Dass der Faschismus als rechtsradikale politische Bewegung nicht nur in Italien erfunden wurde, sondern dass das politische Diktaturregime des Duce fast überall in Europa zur Entstehung faschistischer Bewegungen führte, ist vielfach dargestellt worden. Weniger bekannt ist bisher, welche ideologischen Konsequenzen die faschistische Diffusion rückwirkend auf das Regime in Italien hatte. Das gilt in besonderem Maße für die Wirkung auf Italien, welche die Machtübernahme des Nationalsozialismus in Deutschland 1933 hatte. Dem macht die in Padua lehrende Historikerin Monica Fioravanzo, der wir schon ein wichtiges Buch über das Verhältnis von Adolf Hitler und Benito Mussolini in ihrer Endzeit zwischen 1943 und 1945 verdanken, jetzt mit ihrem Buch „L’Europa“ ein Ende. Fioravanzo stellt dar, wie der italienische Faschismus nach anfänglicher Ablehnung durch Mussolini universalistische Perspektiven entwickelte und wie sich diese in der politischen ‚Achse‘ mit dem NS-Regime seit 1936 immer weniger halten ließen und an die Stelle eines von Italien dominierten faschistischen Europas ein nationalsozialistisches trat, dem sich das faschistische Ursprungsland unterwerfen musste.
Fioravanzo holt zunächst weit aus und zeigt, wie Richard Coudenhove-Kalergi mit seiner Idee eines „Paneuropa“ 1923 vergeblich versucht hatte, Mussolini für sich zu gewinnen. Der faschistische Diktator lehnte eine Universalisierung seines Systems solange ab, bis er durch den politischen Durchbruch Hitlers bei den Septemberwahlen von 1930 aufgeschreckt wurde. Hatte er die universalfaschistischen Gruppierungen von Asvero Gravelli und Eugenio Coselschi in Italien bisher nicht unterstützt, wurden sie seitdem von ihm gezielt gefördert. Dem paneuropäischen Kongress von Coudenhove-Kalergi von 1932 setzte er mit dem Convegno Volta 1932 in Rom einen Kongress entgegen, auf dem die Romanità Imperiale als Vorbild beschworen wurde (S. 44).
Wie Fioravanzo ausführlich darstellt, wurde seitdem die Idee einer „Faschisierung Europas“ unter der Führung Italiens in den politischen Zeitschriften des Faschismus breit diskutiert. Diese Debatte war, wie die Verfasserin zeigen kann, durchaus kontrovers. Gravelli trat für eine Annäherung an das nationalsozialistische Deutschland ein, und zwar „auf der Basis einer gemeinsamen Mission und den Analogien zwischen den beiden Doktrinen“ (S. 79). Der Philosoph Francesco Orestano und andere Skeptiker warnten dagegen vor einer Annäherung an Hitler, weil dies nicht nur zu einer politischen Unterwerfung unter Hitler, sondern zu einem Ende Europas führen könnte.
Besonders originell an der Darstellung Fioravanzos ist, dass sie den militärischen Überfall Mussolinis auf Äthiopien von 1935 in Zusammenhang mit den faschistischen Europavisionen bringt. Der nur mühsame, nicht „triumphale“ Sieg, wie die Verfasserin formuliert (S. 95), wurde von Mussolini zur Proklamation eines „Italoafrica“ (S. 110) ausgenutzt, mit dem er sich Hitler imperial überlegen fühlte. Das habe ihn dazu verführt, mit NS-Deutschland 1936 eine politische ‚Achse‘ auszurufen, in der er politisch dominant zu sein glaubte. Mussolini habe fälschlicherweise angenommen, durch die „koloniale Wende“ (S. 94) gegenüber Deutschland zu einer überlegenen Machtposition gekommen zu sein, die ihm die Führungsrolle in einem faschistischen Europa zusicherte. Das ist bisher so im Zusammenhang noch nicht gesehen worden und macht das Buch von Fioravanzo daher besonders lesenswert.
Die Verfasserin glaubt, dass man in diese Interpretation auch die Staatsbesuche von Mussolini in Deutschland 1937 einerseits und von Hitler in Italien 1938 andererseits einordnen kann, weil bei diesen nicht nur die Einigkeit der beiden faschistischen Diktatoren, sondern ausdrücklich sogar die Einheit der beiden Völker beschworen wurde. Es waren dies aber eher letzte Versuche des Duce, wenn nicht mehr die politische Führung gegenüber Hitler, so doch die Parität zu ihm wenigstens noch propagandistisch zu bewahren. Seine Unfähigkeit, 1940 sofort in den Krieg gegen Frankreich einzugreifen, zeigte jedoch, dass er die militärische und wirtschaftliche Stärke des faschistischen Italiens überschätzt hatte. Es kann nicht überraschen, dass sich faschistische Intellektuelle, wie der genannte Orestano, deshalb von der ‚Achse‘ lossagten und ein faschistisches „Europa der Nationen“ (S. 164) verkündeten, in dem Italien eine eigene Rolle spielen sollte. Die NS-Führung hielt demgegenüber auch noch im Zweiten Weltkrieg an der ‚Achse‘ fest. Da sie diese in der Propaganda in erster Linie rassistisch begründete, ging auch sie im Grunde jedoch nur noch einen eigenen Weg. Man kann deshalb von einem Auseinanderdriften der Achsenmächte sprechen. Das erkannt zu haben, ist das Verdienst des wichtigen Buches von Fioravanzo.
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