Der von Thomas Maissen, Niels F. May und Rainer Maria Kiesow herausgegebene Sammelband basiert auf einer Tagung am Deutschen Historischen Institut Paris, welche das Konzept der Souveränität im deutsch-französischen Vergleich beleuchtete. Dabei werden Beiträge aus der Philosophie, Politik‑, Geschichts- und Rechtswissenschaft vereint, die einen Bogen vom 14. Jahrhundert bis zur Gegenwart schlagen.
Angesichts des breiten Anspruchs kann der angekündigte „Überblickscharakter“ (S. 10) nicht auf solche Weise verstanden werden, dass der Band einen systematischen ideengeschichtlichen Vergleich vorlegen würde. Neben einigen grundlegenden Überlegungen zur Souveränität stehen Bearbeitungen historischer, staatsrechtlicher oder politischer Fallbeispiele, wie die transnationale Organisation der Rheinschifffahrt in der Frühen Neuzeit oder die Stellung Lothringens zwischen dem Reich und Frankreich. Für eine Rezension des Bandes im Ganzen empfiehlt sich allerdings der Versuch, einen kohärenten Leseeindruck darzulegen. Dieser kann sich an die chronologische Anordnung der Beiträge halten, die ein Bild von Kontinuitäten und Brüchen in der Rezeption der Souveränität in Deutschland und Frankreich entstehen lässt.
Eine geeignete Klammer für die Konstruktion eines Gesamteindrucks liefert Thomas Mergel im letzten Beitrag des Bandes, in dem er vorschlägt, Souveränität als „Zielbegriff“ zu verstehen. Der Anfang des modernen Konzepts von Souveränität in einem von Konfessionskriegen geprägten Europa lag in der „Sehnsucht nach innergesellschaftlicher Ordnung und Sicherheit“ durch eine Monopolisierung von Rechtsetzung und Rechtsdurchsetzung (S. 498). Über Jahrhunderte blieb dieses Ziel der normative Kern des Konzepts, bis eine Welt souveräner Staaten zunehmend selbst zum Problem für Ordnung und Sicherheit wurde und schließlich die Erosion der Staatssouveränität durch die Globalisierung die Frage von Neuem aufgeworfen hat, welche Ziele mit dem Konzept der Souveränität verbunden sind. Aus deutsch-französischer Perspektive wird die letzte Frage mit der Idee einer europäischen Souveränität adressiert, die für Mergel lediglich noch formuliert: „Wir wären gerne handlungsfähiger, als wir es jetzt sind“ (S. 511). Mit dem Wunsch nach politischer Handlungsfähigkeit, der selbstbestimmten Rechtsetzung und Rechtsdurchsetzung, ist aber doch ein normativer Kern des Konzepts benannt, der sich durch den Band zieht.
Der deutsch-französische Vergleich lässt sich grob in zwei Phasen aufteilen. Zunächst geht es um die Diskrepanz zwischen den politischen Ordnungsvorstellungen Deutschlands und Frankreichs. Der von Jean Bodin entwickelte moderne Souveränitätsbegriff zielte auf eine Monopolisierung von Macht, und war damit besonders für das Reich eine Herausforderung, dessen Ordnung sich nicht mit Bodins „kategorischen Ausschluss der Zulassung einer Mischverfassung“ vertragen wollte (S. 90). Vielleicht gerade deswegen beschäftigten sich deutsche Staatstheoretiker allerdings intensiv mit dem „geradezu übermächtigen französischen Begründer des ‚modernen‘ Souveränitätskonzepts“, wie Guido Braun in einem lesenswerten Beitrag zur deutschen Bodin-Rezeption nachzeichnet (S. 93).
Dass sich die deutsche Auseinandersetzung mit der normativen Auszeichnung einer Zentralisierung der Macht bis in die Bundesrepublik fortsetzte, zeichnet der Beitrag von Christoph Möller über den „deutschen Traum von der französischen Souveränität“ nach. Trotzdem endet der grundlegende Unterschied der ersten Phase des deutsch-französischen Vergleichs im 20. Jahrhundert. Dieter Grimm rekonstruiert, wie sich in der staatsrechtlichen Debatte des Kaiserreichs letztlich eine Bodin’sche Auffassung von Souveränität, welche sich auf die Kompetenz-Kompetenz des Reiches berief, gegen die Vorstellung einer geteilten Souveränität durchsetzte. Grimms Beitrag leitet damit auf die zweite Phase des Vergleichs über, in der sich mit der Einbindung Deutschlands und Frankreichs in die Europäische Union die Frage nach der Kompetenz-Kompetenz neu stellt. Grimm beantwortet diese Frage ganz im klassischen Sinne mit der Feststellung, dass die Europäische Union „über alle wesentlichen Fragen ihrer Existenz, Zwecke und Form nicht selbst“ entscheidet, also „das Gegenteil von souverän“ ist (S. 277).
Dass mit der Idee einer europäischen Souveränität allerdings etwas anderes gemeint ist als die einfache Übertragung staatlicher Souveränität auf die EU, wird durch den Band ebenfalls deutlich. Wie eine konzeptionelle Umstellung von Souveränität aussehen könnte, skizziert der Beitrag von Céline Spector in Anlehnung an Montesquieu. Souveränität in diesem Sinne sei nicht die höchste und monopolistische Gewalt, sondern „sie ist vielmehr eine Handlungsmacht, die ihre Funktionen, die von verschiedenen organisch miteinander verbundenen Institutionen ausgeübt werden, operativ aufteilen kann“ (S. 475). Damit schließt sich auch der Bogen zur Handlungsfähigkeit als normativem Kern des Zielbegriffs Souveränität. Für Spector ist es grundsätzlich möglich, dass die EU die politische Handlungsfähigkeit erhöht, ohne zu einer letzten Machtinstanz im klassischen Sinn zu werden.
So reißt der Band zum Ende die politiktheoretische Frage an, ob der Begriff der Souveränität für transnationale Ordnungen noch ein sinnvolles Ziel darstellen kann. In den gegenwartsbezogenen Beiträgen überwiegt dabei allerdings die normative Kritik an der monistischen Konzeption von Souveränität und nicht die Frage, ob das Konzept sich gegebenenfalls umstellen ließe oder anders verstanden werden kann. Damit wird der Band der im historischen Teil aufgezeigten Komplexität des Konzepts nicht ganz gerecht. Trotzdem legen die Herausgeber einen lesenswerten Sammelband vor, der die Ideengeschichte der Souveränität diesseits und jenseits des Rheins nachvollzieht und nebenbei das ein oder andere spannend zu lesende Fallbeispiel behandelt.
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