Nachdem der emeritierte Zürcher Arbeits- und Organisationssoziologe Emil Walter-Busch vor allem in seinen Monografien zur Frankfurter Schule (2010) und zu Jacob Burckhardt und Friedrich Nietzsche im Revolutionszeitalter (2012) seine wissens- beziehungsweise wissenschaftsgeschichtliche Kompetenz unter Beweis gestellt hat, legt er nunmehr mit dem vorliegenden Wälzer eine thematisch wesentlich breitere und anspruchsvollere Studie vor. Worum es geht, ist die Entwicklung und das wechselseitige Verhältnis von Common Sense im Sinne eines undisziplinierten, in Sprichwörtern, Allgemeinplätzen und Ähnlichem geronnenen, „unabschließbar interpretationsbedürftigen“, „nichtratioiden“, aber doch zumindest potenziell kritisch reflexions- und erkenntnisträchtigen, deshalb auf eigene Weise kreativen „gemeinen Menschenverstandes“ einschließlich des Kunstsinns, und disziplinierter, „ratioider“, auf Erkenntnisfortschritt getrimmter Wissenschaft (S. 49–55).
Nach Grundlegung dieses Ansatzes in Form einschlägiger Anfragen und einer ersten Zwischenbilanz folgen ausgewählte Betrachtungen knapp zum ausgehenden Mittelalter (Boethius und Dante im Hinblick auf Gott und fortuna), dann ausführlicher zur frühneuzeitlichen Phase dieser Problematik: zu Francesco Petrarcas Zeitkritik und methodischen Selbstpositionierung; zu Niccolò Machiavellis aus fortuna, corruzione und virtù zusammengesetztem Schlüsselkonzept; zu Francis Bacons Wissenschaftserneuerung; zu Isaac Newton; zur Wissensenzyklopädie von Ramon Llull über die aufgeklärten Allgemeinenzyklopädien und den (gescheiterten, wissenschaftsgeschichtlich eher vergessenen, die Disziplinierung der Wissenschaft begleitenden und beschleunigenden) Methodenenzyklopädien bis zu den physikotheologischen, dann evolutionstheoretischen Naturgeschichten des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts. Die anschließende zweite Zwischenbilanz postuliert unter dem Titel „Modernisierungssymptome“ (S. 233–247) durch Globalisierung, Beschleunigung, Informations- und Kommunikationsverdichtung, Frühindustrialisierung, soziale Differenzierung und entsprechende Methodisierung bedingte Aufbrüche und Verstärkungen von Spannungen zwischen (jetzt deutlicher moralisch aufgefasstem) Common Sense und Wissenschaft, aber noch kaum offenes Auseinandertreten und fundamentalen Gegensatz. In leicht veränderter Blickrichtung geht es dann im Umfang merklich gesteigert weiter zur Entstehung (Institutionalisierung), Entwicklung und wechselnden Selbst- und Fremdpositionierung der zusammenfassend als Humanwissenschaften bezeichneten Sozialwissenschaften (Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Psychologie) und Geisteswissenschaften (Jurisprudenz, Geschichtswissenschaft, Philologie, Philosophie). Davon abgesetzt folgen auf 15 unpaginierten Seiten den Darstellungstext illustrierende Grafiken und Bilder. Der Schluss formuliert und diskutiert entsprechende Fragen, Befunde und Einschätzungen: ob die Fragmentierung und Unübersichtlichkeit der Humanwissenschaften und deren Wissen noch aufgehoben werden kann und worin ihre Einheit noch besteht; dass wissenschaftliche Fortschritte in den Humanwissenschaften oft lediglich „rhetorisch erzeugte Effekte“ (S. 715) sind; ob und wie das Nichtratioide in diesen Wissenschaften noch Beachtung findet, finden soll und finden kann; welche Hindernisse und Chancen dafür der heutige Wissenschaftsbetrieb bietet. Die Rettung der jenseits oder vor aller soziopolitisch-kulturellen Funktionszwänge unverzichtbaren „nichtratioiden Seite der Phänomene“ und deren Erfassung beruhe wesentlich darin, „Kontakte zur fiktionalen Literatur und zu den anderen Künsten, deren Klassikern und, nicht zu vergessen, zu ideen- oder kulturgeschichtlich bemerkenswerten Pionieren und Protagonisten der eigenen Disziplin, nie abbrechen [zu] lassen“ (S. 732).
Dem beiläufigen mündlichen Spott eines Fachkollegen des Autors, der den Wälzer offenbar schon (an-)gelesen hatte – ‚Altersklageschrift eines zum Gelehrten alten Typs mutierten Fachwissenschaftlers‘ – kann sich der Rezensent nicht anschließen. Der zugegebenermaßen ungefüge, von Wiederholungen und nicht durchweg nachvollziehbaren Exkursen bis Abschweifungen nicht freie, in manchen Detailargumentationen im besten Sinne fragwürdige Band greift nicht nur ein ebenso unbestreitbares wie massives Problem auf. Zugespitzt: Wie lange wird und soll der Steuerzahler noch bereit sein, sich von seinem Alltag fortschreitend weiter entfernende, für ihn unverständliche, dazu elitär-arrogant aufgeladene Fachdebatten ohne wirksames eigenes Mitspracherecht zu finanzieren? Walter-Busch markiert vielmehr auch eine nachvollziehbare Problementwicklungslinie und bietet gerade für das 19. und 20. Jahrhundert wissenschafts- und disziplinengeschichtliche Rekonstruktionen, die sich anderorts so nicht finden lassen und manchmal durchaus als innovativ einzuschätzen sind. Dass ein Historiker wie der Unterzeichnende die Geschichtswissenschaft gerne ein wenig prominenter positioniert und stärker vor allem von den Philologien abgesetzt gesehen hätte, eine systematischere Differenzierung der Relevanz des Common Sense für die einzelnen Disziplinen zumindest interessant gewesen wäre und die Auswahl der Referenzen oder Belege für den Common Sense teilweise doch sehr subjektiv erscheint, sei wenigstens erwähnt und wird hoffentlich zu weiterer Debatte führen.
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