Kulturgeschichte spielt seit Langem auch in der Erforschung des deutschen Kaiserreichs eine große Rolle – nicht selten freilich nur als Modeerscheinung. Der hier zu besprechende Sammelband verbindet kulturhistorische mit politikgeschichtlichen Zugriffen. Wie so oft ähnelt die ‚neue‘ Kulturgeschichte allerdings sehr der alten, denn die Perspektive ‚von oben‘, aus der Sicht der politischen Elite, dominiert. Dabei ist die zentrale Fragestellung des Bandes durchaus interessant: Wie die Herausgeber Wolfram Pyta und Ulrich Lappenküper in der Einleitung hervorheben, geht es im Kern darum, ob politische Entscheidungen im Kaiserreich als „Willensakt eines Machthabers“, also durch ‚große Männer‘, oder „als Ergebnis eines komplexen Abstimmungsverfahrens einer Vielzahl entscheidungsbefugter Akteure“ zustande kommen (S. 11).
Methodisch verweisen Pyta und Lappenküper auf Ansätze der Entscheidungssoziologie, vor allem auf die von Uwe Schimank. Tatsächlich umgesetzt werden diese aber eigentlich außer von den Herausgebern selbst nur durch Birgit Aschmann. Sie interpretiert die „Julikrise“ von 1870, die zur Initialzündung des deutsch-französischen Kriegs und damit der Reichsgründung wurde, als ein Aufeinandertreffen von Emotionen. Ulrich Lappenküper skizziert das Entscheidungsgefüge im Fall der deutschen Kolonialpolitik der 1880er Jahre. Otto von Bismarck erscheint dabei letzten Endes als der entscheidende Akteur – wie auch bei Friedrich Kießling und Cornelius Torp, die Diplomaten und Wirtschaftsverbände thematisieren. Pyta betont dagegen in seinem empirisch auf die 1870er Jahre konzentrierten Beitrag zum „kompromissorientierten Konstitutionalismus“ des „Bismarckreichs“ die Interaktion zwischen Kanzler und Reichstag, der die Definitionsmacht des Kaisers zusätzlich Grenzen setzte.
Jan Markert stellt währenddessen Wilhelm I. als die zentrale politische Potenz heraus. Das geschieht auf breiter empirischer Grundlage. Die Herausgeber zeigen sich jedoch in ihrer Einleitung Markerts These gegenüber skeptisch – schließlich widerspricht sie vor allem Pytas schon an anderer Stelle mehrfach verbreiteten Interpretation, die Verfassung des Kaiserreichs sei ein gelebter Kompromiss gewesen. Frank Lorenz Müller deutet in einem sorgfältig komponierten Beitrag zum „99-Tage-Kaiser“ Friedrich III. wie Markert Zweifel an dieser Interpretation an, die das Reich vielleicht etwas allzu rosig zeichnet. Auch für Müller war dessen Verfassung allerdings ebenso robust wie außerordentlich komplex. Das belege das Scheitern von Friedrich, in seiner kurzen Regierungszeit weitreichende Änderungen durchzusetzen.
Überhaupt unterstreichen die meisten Beiträge des Sammelbands, so sehr sie sich sonst auch unterscheiden mögen, vor allem ein dynamisches Bild des Kaiserreichs. So zeichnet Oliver F. R. Haardt den Bedeutungsverlust des Bundesrats und den parallelen Aufstieg des Reichstags zwischen 1871 und 1914 nach. Torp sekundiert ihm mit dem Hinweis darauf, dass Bernhard von Bülow trotz seines großen Einflusses auf den Kaiser gegenüber dem Parlament mehr als Getriebener wirkte, während Bismarck noch wie ein die Fäden in der Hand haltender Makler erschien. Holger Afflerbach betont den Einfluss der Militärs als „Staat im Staate“, freilich auch ihre interne Uneinigkeit, die nicht selten lähmend wirkte. Stefan Gerber erinnert an die dynamisch wechselnden Koalitionen im Reichstag und sogar, am Beispiel des Zentrums, innerhalb der dort vertretenen einzelnen Parteien. Indem er gleichzeitig die alte Sicht von Ludwig Windthorst als Integrationsfigur wiederbelebt, schreibt er jedoch auch die historiografische Tradition fort, nach der es vor allem die ‚großen Männer‘ sind, die Geschichte machen.
Die von den Herausgebern formulierte zentrale Fragestellung erfährt so in dem Band scharf divergierende Antworten. Während besonders Jan Markert, Ulrich Lappenküper und Stefan Gerber die Rolle von Einzelpersönlichkeiten hervorheben, zeigen Wolfram Pyta und Frank Lorenz Müller sich in dieser Hinsicht deutlich skeptischer. Eindeutig ist eigentlich nur die dynamische Weiterentwicklung des Kaiserreichs. Einmal mehr wird damit deutlich, wie forschungsfern die neueren geschichtspolitisch motivierten Versuche sind, die Reichsgründung entweder als Begründung einer demokratisch-parlamentarischen Tradition zu deuten und damit in gradlinige Kontinuitäten zur Bundesrepublik zu stellen, oder aber den ersten deutschen Nationalstaat als immobiles, statisch konservatives Monstrum zu verzeichnen, das bereits den Nationalsozialismus vorwegnahm.
Funding
Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL.
Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.