Die bilateralen Beziehungen zwischen der DDR und Spanien stellen ein Desiderat sowohl in der deutschen wie auch in der spanischen Historiografie dar. Die spanische Forschung konzentrierte sich bisher vorwiegend auf die westdeutschen diplomatischen Kontakte und setzte dabei „deutsch“ und „westdeutsch“ gleich. In deutschen Studien steht ebenfalls die westeuropäische Dimension franquistischer Politik im Mittelpunkt. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass für die zeitgenössischen Akteure die ostdeutsch-spanischen Kontakte nicht als Priorität galten. Dennoch geht Jenny Baumann mit ihrer Dissertationsschrift diesen diplomatischen Kontakten zwischen der DDR und Spanien nach und liefert eine interessante Studie nicht nur zur Funktionsweise und Flexibilität der Außenpolitik zweier europäischer Diktaturen, sondern auch zu internationalen Verflechtungen, politischen Intentionen und Versprechungen sowie Dynamiken im Kontext des Kalten Krieges und der späteren Demokratisierungsprozesse.
Den Untersuchungszeitraum markieren das Jahr der Beziehungsaufnahme zwischen der DDR und Spanien 1973 und das Ende des SED-Regimes 1990. Die Autorin gliedert die Kapitel chronologisch in drei Phasen: 1973 bis 1975, 1977 bis 1982 und 1982 bis 1990, was die Darstellung der Entwicklung der bilateralen Beziehungen mit allen Brüchen, Logiken und Widersprüchen rechtfertigt. Dabei beeindruckt bereits die Quellenarbeit, die die Autorin in spanischen und deutschen Archiven durchführte und im Rahmen derer sie viele noch nie gesichtete Quellen recherchierte. Insbesondere die zahlreichen spanischen Quellen, zu denen der Zugang in den spanischen Archiven häufig mit vielen bürokratischen und anderen Hürden verbunden ist, betonen die außenordentliche Arbeit Baumanns und die Relevanz dieser Studie. Zudem wertete die Autorin neben Archivgut auch Presseerzeugnisse aus und führte Zeitzeugenbefragungen durch.
Im Vordergrund der Untersuchung stehen Fragen nach den Gründen und Umständen der Beziehungen zwischen der DDR und Spanien, nach daraus entstehenden Konflikten sowie nach den Interessen der beiden Akteure, wie auch nach Entwicklungen, Qualität sowie Konjunkturen dieser Beziehungen.
Wie die Autorin plausibel zeigt, gab es viele Ursachen dafür, dass die offiziellen Kontakte zwischen der DDR und Franco-Spanien lange unmöglich waren. Dies lag in erster Linie an der antikommunistischen beziehungsweise antifaschistischen Selbstdarstellung beider Länder und deren Legitimation aus der radikalen Ablehnung und Bekämpfung des Faschismus beziehungsweise des Kommunismus. Vor diesem Hintergrund spielten im Fall der DDR zusätzlich der Mythos und die Erinnerungspraxis an den Spanischen Bürgerkrieg eine relevante Rolle. Baumann weist jedoch ebenfalls auf die politischen Abhängigkeiten im Kontext des Kalten Krieges im gesamteuropäischen Raum und das daraus resultierende Desinteresse an derartigen Beziehungen hin: Hemmend war demnach die Abhängigkeit der DDR von Moskau. Die Sowjetunion als Heimat vieler Exilkommunisten hatte kein Interesse an Beziehungen mit Franco-Spanien. Die Bundesrepublik erkannte wiederum die DDR nicht als souveränen Staat an und sah sich als Alleinvertreterin des gesamten deutschen Volkes. Durch die Loyalität Spaniens zur Hallstein-Doktrin kamen daher Kontakte mit der DDR nicht in Frage. Erst die Verbesserung der deutsch-deutschen Beziehungen machte dies überhaupt denkbar. Als 1973 beide Diktaturen diplomatische Beziehungen zueinander aufnahmen, war die DDR das einzige sozialistische Land in Europa, das Botschafter mit Franco-Spanien austauschte und somit den ideologischen Tabubruch wagte. Dies war jedoch ebenfalls Konjunkturen des Kalten Krieges unterworfen, denn sowohl der Westen als auch der Osten erhoffte sich davon eine Verbesserung der Beziehungen und Vorteile durch Handelsbeziehungen, etwa nach Lateinamerika oder in den Ostblock.
In der spanischen Transitionsphase zwischen 1977 und 1982 wurden die Beziehungen nach kurzer Unterbrechung wieder aufgenommen. Das Interesse an Spanien im Transitionsprozess war global gesehen groß: Die USA wollten Spanien nach dem Tod Francisco Francos schnell in die NATO aufnehmen. Die Bundesrepublik nahm mit Geld und parteipolitischer Nachhilfe Einfluss auf den spanischen Demokratisierungsprozess. Die Sowjetunion schickte einen Botschafter und die DDR reaktivierte ihre Beziehungen. Die beiden Letztgenannten versuchten zusammen durch weitreichende Propaganda sowie NATO-kritische Stimmen unter den politischen Linken und Gewerkschaften, dem Beitritt Spaniens zur NATO entgegenzuwirken. Denn die Zugehörigkeit Spaniens zum demokratischen Westen kollidierte mit dem Ziel der DDR, Einfluss auf den Demokratisierungsprozess zu nehmen und zu verhindern, dass in Spanien eine weitere bürgerliche Demokratie westeuropäischen Zuschnitts entstehen würde.
Die Kontakte, die man in der Transitionsphase knüpfte, und die Hoffnung auf gute Beziehungen blieben zunächst auch in der dritten Phase zwischen 1982 und 1990 bestehen. Die Abwendung von diesem hoffnungsvollen Kurs markierten erst die Reformen Michail Gorbatschows Mitte der 1980er Jahre in der Sowjetunion. Die spanische Politik, die die Perestroika begrüßte, kritisierte die DDR als Reformkritikerin dieser Liberalisierungstendenzen. Da die sozialistische Regierung Spaniens unter Felipe Gonzáles auch die Wiedervereinigung unterstützte, waren die ostdeutsch-spanischen Beziehungen endgültig unmöglich geworden.
Insgesamt liefert Baumann eine interessante Studie, die sowohl als Geschichte der internationalen Beziehungen beider europäischer Diktaturen wie auch in weiterem Sinne als Diplomatiegeschichte im Rahmen des Kalten Krieges in Europa gelesen werden kann. In diesem Kontext sind die Emanzipierungsversuche beider Diktaturen sowie auch die Konkurrenzmomente beider deutscher Staaten im außenpolitischen Bereich in Spanien besonders interessant. Gerade die Darstellung dieser internationalen Verflechtungen und politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen, von welchen beide Diktaturen abhängig waren, machen diese Arbeit nicht nur innovativ, sondern auch besonders lesenswert.
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