Historische Biografien galten in früheren Zeiten als eine der wichtigsten Formen geschichtswissenschaftlicher Betätigung – so wichtig, dass zeitweise das Diktum „Männer machen Geschichte“ (Heinrich von Treitschke) über große Ausstrahlungskraft verfügte. Seit etlichen Dekaden ist derlei jedoch, durchaus nicht zu Unrecht, sehr stark in die Kritik geraten. Immerhin kamen Fachleute, Studenten und interessierte Laien um beachtenswerte Leistungen, wie etwa die Hitler-Biografie von Joachim C. Fest (1973) – bei aller auch hierbei angebrachten Kritik – meist herum, wenn sie sich mit den entsprechenden Epochen oder Zusammenhängen beschäftigten.
Das Werk von Manfred Görtemaker zählt leider nicht zu dieser Kategorie. Angetreten mit dem Anspruch, einen frischen Blick auf den „Stellvertreter des Führers“ zu bieten, gleichzeitig auch weiterführende Erkenntnisse zu vermitteln, präsentiert der Autor wenig Herausragendes.
Den Lebensweg von Rudolf Heß beschreibt er ausführlich: Kindheit, frühe Prägungen, Kriegsverwendung, dann den Weg in den Nationalsozialismus, den Höhepunkt als Stellvertreter Adolf Hitlers mit zahllosen Kompetenzen, dabei stets loyal und auch bewusst aktiv im Sinne der rassenideologischen Politik und der Weltanschauung, schließlich beginnende Zweifel, Versuche, zu einem Ausgleich mit England zu kommen, dann der Flug nach Schottland 1941, Verhaftung, Verurteilung und Haft in Spandau bis zum Lebensende, dies auch im Spiegel der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit, inklusive der Versuche, für Heß eine Begnadigung zu erwirken.
Was auf den ersten Blick wie eine standardmäßige biografische Arbeit erscheint, droht bei genauerem Lesen recht rasch in das Banale und Belanglose abzugleiten. Keineswegs kann Görtemaker, außer bei eher nebensächlichen Aspekten, wirklich neue Erkenntnisse präsentieren, bietet teils auch überaus ausführliche Schilderungen zu allgemeinen Umständen, die lediglich die Seitenzahl ansteigen lassen. Dem Rezensenten hat es nach einiger Zeit nachgerade den Atem verschlagen, wie aus einer überbordenden Fülle an wenig bedeutenden Einzelheiten und dabei häufig keineswegs neuen Informationen zu den Rahmenbedingungen der Protagonist im wahrsten Sinne des Wortes im Text nur ‚mitläuft‘.
Unkundige Leser könnten angesichts der durchaus korrekt beschriebenen Organisationsfülle und Zuständigkeiten von Heß den Eindruck gewinnen, dass dieser wirkliche, etwa politische und militärpolitische, Macht besessen hätte. Es fehlt hier eine pointierte, auch methodische Problematisierung in Bezug auf den undurchschaubaren Organisationsdschungel des Regimes, wenn auch ohne nochmalig ausführliche Diskussion vergangener Debatten um den Begriff „Polykratie“. Anstatt auch die für eine Biografie sehr wohl zentrale Frage aussagekräftig zu erörtern, inwieweit Heß im Gesamtrahmen tatsächlich bedeutenden Anteil am Aufbau der Machtstrukturen für das von Hitler willkürlich gesteuerte System hatte und wie es vor diesem Hintergrund um Heß’ historische Bedeutung bestellt war, präsentiert Görtemaker vor allem zahlreiche belanglose Details, wie Krankheiten, Kuraufenthalte, Hotel- und Wohnbedingungen und sentimental wirkende Großzügigkeit, wie zum Beispiel wiederholt das Schenken einer goldenen Uhr. Wohl im Bemühen, eine besonders authentische Darstellung zu liefern, und möglicherweise auch im Bestreben, die Auflage zu erhöhen, ist der Autor damit recht nah an den Bereich der Boulevardpresse, der (Doku‑)Soaps und ähnliches gerückt, vielleicht auch in diesem Terrain etwas versunken. Man gewinnt beim Lesen den Eindruck, als ob Görtemaker im Cockpit der Me 110 oder im Gefängnis Spandau als imaginärer Zeuge selbst mit dabei war.
Daneben leuchtet immer wieder auf, dass Heß wieder einmal nicht an den wichtigen Entscheidungen beteiligt war. Entsprechend gestaltet sich das Fazit, wo etwas nebulös konstatiert wird, dass Heß hohe Bedeutung für „NSDAP und den Nationalsozialismus“ (S. 588) gehabt hätte. Auch in der weiteren Schlussbetrachtung folgen auf dieses Statement nur wenig erhellende Aspekte. Das Resümee, es gäbe hier noch etliche Neuerkenntnisse zu gewinnen (S. 593), überzeugt so wenig wie etwa die Annahme, dass man in der Militärgeschichte mit der Erforschung des taktischen Luftkrieges an der Ostfront ab 1941 noch Bedeutendes für den Wissensstand für die Historiografie herausfinden könne.
Insgesamt liegt hier ein Werk vor, das vielleicht auch ein wenig für die methodische Sackgasse steht, in der Teile der deutschen Geschichtswissenschaft, insbesondere der Militärgeschichte, zumindest zum Zeitalter der Weltkriege, seit etwa zwei Dekaden stecken. Mit wenigen Ausnahmen unwillig, vielleicht auch nicht in der Lage, neue Wege und Methodiken, etwa transnationale Ansätze (zum Beispiel Komparatistik oder Interdependenzanalysen) anzuwenden, sind wenig überzeugende Fragestellungen wie die „Effizienz und Effektivität“ von Kampfverbänden oder teils nicht kontextualisierte Operationsgeschichte in den Fokus gerückt, oder es wird nach weiteren Details, gewissermaßen dem ‚letzten Zettel‘, gesucht.
Daneben sind gelegentlich angestellte nationale temporale Vergleiche, insbesondere in Bezug auf die Wehrmacht als Folie für die Streitkräfte heute, keineswegs hilfreich. Mittels einer feinen, aber realen Trennung der Gesamtzusammenhänge und Konzentration auf einzelne Aspekte, wurde in – auch methodisch – zweifelhafter Weise versucht, die angeblich ‚guten‘ Eigenschaften der Wehrmacht wie Effizienz, Durchhaltevermögen und Kampfkraft unter dem möglichen Stichwort: „Mehr Wehrmacht wagen“ als beachtenswert für heute herauszulösen. Die Verstrickung der Wehrmacht in den verbrecherischen und genozidalen Weltanschauungskrieg wird – selbst wenn diese durchaus Berücksichtigung findet – damit letztlich zumindest unterschwellig relativiert.
Für das vorliegende Werk ist in diesem Zusammenhang problematisch, dass gelegentlich eine gewisse Empathie für Heß aufleuchtet, der im Gegensatz zu Hitler und anderen als gebildet und in verschiedenen Aspekten auch als integer erscheint (zum Beispiel S. 24 f.). Man könnte derlei, jenseits aller professionellen Distanz und Berücksichtigung der humanitären Aspekte, durchaus als eine Kolportage des doch irgendwie ‚anständigen und gutwilligen‘ Nazis verstehen, auch wenn Görtemaker über den eminenten Rassenhass und die ideologische Verblendung von Heß durchaus berichtet.
Wie gerade der Fall Heß zeigt, benutzt unabhängig davon die heutige rechtsextreme Szene derlei historische Viten bis heute als Aufhänger, unter anderem als Legitimation für irgendwelche Legenden in Bezug auf den angeblichen ‚Friedenswillen‘ des nationalsozialistischen Regimes. Es besteht die Gefahr, dass die Brutalität dieses Regimes, auch durch emotional-sentimentales Beklagen des Schicksals von Leuten wie Heß, in den Hintergrund gedrängt wird, selbst wenn jene, wie bei Görtemaker, durchaus deutlich benannt wird.
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