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Einzelrezension

Vergès, Françoise: Eine feministische Theorie der Gewalt, übers. v. Teresa Awa, 152 S., Passagen, Wien 2024 (frz. 2020).


Keywords: Review, Vergès, Françoise, 2024, Dekolonialer Feminismus, Schwarzer Feminismus, Gewalt, Rassismus, Sicherheit, Patriarchat, Neoliberalismus

How to Cite:

Meyer, K., (2024) “Vergès, Françoise: Eine feministische Theorie der Gewalt, übers. v. Teresa Awa, 152 S., Passagen, Wien 2024 (frz. 2020).”, Neue Politische Literatur 69(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00609-8

Rights:

© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

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Published on
2024-12-11

Das Thema der Gewalt hat in der feministischen Literatur der letzten Jahre zunehmend an Bedeutung gewonnen. Es bildet eine wichtige Perspektivenverschiebung innerhalb einer Forschung, die sich lange Zeit primär an Fragen hegemonialer Macht und der Reproduktion von Geschlechternormen abgearbeitet hat. Ein entscheidender Impuls hierfür verdankt sich dem dekolonialen, intersektionalen und Schwarzen Feminismus, der seit Jahren die Persistenz von Gewalt gegen rassialisierte Frauen und die entsprechende Ignoranz des weißen bürgerlichen Feminismus kritisiert.

Auch die feministische Theoretikerin Françoise Vergès, Professorin am Lehrstuhl „Global South(s)“ des Collège d’études mondiales in Paris, stellt in ihrem neuesten Buch die rassistische Gewalt und die Mitverantwortung des weißen Feminismus an dieser ins Zentrum ihrer Analysen. In drei Kapiteln sowie einer Einleitung und Konklusion beschreibt Vergès eine Welt, die von systemischer Gewalt und Brutalität durchdrungen ist und in der sich (neo-)koloniale Rassismen mit Kapitalismus und Patriarchat verschränken. Wie der Untertitel der französischen Ausgabe verdeutlicht, fokussiert Vergès auf Politiken des „Schutzes“ (protection), um diese systemische Gewalt aufzuzeigen und die Irrtümer eines Feminismus zu kritisieren, der zum Schutz der Rechte von (weißen bürgerlichen) Frauen an den ‚strafenden‘ Staat appelliert und dadurch „genau jene bewaffnet, die uns schlagen“ (S. 14), wie es Vergès mit der französischen Philosophin Elsa Dorlin formuliert. Staatliche Politiken der Sicherheit, die auf Repression und Unterdrückung setzen, sind demnach zentrale Schaltstellen für rassistische und sexistische Gewalt, die sich insbesondere gegen rassialisierte und ausgebeutete Frauen richtet.

Wie in der Einleitung und im ersten Kapitel deutlich wird, ist Vergès nicht an einer abstrakten Definition von Gewalt interessiert, sondern präsentiert Gewalt als ein vielschichtiges Phänomen, das von manifesten Formen der sexuellen Gewalt, Folter und Femiziden bis zu „diskreten“ (S. 14) Formen des kapitalistischen Extraktivismus und profitorientierter Ausbeutung reicht. Vergès greift dabei auf die prägnante Definition von Ruth Wilson Gilmore zurück, wonach der Rassismus staatlicher und kapitalistischer Institutionen darin liegt, „dass er nichtweiße Personen in einen frühzeitigen Tod treibt“ (ebd.).

Im Blick hat Vergès dabei vor allem die problematische Rolle bürgerlicher weißer Feminismen. Zum einen kritisiert sie (vorrangig im zweiten Kapitel) den „zivilisatorischen“ Feminismus, der Forderungen nach Frauenrechten mit einem „rassistischen storytelling“ (S. 45) verbindet, das die „Anderen“, das heißt, rassialisierte Männer, Migrant_innen und Muslim_innen zur Gefahr für (weiße) Frauen stilisiert. Zum anderen wendet sich Vergès gegen den „carceralen“ Feminismus, dessen Entstehung sie im dritten Kapitel mit Blick auf Frankreich rekonstruiert. Während linke feministische Bewegungen der 1970er Jahre eine abolitionistische Politik vertreten und Gefängnisse und die staatliche Justiz als „Helferin der kolonialen Macht“ (S. 75) ablehnen, werden laut Vergès feministische Positionen in Frankreich ab den 1980er Jahren in der Regierung, in linken Parteien und Medien inkorporiert und zu einem staatsnahen Feminismus transformiert. Es sind nach Vergès diese „Femokratinnen“ (S. 83) der Regierungsparteien, die zu den lautesten Stimmen des carceralen Feminismus werden.

Dennoch hält auch Vergès an der feministischen dekolonialen Bedeutung von Schutz und Sicherheit fest, wie ansatzweise in der Konklusion deutlich wird. Sie versteht diese als „Recht auf ein friedliches Leben“, das „weder Befriedung noch Beschwichtigung [meint], sondern eine Politik und Praxis der Solidarität, der Liebe und der Selbstverteidigung“ (S. 115). Entsprechend fordert sie für den dekolonialen Feminismus, dass er sich mit den Kämpfen all jener solidarisiert, „die nichts zu verlieren haben“ (S. 119).

Vergès’ Buch ist eine engagierte Kritik an feministischen Politiken, die über ihre eigenen rassistischen, imperialistischen und neokolonialen Verstrickungen keine Rechenschaft ablegen. Es ist zugleich ein eindringliches Plädoyer dafür, Gewalt immer systemisch und dekolonial zu denken, das heißt, die Verschränkung aller Gewaltpraktiken im Blick zu behalten. Insofern ist es ein wichtiger Beitrag zur Dekolonialisierung feministischer linker Theorie und Praxis.

Andererseits fehlt an vielen Stellen des Buches die Vertiefung und Kontextualisierung von Ereignissen, die sich – gerade was die französischen Debatten betrifft – eine nicht-informierte Leserin gewünscht hätte. Dazu passt, dass Vergès’ Darstellung wenig bis gar keinen Raum lässt für Ambivalenzen und interne Widersprüche, die sich zwischen und innerhalb von staatlichen, kapitalistischen, patriarchalen und neokolonialen Gewaltstrukturen eröffnen könnten, geschweige denn für die Dilemmata, die sich für feministische Politiken in ihrem Verhältnis zu einem demokratisch-liberalen Staat und zu transnationalen Menschenrechten in der Gegenwart stellen.

So bietet Vergès’ Buch entgegen seinem anspruchsvollen Titel keine „Theorie“ der Gewalt im systematischen Sinn. Auch verzichtet es auf vertiefte Argumentationen an die Adresse all jener, die nicht schon von der „Sackgasse des strafendenden Feminismus“ (S. 65) überzeugt sind. Dies ist vor allem mit Blick auf die aktuell stark umkämpften Gesetzgebungen zu sexueller Gewalt und reproduktiven Rechten eine vertane Chance. Gerade weil die Beispiele systemischer Gewalt, die Vergès präsentiert, so plausibel sind, wäre eine differenzierte Auseinandersetzung mit feministischen staatlichen Schutzpolitiken und ihren problematischen Effekten umso wichtiger.

Hinweis des Verlags

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