Skip to main content
Einzelrezension

Schäuble, Wolfgang: Erinnerungen. Mein Leben in der Politik, 656 S., Klett-Cotta, Stuttgart 2024.


Keywords: Review, Schäuble, Wolfgang, 2024, Autobiografie, Erinnerungen, politische Geschichte, Politikalltag, Bundesrepublik, Bundestag, Bundesregierung

How to Cite:

Engels, J., (2024) “Schäuble, Wolfgang: Erinnerungen. Mein Leben in der Politik, 656 S., Klett-Cotta, Stuttgart 2024.”, Neue Politische Literatur 69(3). doi: https://doi.org/10.1007/s42520-024-00608-9

Rights:

© The Author(s) 2024 under CC BY International 4.0

6 Views

5 Downloads

Published on
2024-04-10

Autobiografien von Politikern gelten als langweiliges Genre. Oftmals versuchen die Autoren im Stil rückblickender Presseerklärungen nachzuweisen, dass und warum er oder sie alles richtig gemacht hat. Natürlich gehört die Rechtfertigung auch zum Konzept in Wolfgang Schäubles kurz nach seinem Tod erschienenen „Erinnerungen“. Dennoch kann man diesem mit Anhängen und Register 656 Seiten umfassenden Buch einige sehr interessante Aspekte abgewinnen. Dank der Mithilfe der beiden Co-Autoren Hilmar Sack und Jens Hacke ist ein gut lesbares Buch herausgekommen, in dem sich immer wieder gelungene Miniaturen aus dem Alltag des Politikers finden.

Bemerkenswert ist zunächst die schiere Dauer von Schäubles Karriere, der knapp vier Jahrzehnte lang fast durchgängig in Spitzenämtern der Bundespolitik tätig war – nur zwischen 2000 und 2006 gehörte er nicht zur allerersten Reihe. Der chronologisch aufgebaute Lebensbericht gibt die atmosphärischen Veränderungen in der politischen Kultur der Bundesrepublik während Schäubles Karriere gut wieder. Schäuble lässt an unterschiedlichen Stellen erkennen, dass sich auch seine eigenen Koordinatensysteme, etwa zu familienpolitischen Themen oder zur Migration, im Lauf dieser Zeit verschoben haben (S. 303–307).

Das Buch zeigt den Autor fast ausschließlich im ‚Raumschiff‘ Bonn (oder später in Berlin und Brüssel). Zwar unterstreicht Schäuble regelmäßig die Bedeutung seines Wahlkreises für das politische Wirken, aber dazu wollen seine kursorischen Erwähnungen zu Südbaden nicht recht passen. Schilderungen aus Schäubles früher Zeit im Bundestag lassen die politischen Stimmungslagen der 1970er Jahre wieder aufleben, als Helmut Kohl die CDU in eine moderne Partei verwandelte. Schäubles Zusammenarbeit mit Kohl wird nicht sehr ausführlich geschildert. Als Kanzleramtschef, später Innenminister und Fraktionschef während der Ära Kohl spricht Schäuble immer wieder von einer Art Arbeitsteilung, in der sich der Kanzler kaum in die Details einarbeitete (etwa S. 150). Nimmt man diese Schilderungen ernst, dann wäre Helmut Kohl an innenpolitischen Fragen kaum interessiert gewesen und hätte sich nur selten eingemischt. Das gilt nach Schäubles Schilderung auch für die deutsch-deutsche Zusammenarbeit, die er als Kanzleramtsminister weitgehend alleinverantwortlich gemanagt habe. Diese Schilderungen könnten ein Ausgangspunkt für all jene Historikerinnen und Historiker sein, die sich mit der Organisationsgeschichte der Bundesregierung in den 1980er Jahren beschäftigen.

Überhaupt ist das Buch vor allem an jenen Stellen bemerkenswert, an denen Schäuble sich zum politischen Handwerk äußert, welche Rolle er für sein jeweiliges Amt und für sich selbst im Regierungsgefüge suchte.

Gesellschaftliche Veränderungen und Debatten greift Schäuble hingegen kaum auf. Ohne dass er das genauer belegt, konstatiert Schäuble, der Zeitgeist in der veröffentlichten Meinung sei der Union seit den 1980er Jahren feindlich gesonnen gewesen. Angesichts dieser offenbar tief verwurzelten Annahme kann er jedoch kaum beantworten, warum seine Partei dann fast durchgängig regierte. Allerdings wird über diese Annahme der Vorwurf an Angela Merkel verständlich, die sich wiederholt allzu rasch der herrschenden Meinung angedient habe. Daraus folgt für Schäuble der Vorwurf der politischen Führungsschwäche (etwa S. 545–547 zur Flüchtlingskrise oder S. 554f. zur Fortentwicklung des Solidaritätszuschlags). Das Merkel-Bild ist gleichwohl nuanciert: Schäuble lobt auch ihr feines Gespür für politische Stimmungen und die Möglichkeit kontroverser, sachbezogener Diskussionen abseits der Öffentlichkeit.

Interessant ist ein solches Buch hinsichtlich der Frage, wie sich ein Politiker (im Jahr 2023/2024) öffentlich inszeniert. Im Kern stellt Schäuble sich selbst als stets pragmatisch, illusionslos und jeder Ideologie fern, aber in einigen Grundüberzeugungen standhaft dar. Entsprechend zollt er in seiner Biografie anderen Realpolitikern Hochachtung, wie etwa Joschka Fischer (S. 126). Kollegen wie den kurzzeitigen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis hält er dagegen für weltfremde Fantasten. Solche Personen beschreibt er gelegentlich mit kaum verhohlener Verachtung (S. 525–528). Dies mag man als Reflex auf eine öffentliche Debatte lesen, die in letzter Zeit vor allem ‚Haltung‘ von allen möglichen Verantwortungsträgern fordert.

Schäuble versteht sich als rational handelnder, reflektierter und beratungsoffener Politiker. Allerdings vermag das nicht in allen Details zu überzeugen. Er schildert das System schwarzer Kassen, das bereits weit vor seinem Einstieg in Führungsverantwortung in der Bundestagsfraktion der Union existiert habe. Obwohl Schäuble als Fraktionsgeschäftsführer in den frühen 1980er Jahren für alle Auszahlungen seine Unterschrift leisten musste, und in den 1990ern als Fraktionsvorsitzender die Gesamtverantwortung hatte, will er sich um die Details nie gekümmert haben. Das sei Kohls persönliche Kriegskasse gewesen, in deren Verwendung er sich nicht einmischte (zum Beispiel S. 139). Erst nach der Übernahme des Parteivorsitzes 1999 sei ihm das ganze Ausmaß deutlich geworden. So überzeugend die Schilderungen im Einzelnen wirken, so eklatant widersprechen sie dem im Rest des Buches gepflegten Selbstbild des akribischen und bestens informierten Fachpolitikers.

In vielen Passagen ist das Buch sehr detailliert und technisch angelegt, etwa hinsichtlich der Verhandlungen in der Euro-Schuldenkrise. Hier weiß der Autor sich als sachkundiger Fachmann zu inszenieren. Offensichtlich wurden für das Buch alte Papiere und Reden zurate gezogen – davon zeugen häufige wörtliche Zitate. Es geht dem Autor somit darum, auf Grundlage breiter Dokumentation zu argumentieren.

Schäuble betont an mehreren Stellen, dass er sich in seinen politischen Ansichten immer wieder korrigieren musste. Zugleich verteidigt er alle wichtigen Entscheidungen seines politischen Lebens. Er formuliert auch so etwas wie ein heroisches Politikerbild: Als Führungskraft müsse man gelegentlich ein erhebliches Risiko auf sich nehmen, um das politisch Richtige auch durchzusetzen.

Obwohl Schäuble – wie gefühlt 90 % aller politischen Memoirenschreiber – meint, sich gelegentlich auf die üblichen Geistesgrößen (Karl Popper, Immanuel Kant, Alexis de Tocqueville et cetera) berufen zu müssen, ist das Buch von bemerkenswerter intellektueller Qualität. Daher kann es gut sein, dass es Schäubles Bild bei Politikwissenschaftlerinnen und Historikern nachhaltig beeinflussen wird.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.