlichen Einfluss außerhalb der wenigen großen Industriestandorte wie etwa Hamburg (S. 60 f.). Aus Sicht des Reichsbanners galt es demgegenüber, die Organisationsstrukturen und Mitglieder von kommunistischen Einflüssen zu isolieren, was laut Stolina durchgehend gelang. Zu Kooperationen zwischen beiden Verbänden kam es, abgesehen von situativ bedingten Ausnahmen, nicht. Dies erhöhte dem Autor zufolge jedoch die prinzipielle Gewaltbereitschaft der Kommunisten, die sich vorwiegend, aber nicht ausschließlich gegen rechte Wehrverbände richtete (S. 98).
Der RFB führte im Norden ein Schattendasein. Nach dem reichsweiten Verbot der Organisation im Jahr 1929 musste sie im Norden ihre Verbandstätigkeit weitgehend einstellen. Systematische Erfolge beim Aufbau von illegalen Strukturen gab es Stolina zufolge nicht (S. 107). Zu Abwanderungen von Kommunisten zu anderen republikfeindlichen Organisationen wie der SA sei es teilweise gekommen. Die ehemaligen Aktivisten des RFB seien zu Beginn der 1930er Jahre aber in Sachen Verbandsarbeit größtenteils inaktiv geworden und hätten sich lediglich an Straßenkämpfen beteiligt (S. 112). Die auf Legalität ausgerichteten Bemühungen des Reichsbanners um eine Anerkennung als republikanische Hilfspolizei müssten aber ebenfalls als gescheitert bewertet werden.
Stolinas Studie bietet interessante Erkenntnisse zur regionalen Erforschung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und des RFB, die auf eine bemerkenswerte Quellenbasis gestützt sind. Die Ergebnisse lassen besonders in Hinblick auf zukünftige Studien den Eindruck entstehen, dass der bislang durchaus übliche, vergleichende Ansatz insofern unangebracht ist, als dass beide Organisationen zwar über oberflächliche demografische Gemeinsamkeiten verfügten. In jeder anderen Hinsicht – politische Ausrichtung, Strategie und Handlungsfelder, Organisationsgrad – sind sie aber grundverschieden zu bewerten. Der RFB kann im Untersuchungsgebiet eigentlich nicht als vollwertiger Wehrverband angesehen werden. Zu lose waren seine Strukturen außerhalb einer offensichtlichen Hochburg wie Hamburg. In Hinblick auf das Reichsbanner gäbe es durchaus noch offene Fragen, auf die das auch im Bundesarchiv in Berlin vorhandene Quellenmaterial Auskunft geben könnte. So ließe sich insbesondere die Organisationsstruktur des Reichsbanners im ländlichen Raum genauer bestimmen. Dass Stolina dieses Material im Rahmen einer Masterarbeit nicht auswerten konnte, ist selbstverständlich nicht negativ hervorzuheben, aber es eröffnet Ausblicke für zukünftige Arbeiten zu den regionalen Untergliederungen des millionenstarken Reichsbanners.
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